»Nuklearer Spuk« unbefristet

Internationaler Protest in Lingen: Atomkraftgegner demonstrieren gegen Weiterbetrieb der Uranfabriken

Von Reimar Paul

Luftbild des Kernkraftwerks Emsland, aufgenommen im März 2011

Bei der offiziellen Auftaktveranstaltung zur Endlagersuche am Dienstag blieb er wegen seiner kritischen Haltung außen vor – am Samstag im niedersächsischen Lingen ist Hubertus Zdebel gerade deshalb willkommen. Der Bundestagsabgeordnete und Energiexperte der Fraktion Die Linke beteiligt sich in der niedersächsischen Stadt an einer internationalen Anti-Atom-Demonstration, er zählt auch zu den Mitunterzeichnern des Aufrufs.

In Lingen befindet sich eine Brennelementefabrik des französischen Atomkonzerns Areva. Nahe der Stadtgrenze produziert das AKW Emsland Strom und Atommüll, auch die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau ist nicht weit entfernt. Während das Atomkraftwerk noch bis 2022 am Netz bleiben soll, verfügen die beiden Fabriken über unbefristete Betriebsgenehmigungen.

»Deutsche Uranfabriken sorgen dafür, dass weltweit riskante Atomkraftwerke mit Brennstoff versorgt werden«, sagt Zdebel. Dazu zählten auch die grenznahen maroden Atommeiler in Belgien und Frankreich. Deutschland dürfe nicht länger Lieferant der Atomkatastrophe sein, die radioaktiven Wolken aus Tihange oder Cattenom machten nicht an den Grenzen halt. »Es ist daher höchste Zeit, dass die Uranfabriken in Gronau und Lingen endlich in den Atomausstieg einbezogen und stillgelegt werden«, so der Linke-Politiker.

Die Brennelementefabrik sei »ein Drehkreuz der internationalen Atom­industrie«, kritisieren auch zahlreiche Bürgerinitiativen und Umweltverbände. Radioaktives, giftiges Uran werde aus Afrika und Russland importiert, frische Brennstäbe würden in alte, marode Atomkraftwerke exportiert. »Die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger sowie ihre Sicherheit hat Vorrang vor der Freiheit des Warenverkehrs in den Ländern der europäischen Union«, sagt etwa Angelika Claussen von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW.

Peter Bastian vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen fordert Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) auf, die Exportgenehmigung für Brennelemente aus Lingen zurücknehmen. Sonst mache sie sich im Fall eines schweren Unfalls in den »gefährlichen Pannenreaktoren« mitschuldig. Inzwischen verlangen übrigens selbst die nordrhein-westfälische CDU und der aus Aachen stammende Ministerpräsident Armin Laschet ein Exportverbot für die Lingener Brennelemente nach Belgien. Nach einem von IPPNW in Auftrag gegebenen Gutachten könnte Hendricks einen Exportstop für Brennelemente in die als unsicher geltenden Atomkraftwerken in den Nachbarländern rechtssicher verfügen.

Für Udo Buchholz vom Vorstand des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) ist die Situation in Lingen nicht länger hinnehmbar: »Die Bevölkerung kann und muss Druck machen, sonst geht der nukleare Spuk ewig so weiter«, sagt er. Und Christina Burchert vom Arbeitskreis Umwelt (AKU) Schüttorf merkt an, dass wegen der Brennelementefabrik zahlreiche Urantransporte in der Gegend unterwegs seien.

Die Demonstration beginnt am Samstag um 13 Uhr am Bahnhof, von dort wollen die Atomkraftgegner durch die Stadt zum Marktplatz ziehen. Bei der Kundgebung werde auch Gäste aus Belgien, Russland, Tansania und dem Niger sprechen – in diesen afrikanischen Ländern gibt es große Uranvorkommen.