Aus: Die Machtfrage stellen, Beilage der jW vom 13.01.2018

Das Hirnverbrannte dieser Verhältnisse

Weltwirtschaft und Kolonialismus: Die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft führt zu deren Untergang und über sie hinaus

Von Rosa Luxemburg
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Der Urantagebau ­Tamgak bei Arlit in Niger, betrieben von Somair für den französischen Atomkonzern Areva, 25. September 2013

Wir haben gesehen, wie nach der stufenweisen Auflösung aller Gesellschaftsformen mit bestimmter planmäßiger Organisation der Produktion – der urkommunistischen Gesellschaft, der Sklavenwirtschaft, der mittelalterlichen Fronwirtschaft – die Warenproduktion entstanden ist. Wir haben ferner gesehen, wie aus der einfachen Warenwirtschaft, das heißt aus der handwerksmäßigen städtischen Produktion am Ausgang des Mittelalters, ganz mechanisch, das heißt ohne Willen und Bewusstsein der Menschen, die heutige kapitalistische Wirtschaft herausgewachsen ist. Im Anfang haben wir die Frage gestellt: »Wie ist die kapitalistische Wirtschaft möglich?« Dies ist ja auch die Grundfrage der Nationalökonomie als Wissenschaft. Nun, die Wissenschaft gibt uns darauf ausreichende Antwort. Sie zeigt uns, dass die kapitalistische Wirtschaft, die angesichts ihrer völligen Planlosigkeit, angesichts des Fehlens jeder bewussten Organisation auf den ersten Blick ein Ding der Unmöglichkeit, ein unentwirrbares Rätsel ist, sich trotzdem zu einem Ganzen fügt und existieren kann. Und zwar:

– durch den Warenaustausch und die Geldwirtschaft, womit sie alle Einzelproduzenten wie die entlegensten Gebiete der Erde miteinander wirtschaftlich verbindet und so die Arbeitsteilung in der ganzen Welt durchsetzt;

– durch die freie Konkurrenz, die den technischen Fortschritt sichert und zugleich die kleinen Produzenten beständig in Proletarier verwandelt, womit dem Kapital die käufliche Arbeitskraft zugeführt wird;

– durch das kapitalistische Lohngesetz, das einerseits mechanisch dafür sorgt, dass die Lohnarbeiter sich nie aus dem Proletarierstand erheben und der Arbeit unter dem Kommando des Kapitals entrinnen, andererseits eine immer größere Anhäufung der unbezahlten Arbeit zu Kapital und damit immer größere Ansammlung und Ausdehnung der Produktionsmittel ermöglicht;

– durch die industrielle Reservearmee, die der kapitalistischen Produktion jede Ausdehnungs- und Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse der Gesellschaft gestattet;

– durch die Ausgleichung der Profitrate, die die ständige Bewegung des Kapitals aus einem Produktionszweig in einen anderen bedingt und so das Gleichgewicht der Arbeitsteilung reguliert; endlich

durch die Preisschwankungen und Krisen, die teils täglich, teils periodisch einen Ausgleich zwischen der blinden und chaotischen Produktion und den Bedürfnissen der Gesellschaft herbeiführen.

Grundbedingungen

Auf diese Weise, durch die mechanische Wirkung der obigen wirtschaftlichen Gesetze, die ganz von selbst, ohne jede bewusste Einmischung der Gesellschaft entstanden sind, existiert die kapitalistische Wirtschaft. Das heißt, auf diese Weise wird es ermöglicht, dass, trotzdem jeder organisierte wirtschaftliche Zusammenhang zwischen den einzelnen Produzenten fehlt, trotz der gänzlichen Planlosigkeit in dem wirtschaftlichen Treiben der Menschen, die gesellschaftliche Produktion und ihr Kreislauf mit der Konsumtion vor sich geht, die große Masse der Gesellschaft an der Arbeit gehalten wird, die Bedürfnisse der Gesellschaft schlecht oder recht gedeckt werden und der ökonomische Fortschritt: die Entwicklung der Produktivität der menschlichen Arbeit, als die Grundlage des ganzen Kulturfortschritts gesichert ist.

Dies sind aber die Grundbedingungen der Existenz jeder menschlichen Gesellschaft, und solange eine geschichtlich entstandene Wirtschaftsform diesen Bedingungen Genüge tut, kann sie ihrerseits bestehen, ist sie eine historische Notwendigkeit.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind aber keine starren, unbeweglichen Formen. Wir haben gesehen, wie sie im Laufe der Zeiten vielfache Veränderungen aufwiesen, wie sie einem ewigen Wechsel unterworfen sind, in dem sich eben der menschliche Kulturfortschritt, die Entwicklung Bahn bricht. Auf die langen Jahrtausende der urkommunistischen Wirtschaft, die die menschliche Gesellschaft von den ersten Anfängen des noch halbtierischen Daseins zu einer hohen Entwicklungsstufe der Kultur geleiten, zur Ausbildung der Sprache und der Religion, zur Viehzucht und zum Ackerbau, zur sesshaften Lebensweise und zur Dorfbildung, folgt die allmähliche Zersetzung des Urkommunismus, folgt die Ausbildung der antiken Sklaverei, die ihrerseits große neue Fortschritte im gesellschaftlichen Leben mit sich bringt, um wiederum mit dem Verfall der antiken Welt zu enden. Aus der kommunistischen Gesellschaft der Germanen in Mitteleuropa erwächst auf den Trümmern der antiken Welt eine neue Form – die Fronwirtschaft, auf der der mittelalterliche Feudalismus basierte.

Weltwirtschaft

Wieder nimmt die Entwicklung ihren ununterbrochenen Fortgang: Im Schoße der feudalen Gesellschaft des Mittelalters entstehen in den Städten Keime einer ganz neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsform, es bilden sich das Zunfthandwerk, die Warenproduktion und ein regelmäßiger Handel heraus, die schließlich die feudale Frongesellschaft zersetzen; sie bricht zusammen, um der kapitalistischen Produktion Platz zu machen, die aus der handwerksmäßigen Warenproduktion dank dem Welthandel, der Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien emporgewachsen ist.

Die kapitalistische Produktionsweise ist ihrerseits schon von vornherein, aus der ganzen enormen Perspektive des historischen Fortschritts betrachtet, keine unabänderliche und für ewige Zeiten bestehende, sondern sie ist ebenso eine bloße Übergangsphase, eine Staffel in der kolossalen Leiter der menschlichen Kulturentwicklung wie jede der vorhergehenden gesellschaftlichen Formen. Und tatsächlich führt die Entwicklung des Kapitalismus selbst bei näherem Zusehen zu seinem eigenen Untergang und über ihn hinaus. Haben wir bis jetzt die Zusammenhänge untersucht, die die kapitalistische Wirtschaft möglich machen, so ist es jetzt an der Zeit, diejenigen kennenzulernen, die sie unmöglich machen. Dazu brauchen wir die eigenen inneren Gesetze der Kapitalsherrschaft nur in ihrer weiteren Wirkung zu verfolgen. Sie sind es selbst, die sich auf einer gewissen Höhe der Entwicklung gegen alle die Grundbedingungen kehren, ohne die die menschliche Gesellschaft nicht bestehen kann.

Was die kapitalistische Produktionsweise vor allen früheren besonders auszeichnet, ist, dass sie das innere Bestreben hat, sich mechanisch auf die ganze Erdkugel auszudehnen und jede andere, ältere Gesellschaftsordnung zu verdrängen. In den Zeiten des Urkommunismus war die ganze der historischen Forschung zugängliche Welt gleichfalls mit kommunistischen Wirtschaften bedeckt. Allein zwischen den einzelnen kommunistischen Gemeinden und Stämmen bestanden gar keine oder nur zwischen den benachbarten Gemeinden schwache Beziehungen. (…) Auch zur Zeit der Verbreitung der antiken Sklaverei finden wir bloß größere oder geringere Ähnlichkeit in der Organisation und den Verhältnissen der einzelnen Sklavenwirtschaften und Sklavenstaaten des Altertums, nicht aber eine Gemeinsamkeit des wirtschaftlichen Lebens zwischen ihnen. Desgleichen wiederholte sich die Geschichte des Zunfthandwerks und seiner Befreiung mit mehr oder weniger Übereinstimmung in den meisten Städten des mittelalterlichen Italiens, Deutschlands, Frankreichs, Hollands, Englands usw.; es war dies aber meist die Geschichte jeder Stadt für sich.

Die kapitalistische Produktion dehnt sich auf sämtliche Länder aus, indem sie sie alle nicht bloß gleichartig wirtschaftlich gestaltet, sondern sie zu einer einzigen großen kapitalistischen Weltwirtschaft verbindet.

Kolonialeroberungen

Im Innern jedes europäischen industriellen Landes verdrängt die kapitalistische Produktion unaufhörlich die kleingewerbliche, handwerksmäßige und die kleine bäuerliche. Gleichzeitig zieht sie alle rückständigen europäischen Länder und alle Länder in Amerika, Asien, Afrika, Australien in die Weltwirtschaft herein. Das geht auf zwei Wegen vor sich: durch den Welthandel und durch die Kolonialeroberungen. Beide begannen Hand in Hand schon seit der Entdeckung Amerikas am Ausgang des 15. Jahrhunderts, dehnten sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte weiter aus, nahmen aber besonders im 19. Jahrhundert den größten Aufschwung und dehnen sich immer weiter aus. Beide – Welthandel wie Kolonialeroberungen – wirken Hand in Hand in folgender Weise. Zuerst bringen sie die kapitalistischen Industrieländer Europas in Berührung mit allerlei Gesellschaftsformen anderer Weltteile, die auf älteren Kultur- und Wirtschaftsstufen stehen: bäuerlichen, Sklavenwirtschaften, feudalen Fronwirtschaften, vorwiegend aber mit urkommunistischen. Durch den Handel, in den diese Wirtschaften hineingezogen werden, werden sie rasch zersetzt und zerrüttet. Durch die Gründung der kolonialen Handelsgesellschaften auf fremdem Boden oder durch direkte Eroberung kommen der Grund und Boden, die wichtigste Grundlage der Produktion, sowie auch die Viehherden, wo solche vorhanden sind, in die Hände europäischer Staaten oder der Handelsgesellschaften. Dadurch werden die naturwüchsigen Gesellschaftsverhältnisse und die Wirtschaftsweise der Eingeborenen überall vernichtet, ganze Völker werden zum Teil ausgerottet, zum übrigen Teil aber proletarisiert und in dieser oder jener Form als Sklaven oder Lohnarbeiter unter das Kommando der Industrie und des Handelskapitals gestellt. Die Geschichte der jahrzehntelangen Kolonialkriege, die sich durch das ganze 19. Jahrhundert zieht: Aufstände gegen Frankreich, Italien, England und Deutschland in Afrika, gegen Frankreich, England, Holland und die Vereinigten Staaten in Asien, gegen Spanien und Frankreich in Amerika – das ist der lange und zähe Widerstand der alten eingeborenen Gesellschaften gegen ihre Ausrottung und Proletarisierung durch das moderne Kapital, ein Kampf, in dem das Kapital schließlich überall als Sieger hervorgeht.

Proletarisierung

In erster Linie bedeutet dies eine ungeheure Ausdehnung des Herrschaftsbereichs des Kapitals, eine Ausbildung des Weltmarkts und der Weltwirtschaft, in der sämtliche bewohnten Länder der Erdkugel gegenseitig füreinander Produzenten und Abnehmer von Produkten sind, einander in die Hand arbeiten, Beteiligte einer und derselben erdumspannenden Wirtschaft sind.

Die andere Seite ist aber die fortschreitende Verelendung immer weiterer Kreise der Menschheit auf dem Erdrund und fortschreitende Unsicherheit ihrer Existenz. Indem an Stelle alter kommunistischer, bäuerlicher oder der Fronverhältnisse mit ihren beschränkten Produktivkräften und geringem Wohlstand, aber festen und gesicherten Existenzbedingungen für alle die kapitalistischen Kolonialverhältnisse, Proletarisierung und Lohnsklaverei treten, zieht für alle betroffenen Völker in Amerika, Asien, Afrika, Australien nacktes Elend, ungewohnte und unerträgliche Arbeitslast und obendrein völlige Unsicherheit der Existenz herauf. (…) Im Innern Afrikas sind durch die englische und deutsche Kolonialpolitik binnen der letzten 20 Jahre ganze Völkerschaften zum Teil in Lohnsklaven verwandelt, zum Teil ausgehungert, ihre Knochen in alle Gegenden zerstreut worden. Die verzweifelten Aufstände und die Hungerepidemien in dem Riesenreich China sind die Folgen der Zermalmung der alten bäuerlichen und handwerksmäßigen Wirtschaft dieses Landes durch den Einzug des europäischen Kapitals. Der Einzug des europäischen Kapitalismus nach den Vereinigten Staaten wurde begleitet erst durch die Ausrottung der eingeborenen amerikanischen Indianer und den Raub ihrer Ländereien durch die eingewanderten Engländer, dann durch die Errichtung anfangs des 19. Jahrhunderts einer kapitalistischen Rohproduktion für die englische Industrie, dann durch Versklavung von vier Millionen Afrikanegern, die von europäischen Sklavenhändlern nach Amerika verkauft wurden, um als Arbeitskraft auf den Baumwoll-, Zucker- und Tabakplantagen unter das Kommando des Kapitals gestellt zu werden. (…)

Marktschranken

Das Hirnverbrannte dieser Verhältnisse kommt aber in dem Maße erst zum Vorschein, wie sich die kapitalistische Produktion zur Weltproduktion auswächst. Hier, auf dem Maßstabe der Weltwirtschaft, erreicht das Absurde der kapitalistischen Wirtschaft seinen richtigen Ausdruck in dem Bilde einer ganzen Menschheit, die unter furchtbaren Leiden im Joche einer von ihr selbst unbewusst geschaffenen blinden Gesellschaftsmacht, des Kapitals, stöhnt. Der Grundzweck jeder gesellschaftlichen Produktionsform: die Erhaltung der Gesellschaft durch die Arbeit, die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, erscheint erst hier völlig auf den Kopf gestellt, indem die Produktion nicht um der Menschen, sondern um des Profits willen auf der ganzen Erdkugel zum Gesetz und die Unterkonsumtion, ständige Unsicherheit der Konsumtion und zeitweise direkte Nichtkonsumtion der enormen Mehrheit der Menschen zur Regel werden. (…)

An sich kennt diese Ausdehnungsmöglichkeit der kapitalistischen Produktion keine Grenzen, weil der technische Fortschritt und damit auch die Produktivkräfte der Erde keine Grenzen haben. Allein dieses Ausdehnungsbedürfnis stößt auf ganz bestimmte Schranken, nämlich auf das Profitinteresse des Kapitals. Die Produktion und ihre Ausdehnung haben nur so lange Sinn, wie dabei mindestens der »übliche« Durchschnittsprofit herauskommt. Ob dies aber der Fall ist, hängt vom Markt ab, das heißt vom Verhältnis der zahlungsfähigen Nachfrage seitens der Konsumenten und der Menge der produzierten Waren sowie ihren Preisen. (…)

Allein gerade bei dieser Entwicklung verwickelt sich der Kapitalismus in den fundamentalen Widerspruch: Je mehr an Stelle rückständigerer Produktionen die kapitalistische tritt, umso enger werden die durch das Profitinteresse geschaffenen Marktschranken für das Ausdehnungsbedürfnis der bereits bestehenden kapitalistischen Betriebe.

Die Sache wird ganz klar, wenn wir uns für einen Augenblick vorstellen, die Entwicklung des Kapitalismus sei so weit vorgeschritten, dass auf der ganzen Erdkugel alles, was von Menschen produziert wird, nur kapitalistisch, das heißt nur von kapitalistischen Privatunternehmern in Großbetrieben mit modernen Lohnarbeitern, produziert wird. Alsdann tritt die Unmöglichkeit des Kapitalismus deutlich zutage.

Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie. Abschnitt VII: Die Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 5, Ökonomische Schriften. Dietz-Verlag, Berlin 1975, Seiten 770–778

Bei der »Einführung in die Nationalökonomie« handelt es sich um ein unvollendetes Manuskript Rosa Luxemburgs (1871–1919). Es entstand aus Vorbereitungen auf ihre ökonomischen Vorlesungen an der Berliner Parteischule der SPD in den Jahren 1907 bis 1914. Die Texte wurdenständig ergänzt, ein letzter Zusatz noch im Ersten Weltkrieg gemacht, als die Schule schon geschlossen war. In der allgemeinverständlich gehaltenen Darstellung kam es Rosa Luxemburg vor allem darauf an, dass der historische Charakter gesellschaftlicher Verhältnisse erkannt wird.

Ursprünglich sollte die »Einführung in die Nationalökonomie« in den Jahren 1909/1910 in acht Broschüren und als Buch herausgegeben werden. Rosa Luxemburg unterbrach aber die Arbeit, schrieb zunächst »Die Akkumulation des Kapitals« (Berlin 1913) und nahm erst als »Schutzhäftling« während des Ersten Weltkrieges im Gefängnis die Arbeit an der »Einführung« wieder auf. Sie plante nun zehn Broschüren. Sozialdemokratische Verleger lehnten die Veröffentlichung aber ab, so erschien das Fragment erstmals 1925 (Berlin, Laubsche Verlagsbuchhandlung). Das Manuskript wurde dank der Umsicht des Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski (1904–1997) während der Herrschaft des deutschen Faschismus vor der Vernichtung bewahrt.


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