Aus: Literatur »1968«, Beilage der jW vom 13.06.2018

Eine Tomate für Krahl

Zweite Hauptstadt der Revolte: Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger bieten einen lesenswerten Überblick über Frankfurt am Main 1968

Von Ute Evers
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Springer schoss mit: Proteste vor der Frankfurter Societäts-Druckerei gegen die Auslieferung der »Bild« am Abend des 13.4.1968. Zwei Tage zuvor war Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt worden.

Es ist der 13. September 1968, Frankfurt am Main, Bundeskongress des SDS: Hans-Jürgen Krahl, der »Robbespierre von Bockenheim« und neben Rudi Dutschke wohl »analytischste und charismatischste Kopf der 68er«, wird Zielscheibe der wütenden Berliner Romanistik-Studentin Sigrid Rüger. »Genosse Krahl, du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!« ruft sie angeblich, eine Tomate trifft den Redner mitten ins Gesicht. Ein gewalttätiger Akt, zugegeben, der indes in Frankfurt mit zur Gründung des ersten Weiberrates führt.

In ihrem Buch »Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968« widmen der Frankfurter Rundschau-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert und der Grünen-Politiker Bernd Messinger den weiblichen 68ern ein eigenes Kapitel. Sie sollen nicht mehr hinter den Männern verschwinden. Tatsächlich bemühen sich die beiden Männer, das bis zum letzten Kapitel anders zu halten. Ihr Ziel ist, die Epoche nicht im Mythos verschwimmen zu lassen, wie es im Prolog heißt. Neben West-Berlin galt Frankfurt am Main als Hochburg der Studenten­revolte. Viele ihrer maßgeblichen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Anstöße hatten hier ihren Ursprung. Dennoch kommt »der ›offizielle Umgang‹ mit 1968 (...) teilweise einer Verleumdung gleich«, so die Autoren. Die Historikerin und SPD-Politikerin Frolinde Balser widmet in ihrer offiziellen Stadtgeschichte von 1994 »dem Bruch von 1968 genau zwanzig Zeilen«. Diese offensichtliche Leerstelle wollen Göpfert und Messinger füllen.

24 Zeitzeugen haben sie befragt, darunter frühere Aktivisten wie KD Wolff, 1967/68 Erster Vorsitzender des SDS, oder die Marxistin Irmelin Demisch, ab 1970 Mitglied in der KPD/AO. Aber auch Kulturschaffende kommen zu Wort, etwa Peter Härtling, damals Sprecher der Geschäftsleitung des S.Fischer Verlags, in dem viel linke Theorie erschien. Daniel Cohn-Bendit ist selbstverständlich auch dabei, sogar mit einem gesonderten Interview. Trotz dessen unbestrittener Wichtigkeit: Hier hätte man sich endlich einmal eine andere Stimme der 68er gewünscht, Dany le Rouge hat schlicht an Attraktivität verloren.

Die Autoren behandeln bekannte und weniger bekannte Ereignisse, blicken auch in die 50er Jahre zurück. An den legendären hessischen Generalstaatsanwalt und Nazijäger Fritz Bauer sowie den »Diplomaten«-Prozess, ein großes NS-Verbrechen-Strafverfahren, wird ebenfalls erinnert.

Eine historische Übersicht kann nie vollständig sein. Selbstverständlich ­fehlen auch Stimmen, etwa die von Jutta Ditfurth, immerhin Mitbegründerin der Grünen und Verfasserin einer Ulrike-Meinhof-Biographie, von beidem wird gesprochen. Akzeptiert man die Unvollständigkeit und relativiert das kühne Vorhaben, »die wirklichen Geschehnisse wieder in Erinnerung zu rufen«, ist der vorliegende Band eine bereichernde Lektüre für alle, die eine Übersicht der Frankfurter Ereignisse und ihrer kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Implikationen suchen.

Das Buch liest sich flüssig und verzichtet auf akademische Allüren. Mit seiner Mischung aus Berichten, Anekdoten, Schwarzweißfotos jener bewegten Epoche und eingestreuten Zitaten ist es lebhaft, auch wenn es von letzteren ruhig etwas weniger hätte sein können. Nicht alle Aussagen sind relevant. Möglicherweise finden Historiker oder ’68er-Experten in diesem Band nichts Neues, wie es der Würzburger Geschichtsprofessor Peter Hoeres in der FAZ beklagte. Doch werden Bücher nur für Spezialisten geschrieben? Das wäre ein großer Irrtum.

Claus-Jürgen Göpfert/Bernd Messinger: Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2017, 304 Seiten, 22 Euro

Die Autorin empfiehlt ergänzend den Klassiker:

Volkhard Brandes: Wie der Stein ins Rollen kam. Vom Aufbruch in die Revolte der sechziger Jahre. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main 1988, 200 Seiten, 9,90 Euro (nur noch beim Verlag erhältlich)


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