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Aus: DDR, Beilage der jW vom 05.10.2019
70 Jahre DDR

Endlich mal im Gefängnis

Am 7. Oktober 1949 vorm französischen Militärgericht in Berlin-Tegel. Und: Die Deutsche Bank im Nazireich. Ein Aktenfund im Jahr 1967
Von Eberhard Czichon
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Gegen den NATO-Doppel»beschiss« zur Stationierung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa: FDJ-Friedensdemonstration in Dresden 1982

Ich wohnte weiter in Tegel-Süd und arbeitete noch immer in unserer FDJ-Gruppe im Jugendheim Billerbecker Weg mit. Am 8. Februar 1948 war Aufbautag der Berliner Jugend. Wir schippten am Gendarmenmarkt den Schutt weg und ließen uns dabei stolz fotografieren. Die FDJ-Arbeit in Westberlin wurde komplizierter, und FDJler wurden von der Stumm-Polizei (benannt nach Johannes Stumm, dem Westberliner Polizeipräsidenten) herb behindert. Aber es gab Ausnahmen. Auf dem Polizeirevier 293 in Alt-Tegel, Medebacher Weg, arbeiteten auch SPD-Genossen, die uns nicht bedrängten. Von anderen Polizisten wurden wir bei Flugblattverteilung oder spontanen Demonstrationen »zwangsgestellt«. Bei einer Zwangsstellung durften uns die Polizisten höchstens 24 Stunden auf dem Polizeirevier festhalten. Mehr als unsere Personalien erfuhren die Polizisten ohnehin nicht. Unser Aufenthalt auf der Wache war aber auch für sie kompliziert, denn wir veranlassten sie immer wieder, mit uns zu diskutieren.

Meine erste Zwangsstellung erlebte ich im Februar und die zweite dann im März 1948. Natürlich war meine Mutter immer beunruhigt, wenn ich abends nicht nach Hause kam, und sie suchte mich dann. Zu dieser Zeit war ich ja noch nicht volljährig. So blieb der polizeiliche Aufenthalt immer sehr kurz, zumal meine Mutter auf dem Revier gegen meine Zwangsstellung heftig protestierte. (…) Im Februar war ich von der Polizei der französischen Sicherheitspolizei in Waidmannslust überstellt worden. Ich hatte Flugblätter verteilt und kam vor den Jugendoffizier, der mich verhörte. Wir hatten die Anweisung, keine Angaben über die FDJ in Westberlin zu machen. Doch der Offizier war freundlich und sprach unvermittelt mit mir über unsere FDJ-Arbeit, wie man sie interessant machen muss und darüber, dass die FDJ ruhig mit den Falken zusammenarbeiten sollte. Ich war zunächst verblüfft und witterte eine Provokation. Dann aber entließ er mich, ich konnte nach Hause gehen. Mein erster Weg war zur FDJ-Kreisleitung, um sie über diese sonderbare Unterredung mit dem Offizier der Besatzungsmacht zu informieren. Ich verkündete aber keine Neuigkeit. Sie kannten ihn, er war ein Genosse der FKP. (…)

Die West-(B-)Mark

Am Abend des 18. Juni 1948, es war ein Freitag, leiteten die drei Militärgouverneure der Trizone mit dem Gesetz zur Neuordnung des Geldwesens die Spaltung Deutschlands ein. (…) Die neue Währung erhielt per Sonntag, 20. Juni 1948, Rechtskraft. Die neuen bunten Geldscheine waren seit Monaten geheim in den USA gedruckt worden. Die Deutsche Wirtschaftskommission (die DWK war seit 1947 die zentrale Verwaltungseinrichtung in der Sowjetischen Besatzungszone – SBZ, jW) verfügte ihrerseits am Montag, dem 21. Juni, für die SBZ eine eigene Währungsreform. Dazu hatte am Mittwoch, dem 23. Juni, der Befehlshaber der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), Wassili Danilowitsch Sokolowski, den Befehl 111 erlassen, wonach ab 24. Juni auf dem Gebiet der SBZ und in Groß-Berlin neue Geldscheine einzuführen sind, das waren Reichsmark und Rentenmark mit aufgeklebten Spezialkupons. In diesen Tagen wurden alle Lehrlinge der Deutschen Düngerzentrale (DDZ, Eberhard Czichon erlernte dort im sowjetischen Sektor Berlins den Beruf des Großhandelskaufmanns, jW) und auch verschiedene Angestellte in gesicherten Räumen der DWK, die sich im Hause des alten Reichsluftfahrtministeriums in der Leipziger Straße befanden, zum »Kuponkleben« eingesetzt. Ich erinnere mich, dass wir tagelang unter strenger Aufsicht die alten Geldscheine bekleben mussten. Sokolowski hatte die Einführung der »Kuponmark« auch für Westberlin befohlen. Die Westberliner Kommandanten sahen das anders und führten ab 24. Juni die »Westmark« auch in ihren Sektoren ein, mit einem dekorativen »B« versehen, worauf die SMAD beanspruchte, die Zufahrtsstraßen nach Berlin zu kontrollieren, und versicherte, alle Sektoren mit Lebensmitteln zu versorgen. Das galt als Blockade Berlins. Uns wurden in Westberlin 70 Reichsmark sofort im Verhältnis 1:1 pro Person umgetauscht. Über Ersparnisse, die anzumelden waren, verfügten wir nicht. Mein Lehrlingsgeld wurde mir lange nicht in DM umgetauscht, obgleich ich in Tegel-Süd weiterhin meinen ständigen Wohnsitz hatte. Alle Lebensmittel mussten wir in den folgenden Wochen im Ostsektor einkaufen. (…)

Die Lebensbedingungen waren für mich in der Stadt mit zwei Währungen kompliziert. Ich lernte im sowjetischen Sektor, wohnte aber im französischen, also in Westberlin. Da ich keine Westmark bekam, konnte ich nur mit der S-Bahn zur Lehrstelle fahren, deren Fahrkarten gab es für »Ostmark«. Das bedeutete, dass ich von Tegel-Süd jeden Morgen zum S-Bahnhof Tegel laufen musste und abends natürlich wieder zurück. Das waren immerhin jeweils 30 Minuten. Für die S-Bahn konnte ich mir eine Monatskarte in Ostwährung kaufen. Das war eine gezielte Ausgrenzung für Westberliner, die im Ostsektor arbeiteten, während Ostberliner, die in den Westsektoren arbeiteten, ihren Lohn in der Westwährung erhielten. (…)

Friedenskundgebung

Es war am 1. Oktober 1949, als wir uns in Alt-Tegel auf dem Schlossplatz zu einer Kundgebung zur Unterstützung der Deutschlandpolitik der UdSSR treffen wollten. Als die Polizei massiv anrückte, gab die Kundgebungsleitung die Losung aus, uns zu zerstreuen und einzeln oder in kleinen Gruppen in Richtung Bahnhofsplatz zu gehen. Doch die Absicht war offenbar auch der Polizei bekannt geworden und der Bahnhofsplatz von ihr schon besetzt, bevor wir ankamen. Etwas ratlos gingen wir nach Hause. Da kam uns in der Brunowstraße ein Trupp Polizisten entgegen und stürzte sich auf uns, riss uns die Aktentaschen aus der Hand und nahm uns fest. Meine Aktentasche war leer, das nützte mir nichts. Wir kamen auf das Revier 293 und von dort umgehend zur Sécurité Publique. Die Sicherheitspolizei auf dem Edelhofdamm verhörte uns zwar formal, doch achtete sie nicht allzu sehr auf unsere Erklärungen und ließ uns umgehend in den Teil der Haftanstalt Tegel einliefern, der zur Verfügung der Militärverwaltung stand. Ich wurde erkennungsdienstlich behandelt (…) und in die Zelle 3432 eingesperrt. Am nächsten Tag kam meine Mutter. Sie hatte mich gesucht und auf dem Polizeirevier erfahren, dass ich »endlich mal im Gefängnis« säße. Sie brachte zu essen und nahm die Bitte mit, sich um einen Rechtsanwalt zu kümmern. Am nächsten Tag bekam ich eine Anklageschrift und den 7. Oktober als Verhandlungstermin mitgeteilt. Als wir dann am Freitag vormittag von Tegel abgeholt wurden, traf ich auch Walter Freedrich, Heinz Poersch und Werner Horstmann wieder, die mit mir verhaftet worden waren.

Ein Militärfahrzeug brachte uns zum Militärgericht. Dort kam plötzlich ein dicker Herr in schwarzer Robe, diskutierte freundlich französisch mit den Beamten und legte jedem von uns, ganz nebenbei, ein Formblatt vor, das wir unterschreiben sollten. Ich wusste nicht, was das für ein Formular war, und zögerte. Der »schwarze Mann« knurrte mich an, endlich zu unterschreiben. Etwas eingeschüchtert, doch weil auch die anderen unterzeichneten, unterschrieb ich zögerlich. Dann stellte sich der Robenträger, sich vergnügt weiter mit den Militärpolizisten französisch unterhaltend, vor: Er sei Dr. Kaul (Friedrich Karl Kaul, Berliner Rechtsanwalt und Antifaschist, jW) und werde uns verteidigen. (…) Der Verhandlungsraum war voll. Ich sah auch meine Mutter. Als Kaul sich dann als unser Rechtsanwalt vorstellte, wurde er zurechtgewiesen, dass er eine Vollmacht dazu brauche, übersetzt ins Deutsche. Nun begriff ich, was wir unterschrieben hatten: Kaul präsentierte dem Gericht die von uns unterschriebenen Scheine, und der Staatsanwalt wunderte sich sichtlich.

Kaul verteidigt

Die Gerichtsverhandlung wurde in französischer Sprache geführt und von einem Dolmetscher übersetzt, den Kaul hin und wieder korrigierte, was den Dolmetscher und auch den Richter etwas irritierte. Der Staatsanwalt hatte zwei Belastungszeugen, zwei Polizisten vom Polizeirevier 293. Einen kannte ich, er war Sozialdemokrat, der uns oft geholfen hatte. Der andere wurde als Klaus Krohne vorgestellt, 21 Jahre alt, ich kannte ihn nicht. Die Anklage lautete, wir hätten an einer verbotenen (Friedens-)Kundgebung teilgenommen und dabei Personen rechtswidrig behindert, die bei der Besatzung Berlins behilflich seien. Im Saal saßen Pressevertreter und viele Freunde von uns (auch von der FDJ-Gruppe der DDZ). Nach dem Vortrag des Militärstaatsanwalts zündete Dr. Kaul ein Feuerwerk von Fragen auf Deutsch und Französisch ab, dem ich zunächst nicht folgen konnte. Kaul sprach laut, und die Fragen kamen schnell. Dann korrigierte er den Staatsanwalt und machte eine Pause, in der er sich mit dem Rücken zum Gericht mit dem Blick auf uns und in den Gerichtssaal stellte. Nun verstand ich ihn, sein Auftreten war genüsslich und souverän. Und nun machte die Verhandlung auch uns Vergnügen. Krohne musste Kauls Fragen beantworten und zeigte gleich, wer er war. Er beschimpfte uns unter Eid als HJ-Gesindel. Kaul unterbrach ihn schneidend und fragte, wer von uns in der HJ gewesen sei. Ich war es nicht. Der Zeuge wurde vom Richter gerügt. Aber schnell wurde auch Freedrich zurechtgewiesen, als er auf eine Frage des Staatsanwalts antwortete, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass im französischen Sektor eine angemeldete Kundgebung zum Weltfriedenstag verboten worden sei. Nun wollte Kaul wissen, warum Freedrich eigentlich verhaftet worden war. Krohne, wieder sicherer geworden, sagte: Freedrich habe die Ruhe und Ordnung gestört, und das sei doch wohl ein Verhaftungsgrund. Kaul gab sich scheinbar geschlagen, um dann plötzlich doch noch zu fragen: »Sagen Sie uns bitte, wie er das gemacht hat. Hat er gebrüllt, laut Losungen gerufen oder randaliert?« Krohne irritiert: »Na, er ist herumgelaufen und hat immer geflüstert.« Bevor wir begriffen, welchen Unsinn Krohne da eben von sich gegeben hatte, konstatierte Kaul, es sei ihm neu, dass Flüstern im französischen Sektor die Ruhe und Ordnung störe. Im Saal brach Gelächter aus. Dann fragte Kaul weiter: Wie der Angeklagte Horstmann ihn nun tatsächlich in der Ausübung seines Dienstes behindert habe. »Hat der Angeklagte Sie festgehalten oder Ihnen gar ein Bein gestellt?« Krohne, recht verunsichert durch seinen ersten Eklat, antwortete: »So hat er mich nicht direkt behindert!« Kaul wieder: »Na, warum haben Sie ihn dann verhaftet?« Krohne nun völlig durcheinander: Weil er dem Freedrich gefolgt sei. Kauls Kommentar ging im lauten Gelächter des Publikums unter. Er fragte Krohne dann zur Verhaftung von Poersch: »Und warum wurde Herr Poersch verhaftet?« – Na, der sei verhaftet worden, »weil der uns schon früher einmal aufgefallen war«. Kaul stellte nun auf Deutsch und Französisch zusammenfassend fest, dass bei allen drei Angeklagten wohl kein triftiger Verhaftungsgrund vorgelegen habe, denn der eifrige Zeuge habe keinen genannt. Krohne konnte gehen. (…)

Nunmehr rief der Staatsanwalt den Zeugen für mich auf. Er kam nicht forsch und selbstsicher wie Krohne. Kaul fragte ihn zunächst, ob er wisse, warum Poersch nun eigentlich verhaftet worden sei, denn das habe sein Kollege nicht sagen können. Kaul bekam zur Antwort: Er wisse nur, dass Poersch der Polizei bekannt gewesen sei und eine Aktentasche bei sich getragen habe. Kaul beglückwünschte den Militärstaatsanwalt zu diesem wahrhaftigen Zeugen. Anschließend wollte er noch wissen, welcher Grund für die Verhaftung des Angeklagten Czichon vorgelegen habe. Der Zeuge sah mich an (ich weiß nicht, ob er mich erkannte) und sagte ganz ruhig, dass er im Einsatz gewesen sei, als ihm sein Vorgesetzter im Vorbeigehen zugerufen hätte: »Den da, den nehmen wir auch mit.« Er habe also nur einen Befehl ausgeführt. Wohin ich damals gehen wollte, könne er nicht sagen. Jedenfalls sei es die Richtung nach Tegel-Süd gewesen. Wieder ermahnte der Richter die Anwesenden im Gerichtssaal, Ruhe zu bewahren. Dann verurteilte er Freedrich, Horstmann und Poersch zu je einem Monat Militärhaft (in ihren Aktentaschen waren Flugblätter gefunden worden). Mich sprach er frei (meine hatte ich schon verteilt). Eine Urteilsbegründung gab es nicht. Ich verließ das Gericht am Mittag in Begleitung von Friedrich Karl Kaul, der sich über die Dummheiten von Krohne noch amüsierte und meinte, die drei Verurteilten hätten nun einen Monat einen verdienten »Urlaub«. (…) Am nächsten Tag fand der Fackelzug zur Gründung der DDR statt, die ich ja im Militärgericht versäumt hatte.

Hitlers Steigbügelhalter

In den ersten Januartagen 1967 begann ich im Deutschen Wirtschaftsinstitut in Berlin, in der Clara-Zetkin-Straße (heute Dorotheenstraße), mit der Zusammenstellung der Akten über die Deutsche Bank aus den Handbüchern der deutschen Aktiengesellschaften. Ich konnte nur am späten Nachmittag oder gar am Abend arbeiten, und die Bibliothekarinnen mussten die Folianten immer aus dem Keller anschleppen. Das war für sie eine schwere Arbeit. Daher schlugen sie mir nach einigen Tagen vor, ich solle mich in den Keller setzen, dort gebe es einen Tisch, und so könne ich aus den einzelnen Bänden in Ruhe abschreiben. Allerdings müsse das »unter uns« bleiben, denn es sei nicht gestattet, dass Institutsfremde sich im Keller aufhalten. Also ging ich illegal in den Keller. Um in den Raum mit den Handbüchern zu gelangen, kam ich in einen Vorraum in dem teils auf einem Regal und teils noch (wie mir schien) ungeordnet ziemlich viele Akten lagen. Neugierig hob ich eine auf und hatte zufällig eine Handakte von Hermann Josef Abs als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank in der Hand. Ich suchte sofort weiter und fand noch mehr Akten von Abs und der von ihm geleiteten Bankabteilung. Über die hier lagernden Bestände war ich ebenso erstaunt wie über ihre Menge. Dann fand ich auch Akten anderer Großbanken. (…) Sie gehörten nach dem Archivgesetz der DDR in das Deutsche Zentralarchiv in Potsdam. Ich war also auf einen illegalen Aktenbestand gestoßen. Doch der kam mir sehr gelegen. Ich rief am nächsten Tag Paul Neuhöffer (damals Geschäftsführer des Pahl-Rugenstein-Verlags in Köln, jW) an und besprach den Fund mit ihm. Wir verabredeten, dass ich mir die Akten im DWI-Keller näher ansehen und versuchen sollte, an Hand der Akten der Deutschen Bank einen Artikel für die Blätter für deutsche und internationale Politik über Abs und die Deutsche Bank in Nazideutschland zu schreiben. (…) Ich hatte wenig Zeit und konzipierte aus den Akten. Teilweise setzte ich ein Tonbandgerät ein, um die Dokumente bzw. Auszüge aus ihnen vorzulesen und sie zu Hause abzuschreiben. Für die zehn Wochen, in denen ich abends ungestört arbeiten konnte, kam eine ganze Menge mir unbekannten und historisch durchaus hochbrisanten Materials zusammen. (…)

Nach meinem ersten Artikel blieb der Skandal noch aus. Abs reagierte zuerst nur insofern, als er in Westberlin eine Detektei beauftragte, Erkundigungen über mich einzuziehen, nachdem ich ihn unter meiner alten Tegeler Adresse gebeten hatte, mir Fragen zu seiner Biographie zu beantworten. Meine Mutter teilte mir das aufgeregt mit. Als dann der zweite Artikel in den Blättern erschienen war, kam es doch zur Kollision mit dem kritisierten Großban­kier. Neuhöffer bekam Ärger mit einem seiner Herausgeber, Viktor Renner aus Tübingen, ein ehemaliger Justizminister von Baden-Württemberg. Abs beschwerte sich am 12. September 1967 bei ihm über beide Artikel, die »von Lügen strotzen« und »übelste Ostpropaganda« wären. Renner distanzierte sich sofort von den Blättern und schied daraufhin aus dem Kreis der Herausgeber aus. Neuhöffer bot dem Bankier am 9. Oktober eine Gegendarstellung an, die sehr interessant gewesen wäre. In seiner Antwort vom 18. November 1967 bat sich Abs zunächst Zeit bis Anfang 1968 dafür aus, um dann am 6. März 1968 über den Rechtsanwalt Wolfgang Büsselberg (Rechtsabteilung der Deutschen Bank) argumentieren zu lassen, er könne keine Erwiderung schreiben, ohne die Akten zu kennen, die Czichon benutzt habe. Das war ein Ausweichen, denn Abs wusste genau, an welchen Akten er bis 1945 gearbeitet hatte und bei seiner Flucht aus Berlin zurücklassen musste. Doch den dritten Teil meines Aufsatzes druckte Neuhöffer nicht mehr ab. Er erschien nur noch in einer linken Studentenzeitung. Aber offensichtlich war Abs damit erst einmal zufrieden.

Eberhard Czichon (geboren 1930) ist Historiker. 1967 stieß er in einem Archiv in Berlin (DDR) auf Handakten aus den Jahren bis 1945 von Hermann Josef Abs (1901–1994). Abs war von 1957 bis 1967 Vorstandssprecher der Deutschen Bank und galt als der einflussreichste Bankier der Bundesrepublik. Czichon veröffentlichte 1967 in Köln die Broschüre »Wer verhalf Hitler zur Macht?«. Gegen sein Buch »Der Bankier und die Macht. Hermann Josef Abs in der deutschen Politik« (1970) klagte Abs und gewann den Prozess. 1995 erschien eine überarbeitete Version bei Papyrossa in Köln. Derselbe Verlag publizierte auch den mit Heinz Marohn geschriebenen Band »Das Geschenk. Die DDR im Perestroika-Ausverkauf« (1999, Neuauflage 2009). 2010 veröffentlichte er zusammen mit Marohn im Wiljo-Heinen-Verlag »Thälmann. Ein Report«.

2017 legte Eberhard Czichon eine zweibändige Autobiographie vor, die in einer sehr kleinen Auflage im Selbstverlag erschien. Die Auszüge in dieser Beilage entnahmen wir dem ersten Band. Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

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