Aus: Literatur »1968«, Beilage der jW vom 13.06.2018

Wo ist das Geld?

Joe Hagan hat eine etwas verklatschte Biographie des Rolling Stone-Gründers Jann Wenner geschrieben

Von Frank Schäfer
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Rock ’n’ Roll: Eine Polizistin verprügelt eine Besucherin des Rolling Stones Konzertes am 14.4.1967 im Hallenstadion in Zürich

Im Sommer 1967 versucht der junge Berkeley-Student Jann Wenner, der noch nach den richtigen Gründen sucht, sein langweiliges Studium abzubrechen, eine Plattenkritik bei »High Fidelity« unterzubringen. »Hätte James Joyce elektrische Gitarre gespielt, hätte er wahrscheinlich ein Album wie ›Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band‹ aufgenommen«, schreibt er. Die Redaktion des Traditionsmagazins winkt ab – »prätentiöser Quatsch«.

»Prätentiöser Quatsch«

Ein paar Monate später, im November 1967, erscheint Wenners eigene kleine Rockzeitung. Genau zur rechten Zeit. Nicht erst »Sgt. Pepper’s«, schon Alben wie »Pet Sounds«, »Revolver«, »Aftermath« und »A Quick One« aus dem Jahr davor haben »Pop« zum »Rock« und damit zu einer ebenbürtigen Kunstform ausformuliert. Gleichzeitig konsolidiert sich eine eigene Jugendkultur, die gegen die kapitalistische, autoritätshörige, militaristische Konsensgesellschaft aufbegehrt. Rock ist das Movens dieser Bewegung, ihr wesentliches Integrations-, Motivations- und Selbstverständigungsmedium. Es braucht also endlich eine Publikation, die sich genau um solchen prätentiösen Quatsch kümmert – und zwar nicht mehr nur im Underground-Format, wie es der San Francisco Oracle, das Haight-Ashbury-Szeneblatt, oder Paul Williams’ Rockmagazin Crawdaddy praktizieren. Wenner will von Anfang an mehr. Er erkennt, dass die neue Counterculture längst ihre kritische Masse erreicht hat und sich zu einem Mainstream-Phänomen entwickelt, das kommerziell einiges Potential birgt. Und so erscheint die erste Nummer des Rolling Stone im augenzwinkernd spießigen Fleet-Street-Outfit, das abgesehen vom moderat hippiesken Titelschriftzug eher an die Londoner Times als an eine coole Hipster-Postille erinnert. Das konnte man als Ironie verstehen und als ein Bekenntnis zu absoluter Professionalität. Seine Autoren, anfangs vor allem Jon Landau und Wenners langjähriger Mentor Ralph Gleason, der mit seinen Kontakten, seiner Erfahrung und Reputation als Kritiker viele Wege ebnete, füllten diesen Anspruch mit Leben. Sie kannten sich aus und analysierten ein Album von Grateful Dead mit dem gleichen heiligen Ernst, als sei es ein Shakespeare-Drama. Sie befleißigten sich eines Idioms, das zwischen Szeneslang und akademischer Kunstkritik suggestive Brücken schlug, pflegten einen anständigen Bescheidwisser-Dünkel und hielten sich auch mit vernichtenden Urteilen nicht zurück. Zu scharf durften die dann aber auch nicht sein. Als Lester Bangs in späteren Jahren kübelweise Polemik vor allem über Althippies ausgoss, die Plattenfirmen vergrätzte und so die Anzeigenakquise behinderte, wurde er von Wenner kurzerhand ausgemustert.

Einmal Rockstar sein

Der Name sorgte zunächst für Missverständnisse. Sollte das ein Mitteilungsblatt des Fanclubs der Rolling Stones sein? In gewisser Weise war es das tatsächlich, die Hofberichterstattung über Jagger und Co. gehörte stets zum publizistischen Kerngeschäft des Rolling Stone. Schon die erste Nummer mit dem Leitartikel »Where’s the Money from Monterey?« (»Wo ist das Geld von Monterey?«), über das legendäre Open Air des vergangenen Sommers, formuliert aber auch einen weitergehenden Anspruch. Es gehe hier »nicht nur um die Musik«, schreibt Wenner im Editorial, »sondern auch um die Dinge und Haltungen, die mit dieser Musik einhergehen«. Und nicht zuletzt auch darum, diesen von Ehrgeiz zerfressenen, narzisstischen, herrschsüchtigen, von Kontrollzwang besessenen Jungen aus wohlhabendem Hause steinreich und berühmt, mithin selbst zu einem Rockstar zu machen.

Wenner hatte Joe Hagan eingeladen, seine Biographie zu schreiben, und ihm unbegrenzten Zugang zu seinem Privatarchiv gewährt. Mit dem nun vorliegenden Ergebnis soll er alles andere als glücklich gewesen sein. Das ist nicht ganz unverständlich. »Sticky Fingers« schildert ihn, gestützt auf unzählige Interviews mit (meistens ehemaligen) Freunden und Mitarbeitern, als großen Puppenspieler und Manipulator, der ein unglaubliches Talent besitzt, Menschen für seine Inte­ressen einzuspannen. Und der andererseits keinerlei Skrupel kennt, sie wieder auszusortieren, wenn sie dem Geschäft nicht mehr nützen. So hat er es nicht nur beim Mitgründer und einstigen Starautor Ralph Gleason gemacht, als dem die Anbiederung an den Mainstream zu weit ging.

Vom Business-Standpunkt aus gesehen lag Wenner richtig. Die Auflagen wuchsen, nicht zuletzt als er die Publikation 1981 zu einem Hochglanzmagazin ummodelte, um für die Lifestyle- und besonders die Autoindustrie eine attraktive Werbeplattform abzugeben. Die Zeitschrift erwirtschaftete Millionengewinne allein aus den Anzeigenverkäufen. Da machte es fast nichts, dass er in den folgenden Jahren Trends wie MTV, HipHop oder das Internet verschlief. Den Anschluss an die lebendige Jugendkultur verlor der ­Rolling Stone irgendwann in den Achtzigern. Wenner avancierte schließlich zu einer Art Gralshüter des Rock-Mythos. Mit einem Abo des Rolling Stone bot er seiner Generation und den interessierten Nachgeborenen die Möglichkeit, den alten Idealen verbunden zu bleiben. Und in dieser konservierenden, archivalischen Funktion verharrt die Zeitschrift im Grunde bis heute, auch wenn sie mit ihren politischen Kommentaren und Enthüllungsartikeln immer mal wieder einen Coup landet.

Die beste Zeit

Ihre einflussreichste, journalistisch bzw. literarisch beste Zeit erlebte der Rolling Stone in den Siebzigern, als ihn Hunter S. Thompson mit seiner idiosynkratischen, literarischen Einfallsreichtum und skrupulöse Recherche verschmelzenden Gonzo-Methode fast im Alleingang zu einem der wichtigsten gesellschaftspolitischen Magazine in den USA hochschrieb. Als Sprachrohr der Jüngeren hätte sich das Magazin sogar beinahe erfolgreich in die große Politik eingemischt. Wenner schickte Thompson 1972 nach Washington, um den liberalen Senator George McGovern beim Präsidentschaftswahlkampf mit seinen bewährt durchgeknallten Reportagen unter die Arme zu greifen. Vergeblich zwar, aber nicht für die Leser. In diesen Jahren war der Rolling Stone stilbildend und die publizistische Heimat vieler, mittlerweile kanonischer Rockschreiber wie Lester Bangs, Richard Meltzer, Nick Tosches, Greil Marcus oder der Fotografin Annie Leibovitz.

Joe Hagan schreibt nicht in erster Linie eine Geschichte des Rolling Stone, sondern Jann Wenners Biographie. Er nimmt sich viel Raum, die multiplen drogistischen Exzesse, sexuellen Eskapaden mit Frauen und Männern, seine Intrigen, Wortbrüche, aber auch seine Gesten der Freundschaft nachzuerzählen, weil er diesen »Januskopf« tatsächlich verstehen und ein tiefenscharfes Profil seines Charakters zeichnen möchte. Ein bisschen mehr Willen zur Verdichtung hätte »Sticky Fingers« gut getan. Hagan hat das selbst eingesehen und auf den ersten dreißig Seiten eine konzentrierte Zusammenfassung seines Buches geliefert, die lesenswerter ist als die anschließenden, etwas verklatschten 600 Seiten. Der Vorwurf, Wenner sei ein überlebensgroßer Groupie, der aus lauter Geltungsbedürfnis geradezu manisch die Nähe zu den Schönen und Reichen und Mächtigen gesucht habe, fällt auf den Autor selbst zurück, weil man von jedem Essen, Saufgelage, Händchenhalten mit Michael Douglas, Richard Gere, Jacky Onassis, Bill Clinton et alii einen Rapport bekommt. Von Dylan, Jagger, John und Yoko, Paul McCartney und all den anderen gar nicht zu reden. Man hätte statt dessen gern mehr über das alltägliche Redaktionsgeschäft erfahren und über sein Verhältnis zu prägenden Autoren wie Lester Bangs oder Greil Marcus – die tauchen nämlich nur am Rande auf. Am Ende geht also auch der Biograph der Großmannssucht seines Helden auf den Leim.

Joe Hagan: Sticky Fingers. Wie Jann Wenner und der Rolling Stone Musikgeschichte geschrieben haben. Aus dem Englischen von Friederike Moldenhauer. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018, 671 Seiten, 28 Euro


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