Der Schwarze Kanal
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Aus: Wein, Beilage der jW vom 03.07.2019
Wein

Reben unter Dampf

Der Klimawandel setzt dem Weinbau zu, das ist nicht mehr zu übersehen. Die Wissenschaft experimentiert mit Kohlendioxidventilatoren, Winzer probieren es mit neuen Sorten
Von Alexander Jürgs
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Umberto Boccioni: »Il bevitore« (Der Trinker), 1914

Ein Radweg führt durch die Geestlandschaft der Nordseeinsel Föhr. Grüne Wiesen liegen da, weites Land. Und plötzlich: ein Weinberg. Kein Hügel, sondern eine kompakte, flache Parzelle. Die Traubenstöcke stehen akkurat in Reih und Glied. Waalem nennt sich das Weingut, betrieben wird es von einem Landwirt und Viehzüchter. 2009 wurden die ersten Reben gepflanzt, zwei weiße Cuvées und ein Winzersekt sind im Angebot.

Weinbau in Nordfriesland? Das ist tatsächlich gar nichts so Außergewöhnliches mehr. Der Klimawandel sorgt dafür, dass die Weinanbaugrenze immer weiter nordwärts rückt. Früher markierte der 50. Breitengrad diese Grenze, weswegen er auch immer noch Weinäquator genannt wird, doch erfolgreiche Winzer gibt es längst auch in Schweden, Großbritannien und den Niederlanden. Rote Traubensorten wie Syrah oder Cabernet Sauvignon, die vor gar nicht so langer Zeit nur in Südfrankreich, Spanien oder Kalifornien in den Feldern standen, werden längst auch von deutschen Winzern kultiviert.

Der Weinbau galt bis vor kurzem als einer der wenigen Profiteure des Klimawandels. Mehr Wärme, mehr Geschmack in den Trauben, noch besserer Wein: So lautete die Formel. Doch immer mehr Zweifel machen sich breit. Der heiße Dürresommer von 2018 hat vielen Winzern einen Kraftakt abverlangt. Weinberge mussten mit viel Aufwand bewässert werden, von Ernteausfällen waren nicht wenige Betriebe betroffen. Heftiger Starkregen oder Hagel, die mit dem Klimawandel weiter zunehmen werden, setzen den Rebflächen heftig zu. Die Unsicherheit ist groß.

Ein Beispiel: der Riesling, die für die deutschen Winzer wichtigste Sorte. Die weißen Trauben sind anspruchsvoll. Allzu hohe Temperaturen tun ihnen nicht gut, Sonnenbrandschäden an den Beeren oder Pilzbefall sind die Folge. Und Riesling braucht Zeit, um zu reifen. Der durch den Klimawandel bedingte Temperaturanstieg führt jedoch dazu, dass immer früher geerntet werden muss. Schon ab Anfang September zieht es die Weinbauern mittlerweile ins Feld. Einer Sorte wie dem Riesling, einer sogenannten Cool-Climate-Sorte, fehlt durch die verfrühten Ernten die notwendige Zeit, um Geschmack zu entwickeln.

Wie die Zukunft der Rebsorte aussehen wird, erforschen mittlerweile sogar Wissenschaftler. Am Ortsrand von Geisenheim im Rheingau simulieren sie den Weinbau unter den Klimabedingungen des Jahres 2050. Kreisförmig angeordnet stehen zwischen den Reben Gerüste aus grauem Metall. Aus ihren grünen Köpfen entweicht Kohlendioxid, Ventilatoren verteilen das Gas. In unregelmäßigem Abstand, mal im Stakkato, mal mit Pausen, zischt es laut im Weinberg. Nicht bloß Riesling, sondern auch Cabernet Sauvignon wächst in der Versuchsanlage.

Das Experiment von Forschern der Hochschule Geisenheim soll klären, wie der Klimawandel die Trauben und den Wein verändern wird. Deshalb bekommt die Hälfte der Pflanzen eine erhöhte Portion Kohlendioxid ab. 20 Prozent mehr als der aktuelle Wert sind es, in Zahlen: 480 ppm, 480 Teile pro Million. Von einem solchen Volumengehalt des Treib­hausgases Kohlendioxid in der Luft gehen Klimaforscher in ihren Prognosen für das Jahr 2050 aus. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, ob mehr Kohlendioxid dazu führt, dass die Weintrauben anders reifen, ob sie anfälliger für Schädlinge werden, mehr Wasser benötigen oder ihren Geschmack verändern.

»Solch eine Forschungsarbeit braucht Zeit«, sagt Yvette Wohlfahrt von der Geisenheimer Hochschule. Mindestens ein Jahrzehnt sollen die Trauben per Freilandversuch beobachtet werden, erst auf lange Sicht werden die Ergebnisse wirklich aussagekräftig. Einige Veränderungen wurden trotzdem schon festgestellt. So wächst der Ertrag und die Trauben werden größer, wenn die Pflanzen eine erhöhte Menge Kohlendioxid abbekommen. Der Rieslingmost hat außerdem mehr Säure als üblich. Der daraus produzierte Wein schmeckt aber bislang trotzdem nicht schlechter.

Beim norddeutschem Weingut Waalem steht kein Riesling in den Feldern, auch kein Weißburgunder, Grauburgunder oder Silvaner. Der Föhrer Wein wird aus Johanniter und Solaris gemacht. Selbst eingefleischten Weinkennern sagen diese Sortennamen häufig nichts. Tatsächlich sind sie Exoten, Nischenprodukte. »Piwi-Sorten« oder »Piwis« werden sie genannt, weil es sich bei ihnen um besonders pilzwiderständige Neuzüchtungen handelt. Der Marktanteil dieser Sorten liegt bislang noch im Promillebereich. Doch er wächst.

Einer, der schon seit vielen Jahren mit Piwis arbeitet, ist der Freiburger Winzer Andreas Dilger. Zu seinem Beruf ist er durch Zufall gekommen. Mitte der 1990er Jahre war Dilger auf der Suche nach einem Schrebergarten. Er wollte ein bisschen gärtnern, eigenes Obst anbauen. Auf dem Land, das er erwarb, standen auch einige Zeilen Weinreben. Dilger behielt den kleinen Weinberg, lernte als Autodidakt die Kniffe des Weinbaus, kaufte bald eine zweite, dann eine dritte Rebfläche dazu. 2001 sattelte er auf Vollzeitwinzer um. In einem ehemaligen Straßenbahndepot in der Freiburger Innenstadt eröffnete er seinen Betrieb, seine Reben stehen nicht weit entfernt am Schönberg und am ­Lorettoberg. Vier Hektar bewirtschaftet Dilger, einen fünften will er bald bepflanzen, 25.000 Flaschen Wein produziert er pro Jahr.

»Dass ich ökologischen Weinbau betreiben will, war für mich selbstverständlich«, sagt Dilger. Von den ­Piwi-Sorten hat er durch die Arbeit des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg erfahren. Dort werden schon seit vielen Jahren Sorten entwickelt, die einen besseren Schutz gegen Pilze wie Falscher und Echter Mehltau oder Botrytis bieten. Ihre bessere Widerstandsfähigkeit erhalten sie dadurch, dass für sie klassische Weinsorten mit unempfindlichen Wildreben gekreuzt werden. Bronner, Merzling oder Souvignier gris wurden die Freiburger Züchtigungen getauft, ein Schnellschuss sind sie nicht: 30 bis 40 Jahre kann es dauern, bis eine neue Sorte ihren Weg in die Weinberge findet. Viele hoffen darauf, dass diese Züchtungen helfen, den Weinbau für den Klimawandel zu wappnen.

»Mich haben die neuen Sorten überzeugt, weil sie den Pflanzenschutz minimieren«, sagt Dilger. Seinem Anspruch, nachhaltigen Weinbau zu betreiben, kommen sie am nächsten. Verglichen mit einem Ökowinzer, der mit klassischen Weinsorten arbeitet, braucht Dilger nur etwa ein Fünftel der Menge an Pflanzenschutzmitteln. Und er muss seltener mit dem Traktor durch die Weinberge. Das schont den Boden, lässt mehr Biodiversität zu. Piwi-Sorten sind auch besser in der Lage, extremen Wetterphänomenen zu trotzen: Viele von ihnen haben härtere Schalen, überleben deshalb auch kräftigen Hagel. »Für mich war es logisch, beim Aufbau des Weinguts komplett auf die Piwi-Sorten zu setzen«, resümiert Dilger. »Ich wollte nicht der Zigtausendste sein, der anbaut, was alle anbauen.«

Viele Weintrinker sind skeptisch, wenn sie andere als die klassischen Sorten aufgetischt bekommen. Überzeugungsarbeit leistet Dilger durch Verkostungen. Am besten verkaufen sich seine Cuvées. Georges Blanc, Roter Georges und Georges Rosé hat er sie genannt – nach dem Freiburger Stadtteil St. Georgen. »Bei Cuvées sind die Käufer Fantasienamen gewohnt«, sagt der Winzer.

Sollten sich die Piwis irgendwann einmal durchsetzen, bedeutet das für eine Sorte wie den Riesling trotzdem nicht das Ende. Mindestens als Überbleibsel wird sie überleben. Eine mal mehr, mal weniger große Spur Riesling steckt in diversen Piwi-Sorten. Auch im auf Föhr wachsenden Johanniter. Er ist ebenfalls als Kreuzung des Freiburger Weinbauinstituts entstanden, in seinem Stammbaum finden sich Riesling wie Gutedel.

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