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Nach dem Schoppe ist vor dem Schoppe

Von Rafik Will
Charme für den Darm: Äppelwoi serviert man im charakteristischen
Charme für den Darm: Äppelwoi serviert man im charakteristischen Bembel-Krug

Rassistische Übergriffe nehmen zu. Aber woher kommen die Denkstrukturen, die diesen Hass ermöglichen? Sie werden tradiert und an folgende Generationen weitergegeben. Teilweise sogar von Pädagogen. Ende Januar war die sächsische Landtagsabgeordnete Petra Zais (Bündnis 90/Die Grünen) bei Radio Corax im Interview. Sie berichtete von einem Fall, in dem ein Lehrer an einer Oberschule im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge von seiner Klasse Arbeitsmaterial zum Thema »Rassenkunde« bearbeiten ließ. Den Audiobeitrag  »Rassismus in Schulbüchern – in Sachsen Realität« vom 23.1. kann man auf freie-radios.net nachhören.

Das Problem reicht tief in den Wissenschaftsbetrieb hinein. Das komplexe Thema beleuchten Lydia Heller und Azade Pesmen in ihrem aus den zwei Teilen »Über die rassistischen Wurzeln von Wissenschaft« und »Weiße Flecken auf der wissenschaftlichen Landkarte« bestehenden Feature. Es lief an den beiden Weihnachtsfeiertagen des vergangenen Jahres in der DLF-Reihe »Wissenschaft im Brennpunkt« und ist online nachzuhören. Hierin wird auch das rassistische Konstrukt der »Rasse« selbst noch einmal auseinandergenommen. In diesem Zusammenhang sei auch auf den Mitschnitt einer Veranstaltung der AG Kritische Wissenschaftsgeschichte an der Uni Hamburg vom 18. Januar 2019 hingewiesen: »Szenische Lesung zu Genese und Kontinuität des Rassenkonzepts in der Wissenschaft« (Di., 10 Uhr, FSK).

Morgen, am Welttag des Radios (den es seit 2012 gibt), läuft noch mal Wolf Vostells Hörspiel »Hundertmal hören und spielen« (WDR 1969; Mi., 19 Uhr, WDR 3). Hierin gibt es eine Reihe von Anweisungen an die Hörer. Ob man darin ein Interaktionskonzept entdeckt oder einseitige Befehle, bleibt wohl Ansichtssache. Auch Martin Mosebachs  »ARD-Radiotatort 131: Plastik im Apfelgarten« (HR 2019; Ursendung Mi., 21 Uhr, HR2 Kultur) wird am Weltradiotag urgesendet. Im Mittelpunkt des Krimis steht die Frage, ob man sich mit hessischem Äppelwoi drei Promille antrinken kann – oder ob vorher der Magen-Darm-Trakt streikt. Wir sagen: Schoppe!

Und noch ein Krimi. Den Fragment gebliebenen Entwurf von Walter Benjamin und Bertolt Brecht zu einem verwickelten Plot um Versicherungsbetrug, den die beiden auf ihrer Flucht vor den Nazis in Dänemark zusammen entwickelten, bringen Andreas Ammer, Andreas Gerth und Martin Gretschmann ins Radio: »Tatsachenreihe« (WDR 2019; Ursendung Do., 19 Uhr, WDR 3).

Dass der Kampf gegen patriarchale Strukturen eine weltweite Aufgabe ist, zeigt Lena Töpler mit »Bollywood räumt auf – Wie Indiens #MeToo den Wandel der Gesellschaft vorantreibt« (DLF 2019; Ursendung Fr., 20.10 Uhr, DLF). Beate Hinrichs Feature  »Gegen Gewalt« (WDR 2017; Teil 1/3 So., 8 Uhr, WDR 5) beschäftigt sich u. a. mit der Prävention sexualisierter Gewalt.

Der österreichische Obergrantler Thomas Bernhard sagte dem Schauspieler William Mang, der eine seiner frühen Erzählungen einlesen wollte, einmal: »Junger Mann, die Leute sollen lieber das Buch kaufen, was wollen Sie sich da antun! Schaun S’, die sollen erst einmal meine Bücher lesen, fahren S’ lieber mit der Straßenbahn, das ist doch herrlich, nicht wahr.« Später las er  »Die Mütze« (Sa., 8.30 Uhr, NDR Kultur) doch selbst ein. Zum 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts in Österreich widmet Susanne Ayoub zwei Frauenrechtlerinnen eine Hommage: »Brot und Rosen – Adelheid Popp und Rosa Mayreder« (ORF 2018; Ursendung Sa., 9 Uhr, ORF Ö1).

Zum Abschluss der Woche gibt es Neues vom preisgekrönten Hörspielautor Tomer Gardi. Sein Hörspiel »Wie die Blinden träumen« (SWR 2019; Ursendung So., 18.20 Uhr, SWR 2) handelt davon, wie blind Geborene Gefühle und Assoziationen träumen.

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