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Aus: Erster Mai, Beilage der jW vom 28.04.2021
Ernährungsindustrie

Sklaven für Tönnies

Rekordumsätze des Fleischfabrikanten: Arbeiter des Magnaten in Weißenfels schweigen nicht länger über Lohnbetrug und Gewaltvorfälle
Von Benjamin Kirchhoff
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Stabile Karosserie: Für vier Personen gedacht, hat Platz für sechs (Zwickau, 1979)

Es ist der größte Schlachtbetrieb Ostdeutschlands, Tönnies im sachsen-anhaltinischen Weißenfels. Dort werden täglich 20.000 Tiere getötet, zerlegt und verpackt. Im letzten Jahr verkündete der Fleischkonzern, dass seine gesamten Umsätze um fast zehn Prozent auf 7,3 Milliarden Euro gestiegen sind. Die 2.200 Werksangehörigen in der Saale-Stadt sorgen mit ihrer Arbeit in der Fabrik für diese steigenden Einnahmen, doch die meisten erhalten nicht mehr als einen Hungerlohn. Insbesondere die 800 Rumänen im Werk leiden unter der verschärften Ausbeutung.

Gabriel Hergheligiu war einer von ihnen. Der gelernte Baukletterer hatte bei Tönnies gearbeitet, bis er im September vergangenen Jahres eigenen Angaben zufolge grundlos entlassen worden war. Seine ehemalige »Arbeitgeberin«, die MGM Handels- und Vermittlungs-GmbH war bis Januar dieses Jahres als Werksvertragsunternehmen in der Tönnies-Fabrik tätig. »Im Schlachthaus herrscht Sklaverei. Viele Rumänen haben Angst, über die Bedingungen zu sprechen. Sie arbeiten sehr hart und werden sehr schlecht bezahlt. Die Kollegen fürchten, dass sie bei Beschwerden nach den Schlägen durch ›MGM-Bodygards‹ auch gleich ihren Job und somit die Wohnung verlieren«, so der 38jährige gegenüber jW. Seine frühere Kollegin Mirela Dumitru* bestätigt solche Vorfälle: »Ich habe selbst einen Übergriff beobachtet. Ein Junge hatte Schmerzen und ging deshalb nicht zur Arbeit, dann kamen die ›Bodygards‹ und haben ihn auf der Straße geschlagen.« Hergheligiu vermutet hinter der MGM mafiöse Strukturen, die die rumänischen Arbeiter kontrollieren sollten: »Der Chef der Mafia heißt Marius Leonard Predescu. Er ist Rumäne. Der Deutsche Stefan Caspar ist der Betriebsleiter von Tönnies in Weißenfels.« Er sei so etwas wie der Capo der Mafia.

Der erwerbslose Rumäne möchte auf die unhaltbaren Zustände in der Fabrik und auf den Gerichtsprozess mit seinem ehemaligen Chef aufmerksam machen: »Ich habe jeden Tag elf Stunden gearbeitet, aber wurde nur für sieben Stunden bezahlt. Ich habe ihn verklagt, weil ich nicht weiß, warum ich gekündigt wurde.« Bei dem Gütetermin am Naumburger Arbeitsgericht konnten sie sich nicht einigen, deshalb wird es einen weiteren Prozesstag geben. Der Geprellte hatte in der Abteilung gearbeitet, wo Schweine getötet und zertrennt werden, wie die Leistungsabrechnungen minutiös belegen: »Schinken grob zerlegen (Knochen brechen), Schweineköpfe an der Kopfentbeinungslinie maschinell zerlegen, kontrollieren, wiegen, abpacken, einlagern.« Aber die Lohnabrechnungen sind unvollständig: »Ich arbeitete mehr als 200 Stunden im Monat, bekam sie aber nicht vollständig ausgezahlt. Der Stundenlohn betrug 9,35 Euro brutto«, so der ehemalige Beschäftigte des Weißenfelser Tönnies-Werks. Für 200 Stunden hatte MGM seinem Beschäftigten im April 2020 knapp 1.000 Euro überwiesen. Das entspricht einem Nettostundenlohn von fünf Euro.

Arbeitsunfälle seien an der Tagesordnung, betont Dumitru. »Ich hatte eine Operation am Finger. Zweimal habe ich mich in den Knochen geschnitten und ich bekam eine Infektion, man fand verschiedene körperfremde Bakterien in meinem Blut, die vermutlich von toten Schweinen stammen. Ich hatte meinen Fingernagel abgerissen. Und die Chefs sagten mir, ich solle den Ärzten mitteilen, der Unfall wäre zu Hause passiert.« Die Ärzte des Krankenhauses in Weißenfels übernahmen diese Lüge auch in den Unfallbericht. Besonders schwere Unfälle in der Fleischfabrik können aber nicht vertuscht werden. »Eine Frau hatte sich ihre Hand abgeschnitten. Der Rettungsdienst nahm sie von der Arbeit mit zum Krankenhaus, wo ihre Hand wieder angenäht wurde«, ergänzte die frühere Werkvertragsarbeiterin aus der Fabrik. Auf Nachfrage von junge Welt zu den Vorwürfen der rumänischen Arbeiter ließ Tönnies diese über seine Anwälte pauschal zurückweisen. Zitiert werden – direkt oder indirekt – darf aus dem Schreiben nicht.

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) und die Vertreter der Fleischwirtschaft hatten Ende März die Verhandlungen über einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die deutsche Fleischindustrie ergebnislos abgebrochen. Deshalb rief die NGG die Tönnies-Arbeiter kürzlich zum Streik auf, auch in Weißenfels. Sie fordert einen einheitlichen Mindestlohn von 12,50 Euro pro Stunde, der zwingend für alle Unternehmen in der Branche gelte, so Gewerkschaftssprecher Jonas Bohl gegenüber jW. Auch die Werkvertragsunternehmen müssten sich nach dem Tarifabschluss an diesen Vertrag halten. Allerdings verbietet das sogenannte Arbeitsschutzkontrollgesetz schon jetzt den Einsatz von Werkverträgen in der Fleischindustrie.

Tönnies ist im Burgenlandkreis das einzige große Unternehmen, das Werktätige ohne Deutschkenntnisse beschäftigt. Deshalb sind diese auf die Stellen in der Fleischfabrik in Weißenfels angewiesen. Diese Zwangslage nutzt der Konzern aus und findet so immer neue Arbeitskräfte, die, so sagen Kritiker, für sittenwidrige Löhne die gefährliche Tätigkeit im Schlachthaus ausführen.

* Name geändert

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