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Aus: Wein, Beilage der jW vom 19.06.2024
Wein

Ein Beben in Überschuss

Der europäische Weinbau steckt in der Krise. Ein hohes globales Angebot trifft auf sinkende Nachfrage. Verdrängung und Betriebsaufgaben sind in vollem Gang
Von Daniel Bratanovic
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Die Gleichzeitigkeit beider Nachrichten ist bloß auf den ersten Blick widersprüchlich. Im Süden Frankreichs, aber auch in anderen Regionen Südeuropas, hatte es zum Zeitpunkt der Weinlese im Herbst 2023 im Grunde ein ganzes Jahr nicht mehr geregnet. Trockenheit und Hitze ließen die Beeren in den Weinbergen des Languedoc noch am Stock beinahe aussehen wie Rosinen, die fast keinen Saft enthielten. Die Trauben fielen so klein aus, dass die Erntemaschinen nicht alle zu fassen bekam. Etliche Winzer der Gegend fuhren lediglich ein Viertel der durchschnittlichen Ernte ein. Eine existenzbedrohende Situation.

Doch der Minderertrag der einzelnen Weingüter schmälert kaum den nicht absetzbaren Überschuss einer gesamten Volkswirtschaft. Etwa zu der Zeit, als die südfranzösischen Weinbauern im vergangenen Jahr damit begannen, ihr kümmerliches Lesegut in den Keller zu bringen, verkündete die französische Regierung, 200 Millionen Euro bereitzustellen, um überschüssigen, also unverkäuflichen Wein zu vernichten; die Rede geht von Millionen von Hektolitern. Jean-Philippe Granier vom Weinbauverband des Languedoc erklärte das Problem im britischen Guardian damals so: »Wir produzieren zuviel, und der Verkaufspreis liegt unter dem Produktionspreis, so dass wir Geld verlieren.« Die in Schieflage geratene Branche soll mit dem Geld gestützt, der Weinpreis stabilisiert und der aus der Weinvernichtung entstandene Alkohol an Unternehmen zur Herstellung von Produkten wie Desinfektions- oder Reinigungsmittel verkauft werden.

Schon im Juni 2023 hatte das französische Landwirtschaftsministerium angekündigt, rund 57 Millionen Euro an Prämien für die Rodung von rund 9.500 Hektar Rebfläche in der Region Bordeaux bereitzustellen. Mit weiteren Mitteln sollen die Weinbauern motiviert werden, andere Früchte wie etwa Oliven anzubauen. Überproduktion und Preisverfall hatte zuletzt auch dort dafür gesorgt, dass sich nach Angaben des örtlichen Bauernverbands rund ein Drittel der Winzer in großen finanziellen Schwierigkeiten befindet.

Dabei produzieren die Franzosen gar nicht immer mehr Wein. Zwischen 1990 und 2022 sank die Menge von 65,5 Millionen auf 45,6 Millionen Hektoliter, ein Rückgang um mehr als 30 Prozent. Frankreichs Rebfläche schrumpfte im selben Zeitraum von 939.000 Hektar auf 795.000 Hektar. Das liegt im Trend. Die Anbaufläche wird überall in den alten großen europäischen Weinbaunationen Portugal, Spanien, Italien und Frankreich kleiner.

Ursache für die Weinkrise in Frankreich und anderswo sollen veränderte Konsumgewohnheiten beziehungsweise eine eingebrochene Nachfrage sein: Die Leute trinken einfach immer weniger Wein. Corona und Inflation hätten demnach ihr übriges getan. Das mag nicht grundsätzlich falsch sein, lässt aber eine Entwicklung außer acht, die mit solchen Vorgängen wie Globalisierung beziehungsweise Weltmarktkonkurrenz zu tun hat. Im besagten Zeitraum zwischen 1990 und 2022 wuchs die Produktion von Neuweltweinen etwa aus den USA, aus Australien, Neuseeland und Chile in einem Maße, dass die Verluste Europas beinahe kompensiert werden konnten.

Der Druck der Konkurrenz ist jedenfalls auch hierzulande zu spüren. Im Frühjahr übernahm die Großkellerei Les Grands Chais de France die Traditionskellerei Langguth aus Traben-Trarbach. Wenige Wochen später verkündeten die Elsässer das Aus für die Produktion an der Mittelmosel. Den Konkurrenten aufkaufen, um ihn zu schließen, Investitionen für die Schrumpfkur. Auch ein anderer Wettbewerber weiß um die Überkapazitäten am Markt und erteilt großzügig Ratschläge. Alexander Rittlinger, Geschäftsführer der Binger Kellerei Reh Kendermann, sagte der FAZ Anfang Juni: »Wenn ich was raten könnte: Pflanzt nichts mehr an!« Vor allem die baden-württembergischen Winzer müssten umdenken. Kaum jemand wolle heute noch Trollinger oder Lemberger, und exportieren könne man diese Weine auch nicht. Das wird man am Neckar nicht so gerne hören.

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