Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben

Archäologie der Erfahrung

Von Helmut Höge
Die gute alte »Kon-Tiki«, mit der Thor Heyerdal beweisen wollte,
Die gute alte »Kon-Tiki«, mit der Thor Heyerdal beweisen wollte, dass Polynesien auch von Südamerika aus besiedelt worden sein kann

Nikita Chruschtschow sorgte angeblich dafür, dass die Bücher des norwegischen Biologen und Geographen Thor Heyer­dahl in der Sowjetunion veröffentlicht wurden. Es handelte sich dabei vor allem um die Berichte seiner vier Reisen: mit einem Floß aus Balsaholz, »Kon-Tiki« genannt, auf dem Humboldtstrom von Peru nach Polynesien; mit Papyrusbooten, »RA I« und »RA II«, von Marokko bis nach Barbados; und mit einem Schilfboot, »Tigris«, vom Irak nach Somalia. Mit diesen abenteuerlichen Fahrten, an denen sich nicht wenige seiner Freunde beteiligten, wollte Thor Heyerdahl etwas beweisen: dass nicht die Europäer die ersten Entdecker neuer Länder jenseits der Meere waren und dass auch die scheinbar primitiven Boote der Inkas, der Küstenindianer Nordwestamerikas, der Südseeinsulaner etc. höchst seetüchtig waren. Als Norweger war ihm bereits die Geschichte der Wikinger (kein Volk, sondern Gruppen junger skandinavischer Krieger) nahe, die mit ihren Ruderbooten Grönland und die Küste Kanadas erreicht hatten und dem fränkischen Reich den Handel bis nach Bagdad ermöglichten.

Die Spanier, Portugiesen und Engländer hatten die indianischen Kulturen zerstört und die Völker großenteils ausgerottet, die westlichen Wissenschaftler erledigten dann den Rest, indem sie sozialdarwinistisch davon ausgingen: Diese »Primitiven« waren eben nicht »fit« genug, die westliche Zivilisation war ihnen haushoch überlegen. Diese halbnackten Menschenfresser und müßiggängerischen Heiden mussten einfach untergehen. Dagegen sammelte der norwegische »Sozialdemokrat«, wie Fidel Castro ihn nannte, der mit Heyerdahl befreundet war, ein Leben lang Beweise. Ihm hatten es sozusagen die Verlierer der Geschichte angetan, deren spärliche Hinterlassenschaften er suchte und verglich. Neben den gefährlichen Bootsfahrten unternahm er dazu Ausgrabungsexpeditionen: auf einer der Galapagosinseln, auf der Osterinsel, den Malediven, in Peru und auf Teneriffa, wo er zuletzt auch wohnte.

Nach seinem Studium in Oslo war er zunächst mit seiner ersten Frau Liv 1937 für ein Jahr auf eine der Marquesas-Inseln gefahren, wo sie ohne Streichhölzer und sonstige Errungenschaften des Industriekapitalismus lebten. Kurz danach schloss er sich den norwegischen Streitkräften im Ausland an, wurde zum Funker ausgebildet und kämpfte zusammen mit der Roten Armee an der norwegisch-russischen Grenze gegen die Deutschen. 1947 unternahm er sein erstes Bootsabenteuer: Zwar führte der Erfolg dieser Floßexpedition in Oslo (nicht weit vom »Wikinger-Schiffsmuseum«) zur Gründung eines »Kon-Tiki-Museums«, das ihm dann auch einige Ausgrabungen finanzierte, aber für die lebenslänglich festangestellten Wissenschaftler in Kapitalismus und Sozialismus war er zunächst bloß ein leichtsinniger Spinner, höchstens ein guter norwegischer Seemann. Dass seine Bücher Bestseller wurden und sein Dokumentarfilm »Kon-­Tiki« zwei Oscars bekam, sprach auch eher gegen ihn. Seine Theorie, dass die Besiedlung Polynesiens nicht von Asien, sondern von Südamerika aus erfolgte, habe er mit dem Floß nicht beweisen können. Unermüdlich stellte er sich daraufhin der Kritik auf den Weltkongressen der Archäologen und der Amerikanisten. Wenn man seiner Autobiographie »Auf Adams Spuren« (1998) glauben darf, überzeugte er dabei mit der Zeit auch seine geharnischten Kritiker. Im besonders konservativ-­wissenschaftsgläubigen deutschen Wikipedia-Lexikon heißt es jedoch noch heute: »Anthropologen werten die Fahrt der Kon-Tiki nicht als Beweis für die Theorie. Die Möglichkeit der Durchführung bedeutet nicht, dass ein Ereignis auch tatsächlich stattgefunden hat.«

Zugegeben, sein 1997 auf Deutsch erschienenes Buch »Lasst sie endlich sprechen. Die amerikanischen Ureinwohner erzählen ihre Geschichte« erinnert mich ein bisschen an die endlosen »Jesus«-Geschichten des Spiegels, mit denen Rudolf Augstein immer wieder dessen Realexistenz beweisen wollte (zuletzt fanden Ami-Archäologen eine heiße Jesus-Spur im Jemen). Für uns, die wir mit französischer Philosophie und Ethnologie »groß« geworden sind – und an so gut wie gar nichts Reales glauben, ist dieses halbchristliche Multitalent mit seinen ganzen Weltumrundungen etwas langweilige Lektüre. Aber er ist ein Guter, grundsympathisch. Man sollte seine gesammelten Werke neu herausgeben und die weißen Wissenschaftler auffordern, diesmal die Schnauze zu halten: »Lasst sie endlich sprechen« – die anderen Wissenschaftler, in Afrika, Polynesien, Lateinamerika etc. Aber vielleicht ist das alles auch Schnee von gestern, denn uns geht es inzwischen gar nicht mehr um die Wahrheit der Geschichte, sondern um eine Geschichte der Wahrheit.

Regio:

Mehr aus: Feuilleton