Entscheidung in Venezuela

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    »Maduro wird so oder so Präsident«

    Interview: Katja Klüßendorf
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    Nach Wahl in Venezuela wird nicht neu ausgezählt, sondern »verifiziert«. Ein Gespräch mit Charbel Albert Fakhri Kayrouz

    Der Jurist Charbel Albert Fakhri Kayrouz (32) arbeitet in der Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten der Nationalen Wahlbehörde Venezuelas (CNE).

    Mitarbeiter von Venezuelas Nationaler Wahlbehörde (CNE) als auch von ihm eingeladene internationale Wahlbeobachter berichteten am Tag nach der Präsidentschaftswahl vom sehr aggressiven Verhalten enttäuschter Caprileswähler ihnen gegenüber. Sie vermieden es, ihre Arbeitskleidung zu tragen, um Provokationen zu vermeiden. Selbst die US-amerikanische Anwältin und Journalistin Eva Golinger mit ihrem einjährigen Baby ist am Flughafen von Caracas von Anhängern des gescheiterten Oppositionskandidaten verfolgt und verbal angegriffen worden. Woher kommen diese Aggressionen?

    Leider ist in Venezuela der soziale Konflikt so verschärft und unsere Gesellschaft stark polarisiert. Es gibt einen politischen Interessenkonflikt zwischen den Schichten, der zu Hass, Vertrauensmangel und zur gesellschaftlichen Trennung geführt hat. Unsere Realität ähnelt der in anderen Ländern Lateinamerikas. Dennoch hat die Figur „Chávez" den Armen und denjenigen, die in den Barrios wohnen, Stärke gegeben. Sie wollen nicht mehr zu der Zeit vor Chávez zurückkehren, obwohl sie aus der Armut noch nicht herausgekommen sind. Aber sie haben große Angst vor der Rückkehr einer Rechtsregierung. Chávez hat sie viele Male davor gewarnt und sie haben natürlich recht.

    Was genau sind die Aufgaben des CNE?
     
    Der CNE ist der venezolanische Wahlrat. Er ist mehr als ein temporärer Wahlausschuß, sondern der CNE ist ein permanentes Organ, das die venezolanische Wahlgewalt darstellt. Der venezolanische Staat ist seit 1999, nach Inkrafttreten der neuen Verfassung, in fünf Gewalten geteilt. Außer der traditionellen Gewaltenteilung nach Montesquieu in Exekutive, Legislative und Judikative,  gibt es auch noch die Moral- und die Wahlgewalt. Der CNE ist im Jahr 1999 mit der neuen Verfassung als ein von der Exekutive unabhängiges Organ entstanden. Es besteht aus fünf Hauptkommissaren, sogenannten Rektoren, von denen einer der Wahlgewaltpräsident ist. Die Hauptaufgaben des CNE sind es, die Wahlen zu organisieren, zu überwachen und die Wahlergebnisse zu verkünden. Außerdem den Wahlkampf oder die Wahlkampagnen zu regulieren und zu beobachten sowie die Wahlkandidaten einzuschreiben.
     
    Seit wann sind Sie beim CNE tätig?

    Ich bin beim CNE seit ungefähr einem Jahr und habe schon drei Wahlereignisse mitorganisiert: Die Präsidentschaftswahl vom 7. Oktober 2012, die Regionalwahlen vom 16. Dezember 2012 und jetzt die Präsidentschaftswahl vom 14. April 2013. Ich bin der Übersetzungskoordinator in der CNE-Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten.

    Empfanden Sie die Stimmung im Vorfeld dieser Präsidentschaftswahl vom 14. April angespannter als im Oktober 2012?

    Ja, ohne jeden Zweifel angespannter. Aber trotzdem war auch die Atmosphäre bei den Wahlen  vom 7. Oktober extrem gespannt, besonders vor und während der Abstimmung. Weil jedoch der Oppositionskandidat Capriles die Ergebnisse des CNE schnell akzeptiert hatte, blieb die Opposition nach den Wahlen still. Im Oktober versuchte die Opposition das Symbol „Chávez" politisch zu löschen, aber sie hatten schnell begriffen, daß der Comandante unter dem Volk noch sehr stark war. Jetzt versucht die Opposition zu demonstrieren, daß der Chavismus mit dem Tod von Chávez vorbei sei und Maduro die Führungsqualität von ihm nicht besitze. Capriles, der nur eine Wahl verloren hat, - und diese Wahl war seine Kandidatur gegen Chávez im Oktober -, will nicht schwach vor Maduro aussehen. Er hat für diese Wahl so viel Energie gegeben. Aber jetzt muß er erkennen, daß es auch noch Chavismus ohne Chávez gibt.

    Die internationalen Wahlbeobachter bekamen die Möglichkeit, nicht nur mit dem Wahlkampfstab von Maduro zu sprechen, sondern genauso mit dem Wahlkampfstab von Capriles. Auch Kandidaten anderer Oppositionsparteien wurden vom CNE eingeladen, um ihre Einschätzungen abzugeben. Sie alle sagten, daß sie dem CNE nicht vertrauen würden, weil er der Regierung unterstehe und die Wahlen manipuliere. Capriles etwa sprach von 535 Wahllokalen, in denen die elektronischen Wahlmaschinen ganz oder teilweise defekt gewesen seien. Was halten Sie von den Manipulationsvorwürfen?

    Das ist eine schwere Frage. Ich bin kein Techniker, um Ihnen zu garantieren, daß die Abstimmungsmaschinen nicht manipulierbar sind. Aber alle Phasen unseres Wahlsystems sind 16 Mal von Zeugen beider Parteien revidiert und geprüft worden (in jedem Wahllokal sind zwei Wahlzeugen, testigos, eingesetzt, einer von der Regierungspartei und einer von der Opposition, Anm. d. Red.). Deshalb sollte es keinen Zweifel an der Transparenz und Festigkeit der Wahlen in Venezuela geben. Das US-amerikanische Carter-Center, das auch immer internationale Wahlbeobachter schickt, hatte sogar vor 4 Jahren gesagt, daß wir weltweit das beste Wahlsystem hätten.
     
    Die Opposition sagt, dass 3000 Regelverstöße während der Wahl gemeldet wurden. Von wem wurden diese Verstöße gemeldet und bei wem?
     
    Die meiste Regelverstöße wurden von Sympathisanten von Capriles oder von Vertretern der Opposition gemeldet. Es gab kaum Verstöße, die von den Parteigängern von Maduro gemeldet wurden. Normalerweise sollen diese Fälle beim CNE gemeldet werden. Aber sie fallen in die Hände der internationalen oder nationalen Nichtregierungsorganisationen und der internationalen politischen Organisationen und Stiftungen. Die Parteien der Opposition archivieren auch die Regelverstöße.

    Die deutschen Medien meldeten am frühen Freitag unerwartet, daß es nun doch zu einer Neuauszählung aller Stimmen kommen würde und der CNE der Forderung von Capriles damit nachkomme. Das Gremium hatte ein solches Vorgehen zuvor jedoch bereits abgelehnt.

    Laut der Präsidentin des CNE, Tibisay Lucena, handelt es sich dabei nicht um eine Neuauszählung, sondern um eine Verifizierung der Abstimmungsbelege. Ich persönlich finde, daß es keinen großen konzeptuellen Unterschied zwischen beiden Vorgängen gibt, aber die Konsequenzen sind doch sehr verschieden: Bei der Auszählung kann das Wahlergebnis umkehrbar sein, aber bei der Verifizierung ändert sich das am letzten Sonntag angekündigte Ergebnis nicht. Deshalb darf Maduro als Präsident anerkannt und vereidigt werden. 

    Wie wird es nach der Vereidigung Maduros als neuer Staatspräsident der Bolivarischen Republik Venezuelas weitergehen?

    Ich wünsche mir, daß die Opposition den Sieg von Maduro anerkennt, gleichzeitig Maduro die Legitimität seiner Gegner und deren Interessen berücksichtigt. Mit Blick auf die nahe Zukunft wird  Maduro an der Regierung bleiben, aber dieses Mal ist der Chavimus viel schwächer als zu der Zeit, in der Chávez noch lebte. Es gibt jetzt ernste wirtschaftliche Probleme, unsere Währung ist schwach, die Lebensmittel sind extrem teuer. Es wird für Maduro gar nicht einfach sein.
    Ich glaube, daß die PSUV (Venezuelas Vereinte Sozialistische Partei) reorganisiert werden muß und daß die Ursachen des Popularitätsverlusts von Maduro analysiert werden sollten. Ich wünsche mir Frieden und Versöhnung zwischen den Venezolanern, daß der Hass endet und daß Venezuela sich sowohl wirtschaftlich als auch kulturell entwickelt. Ich wünsche mir, daß wir eines Tages einen echten Sozialismus aufbauen können.


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    »Das, was Capriles tut, ist niederträchtig«

    André Scheer, Caracas
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    Daniel Viglietti (rechts neben Venezuelas amtierendem Präsident Nicolás Maduro)
    Venezuela: Opposition mißbraucht Andenken des linken Sängers Alí Primera. Unter Chávez Kulturangebot vervielfacht. Ein Gespräch mit Daniel Viglietti
    Daniel Viglietti, geboren 1939 in Monte­video, ist einer der ­berühmtesten Protestsänger Uruguays und Lateinamerikas

    Sie haben am Freitag in Caracas Ihr neues Lied »Bolivariano« vorgestellt. Was hat Sie dazu bewogen, Venezuela ihren neuen Titel zu widmen?

    Ich habe Venezuela 1974 kennengelernt, damals noch als konservative Klassengesellschaft mit erschreckenden Unterschieden zwischen Armen und Reichen. In den folgenden Jahren habe ich das Land immer wieder besucht und dabei erlebt, wie sich unter der Regierung von Hugo Chávez eine andere Lebenskonzeption durchgesetzt hat. Von jedem meiner Aufenthalte habe ich etwas aus Venezuela mitgenommen, so daß ich daheim in Montevideo, Uruguay, immer häufiger gedacht habe: Daraus mußt du ein Lied machen!

    Dieses Lied, »Bolivariano«, habe ich in aller Eile vor ein paar Wochen geschrieben. Den Anstoß dazu gab mir das uruguayische Dorf Bolívar, dem Chávez bei einem Besuch eine Brücke gespendet hatte, um die Lebensbedingungen der Menschen zu erleichtern. Dieses kleine Dorf mit gerade einmal 200 Einwohnern ist dem verstorbenen Präsidenten Venezuelas zutiefst dankbar.

    Nach dessen Tod gab es dort eine große Gedenkzeremonie, an der Präsident Pepe Mujica, Repräsentant des Linksbündnisses Frente Amplio, und hohe Würdenträger teilgenommen haben. Dort habe ich erstmals dieses Lied vorgestellt, das ich jetzt auch in Venezuela singe. Ich konnte es unter anderem bei der großen Abschlußveranstaltung des Wahlkampfes von Nicolás Maduro vortragen, vor Millionen Menschen, inmitten von Freude und Begeisterung.

    Wie bewerten Sie die Wahlen in Venezuela?

    Die Wahlen zeichnen sich durch große Transparenz aus. Der frühere US-Präsident Jimmy Carter hat einmal gesagt, das Wahlsystem Venezuelas sei das perfekteste der Welt. Das widerlegt all die Lügen, die verbreitet werden, und all die Behauptungen der Rechten. Deshalb fühle ich mich auch sehr wohl hier.

    Wie beurteilen Sie es, daß der Oppositionskandidat Henrique Capriles Radonski bei seinen Wahlkampfkundgebungen Lieder des linken Protestsängers Alí Primera gespielt hat?

    Capriles ist Opportunist und Lügner, doch Lügen haben bekanntlich kurze Beine – und Opportunismus ist ein Verrat an der Wahrheit. Das, was Capriles tut, ist niederträchtig, denn er weiß genau, daß der Weg meines Freundes Alí Primera nichts mit seinen reaktionären und faschistischen Ideen zu tun hat. Capriles ist fähig, jedes Bild und jedes Image zu nutzen, um die Menschen zu betrügen.

    Welche Bedeutung hat die Entwicklung in Venezuela für die Kultur in diesem Land und darüber hinaus?

    Ich habe hier in Venezuela erlebt, wie zum Beispiel die Zahl von Sängern und Musikern enorm zugenommen hat. Neulich hat mich ein Rocksänger angesprochen, der von mir ein Lied haben wollte, aus dem er eine Rockversion machen könnte. Auch der Rap hat sich durchgesetzt, es gibt hier viele Rapper. Das Kulturangebot hat sich vervielfacht Ich war vor einem Jahr bei der Internationalen Buchmesse hier in Caracas und habe an einer Hommage für Mario Benedetti teilgenommen. Er war mein Freund und Partner bei Konzerten, in denen wir Musik und Poesie verbanden.

    Bei dieser Gelegenheit habe ich erlebt, welche Begeisterung die Venezolaner für das Lesen entwickelt haben, Tausende konnten Bücher zu sozial verträglichen Preisen erwerben. Hier werden also große Anstrengungen für die Kultur unternommen, und das sagt vieles über dieses Land aus. Ich habe einmal gesagt: Diktatur und Kultur passen nicht zusammen.