Aus: Alternatives Reisen, Beilage der jW vom 13.12.2017

Stets betreut

Auf und ab in Nordkorea. Und in der Königsstadt Kaesong einen heben

Von Anne-Katrein Becker
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Lebensader: Die Freundschaftsbrücke verbindet die Dandong in China und Sinuiju in Nordkorea. Über sie rollen Züge und Lkw mit Waren und Rohstoffen. Im Koreakrieg wurde die Brücke von den USA bombardiert

Nach Nordkorea als Tourist? Geht denn das? Nicht selten wurde ich das ungläubig gefragt. Doch nichts ist unmöglich: Sowohl in der Gruppe als auch individuell reisend kann man das fernöstliche Land besuchen. Allein wird man dabei nicht gelassen. Den Trip durchs Land begleiten immer zwei Betreuer, die Deutsch sprechen und den vorab geplanten Reiseverlauf koordinieren. Sie achten auch darauf, dass nicht alles, was man zu sehen bekommt, fotografiert wird. Tabu sind etwa militärische Objekte, Soldaten und alles, was einen »negativen« Eindruck machen könnte. Das können zum Beispiel Ochsenkarren sein.

Seltsam vertraut

Trotz solcher Einschränkungen habe ich während meines zweiwöchigen Besuchs in der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), wie das Land offiziell heißt, immerhin fast 3.000 Fotos geschossen. »Das sieht ja aus wie in jeder Großstadt auf dieser Welt«, entfuhr es einem Bekannten beim Betrachten meiner Aufnahmen. Und siehe da: In der Hauptstadt Pjöngjang sind in den vergangenen fast 30 Jahren – so lange liegt mein letzter Besuch dort zurück – nicht nur unzählige Hochhäuser neu entstanden. Was mich vor allem überraschte, sind viele private Imbissstände, an denen neben Snacks auch Obst, Getränke oder Eis angeboten werden. Dazu kommen kleine Restaurants mit koreanischen Spezialitäten wie Bulgogi (»Feuerfleisch«, also gegrillt) und dem superscharfen Kimtschi (eingelegter Chinakohl mit viel Paprika). Neu sind auch die Solarmodule auf vielen Dächern oder Balkonen, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Probleme mit der Stromversorgung, die es überall gibt, werden so vermindert.

Fortbewegen kann man sich in Pjöngjang mit Bussen, seit zwei Jahrzehnten auch mit Straßenbahnen und bereits seit 1973 sogar mit der U-Bahn. In einigen der Waggons fühlten wir uns gleich wie zu Hause. Aus gutem Grund: Anfang der 1990er Jahre hatte die Berliner U-Bahn diese nach Fernost verkauft. Inzwischen verfügt Nordkorea über eine eigene Produktion.

Hoch hinauf

Wie alle Koreaner wollten auch wir unbedingt einmal auf den stolze 2.750 Meter hohen Paektusan, den »Weißhauptberg« mit seinem azurblauen Kratersee. Er liegt im Changbai-Gebirge in der nördlichen Provinz Ryanggang-do, direkt an der Grenze zu China. Der Aufstieg ist eine echte Herausforderung auch für geübte Wanderer. Ganz oben bekommt man neben großartigen Ausblicken eventuell sogar eine Internetverbindung mit dem Smartphone zustande. Der letzte Ausbruch des Vulkans war 1903. Hoffentlich hält der Berg noch lange Ruhe. Am Paektusan sind häufig Koreaner anzutreffen, die in Japan leben, und nordkoreanische Jugendgruppen unternehmen hier Wanderungen.

Der Paektusan ist auch so etwas wie ein Heiligtum, da sich am Fuße des Berges in den 1930er Jahren eine Partisanenbewegung gegen die japanische Kolonialherrschaft formierte. Auch der spätere Präsident Kim Il Sung soll dabei mitgemischt haben. Und dessen Sohn Kim Jong Il, so wird erzählt, wurde in einem Geheimlager der Kämpfer geboren. Deshalb findet man inmitten der zauberhaften Berglandschaft auch viele revolutionäre Denkmale, zu denen Jugendliche aus ganz Nordkorea während ihrer Schulzeit oder Ausbildung pilgern dürfen. Das tun sie sehr geordnet, und viele tragen dabei die historischen Uniformen der Partisanen.

Ein Abstecher in den Süden, nach Panmunjom an die politisch brisante Demarkationslinie entlang des 38. Breitengrades, die Nord- und Südkorea trennt, darf bei einer solchen Reise nicht fehlen. Dort kann man in den Raum blicken, in dem am 27. Juli 1953 der bis heute fortwirkende Waffenstillstandsvertrag zwischen der DVRK und den USA unterzeichnet wurde. In der Grenzbaracke markiert ein quer über den Tisch verlaufendes Kabel, wo der Norden endet und der Süden beginnt. Manchmal darf man als Tourist sogar rund um diesen Tisch gehen. Ein diensthabender Offizier erklärt, dass der Abschluss eines echten Friedensvertrages oberstes Ziel bleibe. Doch dazu müsste es erst mal Gespräche mit den USA geben.

Nur acht Kilometer von Panmunjom entfernt liegt die einstige Königsstadt Kaesong. Als einzige Stadt wurde diese auch während des Koreakriegs nicht zerstört, da hier damals die Waffenstillstandskommission tagte. Es lässt sich durch den Park der knapp tausendjährigen konfuzianischen Gelehrtenschule Songgyunggwan wandeln, die ehrwürdige Studierhalle und ein 900jähriger Gingko-Baum sind zu bewundern. Auf dem Programm steht hier das »Königsessen« in einem typisch koreanischen Restaurant. Nach traditioneller Art sitzt man auf dem Boden und an kleinen, nur 30 Zentimeter hohen Tischen. Jeder Gast bekommt mehr als ein Dutzend Messingschälchen mit Fleisch, Gemüse, Fisch, Reis und natürlich scharfem Kimtschi serviert. Das alles isst man mit Stäbchen aus Metall, die mehr an Stricknadeln als an Essgeräte erinnern. Ein Ginsengschnaps – Ginsengplantagen gibt es einige rings um Kaesong – gehört immer dazu. Denn der ist Garant für ein langes und gesundes Leben.

Anne-Katrein Becker befasst sich seit Jahrzehnten mit Korea und jetzt mit der Geschichte ihres Wohnortes

Ihr Geheimtip: Wanderung in der Schönower Heide bei Bernau entlang des Wildtiergeheges und in warmen Sommernächten Beobachtung des Ziegenmelkers.

Stört sich an: Autoschlüsseln, die nicht mehr wie Autoschlüssel aussehen.

Ihr nächstes Reiseziel: Loket in Tschechien mit dem berühmten Erdschweinbraten.


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