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Aus: 50 Jahre Nelkenrevolution, Beilage der jW vom 17.04.2024
Nelkenrevolution in Portugal

Armee und Volk gemeinsam

25. April 1974: Die Bewegung der Streitkräfte putscht, die Bevölkerung geht auf die Straße. Tiefgreifende Reformen werden durchgesetzt
Von Carlos Gomes
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Symbol der revolutionären Arbeiterklasse, Namensgeberin der portugiesischen Revolution, Zeichen der Verbrüderung von Volk und Militär

Die Bilder lächelnder Soldaten mit roten Nelken in ihren Gewehrläufen, von jubelnden Menschenmengen umgeben, gingen am 25. April 1974 rasch um die Welt und verkündeten das Ende der am längsten andauernden faschistischen Diktatur Europas. 1933 hatte der portugiesische Machthaber António Salazar mit einer neuen Verfassung faschistischen Typus die Grundlage für einen autokratischen Staat geschaffen, den »Estado Novo« (auf deutsch »Neuer Staat«). Jahrzehntelang unterdrückte das Regime die eigene Bevölkerung und ab den 1960er Jahren führte es Krieg gegen die Freiheitsbewegungen in den afrikanischen Kolonien. Nach 41 Jahren Diktatur wurde an jenem Frühlingstag innerhalb weniger Stunden der inzwischen von Salazars Nachfolger Marcelo Caetano angeführte Staatsapparat friedlich besiegt.

Organisiert und durchgeführt wurde der Umsturz von rebellierenden Offizieren, die sich zuvor zum konspirativen »Movimento das Forças Armadas« (MFA, auf deutsch: »Bewegung der Streitkräfte«) zusammengeschlossen hatten. Infolge der zermürbenden und aussichtslosen Kolonialkriege in Angola, Guinea-Bissau und Mosambik hatte der Widerstand gegen das Regime in den Reihen des Militärs enorm zugenommen. Viele hochrangige Offiziere strebten nach einer schnellstmöglichen Beendigung der Kriege und einem Übergang zu demokratischen Verhältnissen in Portugal. Der MFA wusste, dass er bei der Verfolgung dieser Ziele mit der Unterstützung der großen Mehrheit der portugiesischen Zivilbevölkerung rechnen konnte. Schließlich war der Missmut im Volk, vor allem unter den von der europäischen 1968er Generation beeinflussten Studenten, nach langjähriger Repression mehr und mehr zu spüren. Außerdem spielte dem MFA ein wichtiger militärstrategischer Faktor in die Karten: Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Streitkräfte größtenteils in Afrika, was den Schutz der eigenen Regierung in Portugal im Falle eines Aufstands erschwerte. Es schien also, dass die notwendigen Bedingungen für eine erfolgreiche Revolution gegeben waren.

Der zweite Versuch

Allerdings scheiterte eine erste Rebellion im März 1974 an ihrer unzureichenden Vorbereitung, so dass der MFA für Ende April einen erneuten Versuch plante. Diesmal organisierte die Gruppe die Machtübernahme in geheimen Treffen und mittels verschlüsselter Kommunikation bis ins letzte Detail. Am Vorabend des 25. Aprils war es so weit: Um 22:55 Uhr spielte ein Lissabonner Radiosender die unscheinbare Ballade »E depois do adeus« (auf deutsch: »Und nach dem Abschied«). Dies diente als geheimes Zeichen dafür, dass die Vorbereitung erfolgreich verlaufen war und nun die Militäroperation zum Umsturz des Regimes beginnen würde. Um 00:20 Uhr erfolgte das zweite musikalische Signal, diesmal ein besonders symbolträchtiges: Im Radio lief das verbotene Lied »Grândola, Vila Morena« des bekannten politischen Liedermachers José Afonso. Es ist nach einer Kleinstadt in Südportugal benannt und besingt die Macht des Volkes. Daraufhin verließen die revolutionären Kräfte ihre Kasernen, um wichtige strategische Punkte in der Hauptstadt zu übernehmen: Militäranlagen, Rundfunksender, den Flughafen sowie den zentralen Platz Terreiro do Paço, auf dem sämtliche Ministerien ihren Sitz hatten. Die vom Regime für die Bekämpfung der Erhebung ausgesandten Regimente weigerten sich, die revolutionären Truppen zu beschießen und ergaben sich kampflos oder schlossen sich ihnen in einigen Fällen sogar an. Es fiel kein einziger Schuss.

Ab Mittag strömte das Volk trotz anderslautender Anweisungen auf die Straßen, um die Aufständischen zu bejubeln. In einer spontanen Geste der Dankbarkeit begannen die Menschen, die Soldaten mit roten Nelken zu beschenken. Diese Blume war seit dem 19. Jahrhundert ein Symbol des proletarischen Widerstands und Freiheitskampfes. An diesem Tag wurde sie auch zum Symbol und später zum Namensgeber der portugiesischen Revolution.

Um den aufständischen Erfolg zu besiegeln, musste jedoch noch der Premierminister festgenommen werden. Caetano war am frühen Morgen in ein Quartier der Militärpolizei im Zentrum Lissabons geflohen. Gegen 11:30 Uhr umzingelte eine Kolonne des MFA den Ort. Kurz darauf schlossen sich Tausende euphorische Zivilisten der Belagerung an. Zu diesem Zeitpunkt konnte eine bewaffnete Reaktion der letzten regimetreuen Truppen noch nicht gänzlich ausgeschlossen werden, was die revolutionären Offiziere beunruhigte. Sie beschossen die Fassade des Quartiers, um Druck auszuüben und eine Kapitulation zu erzwingen. Nach einigen Stunden der Ungewissheit ergaben sich die Truppen des Regimes und die Einheiten der Militärpolizei. Kurz nach 18:00 Uhr nahmen die Aufständischen Caetano fest.

Abwicklung des Staatsapparats

Als der Triumph der Revolution schon unabwendbar war, ereignete sich der einzige tragische Vorfall des Tages. Gegen 20:00 Uhr schossen Geheimpolizisten auf die vor ihrem Hauptsitz versammelte Menschenmenge, wobei vier Personen starben und mehrere verletzt wurden. Aufständische Truppen überfielen daraufhin das Gebäude und verhafteten die Agenten.

Durch eine akribisch ausgeführte Militäroperation hatte der MFA innerhalb von 24 Stunden das alte Regime gestürzt und Portugal von seiner Diktatur befreit. Am nächsten Tag gaben die neuen Machthaber die Absetzung sämtlicher hoher Funktionsträger, die Verhaftung der Verantwortlichen für Staatsverbrechen sowie die Auflösung der Geheimpolizei und der politischen Jugendorganisationen bekannt. Darüber hinaus verkündeten sie eine Amnestie für politische Gefangene und die Abschaffung der Zensurbehörde. Es begann eine schnelle und effektive Abwicklung des autoritären Staatsapparats.

Während es zu Zeiten des »Estado Novo« am 1. Mai immer wieder zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen Polizei und linken Aktivisten gekommen war, wurde 1974 der Internationale Kampftag der Arbeiterklasse zu einem historischen Volksfest. So strömten vielerorts Tausende Menschen auf die Straßen, um die frisch erlangte Freiheit zu feiern. Die massiven Veranstaltungen dienten als Bekundung der Unterstützung des MFA, der sich zur Einleitung des politischen Wandels legitimiert sah. Allerdings hatte die aufständische Militärführung diesbezüglich keine einheitliche Linie. In der Bewegung gab es sowohl linke und linksradikale als auch moderate und konservative Stimmen.

Revolution und Konterrevolution

In diesem Kontext politischer Ungewissheit erhoffte sich die Kommunistische Partei eine führende Rolle, die sie am Anfang des Umbruchs auch tatsächlich hatte. Die KP war während der Diktatur verboten worden, jedoch weiterhin in der Illegalität aktiv gewesen und hatte eine solide soziale Basis aufgebaut. Auch führende Offiziere des MFA wie Vasco Gonçalves galten als KP-nah. Gonçalves wurde Premierminister in verschiedenen provisorischen Regierungen und leitete zwischen Ende 1974 und Mitte 1975 den »Processo Revolucionário em Curso« (auf deutsch: »Laufender Revolutionärer Prozess«) ein. Dafür ergriff er wegweisende innenpolitische Maßnahmen wie die Verstaatlichung von Banken und anderen strategisch-relevanten Unternehmen, eine Agrarreform mit Umverteilung der landwirtschaftlichen Flächen zugunsten von Genossenschaften sowie die Verbesserung der allgemeinen Arbeitsrechte.

Als Opposition zu diesem Kurs verbündeten sich die von den westlichen Großmächten unterstützten Sozialisten und Sozialdemokraten. An der Spitze einer Allianz gemäßigterer und konterrevolutionärer Kräfte gelang es beiden Parteien, Gonçalves zum Rücktritt zu drängen und eine neue Übergangsregierung zu bilden. Schließlich ermöglichten die Wahlergebnisse im Frühjahr 1976 eine dauerhafte Machtübernahme durch prokapitalistische Kräfte und ließen den Traum einer sozialistischen Umwälzung in Portugal platzen. Und dennoch wird der 25. April jährlich einhellig von allen Portugiesen – und besonders von den linken Kräften – gefeiert, denn schließlich bedeutete die Nelkenrevolution das Ende der Diktatur, die Entkolonisierung, die Einführung demokratischer Rechte und die Realisierung sozialer Reformen. Es war ein Sieg der Freiheit!

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