17.06.2018, 18:12:55 / Marx 200

Mit Marx gegen Marx

Holger Wendt hat Methoden und Ergebnisse der »Neuen Marxlektüre« überprüft

Von Klaus Müller
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Manche lesen ihn, andere lesen ihn »neu«: Karl Marx

Die »Neue Marxlektüre« versteht sich als Abgrenzung zum »dogmatischen Marxismus in den realsozialistischen Ländern«. Sie behauptet, die »orthodoxen Dogmatiker« hätten Marxens Lehre deformiert. Es ginge darum, zurückzukehren zu den Texten von Marx. Die Auffassung hat in linken Kreisen Anhänger. Zur rechten Zeit ist eine kleine, bemerkenswerte und notwendige Schrift erschienen, die sich dieses Problems annimmt und der viele Leser zu wünschen sind, weil sie einiges richtigstellt. Ihr Auto, Holger Wendt, prüft, ob die »Neue Marxlektüre« dem Anspruch gerecht wird, »die authentische Marxsche Lehre gegen Verfälschungen einer ebenso verstockten wie inkompetenten Orthodoxie« zu verteidigen. Der Streit zwischen ihr und der »ebenso eingängig wie unpräzise als Traditions- bzw. Arbeiterbewegungsmarxismus« abgekanzelten marxistisch-leninistischen Deutung des Marxschen Werkes dauert mittlerweile über fünf Jahrzehnte. Eine Annäherung ist nicht in Sicht. Die Gräben sind tiefer denn je.

Irrtümer und Fehldeutungen der »Neuen Marxlektüre« sind zahlreich. Wendt nennt signifikante Beispiele: Etwa den Streit darüber, welche Forschungs- und Darstellungsmethoden Marx wählt. Die »neuen Marxleser« meinen, es sei ausschließlich die logische Methode, Holger Wendt sagt, Marx wende die dialektische Methode an. Sie schließe logische und historische Elemente ein. Er begründet dies am Beispiel der Wertformana­lyse. Sie ist keineswegs, wie die »Neue Marxlektüre« behauptet, ein logisches Konstrukt ohne historisch-empirische Relevanz. Wendt weist den Autoren der »Neuen Marxlektüre« eine fragwürdige, selektive Zitierweise nach. Er zeigt, wie sie Sätze aus dem Zusammenhang reißen und ihnen Bedeutungen unterschieben, die sie nicht haben. Was für die Wertformanalyse und die Geldwerdung im einzelnen gilt, trifft für die kapitalistische Produktionsweise als Ganzes zu: »Während die ›Neue Marxlektüre‹ das gegenwärtige Sein des Kapitalismus von seinem Werden und Vergehen trennt (…), betont Marx nachdrücklich den Zusammenhang von Entstehung, Existenz und Vergehen.« Das historische Element im Werk von Marx anzuerkennen, heißt nicht, das logische auszuschließen. Auch wenn Marx nicht von der logischen Methode spricht: Ohne Begriffsbestimmungen, Vergleiche, Analysen, Synthesen, Abstraktionen und Verallgemeinerungen ist sein Werk undenkbar. Es aber darauf zu reduzieren und ihm das Historische abzusprechen, ist ein Fehler der »Neuen Marxlektüre«. Dialektik – das ist auch die Einheit von Logischem und Historischem.

»Zu den verbreitetsten Mythen der Neuen Marxlektüre« zähle, so Wendt, »die Behauptung, Marx habe den Gegenstand seines Hauptwerkes als die kapitalistische Produktionsweise in ihrem ›idealen Durchschnitt bestimmt‹.« Marx erwähnt den Ausdruck einmal im Zusammenhang mit den Beziehungen zwischen Wert und Preis. Das Spiel zwischen Angebot, Nachfrage und den Preisen ist für ihn banal. Spannend ist dagegen die Frage, was den Preis bestimmt, wenn Angebot und Nachfrage gleich groß sind und sich ihr Einfluss auf den Preis aufhebt. Der Preis im Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage entspricht dem Wert der Ware. Er ist das verborgene Wesen des Preises. Marx sucht das Typische, das Notwendige, das Allgemeine in den Erscheinungen. Das Äußere, die den Sinnen zugänglichen Abweichungen, interessieren ihn wenig. Er will das ökonomische Gesetz finden, das Innere, den »idealen Durchschnitt« eben. Auch der »ideale Durchschnitt« hat seine Geschichte. Er ist nicht nur das Gewordene, wie die »Neue Marxlektüre« ihn versteht.

In klarer Sprache und überzeugend begründet Wendt, dass von der einst mit ungetrübtem Selbstbewusstsein verbreiteten These der »Neuen Marxlektüre«, Engels und der traditionelle Marxismus hätten Marx missverstanden, nicht viel geblieben ist. Wer Marxens Ansichten kennenlernen will, muss seine Texte lesen. Er muss es genau tun und einzelnes in die richtigen Zusammenhänge bringen. So geht Wendt vor, und so ist es gut. Das ist ein Vorzug seiner Schrift. Sie bietet dem Leser die Möglichkeit, den Originaltext und dessen Auslegung durch die »Neue Marxlektüre« zu vergleichen. Die Differenzen fallen auf. Die Autoren der »Neuen Marxlektüre« kennen sie natürlich. Um sich gegen Kritik zu immunisieren, lasten sie die Widersprüche Marx an. Er habe Fehler gemacht, ihm seien Ungenauigkeiten unterlaufen, seine Aussagen seien voller Ambivalenzen. Deshalb könne man die Richtigkeit der Interpretation nicht durch einen einfachen Vergleich mit dem Text herausfinden. Was Marx hätte sagen wollen oder sagen müssen, wissen allein die Autoren der »Neuen Marxlektüre«. Auf die Idee, dass sie selbst falsch liegen könnten, kommen sie nicht. Marx gegen Marx ausspielen – das ist der letzte Versuch, die eigene Fehlinterpretation zu retten. Holger Wendts bravouröse Polemik wird vermutlich die Autoren der »Neu en Marxlektüre« auch diesmal nicht nachdenklich stimmen oder gar zur Selbstkritik anregen. Eher ist damit zu rechnen, dass die katholische Kirche das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias aufgibt.

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