Gegründet 1947 Mittwoch, 26. Februar 2020, Nr. 48
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Aus: Liebknecht-Luxemburg-Ehrung, Beilage der jW vom 11.01.2020

Warum konfrontative Literatur?

Ein Programm. Von Mesut Bayraktar
Von Mesut Bayraktar
Bauarbeiter_62757635.jpg
»Mit jedem Schritt konnte er umknicken und stürzen.«

I.

Weil sie am wirklichen Menschen den Charakter der menschlichen Praxis demonstriert.

Das Brandeisen sozialer Erniedrigung hat mir als Jugendlicher eine unvergessliche Erinnerung in das Gedächtnis gedrückt. Ich kam von der Schule und aß im Wohnzimmer. Mutter hatte das Essen zubereitet. Als ich ein Stück Brot in die heiße Suppe tunkte, zog Vater seine Jacke an und nahm eine Dose mit Brot und Käse von Mutter entgegen. Er verabschiedete sich und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Er musste die Spätschicht antreten, wo er sich dem Zwang von Maschinen und den Befehlen der Vorarbeiter des Kapitals zu unterwerfen hatte. So konnten wir uns Brot, Käse, Suppe und ein Dach über dem Kopf leisten. Nichts war auf ewig garantiert. In jeder Hinsicht ahnte ich mit achtzehn Jahren, dass wir Geduldete sind. Den Grund kannte ich noch nicht. Ich war naiv – unverzeihlich naiv. Während ich den Löffel aus dem Mund zog, blickte ich aus dem Fenster und bemerkte die schiefe Haltung von Vater. Zwischen den Mietgaragen, die wir uns nicht leisten konnten, warf er seinen rechten Fuß mit einer Eigenart nach vorn, als wäre sein rechtes Bein knieabwärts aus Pappe. Vorher war es mir nie aufgefallen. Mit jedem Schritt konnte er umknicken und stürzen. Das erschütterte mich. Ich spürte eine Mischung aus Scham und Wut. Ich erkannte, auch die Stärke Vaters ist verletzlich. Dann verschwand er am Ende der Garagenreihe.

Was hat das mit konfrontativer Literatur zu tun? Das konfrontative Moment war die Art, wie mein Vater seinen rechten Fuß nach vorne warf. Es war eine konfrontative Geste. Es war eine Chiffre der Einkörperung der sozialen Gewalt. Dreißig Jahre Arbeit in der Metallindustrie wurden mit drei Bandscheibenvorfällen bezahlt, die zur Taubheit der rechten Wade führten. Trotzdem ging er, musste er zur Arbeit, wo sein Körper als Warenform verstümmelt wurde. An dem Gang meines Vaters spiegelte sich ein Aspekt menschlicher Praxis wider, die meinen Vater und seinesgleichen seit Jahrzehnten ausplündert. Dieses konfrontative Moment kann man zu Literatur machen. Unter diesem Gesichtspunkt ist Literatur ein Medium sozialer Wahrheit.

II.

Sprache ist Mitteilung. Sie ist die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens. Sie ist Verständigung. Sie stiftet das Gemeinsame unter Besonderen. Insofern ist sie gemeinschaftsstiftend. Die Lüge ist nur möglich, da der Bereich der Verständigung schon vorausgesetzt wird. Wie soll ich lügen, wenn man mich nicht versteht?

Das ist die eine Seite der Sprache. Hier siegt sie, darauf vertrauend, dass Wort und Sache sich entsprechen können. Sie hört auf, idealistisch zu sein, wenn sie dabei kritisch durchschaut, dass die Wirklichkeit seinsmächtiger ist als die Sprache: Unausgesprochenes ist da, auch ohne ausgesprochen zu werden. Etwas existiert nicht erst durch das dekretierte Wort. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist nicht hergestellt, weil es im Gesetz steht. Aller Idealismus scheitert an der Realität.

Die Sprache hat noch eine andere Seite. Sprache kann aufklären. Sie kann verschleiern. Sie kann entbergen, aber auch verbergen. Sie kann sinnenthüllend sein, aber auch ihren Sinn an sich selbst aufheben. Diese Seite ist ihre Negation. Sie muss nicht, kann aber unredlichen Absichten entspringen. Trotz redlichen Bemühens kann eine Aussage scheitern, also ihr Sinn nicht vermittelt werden. Es bleibt Schweigen, und Schweigen ist die Marschmusik des Kriegs aller mit allen. Schweigen trennt. Entgegen dem Gemeinsamen, das Sprache stiftet, folgt aus dem Versagen und der Negation der Sprache das Einsame, Vereinzelte, Verlorene, Unverständige, kurz: die Niederlage und Stille. Das ist die immanente Dialektik von Sprache. Sie ist Mitteilung und Enthüllung als auch Verhüllung und Trennung zugleich.

Literarische Sprache weiß um diesen Tatbestand, zumindest ernst zu nehmende. Sie ist bewusste Sprachgestaltung, die gleichzeitig verfremdend vorgeht. Gerade das ist das Poetische. Ein literarischer Schriftsteller bewegt sich zwischen Macht und Ohnmacht der Sprache. Das Bekannte wird fremd, um seine vergessenen Bedeutungen zutage treten zu lassen, sodass der Bedeutungshorizont von Welt erkannt und erweitert wird. Daher geht es der Literatur nicht bloß um die Bedeutung von Wörtern, sondern um die Freilegung des Zusammenhangs dessen, was mit Wörtern bedeutet, angedeutet und gedeutet wird: Lebensgehalte und Wirklichkeiten.

Konfrontative Literatur interessiert sich für die Ohnmacht der Sprache insofern, als sie diese mit den Mitteln der Sprachmacht bekämpft. Sie geht formbildend vor. Sie kreiert Sprache.

III.

Konfrontation ist das Gegenüberstellen von Nichtübereinstimmendem. Konfrontative Literatur stellt das Austragen eines Konflikts zwischen Meinungen, Standpunkten, Sachverhalten, Personen, sozialen Räumen, Klassen im Geschriebenen dar. Sie ist niemals monokausal. Anders als Populärliteratur produziert sie nicht einen virtuellen Schein, der über einen realen Widerstreit hinwegtäuschen soll oder der den realen Widerstreit abflacht, um schließlich in falschen Frieden zu münden. Das steigert den Profit der Kulturindustrie, verweigert aber Erfahrung von Welt. Konfrontative Literatur provoziert hingegen die faktisch vorhandene Unversöhnlichkeit, damit sie real angegangen wird. Das tut sie im ästhetischen Schein, nicht selten mit realistischen Allegorien. Kulturindustrie und falschem Frieden setzt sie Gegenkultur und Gegengeschichte entgegen.

Konkrete Utopie ist nicht utopistisch. Es geht um den Vorrang des Inhalts, des Lebendigen, der Praxis. Diese werden konfrontiert mit dem Ausdruck, der Poesie, der Sprache und zwingen zur Korrektur und Erweiterung von letzteren. Nur die Konfrontation ist wahr. Alles andere ist Quark.

IV.

Vor dem Geschriebenen sitzt der Leser, der Augen und Vorstellung auf den literarischen Text heftet. Hier zeigt sich die doppelte Konfliktachse von konfrontativer Literatur. Während auf der einen Seite im Geschriebenen eine Konfrontation dargestellt wird, wird der Leser gleichzeitig mit derselben konfrontiert. Vom Standpunkt des Lesers aus handelt es sich um die Konfrontation der Konfrontation. Erst wenn beide Ebenen miteinander wohlvermittelt sind, erst dann lässt sich von konfrontativer Literatur sprechen.

Es gibt literarische Gattungen, die ohne Konfrontation aufhören zu existieren, so etwa das Drama. Mich interessiert die gattungsübergreifende Mobilmachung des Konfrontativen für die Literatur. Es geht um die Schwierigkeit, literarisch die Anwesenheit eines scheinbar Abwesenden zu produzieren. Wie gelingt es mir, dem Leser, der immer alleine liest, zu vermitteln, dass er nie alleine ist? Wie zeige ich ihm, dass er erst in der Gesellschaft und nicht außerhalb von ihr Individuum ist? Welche sprachlichen Herausforderungen muss ich meistern, damit der Leser erkennt, dass der Staat sich in seinem Wohnzimmer aufhält und die Klassengewalt seinen Rücken krümmt? Welche Mittel kann ich benutzen und welche muss ich entwickeln, um die existentielle Angst des Lesers in Zusammenhang mit Hartz IV zu bringen, die den Geist in Einzelhaft einsperrt? Wie weit darf die Erschütterung des Lesers gehen, wenn sie eine schöpferische Einfühlung bewirken soll, welche den Charakterpanzer sozialer Scham sprengt, damit der nach innen gerichtete Zorn nach außen bricht? Wo verbinde ich Einfühlen und Eindenken? Ist ein Eindenken des Lesers in Vergangenes möglich, um das Gewordensein seiner Gegenwart zu bewältigen? Wo verlasse ich die Gedanken und das Tun einer literarischen Figur, um mit ihm den Leser darauf aufmerksam zu machen, dass seine Gedanken und sein Tun hinter seinem Rücken vom Wertgesetz präpariert werden? Wie wird für den Leser erfahrbar, dass ein Arbeitszeitgesetz oder das Rentenbeitrittsalter den Körper kaputtschlägt, aus dem es Mehrwert abdrückt? Wie kommuniziere ich, dass Stärke dort beginnt, wo Gefühle, Verletzungen und Schwächen ausgedrückt werden? Mit anderen Worten: Wie bewerkstellige ich es, dass der Leser Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung persönlich nimmt?

Eins steht von vornherein fest. Zur Sprache müssen die Sprachlosen kommen, die im Fadenkreuz von Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung stehen: Die unterdrückten Klassen, lokal wie global. Darin ist konfrontative Literatur sprachgebend, nicht Selbstzweck. Sie verabscheut Geschwätz und Gerede.

V.

Die literarischen Subjekte in konfrontativer Literatur sind die Besiegten, die Geschlagenen, die Gedemütigten. Schon früh sind diese Subjekte in den Index der Literatur eingegangen, wenn auch unterschwellig. Aus den Balladen von François Villon ist der frühproletarische Spottgesang der Beherrschten zu hören, die sich im Spätmittelalter über den untergehenden Klerus und Adel lustig machen, während sie zugleich über die Machenschaften der aufkommenden Kaufleute und Bürger klagen. Dennoch sind auch hier der Vagant, der Kriminelle, der Pauper, der Bauer, die Magd, die Dirne, die Besitzlosen keine literarischen Subjekte. Sie sind nicht Träger von literarischen Fabeln. Sie haben keine eigenen geschichtstragenden Motive, Instinkte oder Empfindungen. Sie sind Statisten. In der gesamten Geschichte sind literarische Fragmente zu finden, die auf den Umriss der Beherrschten als literarisches Subjekt hindeuten. Dennoch bleiben sie durch und durch Objekt der Mächtigen, selbst in der weltepochemachenden und beispiellosen attischen Dichtung, in der Konflikte von universeller Tragweite verhandelt werden, die uns bis heute etwas zu sagen haben. Auch hier ist der Sklave stummes Ding.

Erst im 19. Jahrhundert betraten die Geschlagenen die Bühne der Literatur, so etwa in den Romanen von Fjodor Dostojewski, Émile Zola oder Charles Dickens. Doch im 20. Jahrhundert drangen sie als literarische Subjekte in die Literatur ein, ohne bloß Leidende und Klagende zu sein, die das moralische Gefühl der bürgerlichen Sklavenherrn berühren sollten. Erstaunlich ist, dass diese literarischen Subjekte ab den 1990er Jahren spurlos verschwinden, plötzlich, wie nach einem Attentat. Sie leben nur noch in einem »Es-war-einmal« und mit jedem »Es-war-einmal«-Satz in der Literatur von heute spüre ich den Tritt, den man mir, meinem Vater, meiner Mutter, meinen Brüdern, meinen Freunden, meiner Klasse versetzt. Hier muss sich konfrontative Literatur fragen: Wer sind die Besiegten heute?

Aus dieser Frage sind die Figuren für konfrontative Literatur zu entwickeln. Man muss investigativ vorgehen, sich in die Welt stürzen, die wirklichen, lebendigen, handelnden, leidenden Menschen aufsuchen. Sie ins Auge fassen. Sie drängen sich auf. Sie wollen Sprache. Sie wollen Gehör. Sie sind real. Sie atmen.

VI.

Eine Ästhetik des Widerstands ist eine Ästhetik der Konfrontation. Davon zeugt eine tief humane Tradition, die nach Anknüpfung verlangt. Um einige Beispiele zu nennen: In »Früchte des Zorns« verhandelt John Steinbeck die Enteignung von Kleinbauern in Oklahoma und entlarvt mit der Proletarisierung der Familie Joad die Ideologie des American Dream. »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers konfrontiert den Leser mit der Barbarei faschistischer Gewalt und zeigt mit Georg Heisler, der aus dem Konzentrationslager Westhofen bei Worms mit sechs Mitgefangenen ausbricht, dass der Widerstand stärker als das Verbrechen ist. Bertolt Brecht verhandelt in »Mann ist Mann« den Krieg. Die Verwandlung von Mehrwert in Kapital erzwingt die Verwandlung des Packers Galy Gay in einen fanatischen Soldaten. In »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« thematisiert Brecht wiederum das Inferno des kapitalistischen Produktionsprozesses. Maxim Gorki zeigt vor dem Hintergrund der russischen Revolution von 1905 bis 1907 in seinem Roman »Die Mutter«, wie Pelageja Nilowna und ihr Sohn Pawel im Klassenkampf zu Persönlichkeiten ihrer Klasse werden. James Baldwin schildert in »Sag mir, wie lange ist der Zug schon fort«, was Rassismus real für den in Harlem aufgewachsenen Schauspieler Leo Proudhammer bedeutet. Peter Hacks entlarvt in »Columbus oder: Die Weltidee zu Schiffe« die Legende von der Entdeckung der neuen Welt als die Perpetuierung der alten unter den Vorzeichen des Kolonialismus und des Sklavenhandels, die der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals Vorschub leisten. Peter Weiss liefert mit der »Ästhetik des Widerstands« den Beweis, dass die Phantasie so lange lebt, so lange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt.

In dieser endlosen Bibliothek steckt ein lebendiges Erbe. Ihnen allen ist die Lust an der Konfrontation gemeinsam. Konfrontation ist Frische, ist Morgenluft. Sie alle betrachten die Hochkultur von unten. So sehen sie, wer die Kultur trägt und auf wem sie lastet. Sie alle aktualisierten das konfrontative Moment, das ihrer Literatur den Pulsschlag gab. Ohne dieses konfrontative Moment ist Literatur würdelos.

Aus der unvergesslichen Erinnerung über den konfrontativen Gestus meines Vaters lässt sich ein Roman schreiben. Er muss geschrieben werden. Er braucht konfrontative Sprache.

Mesut Bayraktar, Jahrgang 1990, ist Schriftsteller. Er gründete 2013 mit anderen Nous. Zeitschrift für Neue Literatur, deren Redakteur er ist und die ihren Beinamen mit der aktuellen Ausgabe in »Konfrontative Literatur« ändert. Für die Taz schreibt er das Blog »Stil-Bruch«. 2018 erschienen das Theaterstück »Die Belagerten« und der Roman »Briefe aus Istanbul« (Dialog-Edition). Er ist Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg und sprach am 8. Juni 2019 auf der ­Melodie & Rhythmus-Künstlerkonferenz.

Mehr aus: Feuilleton