Aus: Die Machtfrage stellen, Beilage der jW vom 13.01.2018

Afrika – Daten und Fakten

Mit dem Auftauchen europäischer Kolonialisten und dem transatlantischen Sklavenhandel wurde vielerorts die gesellschaftliche Entwicklung auf dem Kontinent unterbrochen. Die Folgen sind heute noch spürbar

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Urantagebau der mehrheitlich zum französischen Atomkonzern Areva gehörenden Société des Mines de l'Air (­Somair) bei Arlit in Niger, 25. September 2013. Somair ist der größte Arbeitgeber im Land, der Urantagebau der größte weltweit

Geographie: Afrika hat eine Fläche von mehr als 30 Millionen Quadratkilometern, es ist dreimal so groß wie Europa. Es gibt nur wenige Halbinseln und Inseln, darunter mit Madagaskar (590.000 Quadratkilometer) die viertgrößte der Welt. Vom nördlichsten Punkt (Cap Blanc in Tunesien) bis zum südlichsten (Cape Agulhas in Südafrika) beträgt die Ausdehnung etwa 8.000 Kilo­meter, die Ost-West-Distanz vom westlichsten Punkt (Cap Vert in Senegal) bis zum östlichsten (Cape Haifung in Somalia) rund 7.600 Kilometer. Aus mehr oder weniger breiten Küstenebenen steigt das Land in Randstufen zu größeren Höhen auf, dadurch erhält der Erdteil Hochlandcharakter. Ausgedehnte Gebiete werden von Becken, Senken oder Hochebenen eingenommen. Afrika weist mit einer Länge von 6.500 Kilo­metern das größte Graben- und Bruchstufensystem aller Kontinente auf. Savannen machen die größte Vegetationszone aus, der gesamte Teil nördlich des 19. Breitengrades wird bis auf das Küstengebiet des Mittelmeers von der Wüste Sahara eingenommen.

Bevölkerung: 2016 lebten in den 49 Staaten (insgesamt mit Westsahara 55) südlich der Sahara mehr als eine Milliarde Menschen. Weltweit ist das Bevölkerungswachstum hier am höchsten. Die Region ist die einzige, in der die Armut seit 1990 zugenommen hat. Mehr als zwei Drittel der Menschen verfügen über weniger als zwei US-Dollar am Tag. Mehr als ein Drittel der Bauern arbeiten allerdings für die Selbstversorgung. Auf dem Kontinent finden sich über 3.000 Ethnien, ebenso viele Sprachen und ungezählte Religionsgemeinschaften.

Bodenschätze: Nach wie vor beherrschen imperialistischer Monopolgruppen die meisten nichterneuerbaren Rohstoffe Afrikas. Das wichtigste Exportprodukt ist mit etwa 42 Prozent aller Ausfuhren Erdöl, gefolgt von Gold, Diamanten und Metallerzen mit einem Anteil von rund 14,5 Prozent. Im Süden und im Westen Afrikas finden sich bedeutende Vorkommen an Kupfer (Demokratische Republik Kongo, Sambia) sowie an Gold und Diamanten (Südafrika, Botswana, Angola, Liberia, Sierra Leone). Der Erdteil verfügt über geschätzte 89 Prozent der bekannten weltweiten Vorkommen an mineralischen Rohstoffen wie Bauxit, Chromit, Kobalt, Diamanten, Gold, Platin und Titan, 20 Prozent der Vorkommen an Uran, über neun Prozent des Erdöls, acht Prozent des Erdgases sowie rund sechs Prozent der globalen Kohlereserven.

Frühgeschichte: Afrika ist vermutlich der Kontinent mit der historisch ältesten menschlichen Bevölkerung und – im Niltal – mit einer der frühesten Hochkulturen, die wahrscheinlich schwarzafrikanischen Ursprungs war. Mit der Austrocknung der Sahara (3. und 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung) kam es zu großen Völkerwanderungen vor allem von Norden nach Süden.

Seit der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung breitete sich die Kenntnis der Eisenbearbeitung in Afrika aus. Obwohl viele Stämme und Stammesgruppen in urgesellschaftlichen Verhältnissen verharrten, spielte die Eisenverhüttung für die Herausbildung neuer Eigentumsverhältnisse, früher Klassendifferenzierung und die Bildung frühfeudaler, stark patriarchalischer Staaten eine große Rolle. Machtkämpfe sowie Einfälle von außen führten sehr oft zu deren raschem Verfall. Die Entwicklung der Staaten Westafrikas und der ostafrikanischen Küste wurde vom vorrückenden Islam bestimmt.

Kolonialismus: Das Festsetzen und Eindringen europäischer Kolonialisten beeinträchtigte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts die historische Entwicklung in der Subsahara stark , seit dem frühen 16. Jahrhundert insbesondere der transatlantische Sklavenhandel. Ihm fielen nach einigen Schätzungen zwölf Millionen Menschen zum Opfer, andere gehen von 100 Millionen Menschen aus. Faktisch wurde die Geschichte vieler Völker Afrikas unterbrochen, die Auswirkungen reichen bis in die Gegenwart. 1444 fand in der portugiesischen Hafenstadt Lagos (Algarve) der erste Sklavenmarkt der Neuzeit mit Afrikanern statt, 1482 eröffneten Portugiesen an der Küste des heutigen Ghana die erste ständige Niederlassung südlich der Sahara. Die Niederlande, Frankreich und Großbritannien folgten bald als erbitterte Kolonialkonkurrenten. Im 17. und 18. Jahrhundert war Afrika südlich der Sahara für die europäischen Mächte lediglich ein Arbeitskräftereservoir. Ganze Landstriche wurden entvölkert, die Sklavenjagden weiteten sich zu ständigen Kriegen auch zahlreicher afrikanischer Stämme und Völker untereinander aus. Sie führten zu gegenseitiger Vernichtung und Verschleppung sowie zur Bereicherung einer vom Sklavenhandel profitierenden Händler- und Häuptlingsschicht.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewann Afrika als Rohstoffbasis an Bedeutung. Die Kolonialisten gingen zur territorialen Eroberung, zur Anlage von Plantagen, zur Ausbeutung der Bodenschätze und der Arbeitskraft der Afrikaner vor Ort über. Mit dem Übergang zum Imperialismus ab 1880 wurde der Kontinent vollständig unter die europäischen Kolonialmächte aufgeteilt. Gut bewaffnete Truppen führten oft Jahrzehnte andauernde Kriege, in denen Hunderttausende Einheimische getötet, ihre Siedlungen und Kulturen zerstört wurden. Die Kolonien dienten ausschließlich als Rohstoff- und Agraranhängsel der imperialistischen Zentren, die Entwicklung verarbeitender Industrien wurde konsequent unterbunden. Nur, wo afrikanische Staaten existierten, wie im Sudan oder in der Kabylei, stießen die Kolonialisten auf stärkeren Widerstand.

Nationale Befreiung: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veränderten die russische Oktoberrevolution und das nach 1945 entstehende sozialistische Staatensystem die internationale Lage zugunsten der kolonial unterdrückten Völker. Ihre politische Befreiung wurde neben dem Aufbau sozialistischer Gesellschaften, dem Sieg über den Faschismus und der Überwindung des US-Monopols an Atomwaffen ein Hauptergebnis der Geschichte seit 1917. In dieser Zeit bildete sich in einigen afrikanischen Ländern eine Arbeiterklasse heraus – allerdings mit einem sehr geringen Anteil qualifizierter Kräfte. Afrikaner wurden bewusst nur als Wander- und Kontraktarbeiter beschäftigt. Der Kampf um Arbeitsschutzrechte gewann erst nach dem Zweiten Weltkrieg an Breite, Gewerkschaften wurden Teil der sich formierenden nationalen Befreiungsbewegungen. Insbesondere in den Ländern südlich der Sahara entwickelte sich kaum eine Bourgeoisie, aber afrikanische Intellektuelle spielten eine führende Rolle in den antikolonialen Befreiungsbewegungen. Um 1960 ging die unmittelbare politische Herrschaft imperialistischer Staaten in vielen Regionen Afrikas zu Ende.

Neokolonialismus: Seit Mitte der 70er Jahre setzte in zahlreichen Ländern des Kontinents eine anhaltende wirtschaftliche Stagnation ein. Sie waren Reservoir für Rohstoffe geblieben. Die 80er Jahre begannen vielerorts mit ökonomischen Katastrophen und enormer Auslandsverschuldung. Insbesondere Frankreich und Großbritannien beuteten ihre ehemaligen Kolonien weiter aus und installierten korrupte Führungen. Gewinner des Neokolonialismus waren auch die USA.

Seit Mitte der 1990er Jahre verzeichnet Afrika erstmals seit 1960 wieder ein höheres Wirtschaftswachstum. In erster Linie tragen gestiegene Rohstoffpreise und ausländische Direktinvestitionen, vor allem aus der Volksrepublik China, dazu bei. 2004 betrug das Wirtschaftswachstum in Afrika im Mittel 5,1 Prozent, im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Wachstumsrate bei fast sechs Prozent. Mehrere Länder des Kontinents gehören zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften.

Zusammenstellung: Arnold Schölzel

Literatur:

– Afrika. Kleines Nachschlagewerk. Dietz-Verlag, Berlin 1985

– Jacob E. Mabe (Hg.): Das Afrika-Lexikon. Peter-Hammer-Verlag/Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2001

– Gerd Schumann: Kolonialismus, Neokolonialismus, Rekolonisierung. Papy Rossa-Verlag, Köln 2016

– Jörg Goldberg: Verfluchter Reichtum. Zur ökonomischen Situation Afrikas. In: jW vom 9. Dezember 2017


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