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Aus: Literatur - Buchmesse Leipzig, Beilage der jW vom 11.03.2020
Politische Theorie

Ein Dogmatiker der Vernunft

Urteile gegen den Nihiliberalismus: Texte des britischen Poptheoretikers Mark Fisher in dem Band »k-punk«
Von Jakob Hayner
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Nein, ich bin nicht tolerant. Nein, ich möchte nicht mit Liberaldemokraten, Pomo-Sophisten, Meinungsbildnern, Sklaven des Fleisches, Hedonisten, Menschewisten und Individualisten ›diskutieren‹ oder ›in einen Dialog treten‹ …« Es ist eine der Gemeinheiten des Spätkapitalismus, das Denken neutralisiert zu haben im Einheitsbrei der Meinungen. So bleibt das Entscheidende ausgespart, das Urteil. Das erst evoziert Handlungen. Wer nicht urteilt, will nichts verändern.

Gegen den liberalen Relativismus, dem alles gleich – nämlich gleich verächtlich – ist, steht das lebendige kritische Denken des Theoretikers und Bloggers Mark Fisher (1968–2017). Wenn der Begriff des »organischen Intellektuellen« in einer Zeit der Billigdienstleister und Drittmitteleintreiber noch einen Sinn ergibt, dann in einer Haltung wie seiner. Fisher machte seine allseitige Bildung nicht zum Ausweis für Gelehrigkeit, verweigerte sich der »sozialer Aufstieg« genannten Unterwerfung unter die herrschende Klasse, die im Akademikermilieu auch ohne Aufstieg weiter praktiziert wird.

Fisher beschönigte weder die eigene miese Lage noch die der Welt. Mit seinem sensiblen Sensorium betrieb er, was Marx die »rücksichtslose Kritik alles Bestehenden« nannte. Die nun erschienene Sammlung von ausgewählten Schriften – vor allem Blogeinträgen – von 2004 bis 2016 unter dem Titel »k-punk« zeigt Fisher als aufmerksamen Leser, klugen Hörer und präzisen Beobachter, der seine geschulten Sinne für eine exemplarische Haltung zur Welt einsetzte. Er gab das Beispiel, wie ein »linker Modernismus« und ein »roter Reichtum« herzustellen sei, antizipierte beides in seinem Denken. Ohne aus der Erfahrung gewonnene Urteile geht es nicht, sie unterscheiden die herrschende von einer besseren Praxis. Solcher Dogmatismus gehört zur Aufklärung. »Wir Dogmatiker« heißt Fishers Text, dem das Zitat zu Beginn entnommen ist.

Fisher war, wie der befreundete Kulturjournalist Simon Reynolds in seinem Vorwort zu »k-punk« schreibt, ein Überbleibsel der einst hochentwickelten und zwischenzeitlich abgewickelten Musikkritik. Einer, der mit seinem Blog k- punk – für Kybernetik und Punk – eine Freiheit des Denkens propagierte, die aufgrund des Verwertungsdrucks weder in Medien noch Hochschulen mehr zu finden war. Die Verbindung von Pop und Theorie war für den 1968 Geborenen noch naturwüchsig, ein Kampfposten der politischen Linken in der Folge des Verlusts der industriellen Machtbasis.

Wer im Spätkapitalismus nicht die falsche Integration durch Kultur bekämpft, hat schon verloren. Im Genre des Populären war Fisher dabei nichts unzugänglich, mit dem Werkzeug von Psychoanalyse und Marxismus ist alles entschlüsselbar – mit ebenso überraschenden wie überzeugenden politischen Urteilen. Von den »Batman«-Filmen über die von David Cronenberg zu J. G. Ballard, Margaret Atwood, ­Siouxsie and the Ban­shees oder The ­Cure – Fischer brachte Superheldenfilme, Science-Fiction und Punkmusik mit der Kritik des Spätkapitalismus von Slavoj Zizek und Jean Baudrillard zusammen, ohne dabei ähnlich verschwurbelt zu sein. Pop bedeutete für Fisher Negativität, zu verneinen und zu vernichten, wie er in »Ist Pop untot?« schrieb – ein die Formen dieser Welt erschütterndes Begehren nach einer anderen Gesellschaft. An Punk schätzte er den Glamour, das spielerische Überschreiten der Realität und die Ablehnung des Geknechteten. Im Kultivieren des Möglichkeitssinns sah Fisher eine geheime Affinität zwischen Arbeiterklasse und Aristokratie – gegen das Bürgerliche und gegen den Romantizismus. Puritanische Selbstbeschränkung, auch im Gewand der »Pomo-Romantik-Kultur«, lehnte er ab. Befreiung war sein Ziel, nicht Integration durch Unterwerfung und Verzicht.

»k-punk« enthält ausgewählte Texte eines Sammelbands englischer Sprache, Robert Zwarg hat eine gut lesbare Übersetzung angefertigt. Unterteilt sind die 600 Seiten in sechs Abschnitte: Bücher, Film und Fernsehen, Musik, politische Schriften, Reflexionen und die unvollendete Einleitung des Buchs »Acid Communism«, an dem Fisher, der sich Anfang 2017 das Leben nahm, zuletzt arbeitete. Der Zentralbegriff, um den nahezu alle Texte kreisen, ist »Kapitalistischer Realismus«. 2009 hat Fisher ein Buch mit diesem Titel veröffentlicht. Das Begriffspaar steht für das Verschwinden des Möglichkeitssinns, den Zerfall der Klasse, die Zerstörung des Klassenbewusstseins und die Austreibung des Gespensts einer Welt, die frei sein könnte. Mit Thatchers Sieg über die Linke und die Gewerkschaften 1984/85 wurde – nach Fisher – der kapitalistische Realismus mit seiner Parole »­There is no alternative« durchgesetzt, zu seiner Vorgeschichte gehörte der Putsch in Chile 1973. So nähert sich die liberale Ideologie ihrem Ziel: unsichtbar und damit unangreifbar zu werden.

Im letzten Eintrag seines Blogs beschreibt Fisher Donald Trump und Boris Johnson als Folge des kapitalistischen Realismus, als Wiederbelebung des Phantastischen für den Erhalt des Bestehenden, eine weitere List der Unvernunft. Das könnte man einen kapitalistischen Surrealismus nennen, am Übergang vom Neoliberalismus zum Nihiliberalismus, wie Fisher es nannte. Die Kritik der politischen Ökonomie ergänzte er um die Kritik der libidinösen Ökonomie. Herrschaft ist auch die Kontrolle über die Wünsche und Träume der Beherrschten. Fisher schätzte den Philosophen Spinoza, der sich fragte, warum die Menschen für ihre Knechtschaft kämpfen, als ginge es um ihr Heil. An dieser Frage kommt keine Linke vorbei. Eine weitere Folge des kapitalistischen Realismus war für Fisher der Neoanarchismus, ein romantischer Politaktionismus, der sich an den eigenen Gesten oberflächlicher Widerständigkeit berauscht.

Das Begehren nach einer Welt, die frei ist, war für Fisher unabdingbarer Teil des revolutionären Klassenbewusstseins. Er verteidigte Lacan lesende Hipster auf Demonstrationen gegen die Austeritätspolitik. Statt Klassengrenzen zu zementieren, sollten sie verflüssigt werden. Gegen eine liberale Identitätspolitik stellte er die proletarische Politik der Deidentifizierung. In seinem Text »Raus aus dem Vampirschloss«, den wirklich jeder gelesen haben sollte, der über Klassen- und Identitätspolitik diskutieren will, zeigt Fisher die katastrophalen Folgen der grotesken Schuld-und-Scham-Rituale für die politische Subjektivität der Linken auf. Statt Solidarität wird Angst und Misstrauen propagiert, Humor wird gänzlich verbannt. Nur noch exkommunizieren, bestrafen, verurteilen, privatisieren, individualisieren. Es ist »von enormer Wichtigkeit, Identitätspolitik abzulehnen und anzuerkennen, dass es keine Identitäten, sondern nur Begehren, Interessen und Identifikationen gibt«, heißt es in dem Text.

Die Interessen und die Leidenschaften, für Fisher war beides entscheidend. Mit »k-punk« liegt nach »Gespenster meines Lebens« und »Das Seltsame und das Gespenstische« sowie »Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?« eine glänzende Auswahl seiner Texte vor, die von dem Gedanken getragen sind, dass man den Niedergang des Bewusstseins zunächst erkennen müsse, um ihn dann umzukehren. Und dass der Kommunismus cool, sexy und proletarisch sein müsse. Die Wiederentdeckung des Möglichen wäre ein anderer Titel für dieses Anliegen.

Mark Fisher: k-punk. Ausgewählte Schriften (2004–2016). Edition Tiamat, Berlin 2020, 624 Seiten, 32 Euro

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