Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 27. September 2022, Nr. 225
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Marx in Afrika, Beilage der jW vom 10.08.2022
Marx in Afrika

Lernen und kämpfen

Neue Studie untersucht revolutionäres Bildungsprojekt der PAIGC während des Befreiungskampfes von Guinea-Bissau und Kap Verde
Von Ada B. First
2.jpg
Patrice Lumumba auf dem Plakat zum Tag der Solidarität mit dem Kongo, 1972

Im Jahr 2018, vor der Pandemie, gingen nach Berechnungen der Vereinten Nationen 258 Millionen oder eines von sechs Kindern im schulpflichtigen Alter nicht in die Schule. Im März 2020, zu Beginn der Pandemie, schätzte die UNESCO, dass 1,5 Milliarden Kinder und Jugendliche von Schulschließungen betroffen waren; bei unglaublichen 91 Prozent der Schüler weltweit wurde die Ausbildung durch Lockdowns unterbrochen. Eine im Juni 2022 veröffentlichte UN-Studie ergab, dass sich die Zahl der in ihrer Bildung beeinträchtigten Kinder seit 2016 fast verdreifacht hat und von 75 Millionen auf heute 222 Millionen gestiegen ist. Viel zuwenig Aufmerksamkeit wird der Katastrophe gewidmet, die sich daraus für die kommenden Generationen ergibt.

Die Weltbank hat in Zusammenarbeit mit der UNESCO darauf hingewiesen, dass der Rückgang von Mitteln für Bildung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu einem Verlust von fast 21 Billionen US-Dollar an Lebenseinkommen führen wird. Da die Wirtschaft lahmt und die Kapitaleigner sich damit abgefunden haben, Milliarden von Menschen als »Überschussbevölkerung« zu betrachten, die sie einfach nicht anstellen werden, ist es offensichtlich, dass dieser Wahnsinn Methode hat.

In der kapitalistischen Gesellschaft gilt Bildung als Garant für den sozialen Aufstieg. Ob Privatschulen oder ruinöse Darlehen, »Google Classroom« oder Bildungsgutscheine, gefolgt von der Kommerzialisierung und Privatisierung von Bildungseinrichtungen oder Partnerschaften mit der Industrie – alles zielt letztlich darauf ab, Bildung mit Verwertbarkeit gleichzusetzen. Was in Europa noch als »Public Private Partnership« gefeiert wird, ist de facto eine Kürzungspolitik, die vom Gesundheitswesen über den Nahverkehr bis zum Bildungswesen alle öffentlichen Strukturen zerstört.

Befreiung durch Bildung

Denn Bildungsauftrag ist Herrschaftsauftrag, historisch betrachtet ist das nirgends offensichtlicher als in der Kolonialgeschichte: in der Legitimierung der eigenen Überlegenheit, der Delegitimierung der Sprachen und Kulturen kolonialisierter Völker, der Zerstörung jeglicher zivilgesellschaftlichen Infrastruktur und auch in der Ausbildung dienstbaren Personals zur Erhaltung der Kolonialstrukturen, mitunter über den Zeitpunkt der Unabhängigkeit hinaus. Der Unabhängigkeitskämpfer ­Amílcar Cabral selbst gehörte zur Gruppe der Studenten, die zur Ausbildung nach Europa geschickt, bei ihrer Rückkehr für die Kolonialverwaltung arbeiteten. Cabral hatte in Lissabon tropische Landwirtschaft und Wasserbau studiert und führte nach seiner Rückkehr 1952 Analysen des Bodens und der Nutzpflanzen des Landes durch. Allerdings brachte die Realität der Bevölkerung ihn bald auf ganz andere Gedanken.

Guinea-Bissau, von Portugal kolonialisiert, erkämpfte von 1963 bis 1974 seine Unabhängigkeit unter der Leitung der PAIGC (Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde), deren Mitbegründer im Jahr 1956 Amílcar Cabral war. In einer Rede, die er im Oktober 1971 auf einer Versammlung in London hielt, beschrieb er die Lage in seiner Heimat:

»Der Mangel an Eiweiß und vielen Grundnahrungsmitteln hemmt die Entwicklung unseres Volkes. In einigen Regionen liegt die Kindersterblichkeit bei 80 Prozent. Während des ›goldenen Zeitalters‹ des portugiesischen Kolonialismus gab es im ganzen Land nur zwei Krankenhäuser mit insgesamt 300 Betten und nur 18 Ärzte, davon zwölf in Bissau. Was die Schulen anbelangt, so gab es nur 45, und das waren katholische Missionsschulen. Bis 1959 gab es (in Guinea-Bissau, jW) überhaupt keine weiterführenden Schulen; jetzt gibt es eine (…) Es gab nur 2.000 Kinder im ganzen Land, die Schulen besuchten. Und Sie können sich vorstellen, wie der Unterricht aussah. Es war eine bewusste Entscheidung, die Entwicklung unseres Volkes zu verhindern, so wie man es in Angola, Mosambik und den anderen Kolonien getan hat.«

Auf dem Weg zur nationalen Befreiung stand die PAIGC vor der Aufgabe, Prozesse, Strukturen und Räume zu schaffen, die den materiellen Bedürfnissen des Volkes und den Erfordernissen des politischen Kampfes gerecht werden konnten. Investitionen in die Bildung wurden zu einem Grundpfeiler des Befreiungskampfes, der auf den Ebenen des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und bewaffneten Widerstands geführt wurde. Durch die Bekämpfung von Analphabetismus, Angst und Unwissenheit – so die Annahme – würde Bildung zu einem Mittel, mit dem die afrikanischen Menschen ihre Stimme zurückgewinnen und sich als politisch bewusste und aktive Mitglieder der Gesellschaft sowohl in ihrem Land als auch im Verlauf der Weltgeschichte behaupten könnten.

Unter der Losung des Kampfes »Alle, die etwas wissen, sollen diejenigen unterrichten, die nichts wissen«, entwickelte die PAIGC gleichzeitig zwei Bildungsprojekte, eines für Erwachsene und eines für Jugendliche. Das grundlegende Ziel dieses Bildungssystems in den befreiten Gebieten war, in den Worten Cabrals, »durch unseren Widerstand alles zu zerstören, was unser Volk zu Hunden macht – Männer oder Frauen –, damit wir vorankommen, wachsen und uns erheben können, wie Blumen auf unserem Land, alles, was unser Volk zu wertvollen Menschen machen kann.«

Bereits 1949 plädierte Cabral dafür, die Wissensproduktion auf die bestehenden afrikanischen Realitäten auszurichten, und zwar auf der Grundlage seiner Forschungserfahrungen über die landwirtschaftlichen Bedingungen in Portugal und dessen einverleibten afrikanischen Gebieten. Er argumentierte, dass eine der besten Möglichkeiten, das Land zu verteidigen, darin bestehe, »zu lernen und zu verstehen, wie man den Boden nachhaltig nutzen und den Nutzen, den wir aus ihm ziehen, bewusst verbessern kann«. Das Land zu kennen und zu verstehen sei eine Form der Verteidigung der Menschen und ihres Rechts, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Unermessliches Potential

In einem Bericht von 1973 über die Entwicklung des PAIGC-Bildungssystems von 1963–73 wurde die Gesamtzahl der ausgebildeten Parteikader und Schüler in den befreiten Zonen wie folgt angegeben:

»Heute verfügt die Partei in ihren befreiten Gebieten über 164 Grundschulen, in denen 258 Lehrer den Unterricht erteilen und insgesamt 14.531 Schüler unterrichten, von denen etwa ein Drittel Mädchen sind. (…) Heute, in weniger als zehn Jahren, hat die PAIGC 36 Universitätskader ausgebildet, und wir haben 46 Kader der höheren technischen Ausbildung, 241 Kader der Berufs- und Fachausbildung, 174 gewerkschaftliche und politische Kader und 410 Kader im Gesundheitswesen. Zusätzlich zu den bereits ausgebildeten Kadern haben wir derzeit 422 Studenten, die eine mittlere und höhere Ausbildung im Ausland absolvieren, zu denen in diesem Jahr noch etwa 100 Studenten hinzukommen werden.« Hier spielten besonders Beziehungen zu sozialistischen Ländern eine Rolle, in deren internationalen Bildungseinrichtungen Studierende ausgebildet wurden.

Unter dem Motto »Bildung, Arbeit, Kampf« und mit dem Gruß »Es lebe die PAIGC, die Kraft, das Licht und der Führer unseres Volkes in Guinea und Kap Verde« begann die Partei mit der Ausbildung der »besten Söhne und Töchter« der Nation, nämlich der militanten Studenten und derjenigen der Jugendorganisation Pioneiros do Partido (»Parteipioniere«). Die PAIGC gründete 1966 die »Parteipioniere« für Schüler im Alter von zehn bis 15 Jahren, die das erste Jahr der Grundschulausbildung abgeschlossen hatten. Laut ihrer Satzung wollten die Parteipioniere zu einer qualitativ hochwertigen, auf den Grundsätzen der Partei beruhenden Erziehung der Kinder beitragen und die Liebe zum guineischen und kapverdischen Volk, die Hingabe an den Kampf, den Respekt vor der Familie und der Schule sowie das »Streben nach Gerechtigkeit, Arbeit, Fortschritt und Freiheit« stärken. Ihre Aktivitäten zielten darauf ab, alle Mitglieder zu »würdigen Kämpfern« der Partei und zu »bewussten Bürgern« zu machen, die in der Lage sind, die großen Aufgaben des nationalen Wiederaufbaus in der Zukunft sowie die »kompromisslose Verteidigung der Errungenschaften der Revolution« zu übernehmen.

Amílcar Cabral wurde 1973 ermordet, wenige Monate bevor Guinea-Bissau seine Unabhängigkeit erklärte, ein Jahr, bevor die Nelkenrevolution dem portugiesischen Kolonialismus und Faschismus ein Ende bereitete. Cabrals Vermächtnis ist groß und hoffnungsvoll: Die Erfahrungen der PAIGC mit dem Bau von Schulen in den befreiten Gebieten, ihre bahnbrechende Form der politischen Bildung, die Entwicklung emanzipatorischer, kontextspezifischer Lehrpläne und der Aufbau internationaler Netzwerke zur Unterstützung dieses Bildungsprozesses zeigen das unermessliche Potential von Wissen als gesellschaftlichem Gut.

Diese Einblicke ins revolutionäre Bildungsprojekt der PAIGC sind der Historikerin Sónia Vaz Borges zu verdanken. Deren Forschungsergebnisse hat »Tricontinental: Institute for Social Research« nun in einer Onlinepublikation, zwar noch nicht auf Deutsch, dennoch einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Tricontinental: Institute for Social Research: The PAIGC’s Political Education for Liberation in Guinea-Bissau, 1963–74

Ada B. First ist unabhängige Researcherin und Journalistin, die enthusiastisch die Kämpfe im globalen Süden begleitet, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent. Sie lebt meistens in Berlin

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Noch viel Luft nach oben: Auch wenn sich die Zahl der Studierend...
    23.10.2021

    Der Weg nach oben

    Zwischen konformistischer Melancholie und politischem Engagement. Wie Arbeiterkinder Akademiker werden. Ein Gang durch die neuste autobiographische Literatur (Teil 1)
  • Wie hier am Mittwoch in Athen, ging die Polizei brutal gegen pro...
    13.02.2021

    Kurs auf Polizeistaat

    Griechenlands Regierung will Uniformierte in Universitäten. Tausende Studierende protestieren

Mehr aus: Ausland