Aus: Stadt und Mensch, Beilage der jW vom 05.07.2017

Die vergesellschaftete Stadt

Die Zukunftsvision einer industrialisierten und modernen Stadt entwerfen? Der Marxist Henri Lefebvre und Saskia Sassens Theorie der »Globalen Städte« sind hilfreich

Von Niels Boeing
RTX39BG7.jpg
Ob die Frau, die hier sauber macht, auch in diesem Haus im Londoner Stadtteil Kensington wohnt, ist der Redaktion nicht bekannt. (Mai 2017)

Die neoliberale Stadt von heute ist eine Stadt voller Zumutungen. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als in London. Dort verbrennen Dutzende von Menschen in einem Hochhaus, weil am Brandschutz gespart wurde. Innerstädtische Apartments werden als Betongold gekauft und bleiben leer, während die arbeitende Bevölkerung, die mit ihren Servicejobs den Alltag der britischen Metropole am Laufen hält, nur noch in Außenbezirken bezahlbaren Wohnraum findet. Eines der dichtesten Videoüberwachungsnetze der Welt verfolgt die Bewohner auf Schritt und Tritt. Einst öffentliche Plätze sind privatisiert worden, in Business Improvement Districts wachen private Sicherheitsdienste über den reibungslosen Konsumfluss. Im Stadtteil Stratford baut der IKEA-Konzern gleich ein komplettes Quartier.

Seit Jahrzehnten ist London eines der wichtigsten Labore des urbanen Neoliberalismus. Was dort erprobt ist, übernehmen ein paar Jahre später andere europäische Metropolen. Und singen das Hohelied von Sicherheit, Effizienz, Profitabilität mit. Mehr noch: Der Geist der Charta von Athen mit ihrer funktionalen Trennung städtischer Räume kehrt als Zombie zurück, wenn Industriebrachen in homogene Quartiere für »Leistungsträger« verwandelt – siehe Europaviertel in Frankfurt am Main, Hafencity in Hamburg, La Confluence in Lyon, Erlenmatt in Basel, um nur einige zu nennen – und Flüchtlinge in Lagern am Stadtrand weggesperrt werden.

Doch die Zumutungen der neoliberalen Stadt bleiben nicht unwidersprochen. Episodische Riots einerseits, wachsende linke Stadtbewegungen andererseits stellen den angeblich alternativlosen Pfad der gegenwärtigen Stadtentwicklung immer massiver in Frage. Längst geht es nicht mehr darum, Gentrifizierung zu bekämpfen. Eine andere Stadt, »eine Stadt für alle« steht, noch ohne klare Konturen, im Raum.

Es ist Henri Lefebvres Verdienst, die Verstädterung der Gesellschaft hin zu der »kritischen Zone« bereits in den späten 1960ern erkannt zu haben. Sein Slogan vom »Recht auf Stadt« inspiriert vielerorts den neuen städtischen Widerstand. Zu Recht: Lefebvre hat es nicht bei der Analyse belassen, sondern Fäden einer »urbanen Revolution« ausgelegt, hin zu einer Stadt, die ich als libertär-kommunistisch bezeichne. Diese Fäden gilt es nun fortzuspinnen und zu verknüpfen. Denn die Dinge im Ungefähren zu belassen, wird den neuen städtischen Widerstand nicht über das Stadium endloser, zermürbender Abwehrkämpfe hinausbringen.

Da ist, erstens, der Faden zur Demokratie. Der Parlamentarismus, in dem sich auch Städte organisieren, wird als letztes Wort der Geschichte gepriesen. De facto handelt es sich um eine Herrschaft von Parteikernen und Lobbygruppen, die sich den Stadtbewohnern nicht verpflichtet fühlen. Colin Crouch hat dieses Gewebe der »Postdemokratie« richtig analysiert, die Lösung des Problems allerdings darin gesehen, die Parteien auf den rechten Weg zurückzubringen.

Die neuen städtischen Bewegungen haben jedoch eine andere Antwort gegeben. In den Asambleas der vergangenen Jahre knüpften sie an eine andere, sehr alte Tradition an: Die Menschen versammeln sich auf öffentlichen Plätzen oder in Hallen, um ihre eigenen Angelegenheiten zu besprechen. Von dort führt der Weg zurück in eine verloren geglaubte Zukunft, die Karl Marx 1871 in Paris erblickt hatte: »Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren verantwortlich und jederzeit absetzbar.« Es ist diese allgemeine Selbstverwaltung, die auch Lefebvre propagierte – und die für ihn erster Artikel eines Programms der urbanen Revolution sein musste.

Der zweite Faden verweist auf das Eigentum an Grund und Boden, dem Lefebvre das Recht auf Aneignung und das Recht auf Wohnen gegenüberstellt. Dass Grundeigentum privat und über einen möglichst freien Markt organisiert wird, ist der heilige Grundsatz des bürgerlichen Zeitalters. Jedes andere Grundrecht steht im Ausnahmezustand zur Disposition, das Recht auf Eigentum jedoch nicht, das fortwährend Zumutungen für Zigtausende produziert. Wer über die Stadt der Zukunft nachdenkt, kommt an der Eigentumsfrage nicht vorbei. Die Losung, die seit einigen Jahren die Runde macht, heißt »Vergesellschaftung«. Als Modell gelten die Commons, deutsch: Allmende oder Gemeineigentum.

Für Grund und Boden muss ein Commons-Modell aber noch erfunden werden. Es müsste zwei Bedingungen erfüllen: Vergesellschafteter Grund und Boden ist nicht mehr handelbar – was interessanterweise in Großbritannien für die Ländereien des National Trust mit dem National Trust Act von 1907 festgeschrieben wurde. Und es muss gemeinschaftlich verwaltet werden. Ironischerweise ist es auch hier eine angelsächsische Institution, die dem bereits recht nahe kommt: die Community Land Trusts. In ihnen entscheiden nicht nur die an einem konkreten Grund und Boden Beteiligten – wie etwa in einer Genossenschaft –, sondern auch Vertreter der Nachbarschaft sowie externe Stakeholder.

Einen dritten Faden legte Lefebvre mit dem Recht auf das Werk aus, einer klaren Absage an das Recht auf (Lohn-)Arbeit. Der aus der Kunst entlehnte Begriff verweist auf eine andere Form des Produzierens. Sie ist nicht von Ressourcen-Effizienz und Profitmaximierung bestimmt, sondern von der Verwirklichung einer Idee. Sie schafft zuerst Gebrauchswerte und nicht Tauschwerte. In den technischen Commons, die seit dreißig Jahren in Form von Free Software und Open Hardware ein immer größeres Repertoire erschließen, scheinen wiederum vergesellschaftete Produktionsmittel auf, die jedem zur Verfügung stehen. Noch handelt es sich um eine Nische, auch berühren sie noch nicht die Frage, wo die Rohstoffe herkommen. Doch sie geben der Stadt der Zukunft die Möglichkeit an die Hand, ihre Deindustrialisierung rückgängig zu machen. Denn tatsächlich ist die postindustrielle Stadt der Gegenwart Komplizin einer global arbeitsteiligen Industriearbeit, die auf Ausbeutung von Millionen beruht. Die Commons-basierte Produktion wird zugleich eine kollektive sein, weil der Gedanke des Kollektivs ihren Produktionsmitteln eingeschrieben ist.

Lefebvres vierter Faden verweist auf die Frage, wer zur Stadt gehört. Die Stadt von heute überlässt die Antwort noch dem übergeordneten Nationalstaat: Es ist die Einteilung in Menschen erster und zweiter Klasse. Ohne eine Nationalität erster Klasse keine Aufenthaltsgenehmigung. Mit dem Recht auf Differenz und dem Recht auf Zentralität rückte Lefebvre die Stadt als eigenständige Einheit in den Mittelpunkt, die sich einer Einteilung in globale Klassen enthält. In einigen Global Cities – wie Saskia Sassen formuliert – nimmt dieser Gedanke bereits erste konkrete Form an, wenn sie Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus eine »Urban Citizenship« geben, so etwa San Francisco oder New York City. Wohin diese Erosion führen könnte (und sollte), hat David Harvey formuliert: »… stellen Sie sich einen Bund sozialistischer Städte vor, so wie die Hanse einst zum Netzwerk wurde …« – Zu Recht erinnert Harvey daran, dass der Städtebund viel älter als der Nationalstaat ist.

Es ist Zeit, dass sich die städtischen Bewegungen einen programmatischen Entwurf zutrauen. Die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT konnte nach dem Putsch vom 19. Juli 1936 gerade deshalb in weiten Teilen Spaniens eine libertäre Republik etablieren, weil sie kurz zuvor in einem umfassenden Programm einen gesellschaftlichen Gegenentwurf zu Ende gedacht hatte. Dass der Republik kein Bestand vergönnt war, ist einer barbarischen historischen Konstellation geschuldet, in der die Anarchisten zu schwach waren. Der Traum aber bleibt bestehen. Und könnte eines Tages in eine »Föderation freier Städte in Europa, Nordafrika und der Levante« münden. Nichts Geringeres als diese Föderation freier Städte muss das Ziel sein.

Niels Boeing ist Buchautor (u. a. »Von Wegen – über die freie Stadt der Zukunft, Edition Nautilus, Hamburg 2015) und Vorkämpfer der Hamburger Recht-auf-Stadt-Bewegung

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Inland