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Aus: Marx in Afrika, Beilage der jW vom 10.08.2022
Marx in Afrika

Positive Einflussnahme

Jenseits kolonialer oder imperialer Intention: Chinas Engagement auf afrikanischem Kontinent reicht von Parteischulen bis zu Museen
Von Jörg Kronauer
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Tag der Solidarität mit Angola, 1972

Was tut China in Afrika? Die übliche Antwort auf diese Frage lautet: Bahnen, Brücken und Häfen bauen, Kredite dafür vergeben, Handel treiben. Das trifft natürlich zu, aber es ist doch bei weitem nicht alles. Neben ihren umfangreichen ökonomischen Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent, die sie längst zu dessen größtem Handelspartner und zu einem der bedeutendsten Investoren dort haben werden lassen, entfaltet die Volksrepublik in vielen Ländern Afrikas auch eine recht breite Tätigkeit auf den Feldern von Bildung sowie Kultur. Beijing investiere schon »seit dem Beginn dieses Jahrhunderts« umfassend in entsprechende Tätigkeiten und Programme, entwickle intensive Beziehungen nicht nur zu den Eliten der jeweiligen Länder, sondern auch in die Bevölkerungen hinein, hielt im Dezember 2021 die US-Zeitschrift Foreign Affairs fest. »Investitionen in soziales und Humankapital« seien bereits früh zu »einer zentralen Säule von Chinas Außenpolitik in Afrika« geworden. Genau dies zahle sich mittlerweile spürbar aus.

Sprache verbindet

Eine wichtige Rolle beim Aufbau von Kulturbeziehungen zwischen China und anderen Ländern spielen ganz allgemein die Konfuzius-Institute, eine Entsprechung zu den deutschen Goethe-Instituten, die freilich anders organisiert sind: Sie werden als Kooperationsprojekte zwischen einer einheimischen und einer chinesischen Universität gegründet. Allein in Afrika gibt es mittlerweile laut Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua 61 Konfuziusinstitute. Zum Vergleich: Das Goethe-Institut hat auf dem Kontinent 21 Außenstellen eingerichtet. In Afrika kommen noch 48 sogenannte Konfuzius-Klassenzimmer hinzu, die an Schulen etabliert werden. Konfuzius-Institute bieten Chinesischsprachkurse an, vermitteln zugleich aber auch Elemente chinesischer Kultur. Xinhua zufolge haben inzwischen 16 Staaten Afrikas die chinesische Sprache auf die eine oder andere Weise in ihre Bildungssysteme integriert. Um all dies zu unterstützen, hat die Volksrepublik seit 2004 gut 5.500 Chinesischsprachlehrer und freiwillige Helfer in insgesamt 48 afrikanische Länder entsandt.

Sprachkenntnisse sind ein äußerst hilfreicher Faktor, um Beziehungen zwischen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern aufzubauen – Beziehungen zwischen den Bevölkerungen ganz allgemein, aber auch zwischen den politischen, ökonomischen oder kulturellen Eliten. Dazu trägt auch bei, dass eine wachsende Zahl junger Menschen aus afrikanischen Ländern ein Studium an einer Hochschule in China aufnimmt. Dabei entstehen in der Regel persönliche Bindungen; aber auch schon die Sprachkenntnisse von Afrikanern, die einst in China studiert haben, erleichtern es chinesischen Unternehmen und Regierungsstellen, Kontakte zu ihnen aufzubauen und zu pflegen. Das öffnet der chinesischen Wirtschaft und Politik auf lange Sicht wichtige Türen. Die Zahl afrikanischer Studierender an Hochschulen in China, die im Jahr 2003 noch bei weniger als 2.000 gelegen hatte, schnellte rasant in die Höhe und überstieg im Jahr 2018 bereits 80.000; nur Frankreich verzeichnete mehr Studierende aus Afrika, allerdings nicht mit steigender, sondern mit fallender Tendenz. Unmittelbar vor der Covid-19-Pandemie hatte Beijing die Zahl der Hochschulstipendien, die es jährlich an Menschen aus afrikanischen Ländern vergab, auf 12.000 erhöht; Frankreich vergab um die 1.100, Deutschland rund 600 Stipendien nach Afrika.

Neben allgemeiner Kultur- und Bildungskooperation fördert die Volksrepublik auch gezielt Beziehungen zwischen speziellen Segmenten der Funktionseliten. Die KP Chinas etwa hält Seminare und Fortbildungsmaßnahmen für Mitglieder und Funktionäre ihr nahestehender Parteien auf dem afrikanischen Kontinent ab. Laut einem Weißbuch, das Ende 2021 aus Anlass des 8. China-Afrika-Gipfels in Senegals Hauptstadt Dakar vorgelegt wurde, unterhält sie Beziehungen zu 110 politischen Parteien aus 51 der 54 afrikanischen Staaten. Darüber hinaus unterstützt sie politische Bildungseinrichtungen auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Beispiel bietet die Mwalimu Julius Nyerere Leadership School, eine Parteischule, die von sechs früheren Befreiungsbewegungen aus dem südlichen Afrika betrieben wird – aus Angola, Mosambik, Namibia, Simbabwe, Südafrika und Tansania. Während des Befreiungskampfes wurden sie von der Volksrepublik unterstützt. Die Räumlichkeiten der Parteischule in Kibaha westlich der tansanischen Wirtschaftsmetropole Daressalam, die in diesem Jahr fertiggestellt wurden, wurden mit Unterstützung der KP Chinas gebaut.

Kultur und mehr

Daneben hat Beijing auch Regierungsapparate und Streitkräfte afrikanischer Staaten im Blick. So werden beispielsweise zweiwöchige Delegationsreisen hochrangiger Ministerialbeamter und Verteidigungsattachés afrikanischer Staaten in die Volksrepublik organisiert, wo sie an Seminaren teilnehmen und staatliche wie auch militärische Stellen besuchen. An den Reisen sollen mittlerweile Vertreter beinahe aller Staaten des afrikanischen Kontinents teilgenommen haben. Im Jahr 2018 wurde in diesem Zusammenhang beschlossen, Polizisten und UN-»Blauhelm«-Soldaten aus Afrika von chinesischen Ausbildern trainieren zu lassen. Beijing sichert sich auf diesem Wege nicht nur enge Kontakte und direkten Einfluss auf Staatsbürokratien und Streitkräfte afrikanischer Staaten, die sich, wie Foreign Affairs Ende 2021 festhielt, künftig als äußerst nützlich für die chinesische Diplomatie erweisen dürften. Darüber hinaus besitzen sie das Potential, die Streitkräfte Chinas sowie afrikanischer Staaten einander anzunähern und vielleicht auch Türen für die chinesische Rüstungsindustrie zu öffnen.

Beziehungen baut China gezielt auch zum kulturellen Elitensegment afrikanischer Länder auf. So fördert es im Rahmen der »Neuen Seidenstraße« Beziehungen etwa zwischen Theatern, Museen und Bibliotheken in China und in den Staaten Afrikas. Und es finanziert bedeutende Kulturprojekte. Ein Beispiel bietet das Musée des Civilisations noires (Museum der schwarzen Zivilisationen) in Dakar. Der Gedanke, ein solches Museum zu gründen, wurde in der westafrikanischen Metropole schon vor einem guten halben Jahrhundert thematisiert; allerdings fehlten die Mittel dafür. Der Bau wurde schließlich mit 34 Millionen US-Dollar unterstützt – nicht etwa von einer der ehemaligen Kolonialmächte in Afrika, sondern von der Volksrepublik. Als das Musée des Civilisations noires Ende 2018 feierlich eröffnet wurde, da kämpfte Senegal noch nach Kräften darum, während der Kolonialzeit geraubte Kulturgüter aus Frankreich zurückzuerhalten.

Die systematische Einflussarbeit jenseits unmittelbar wirtschaftlicher Aktivitäten zahlt sich aus. Das zeigen etwa die Afrobarometer-Umfragen, die inzwischen in 34 Ländern Afrikas durchgeführt werden. Die jüngste, Ende 2021 publizierte Umfrage belegte einerseits, dass es zu den chinesischen Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent selbstverständlich ein kritisches Bewusstsein gibt; so urteilten von denjenigen, die Kenntnisse über die chinesischen Darlehen an afrikanische Staaten hatten, mehr als die Hälfte – 57 Prozent –, ihre Regierungen hätten sich zuviel Geld in der Volksrepublik geliehen. Allerdings führte das nicht dazu, dass die Stimmung gegenüber China gekippt wäre – im Gegenteil. Auf die Frage, welcher Staat das aus ihrer Sicht attraktivste Entwicklungsmodell aufweise, nannten zwar 33 Prozent die USA; mit 22 Prozent lag die Volksrepublik allerdings bereits auf Rang zwei, deutlich vor Südafrika (zwölf Prozent) sowie den früheren Kolonialmächten (elf Prozent). Und auf die Frage, wie sie Chinas Einfluss in ihrem Land einschätzten, antworten 63 Prozent mit »positiv« – mehr als bei jedem anderen Staat. Den Einfluss der Vereinigten Staaten etwa schätzten 60 Prozent positiv ein, denjenigen der Vereinten Nationen 57 Prozent, denjenigen der einstigen Kolonialmächte nur 46 Prozent.

Jörg Kronauer ist Sozialwissenschaftler und lebt als freier Autor und Journalist in London

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