Aus: Kinder, Beilage der jW vom 30.05.2018

Die neue Form

»Gebt dem Kinde das Ausmaß an Freiheit, das ihr für euch fordert« – eine Erinnerung an die Pädagogin und Psychoanalytikerin Lili Esther Roubiczek-Peller

Von Christiana Puschak
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Der Schulhund macht mit – Dezember 2017 in einer Montessori-Klasse in Kalispel, Montana, USA

»Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.« (Maria Montessori)

Zeitlebens war die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870–1952) tief berührt von den vielen vernachlässigten, oft verwahrlosten Kindern, denen sie schon früh begegnete. Um diesen »würdelosen Zustand« zu verändern, entwickelte sie eine »Päd­agogik vom Kinde aus«, mit der sie weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt wurde.

Weniger bekannt sind die beiden Frauen, die Montessoris Lehren in Berlin und in Wien verbreiteten: Die Lehrerin Clara Grunwald (1877–1943, ermordet in Auschwitz) und die Pädagogin und Psychoanalytikerin Lili Esther Roubiczek- Peller (1898–1966).

Roubiczek war die Tochter eines Prager Textilfabrikanten. Ihre Eltern wollten zwar für sie eine gute Ausbildung, doch sie interessierten sich mehr für ihren Bruder als für Lilis Wünsche und Ideen. Ihre Hauptbezugsperson wurde das tschechische Kindermädchen, »Kosicchen« geannt, die eine warmherzige Frau gewesen sein soll. Sie brachte Lili ihre Muttersprache bei, so dass sie zweisprachig aufwuchs. Bis ins hohe Alter hielten sie zueinander Kontakt.

Nach der Matura studierte Lili erst in Prag Biologie und dann in Wien Pädagogik und Psychologie bei der Entwicklungspsychologin Charlotte Bühler und deren Mann, dem Sprachpsychologen Karl Bühler, der sie zu Forschungen auf dem Gebiet der frühkindlichen Sprachentwicklung anregte. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Studien wurde das kindliche Spiel.

Als sie Montessoris Buch »Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter« (Erstausgabe 1909) las, war sie derart begeistert, dass sie 1921 nach London ging, um bei ihr einen Ausbildungskurs zu absolvieren. Bei diesem Kurs lernte sie Clara Grunwald kennen. Beide waren fasziniert von einer neuen Form der Erziehung, die der »Humanität und Zivilisation« dienen sollte.

Zurück in Wien gründete Roubiczek 1923 das »Haus der Kinder« im Arbeiterbezirk Favoriten, das den Erkenntnissen der modernen Kinderpsychologie Rechnung tragen sollte. Es bot Platz für vierzig Kinder zwischen drei und vier Jahren. Ähnliche »Volkskinderhäuser« gründete Grunwald in den Berliner Arbeiterbezirken Wedding und Friedrichshain.

Bis Maria Montessori war Erziehung Ermahnung gewesen, geprägt vom aktiven Eingriff der Erwachsenen in das Leben der Kinder. Das darfst du, das darfst du nicht, mach dies, mach jenes. Damit sollte nun Schluss sein. 1925 formulierte Roubiczek die Grundsätze der Montessori-Methode: »Die Initiative des Kindes soll sich frei und allein entfalten und auswirken: Gebt dem Kinde eine Umgebung, die gleichen Grundsätzen entspricht, wie ihr sie für euch fordert; gebt dem Kinde das Ausmaß an Freiheit, das ihr für euch fordert, und ihr werdet beim Kind eine Fürsorglichkeit für seine Umgebung, eine Bereitwilligkeit, sich der Allgemeinheit unterzuordnen, und eine Hilfsbereitschaft für seine kleinen Kameraden finden, für die man das Kind bisher unfähig gehalten hat.« Sie gründete eine »Arbeitsgemeinschaft« zusammen mit jungen Frauen, »die meistens aus assimilierten jüdischen Familien stammten und meistens Sozialisten waren«, um aktiv beim Aufbau »einer besseren Gesellschaft helfen« zu können und zwar Montessori folgend »durch Erziehung schon bei ganz kleinen Kindern«.

Angeregt durch die Analytikerin Anna Freud, der jüngsten Tochter von Sigmund Freud, bemühte sich Lili, die Grundsätze der Montessori-Pädagogik mit Elementen der Psychoanalyse zu kombinieren. Dieser Ansatz führte zu Differenzen mit Maria Montessori, die stets darauf achtete, das Interpretationsmonopol für ihre Ideen zu wahren. In den 1920er Jahren entwickelte sie diese jedoch kaum noch weiter und bekämpfte aber diejenigen, die dies versuchten. Es kam zum Bruch zwischen Montessori und Roubiczek: »Ich habe den Eindruck, dass die Dottoressa einzig und allein über ihre Pädagogik bestimmen will«, schrieb Roubiczek 1933 in einem Brief an Grunwald und betonte: »Die Montessori-Pädagogik ist ebensowenig Ende und Vollendung der Erziehungslehre, wie irgendeines der vorangegangenen Erziehungssysteme.«

Je erfolgreicher Montessoris Konzept international wurde, desto mehr Probleme gab es mit dessen Anwendung. In Italien glaubte Montessori vorübergehend, sich mit den Faschisten arrangieren zu können, bis sie Anfang der 1930er Jahre von diesen als Antifaschistin fallen gelassen wurde.

Lili Roubiczek machte eine psychoanalytische Ausbildung bei dem linken Freudianer Siegfried Bernfeld. Für ihre reformpädagogischen Ideen, die sich an den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen orientierten, benutzte sie auch kunst- und tanzpädagogische Ansätze. Hierzu hielt sie regelmäßig Vorträge, knüpfte Kontakte zu Wissenschaftlern und Politikern, und organisierte Lehrgänge und begeisterte dabei vor allem junge Frauen für die Pädagogik.

1933 heiratete sie den Mediziner und Sozialisten Sigismund Peller, mit dem sie 1934 Wien verlassen musste. Sie emigrierten zunächst nach Palästina, wo Lili eine Volksschule nach Montessori-Richtlinien gründete und ihr Mann eine Orangenplantage betrieb. Später gingen beide in die USA. Dort arbeitete Lili bis zu ihrem frühen Tod 1966 als Lehranalytikerin und in freier Praxis. 1970 wurde in Wien nach ihr eine Straße benannt: die Roubiczekgasse.

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