Marx 200

Marx 200

Am 5. Mai 1818 wurde Karl Marx geboren – gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Engels sollte er Weltgeschichte schreiben. Marx lebte in der Zeit des entstehenden Kapitalismus. Die Analyse der Entfesselung der Produktivkräfte bildet sein wissenschaftliches Hauptwerk. Die Überwindung dieser zutiefst unvernünftigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung war das Hauptinteresse des Politikers und Revolutionärs.

Literatur
  • · Literatur

    Noch immer ein Sprengsatz

    Die Philosophiezeitschrift Widerspruch würdigt Karl Marx

    Reinhard Jellen
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    Das Gegenteil von Reduktionismus, immer wieder

    Naheliegenderweise widmet die Münchner Philosophiezeitschrift Widerspruch Geburtstagskind Karl Marx ihre neueste Ausgabe. Die Aktualität seines Denkens verhandeln darin in zwanzig Stellungnahmen renommierte Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler aus dem In- und Ausland. Es ist auffällig, dass alle Autoren mit der Marxschen Denkweise etwas anzufangen wissen. Das war freilich nicht immer so. Gegen sie wurde lange eine Reihe Standardargumente ins Feld geführt: Der Ökonomismus sei reduktionistisch, der Fortschrittsoptimismus veraltet, die Kapitalismusanalyse antiquiert etc. pp. Keiner dieser traditionellen Einwände findet sich in den Beiträgen. Die meisten Autoren heben vielmehr hervor, dass Marx’ Verfahren paradigmatisch für eine Wissenschaft sei, die den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang vor Augen habe – also das Gegenteil von Reduktionismus.

    Dieser grenzüberschreitende Charakter des Marxschen Schaffens betreffe sowohl die empirischen Einzelwissenschaften wie die begrifflich-systematische Philosophie. So hebt etwa Martin Schraven hervor, wie Marx ständig darum rang, das Verhältnis von dialektischem Denken, verständiger Erkenntnis und sinnlicher Wahrnehmung in der Wissenschaft zu bestimmen. Offenbar wird seine Theoriebildung als Kontrast zu den immer weiter auseinanderdriftenden Spezialwissenschaften und zu einem »Fachidiotentum« wahrgenommen, das sich gerade in den Gesellschaftswissenschaften ausbreitet. Allerdings steht eine Reihe von Autoren wie Daniel Loick, Tilman Reitz oder Hans-Martin Schönherr-Mann der Marxschen Dialektik skeptisch gegenüber, die sie durch andere Verfahren wie etwa die geneologische Methode Foucaults oder die Systemtheorie Luhmanns ersetzen oder zumindest ergänzen wollen.

    Fast in allen Beiträgen wird hervorgehoben, dass das Marxsche Werk nicht abgeschlossen, sondern ein »Work in progress« gewesen sei. Martin Bondeli fasst dies passend ins Bild einer »Baustelle«, an der heute weiterzuarbeiten, dabei aber auch manches abzutragen und zu ersetzen, manches zu restaurieren und an einigen Stellen auch anzubauen wäre. Weniger die Marxsche Theorie als vermeintlich in sich geschlossenes System, sondern sein unabgeschlossenes, sich ständig erweiterndes und Neues verarbeitendes Denken wird heute als vorbildlich angesehen. Über das Methodische hinaus wird Marx – freilich mit unterschiedlicher Gewichtung – auch als »Philosoph der Praxis« verstanden, für den die Theoriebildung zugleich integrales Moment der Veränderung der bestehenden Verhältnisse war. Michael Hirsch nennt beispielsweise den Kampf für die Reduktion der notwendigen Arbeitszeit, Martin Schraven die Forderung nach Überwindung des Privateigentums an Produktionsmitteln und Werner Seppmann die Aufklärung verdinglichter Bewusstseinsformen.

    Überraschende Einigkeit herrscht unter den Autoren auch hinsichtlich der »analytischen Kraft« des »Kapitals«, welche nicht nur die Produktivität, sondern vor allem die Destruktivität der kapitalistischen Produktionsweise begreiflich macht. War es lange Zeit üblich, seine »Kritik der politischen Ökonomie« mit dem Argument zu historisieren, Marx habe »nur« den Konkurrenzkapitalismus des 19. Jahrhunderts vor Augen gehabt, nicht aber die »soziale Marktwirtschaft« oder den »Monopolkapitalismus« des 20. Jahrhunderts, so sind diese Stimmen angesichts des globalen »Turbokapitalismus« offenbar verstummt. Dominik Finkelde zeigt die unmittelbare Fruchtbarkeit der Marxschen Kategorie des »Fetischcharakters der Ware« für die Analyse gegenwärtiger quasi-religiös aufgeladener Statussymbole, etwa aus dem Hause Apple. Elmar Altvater legt dar, dass allein die Einsicht in den »Doppelcharakter der Arbeit« ein rechtes Verständnis der kapitalistischen Dynamik der Naturzerstörung ermöglicht. Und Fritz Reheis führt aus, wie sich mit Hilfe des Kapitalbegriffs (als sich verwertender Wert) die parallel erfolgenden Vorgänge räumlicher Globalisierung und zeitlicher Beschleunigung ökonomischer und sozialer Prozesse verstehen und kritisieren lassen. »Allein ein Blick auf die real existierenden Formen des Kapitalismus zeigt«, fasst Konrad Paul Liessmann zusammen, »dass Marxens Werk mehr ist als ein Steinbruch – richtig gelesen, wäre es noch immer ein Sprengsatz«.

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    Der zuletzt lacht

    Ein neuer Katalog mit Marx-Cartoons aus aller Welt

    Stefan Siegert, Deutschland – 1. Platz
    Konstantin Kazanchev, Ukraine – 1. Platz
    Raed Khalil, Syrien – 2. Platz
    Ehsan Ganji, Iran – 3. Platz
    Stefan Siegert, Deutschland
    Mahdi Afradi, Iran
    Makhmudjon Eshonkulov, Makhmud (Usbekistan)
    Marek Tofil, Polen

    Es ist schon eine Weile her, dass britische Kommunisten beim Hamburger Stefan Siegert anfragten, ob sie seine Zeichnung des lachenden Karl Marx auf einige Merchandising-Produkte drucken lassen dürften. Gemalt hatte Siegert das Bild 1979 auf dem »Höhepunkt revolutionärer Euphorie«, wie er sagt: »Wir hatten Vietnam gewonnen, die Nelkenrevolution in Portugal war zunächst gelungen …« Er gab sein Okay und schlug statt der angebotenen bescheidenen Bezahlung vor, das Ganze nach der Revolution zu verrechnen.

    Bisher gibt es noch keine T-Shirts oder Tassen mit dem Bild. Aber es wurde auf den Titel eines druckfrischen Katalogs mit Marx-Cartoons gehoben. Es handelt sich um eine Auswahl unter Hunderten Einsendungen zu einem Wettbewerb, den der Ken-Sprague-Fonds anlässlich des 200. Marx-Geburtstags zusammen mit der sozialistischen Tageszeitung Morning Star und der Londoner Marx Memorial Library organisierte. Ken Sprague (1927–2004) war ein kommunistischer Grafiker und Karikaturist, der viel für den Morning Star gezeichnet hat.

    Siegerts lachender Philosoph ist einer von zwei Gewinnern. Der andere erste Preis ging an Konstantin Kazanchev aus der Ukraine für einen Marx, der einem jungen Skater zeigt, wie die Revolution zu gewinnen ist: mit Hammer und Sichel. Das Symbol der Einheit von Arbeitern und Bauern spielt in einem Dutzend Zeichnungen des Bandes eine mehr oder weniger große Rolle. Bei Sergey Drozdov (Russland) baumelt es am Rückspiegel eines Taxis, bei Mahdi Afradi (Iran) ziert es die Kühlerfigur einer Staatskarosse, bei Trayko Popov (Bulgarien) bilden die beiden Werkzeuge Marx’ Brauen, bei Hule Hanusic (Österreich) werden sie im Fundbüro (»Lost Things«) abgegeben usw.

    Wenige Zeichner sind mehrmals vertreten, darunter die Gewinner. Das zweite Bild von Kazanchev ist eine angefressen wirkende Variation auf »Sohn eines Menschen« des belgischen Surrealisten René Magritte (1898–1967). Siegert ist noch mit einem Baum ohne Blätter vertreten, dessen Zweige ein mürrisches Marx-Konterfei ahnen lassen. Diese Zeichnung stammt von Mitte der 80er Jahre und ist »schon nicht mehr so optimistisch«, wie der Urheber meint. Und schließlich ist da noch sein Wimmelbild mit Austromarxist (ganz rechts auf dieser Doppelseite), gemalt im Jahre 1989 noch vor dem Ende der DDR, »als man das Gefühl hatte, dass uns die Felle wegschwimmen, wir bis zu den Knien im Wasser stehen und nicht wissen, ob es sinken oder steigen wird«. So viel hat sich da einstweilen nicht geändert. Aber wir werden den Humor nicht verlieren. (jW)