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Aus: Antifaschismus, Beilage der jW vom 06.05.2020
75 Jahre Befreiung vom Faschismus

»Warum reisen deutsche Politiker nicht zu den Gedenkstätten der Blockadetoten Leningrads?«

Über das Gedenken in Russland an den Zweiten Weltkrieg, Geschichtsumdeutungen in der EU und der Bundesrepublik sowie den Abriss des Denkmals für Marschall Konew in Prag. Ein Gespräch mit Ivan Rodionov
Von Arnold Schölzel
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Berlin, Mai 1945: Sowjetischer Artillerist

Fast jede Familie in der Sowjetunion hat im Zweiten Weltkrieg Angehörige verloren. Millionen So­ wjetbürger fielen ungeheuerlichen Mordtaten zum Opfer. Allein die Leningrader Blockade, das größte deutsche Kriegsverbrechen auf russischem Boden, kostete weit mehr als einer Million Menschen das Leben. Sie wurden 20 Jahre nach 1945 geboren? Wie präsent ist das damals Geschehene heute in der russischen Gesellschaft?

Ich denke, dass es allen Generationen gleichermaßen gegenwärtig ist, weil es in den Familien weitergereicht wird. Meine stammt mütterlicherseits aus St. Petersburg – Petrograd – Leningrad, viele haben die Blockade erlebt, einige haben an der Leningrader Front gekämpft, und ich habe sie selbst noch kennengelernt. Mein Großonkel wurde mehrfach verletzt. Er kämpfte in diesem berühmten – fast möchte ich angesichts der Verluste dort sagen: berühmt-berüchtigten – Brückenkopf auf dem anderen, von der Wehrmacht eingenommenen Newaufer, der Newski-Pjataschok genannt wird, d. h. das »Newa-Fünfkopenstück«. Meine Familie wurde durch die Blockade betroffen. Der Vater meines Großonkels starb im ersten Blockadewinter in seiner Wohnung. Als sein Sohn nach Hause kam, lag er tot da, und es gab niemanden, der sich um ihn hätte kümmern können. Insgesamt sind fünf meiner Verwandten auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof beigesetzt. Er ist zwar der größte, aber nicht der einzige Friedhof, auf dem Blockadetote bestattet wurden. Allein auf ihm wurden etwa eine halbe Million Menschen in Massengräbern beerdigt. Manchmal frage ich mich, ob deutsche Politiker nicht nur zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem reisen sollten, sondern ob sie nicht auch einen Tag in ihrem dichten Terminkalender für einen Besuch des Piskarjowskoje-Friedhofs freihalten sollten.

Waren jemals bundesdeutsche Politiker dort?

Ja, wie ich hörte, war es eine, nämlich ausgerechnet Marieluise Beck von den Grünen. Ich denke aber, ein Besuch in St. Petersburg und ganz besonders auf dem Piskarjowskoje-Friedhof sollte zu den Pflichtterminen deutscher Politiker gehören. Die ganze Stadt trägt ja die Spuren der Blockade, man findet sie an den meistbesuchten Touristenorten wie dem Newski-Prospekt. Dort sind immer noch Inschriften zu lesen wie: »Diese Straßenseite ist bei Artilleriebeschuss besonders gefährlich.« An vielen Gebäuden, Denkmälern und Sehenswürdigkeiten wie der Isaak-Kathedrale haben Granatsplitter Spuren hinterlassen. Durch die glitzernde Alltagsoberfläche hindurch ist der Krieg sichtbar. Und an Orten wie dem Piskarjowskoje-Friedhof verschlägt es einem den Atem. Es gibt in St. Petersburg die Uliza Repina, die Repin-Straße. Sie ist nur 5,6 Meter breit und etwa 800 Meter lang. Die Krematorien kamen ab dem ersten Blockadewinter 1941/1942 mit der Einäscherung der Toten nicht mehr hinterher. Die Leichen mussten bei 30 Grad unter Null auf der Straße, die auf beiden Seiten abgesperrt war, gestapelt werden.

Die Stadt wurde gezielt beschossen, gleich zu Beginn, im September 1941, wurden die Lebensmitteldepots, die Badajew-Lagerhäuser, vernichtet. Das verursachte bereits im ersten Winter eine enorme Hungersnot. Und es war Absicht, die Stadt auszuhungern. Das verkündeten nicht nur die Nazigrößen, es gibt Belege auch in Tagebüchern von Wehrmachtsangehörigen, in der Art: »Was sollen die uns jetzt auf der Tasche liegen? Wozu sollen wir die jetzt durchfüttern?«

Man wollte die Stadt nicht stürmen, um die eigenen Soldaten nicht zu verheizen, sie sollte aussterben. Ohne Stalin irgendwie in Schutz nehmen zu wollen: Es sind Lügen, die bis heute verbreitet werden, wonach das Aushungern und Entvölkern Leningrads ihm zupass gekommen sei. Solche Behauptungen tun mir als Nachkommen von Leningradern weh. Die sowjetische Führung hat enormen Aufwand betrieben, um den einzigen Versorgungsstrang nach Leningrad aufrechtzuerhalten. Die militärischen Anstrengungen waren verlustreich, und erst Anfang 1943 gelang es der Roten Armee, einen schmalen Korridor am Ufer des Ladogasees einzurichten und die Stadt über eine provisorische Eisenbahnstrecke unter Beschuss und großen Verlusten zu versorgen und Leningrader zu evakuieren. Das war damals die absolute Priorität der Staats- und Parteiführung. Es geht hier um eine ideologisch begründete, ahistorische Lüge. Sie macht die berechtigte Kritik an Stalin unglaubwürdig und dient dazu, eine Brücke von Stalin zu Putin und zur heutigen russischen Staatsführung zu schlagen.

Aus deutschen Regierungsdokumenten wie dem Plan des Staatssekretärs Herbert Backe aus dem Jahr 1941 geht hervor, dass beabsichtigt war, Russland bis zum Ural von deutschen Siedlern kolonisieren und dabei mindestens 30 Millionen Menschen umkommen zu lassen. Ich zitiere aus einem Vermerk Backes vom 2. Mai 1941: »1.) Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. 2.) Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.« Nach Beginn der Blockade Leningrads hat sich der Chef des Sicherheitsdienstes der SS, Reinhard Heydrich, beschwert, dass der Führerbefehl zur Auslöschung der Stadt zu lasch ausgeführt werde. Vor diesem Hintergrund beunruhigt es, wenn hierzulande mit Leichtigkeit über diese Planungen und die Verbrechen hinweggegangen wird. Wie beurteilen Sie das?

Ich kann das im Prinzip nachvollziehen. In der alten Bundesrepublik lag der Schwerpunkt in Erinnerungskultur, im Kriegsbewusstsein und bei der historischen Schuld komplett auf der Judenvernichtung. Es gibt keinen Zweifel, dass das in der Verbrechensaufarbeitung ganz nach vorn gehört. Absurd ist aber, dass das Gedenken daran von Missachtung der Opfer anderer Kriegsverbrechen, nämlich der, die in der Sowjetunion begangen wurden, geprägt ist. Allein in Weißrussland zum Beispiel wurden mehr als 600 Dörfer mitsamt ihrer Bevölkerung bei Vergeltungsaktionen für Partisanenangriffe verbrannt. Ein Viertel der weißrussischen Bevölkerung, zumeist Zivilisten, wurde im Krieg ausgelöscht. Ähnliches vollzog sich im gesamten von der Wehrmacht besetzten Gebiet – am Kaukasus, an der Wolga, vor Leningrad und vor Moskau. Die Verbrechen, die dort begangen worden sind, die sind enorm. Ich habe den unguten Verdacht, sie wurden mit Absicht im Schatten und im Hintergrund gelassen, um den neuen alten Feind der Nachkriegszeit, die Sowjetunion, nicht als Opfer dastehen zu lassen. Deswegen wurde dieses geschichts- und erinnerungspolitische Verbrechen begangen. Nach 1990 wurde diese Geschichtspolitik auf ganz Deutschland übertragen. Kein Zweifel, dass der Holocaust nicht vergessen werden darf. Aber es ist schmerzhaft, es ist absur d, ich habe kein passendes Wort dafür, die Verbrechen an den anderen Völkern auszukoppeln und sie, ja, zu vertuschen.

Vom Standpunkt der psychologischen Kriegführung ist eindeutig, was mit so einer Regierungspolitik bezweckt wird.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Zweite Weltkrieg in diversen Gazetten, angefangen bei dem, was wir gerade besprochen haben, den Kriegsverbrechen, aber auch die Ursprünge und die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs und weitere Elemente wie z. B. der Warschauer Aufstand 1944 und die angebliche Untätigkeit der Roten Armee heute in einem völlig falschen Licht dargestellt werden. Tatsache ist: 1944 kämpfte sich die Rote Armee über 500 Kilometer bis zur Weichsel vor, die Nachschublinien waren weit entfernt, ein Übersetzen nach Warschau aus dem Marsch nicht möglich. Das erklärte Ziel der polnischen Exilregierung in London und der Armia Krajowa war aber, der Roten Armee zuvorzukommen – daher der unvorbereitete Aufstand, der in einem furchtbaren Gemetzel endete.

Die Legendenbildung dient dazu, Sowjetunion und Nazideutschland auf die gleiche Ebene zu stellen, als gleich schuldig am Zweiten Weltkrieg. Das ist aber grundfalsch. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war das letzte Glied in einer langen Kette von bilateralen und multilateralen Bündnissen und Abkommen in den 30er Jahren. Europas Politiker versuchten, sich gegenseitig die deutsche Aggression wie eine heiße Kartoffel zuzuwerfen. Der damalige britische Premierminister Neville Chamberlain war wahrscheinlich Weltmeister in dieser Disziplin. Hitler soll nach 1933 außerhalb Deutschlands nirgendwo so populär gewesen sein wie in Großbritannien – bis hin zu Pralinen mit seinem Porträt. Die englische Fußballmannschaft trat bei den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin mit dem Hitlergruß an. Das hatte ihnen das britische Außenamt eingeschärft. Die Sowjetunion boykottierte diese Spiele. Chamberlain war der erste, der Hitler zum grandiosen Sieg gegen die verhassten Kommunisten in Spanien gratulierte. Dort stand ihm und Mussolini die Sowjetunion als einzige große Macht gegenüber.

Am 6. Juni 1939 wurde die Wannseestraße in Berlin-Zehlendorf in Spanische Allee umbenannt – zu Ehren der »Legion Condor«, die u. a. Guernica zerbombt hatte. Die Straße heißt heute noch so.

Die demokratische westliche Welt hat Hitler bejubelt und dazu gratuliert, weil er den Vormarsch der Kommunisten, der Linken endlich gestoppt habe.

Die Nichteinmischung Frankreichs und Großbritanniens bestand insbesondere darin, Hitler und Mussolini alles zu erlauben.

Und Polen spielte in dieser Hinsicht auch ein doppeltes Spiel. Viele Dokumente zeigen, wie eng die Beziehungen zwischen dem polnischen Diktator Jozef Pilsudski, seinem Nachfolger Jozef Beck und den Nazispitzen waren. Wie die Gestapo den Inlandsgeheimdienst Polens bei der Bespitzelung und Unterdrückung politischer Gegner beraten und unterstützt hat. Als Pilsudski 1935 starb, befahl Hitler, in Berlin eine Trauermesse abzuhalten, an der er teilnahm. Meines Wissens war dies das einzige Mal, dass er sich nach 1933 in eine Kirche begab. Polen war nach dem Münchner Abkommen 1938 auch an der Aufteilung der Tschechoslowakei beteiligt und besetzte völkerrechtswidrig die Region Teschen – trotz der Warnung der Sowjetunion, den Nichtangriffspakt mit Polen von 1932 zu kündigen. Es gab 1938 ein deutsch-polnisches Manöver in Wolynien, in dem der Kampf gegen die Rote Armee geübt wurde.

Heute wird Polen nur als Opfer einer Doppelaggression von Deutschland und Sowjetunion dargestellt. Das war es am Ende, zuvor aber hat es nicht viel dazu beigetragen, um einen Antihitlerpakt, ein kollektives Sicherheitssystem in Europa aufzubauen. In dieser Hinsicht war die sowjetische Außenpolitik am konsequentesten. Heute wissen wir aus den Archiven, dass die Sowjetunion als einziger Staat konsequent zwischen 1934 und und der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes mit Deutschland versucht hat, mit Briten, Franzosen und Polen eine Antihitlerkoalition aufzubauen und immer wieder scheiterte. Damals glaubte Chamberlain Hitler mehr als Stalin und hatte zudem Winston Churchill als Oppositionsführer im Nacken, der meinte, man müsse auf die Russen hören. Aber es wurde nur kalkuliert und abgewogen, wie sich die deutsche Aggression so kanalisieren ließe, dass zwei Feinde Westeuropas sich bekämpfen. US-Senator Harry S. Truman, der spätere Präsident, sprach es 1941 aus: »Wenn wir sehen, dass Deutschland gewinnt, helfen wir Russland, und wenn Russland gewinnt, helfen wir Deutschland und lassen auf diese Weise so viele wie möglich sich gegenseitig umbringen.«

Das aufschlussreichste Buch über die britische Haltung zu Hitler ist wahrscheinlich das Buch von Iwan Maiski »Memoiren eines sowjetischen Botschafters«, das ab 1967 mehrfach auf deutsch in der DDR erschien. Er war von 1932 bis 1943 Botschafter in London und hatte Zugang zu allen wichtigen Politikern, auch zu Churchill.

Der Vorgänger von Wjatscheslaw Molotow, der 1939 Außenminister wurde, war Maxim Litwinow. Er hat diese Politik in Richtung Großbritannien, Frankreich und den USA betrieben, war anglophil und sprach fließend englisch. Dann hat die Sowjetunion in der Stunde der Not eine andere Lösung gesucht – mit dem Nichtangriffsvertrag als Ergebnis. Das wurde 1989 im Spiegel noch sehr plastisch beschrieben. Da begab sich eine Abordnung des britischen und des französischen Militärs mit einem langsamen Dampfer auf den Weg nach Leningrad, eine Vertretung dritter Garnitur, Stellvertreter von Stellvertretern ohne Entscheidungsvollmachten. Und währenddessen kam Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop nach Moskau und unterzeichnete diesen Vertrag. Stalin hat diesen Pakt unterzeichnet und damit am Ende Zeit gewonnen. Trotz der katastrophalen Niederlagen in den ersten Kriegsmonaten waren die sowjetischen Streitkräfte letztlich imstande, den Krieg zu drehen. Die 300 Kilometer, die die Rote Armee aufgrund des Nichtangriffsvertrages mit Deutschland nach Polen vormarschiert war – übrigens im wesentlichen in dem Gebiet, das Polen im Krieg gegen Sowjetrussland 1919 bis 1921 erobert hatte –, waren am Ende entscheidend für die Verteidigung Moskau. Diese 300 Kilometer verhinderten, dass die Wehrmacht Moskau einnahm. Die Deutschen lagen im Herbst 1941 30, 40 Kilometer vor Moskau und konnten in ihren Feldstechern die Türme des Kreml sehen. Diese 300 Kilometer waren womöglich kriegsentscheidend.

Die EU bemüht sich heute, Hitler und Stalin gleichermaßen verantwortlich für den Krieg zu machen, Polen als bloßes Opfer und die Rote Armee als Besatzungs-, nicht als Befreiungsarmee darzustellen. Was denken Sie vom Beschluss des EU-Parlaments vom September 2019 zu diesem Thema?

Ich bin ratlos, weiß nicht, wozu das dient. Politisch ist es eine bloße Deklaration, aber sie hat praktische Auswirkungen, weil sie von allen Medien verbreitet wird und die entsprechende Assoziationskette auslöst: Sowjetunion gleich heutiges Russland gleich Nazideutschland, sozusagen die historische Achse des Bösen. Ich will nicht spekulieren, was die EU-Abgeordneten dabei getrieben hat, aber es gibt in der EU diese ausgewiesene Anti-Russland-Fraktion die von Polen und Balten angeführt wird. Es sind Unversöhnliche, die alle antirussischen Entscheidungen durchdrücken. Dass die EU sich zu so etwas hinreißen lässt, ist für mich nur ein weiterer Schritt zur Umgestaltung der EU zu einer krass antirussischen Allianz.

Sowohl in der Geschichts- als auch in der Expansionspolitik wird immer dasselbe Spiel betrieben: Die Balkanländer müssen ganz schnell in die EU, sonst weitet Russland seinen Einfluss aus. Wenn das jetzt das Argument ist, muss ich mich wirklich an den Kopf fassen. Handelt es sich nun um eine Wertegemeinschaft, oder geht es nur um das Kalkül, den eigenen Einflussbereich zu vergrößern, damit Russland nicht Fuß fasst.

Von Historikern lassen sie sich bei einer solchen Erklärung jedenfalls nicht beraten. Das russische Außen- und das Verteidigungsministerium veröffentlichen jedes Jahr Unterlagen – auch im Internet. Ihnen kann man entnehmen, mit welcher Begeisterung die Rotarmisten als Befreier von der Bevölkerung in Polen oder in der Tschechoslowakei begrüßt wurden. Aber jetzt kommt die Nachricht, dass das Denkmal für Marschall Iwan Konew, der Prag unzerstört befreite, beseitigt wurde. Es gibt historische Fotos, wie Konew in einem offenen Auto durch die begeisterte Menschenmenge fährt, wie ihm Blumen zugeworfen werden. Der Bürgermeister des Prager Stadtbezirks kommentierte das mit der Bemerkung, die Statue habe keine Schutzmaske getragen. Im tschechischen Außenamt heißt es jetzt, das Denkmal werde nach anderswo verlegt. Das alles gehört zu der absurden, beschämenden Geschichtsverzerrung, heute, 75 Jahre nach dem Krieg, alles auf den Kopf zu stellen. Als ich übrigens das historische Foto – wie Konew in Prag empfangen wird – und das von heute – wie sein Denkmal vom Sockel gerissen wird – in den sogenannten sozialen Medien postete, pflasterten ein paar Trolle die Posts mit Kommentaren zu. Etwa so: Was hat die Sowjetunion hinterher mit der Tschechoslowakei gemacht? Die Sowjetunion ist selber schuld, Russland ist selber schuld, recht geschieht es ihnen usw. Die Stoßrichtung von kleinen Internettrollen und EU-Politikern ist ziemlich identisch.

Wenn so etwas möglich ist, wie z. B. der Abriss des Konew-Denkmals, lässt sich da sagen, dass eine Wiederholung dieses Krieges möglich gemacht werden soll? Ist das übertrieben?

Ich befürchte, dass das leider nicht abwegig ist. Diejenigen, die diese Eskalation vorantreiben sind mit denen zu vergleichen, die in den Ersten Weltkrieg schlafwandelten. Damals glaubte niemand, dass die Aufgeklärten, die Zivilisierten Europas jemals einen Krieg beginnen könnten. Vom Krieg leben aber Kriegsallianzen, Einflussgruppen, Thinktanks und Netzwerke – eine Riesenkrake, die auf kurze und mittlere Sicht direkt von ihm profitiert. Noch ist präsent, dass es hier heute um gegenseitige Vernichtung geht. Aber leider reicht schon ein kleiner Funken für größte Gefahr. Es ist wie in den 80er Jahren, wie 1983, als in der NVA und dem Warschauer Pakt die höchste Alarmstufe erklärt wurde. Ich war damals als Wehrpflichtiger bei der Sowjetarmee. Wir mussten damals aus unserem Standort innerhalb von sieben Minuten abziehen, weil erwartet wurde, dass dieser Standort in der Nähe von Nischni Nowgorod sofort zerstört werden würde. Rainer Rupp ist es zu verdanken, dass sich damals die Gemüter darüber beruhigten, dass es nur ein Manöver sei, keine Neuauflage des »Fall Barbarossa«. Aber es war verdammt knapp davor, es war reiner Zufall. Es gab seit 1945 immer wieder technische Fehler, die zu einem Dritten Weltkrieg hätten führen können. Da gibt es die Geschichte dieses russischen U-Boot-Offiziers Wassili Archipow, der den Befehl nicht ausgeführt hatte, die Raketen abzufeuern, obwohl der Befehl bestätigt wurde. Es gibt auch auf der US-Seite ähnliche Beispiele. Oder 1999: Der britische Offizier Mike Jackson verhinderte eine Konfrontation zwischen der NATO und Russland im Kosovo, als russische Streitkräfte den Flughafen Pristina besetzt hatten, und US-General Wesley Clark befahl, gegen sie vorzugehen. Jackson antwortete darauf mit dem berühmt gewordenen Satz: »I’m not going to start the Third World War for you – Ich fange nicht den Dritten Weltkrieg für Sie an.«

Man soll nicht leichtfertig Analogieschlüsse ziehen, aber vielleicht schärft dies das Bewusstsein. Kann man sagen: Russland befindet sich in einer ähnlichen Situation wie vor dem Beginn des Großen Vaterländischen Krieges?

Das würde ich so nicht sehen. Ich würde mir auf keinen Fall eine Parallele zwischen der NATO und Nazideutschland erlauben. Außerdem ist Russland auf einem waffentechnischen Niveau, das diese gegenseitige Vernichtung sichert – eine völlig neue Ebene der Abschreckung. Allerdings hat Russland zwar heute so gut wie keine Verbündeten bis auf die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Sie ist natürlich kein Gegengewicht zur NATO. Dennoch ist Russland durch die verstärkte Kooperation mit China nicht allein und damit in einer anderen Situation als damals.

Mich erschreckt vor allem, dass heute die Friedensbewegung so passiv ist und de facto inexistent, dass es den Menschen nicht bewusst und nicht präsent ist, wie groß, wie unmittelbar und wie fatal die Gefahr ist, dass diese Eskalation, die aus rein politisch-praktischen, aber auch aus Profitgründen betrieben wird, am Ende zu einem Krieg führen könnte. Russland steht heute nicht so wie damals die Sowjetunion gegen die Achsenmächte. Denn bei der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges muss man berücksichtigen, dass die Sowjetunion in Japan eine große unmittelbare militärische Bedrohung hatte. Auch Japan setzte dazu an, die Sowjetunion zu überfallen, und Hitler hat es angetrieben. Das war ein weiterer Grund für die Sowjetunion, um sich – egal wie – aus dieser Not zu retten, selbst durch einen Pakt mit dem Teufel, mit Hitler. Japan im Rücken und Nazideutschland mit der ganzen Koalition – Spanien, Slowakei, Italien, Finnland, Rumänien, Ungarn – es war ja, in diesem Sinne kann man durchaus die Parallele ziehen – das geeinte Europa, 16 Länder, die sich am Überfall auf die Sowjetunion beteiligten. Die Goebbels-Propaganda hat das auch betont.

Aber mir graut vor solchen historischen Prallelen, weil die Gefahr so riesig ist, dass ein Funke reicht. Ich habe einige Glücksfälle aufgezählt, die uns alle vor einem Weltuntergang bewahrt haben. Was ist aber, wenn es keinen solchen Glücksfall gibt? Es ist möglich, dass nicht der besonnene britische Offizier und der besonnene US-Kommandeur am Hebel und am Drücker sitzen, sondern ein unbesonnener, ein sturer mechanischer Befehlsausführer. Dann sind wir alle dem Tode geweiht.

Noch mal zurück zum Anfang des Gesprächs: Dieser Satz im Gedicht von Olga Bergholz auf dem Piskarjowskoje-Friedhof ist sehr stark: »Niemand ist vergessen und nichts wird vergessen.« Dennoch hat die Sowjetunion immer die Hand zur Freundschaft ausgestreckt. Wie kann man mit all dem in dem Land umgehen, von dem alles ausging?

Da bin ich doch eher eine Ausnahme. Russland ist ein großes Land, und wie jedes große Land ist es mehr mit den eigenen Problemen als denen jenseits seiner Grenzen beschäftigt. Man registriert natürlich mit großem Unverständnis und Bedauern diese Geschichtsumdeutung in Europa und, was besonders schmerzt, in Deutschland. Aber die russische Gesellschaft bleibt auf ihre eigenen Probleme konzentriert. Ich finde es sehr bemerkenswert, dass trotz dieses langen historischen Abstands vom Krieg auch die jungen Generationen sich durchaus im Sinne dieser Strophe von Bergholz »Никто не забыт, ничто не забыто« an diesem in Deutschland verspotteten, belächelten Marsch des »Unsterblichen Regiments« beteiligen. Sie laufen am 9. Mai mit den alten vergilbten Schwarzweißfotos ihrer Großeltern und Urgroßeltern auf den Straßen. Dazu zwingt sie kein Putin und keine Behörde, sie gehen aus freien Stücken. Das ist ein großartiges Zeichen dieser Gedenkkultur und vor allem ein Zeichen dafür, dass es für die Russen etwas sehr Persönliches ist, kein von oben befohlenes Gedenken, was es, muss ich sagen, in der Sowjetunion zum Teil war. Was die andere Seite angeht, diese durchorchestrierte Militärparade, die von deutschen Medien noch mehr verspottet und als Machtdemonstration kritisiert wird. Also erstens: Ich würde mir nicht anmaßen, fremde Gedenkkulturen zu beurteilen, vor allem nicht aus einem Land, das dem anderen vor 80 Jahren so viel Leid, Tod und Schmerz zugefügt hat. Ich würde es einfach so annehmen, wie das die Russen für sich machen. Und zweitens muss man natürlich beachten, dass eben die Soldaten dieser Armee, die da über den Roten Platz paradiert, Nachfolger jener sind, die den eigenen Vielvölkerstaat, die Europa, die europäischen Juden und auch die Deutschen gerettet haben. Sonst wäre hier die meistgedruckte Zeitung bis heute Der Stürmer.

Die Feiern in Russland entsprechen vielleicht nicht den Vorstellungen der Deutschen, aber es ist eine andere Kultur.

Ivan Rodionov ist Chefredakteur von RT Deutsch

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