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Aus: Naher Osten, Beilage der jW vom 15.05.2024
Kulturkampf

Riss zwischen unten und oben

Sozioökonomischer Gegensatz von Aschkenasim und Mizrachim wird in israelischer Gesellschaft ethnisch aufgeladen
Von Moshe Zuckermann, Tel Aviv
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Mit Gewalt und Zerstörung vertrieben: Flucht durch die Bucht von Haifa nahe der Hafenstadt Akko

Es ist kein Geheimnis, dass die israelische Gesellschaft von einem gravierenden, gleichwohl über Jahre heruntergespielten ethnischen Moment durchwirkt ist. Der historische Hintergrund dürfte bekannt sein: Der zionistische Staatsgedanke, ob in seiner liberal-bürgerlichen Version deutscher bzw. österreichischer Provenienz oder in seiner sozialistischen Ausprägung, wie sie sich in Osteuropa herausbildete, war im Kern den europäischen Nationalstaatsbildungen und den mit diesen einhergehenden nationalen Befreiungsbewegungen verpflichtet. Nicht nur verstand er sich (zumindest formell) als säkular in seiner Ausrichtung und westlich-modern in der angepeilten Herrschaftsform, sondern die Träger jenes Gedankens an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten vor allem das Bild des europäischen Juden vor Augen, wenn sie an die im jüdischen Staat künftig zu errichtende Gesellschaft dachten. Die orientalischen Juden bzw. Mizrachim traten kaum in ihr Blickfeld; ihre Rezeption in der prästaatlichen Ära Israels zeichnete sich durch eine eher exotisch-romantisierende Einfärbung der fremd anmutenden Gestalten aus, die allerdings noch keinen gravierenden sozialen Faktor in der sich allmählich herausbildenden jüdischen Gemeinschaft in Palästina darstellten.

Die Situation änderte sich dramatisch mit der israelischen Staatsgründung im Jahre 1948, als sich infolge des Krieges die demographische Situation einer aus etwa 650.000 im neuen Staat lebenden Juden und circa 150.000 nach Vertreibung und Flucht gebliebenen palästinensischen Arabern zusammengesetzten Gesellschaft ergab. Nicht von ungefähr wurde alsbald ein vom Staat organisierter »Import« (zionistisch motivierter) Juden nach Israel gestartet. Da aber ein Großteil des europäischen Judentums im Holocaust vernichtet worden war (und ein beträchtlicher Teil der Überlebenden nicht nach Israel wollte), wurde eine intensive zionistische Tätigkeit unter Juden in arabischen Ländern betrieben, die im ersten Jahrzehnt nach der Staatsgründung drei große Einwanderungswellen zeitigte: die Immigration der jemenitischen, der irakischen und der marokkanischen Juden. Innerhalb einer Dekade verdreifachte sich die Zahl der in Israel lebenden Juden und stieg auf 1,8 Millionen an.

Weg versperrt

Die verschiedenen Einwanderungsgruppen unterschieden sich in ihrer Bildung und Ausbildung, in ihren sozioökonomischen Prädispositionen und ihren lebensweltlichen Praktiken und Gewohnheiten. Die Händler aus dem Bagdader jüdischen Bürgertum wie auch die irakisch-jüdischen Kommunisten, die ins Land kamen, zeichneten sich durch ganz andere soziale, politische und wirtschaftliche Erfahrungen und entsprechende Aspirationen aus als etwa die aus dem Atlasgebirge und anderen wirtschaftlich zurückgebliebenen Gebieten stammenden marokkanischen Juden mit eher landwirtschaftlichen Traditionen. Erwähnt sei freilich, dass große Teile des jüdisch-marokkanischen Großstadtbürgertums (wie auch aus anderen Ländern des Maghreb) nach Frankreich emigriert waren. Und doch kann pauschal behauptet werden, dass die ethnische Unterteilung der jüdisch-israelischen Gesellschaft in aschkenasisch und mizrachisch (die arabische Bevölkerung Israels soll hier unerörtert bleiben) eine klare sozioökonomische Dimension aufweist: Während sich die oberen Sozialschichten zum größten Teil aus aschkenasischen Juden zusammensetzen, bestehen die unteren zumeist aus Mizrachim. Nicht nur ergab sich daraus über Jahrzehnte eine objektiv wirkende wirtschaftliche Unterprivilegierung dieser sozialen Gruppen, mehr noch blieb ihnen der Aufstieg in die Eliten in den Bereichen der Wissenschaft, der Justiz, des Militärs, der Politik, der Ökonomie und der Kultur weitgehend versperrt. Es ging dabei weder um formelle Verordnungen noch um hermetische Undurchlässigkeit, sondern eben um das, was gewöhnlich die Hegemonie einer sozialen Gruppe ausmacht.

Symptomatisch war die Reaktion der aschkenasischen Ministerpräsidentin Golda Meir zu Beginn der 1970er Jahre, die den sozialen Aufstand der vor allem in den Jerusalemer Slums aufgewachsenen jungen Mizrachim (der sogenannten Black Panthers) mit dem arroganten Bescheid quittierte, sie seien »nicht nett«. Diese fehlende Sensibilität indizierte etwas von dem, was späterhin zum leitenden Thema des ethnischen Diskurses in Israel heranwachsen sollte: die Überheblichkeit der Aschkenasim den Mizrachim gegenüber.

Dieser sich auf die Gesellschaftstruktur auswirkenden ethnischen Tendenz galt eine Mitte der 1980er Jahre einsetzende Gegenbewegung. Zum einen trat eine gut ausgebildete, begrifflich wie theoretisch versierte mizrachische kritische Intelligenz in Israels öffentliche Sphäre ein, die die Herrschafts- und Machtverhältnisse im Bereich der Kultur, der Wirtschaft und der Politik radikal zu hinterfragen begann, wobei sie zunehmend das gesamte zionistische Projekt als westlich-aschkenasisch, mithin repressiv, in Frage stellte. Zum anderen wurde die »Schas«-Partei gegründet, eine politische Institution, die als Interessenvertreterin einer religiös orthodoxen und sozial unterbemittelten Klientel auftrat und deren ethnische Einfärbung zum Programm erhob.

Wie sehr sich in dieser Parteigründung ein gravierendes soziokulturelles Moment widerspiegelt, lässt sich an den Wahlergebnissen der folgenden Jahrzehnte ermessen: »Schas« erfuhr einen Anstieg von vier anfänglichen Mandaten Mitte der 1980er Jahre auf 17 in den Nullerjahren, um sich seitdem bei rund zehn zu »etablieren«. Dabei wirken sich höchst gegensätzliche, teils widersprüchliche politische und kulturelle Codes im Selbstverständnis der Partei aus. Zwar ist sie (im Gegensatz zu den traditionellen aschkenasisch-orthodoxen Parteien) bestrebt, Machtpositionen in der Politik auf ministerieller Ebene zu erobern, aber sie versteht sich als nicht- (wenn auch nicht gerade rigoros anti-)zionistisch. Ihr verstorbener geistiger Führer, Rabbiner Ovadia Joseph, hing in außenpolitischen Fragen eher moderaten, friedensmotivierten Anschauungen an, wohingegen ein Großteil seiner Parteianhänger rechtsnationalistisch, zum Teil auch deutlich araberfeindlich eingestellt ist.

Auffangbecken für Abgehängte

Das soziale und ökonomische Netzwerk, das die Partei für ihre Klientel gebildet hat, wird vom Staat finanziert, versteht sich aber zumindest in kulturellen bzw. erzieherischen Belangen als religiös autonom. Dass dabei mit diesem Netzwerk der Armutszirkel, in dem sich die meisten Parteianhänger befinden, mitnichten durchbrochen wird, wird nicht zum Politikum erhoben. Autoritäre Muster und Strukturen wirken sich denn auch deutlich auf den Zusammenhalt der politischen Organisation aus. Getragen wird die Bewegung vor allem durch das allen inneren Gruppierungen innerhalb der Partei gemeinsame religiöse Moment und – nicht minder brisant – durch das ethnische Ressentiment.

Als Ovadia Joseph seinerzeit behauptete, die Holocaustopfer des europäischen Judentums seien alle »wiedergeborene Sünder« gewesen, vermengten sich beide Momente zu einem einheitlichen Code: Nicht nur wiederholte der Rabbiner in seiner Feststellung eine Denkfigur der religiös-orthodoxen Auseinandersetzung mit dem Holocaust, derzufolge er als Gottes Bestrafung des jüdischen Volkes für begangene Sünden zu deuten sei, sondern er ließ auch mutatis mutandis eine latente ethnische Komponente in seine Aussage hineinfließen. Denn wenn der Holocaust nahezu ausschließlich aschkenasischen Juden widerfuhr, diese aber als »wiedergeborene Sünder« apostrophiert werden, dann hieße das auch, dass aschkenasische Juden Sünde in sich trügen und – bei konsequenter Auslegung der Behauptung – ihre Strafe in Form der weltgeschichtlichen Katastrophe zu Recht erhalten hätten. Es gab selbstverständlich den sofortigen obligatorischen Aufschrei in Israel, und der Rabbiner verwandelte flugs die »wiedergeborenen Sünder« in »Heilige«. Gleichwohl sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen: Es ging dabei um eine ethnische Kodierung des israelischen Holocaustdiskurses, der so wenige Jahre zuvor unmöglich gewesen wäre, heute aber zum Teil auch die neuen in der politischen Sphäre vorherrschenden Machtverhältnisse erkennen lässt.

Israel durchläuft in den vergangenen Jahren eine Phase der Umstrukturierung der vom traditionellen Zionismus etablierten Herrschaftsverhältnisse, gesellschaftlichen Praktiken und kulturellen Konventionen. Dass dabei das Religiöse zum Hebel »legitimer« Machtkämpfe avanciert ist, mag etwas mit dem innerjüdischen, schon in der Ideologie des klassischen Zionismus latent angelegten »Kulturkampf« zu tun haben. Dass das Ethnische so in den Vordergrund treten kann, wurzelt, strukturell in der Vorgeschichte des zionistischen Staates, zeichnet sich heute aber eindeutig durch ideologischen Charakter aus. Denn nicht nur trägt das Ressentiment dazu bei, vom wahren – sozioökonomisch sich auswirkenden – Faktor der Diskriminierung abzulenken, sondern es ist auch das denkbar schlechteste Mittel, die die israelische Gesellschaft beutelnden Probleme und Konflikte, von denen das ethnische nicht das geringste ist, rational anzugehen.

Moshe Zuckermann ist ein israelischer Sozial­wissenschaftler und emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Er ist Autor verschiedener Bücher zum Nahostkonflikt.

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