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Aus: Ausgabe vom 18.04.2026, Seite 12 / Thema
Spanischer Bürgerkrieg

Don Kischote im Spanischen Krieg

Egon Erwin Kisch schrieb als Augenzeuge des Krieges zwischen Juni 1937 und April 1938 über das republikanische Spanien. Eine Chronik
Von Georg Pichler
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»Grad hab’ ich’s gesagt, der Kisch, der müsst’ mal herkommen, und schon is’ er da.« Egon Erwin Kisch zu Besuch bei den Interbrigadisten (Sommer 1937)

Ein Brief aus Spanien. Vom Schauplatz. Zu schreiben hätte ich so viel, daß ich – o dialektischer Gegensatz – gar nichts schreiben kann. So viel Eindrücke, daß das Gehirn zu bersten droht.« So schrieb Egon Erwin Kisch an seine Prager Freundin Jarmila Haasová am 6. Juni 1937, mitten aus dem Spanischen Bürgerkrieg, wenige Tage nach seiner Ankunft in Valencia, beeindruckt vom überbordenden Leben in der Stadt, die wegen der Belagerung Madrids durch franquistische Truppen seit November 1936 der Sitz der republikanischen Regierung war.

Kisch hatte schon länger geplant, nach Spanien zu gehen, um über den Krieg zu berichten, zu jener Zeit der Brennpunkt der politischen Auseinandersetzungen und die Hoffnung aller exilierten Antifaschisten. Bereits im Januar hatte Walter Ulbricht in seiner Funktion als Leitender Sekretär des Auslandssekretariats der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) seinen Genossen in Spanien Kischs Kommen angekündigt: »Es wird das Beste sein, wenn er fortlaufend Berichte schreibt und gleichzeitig vorbereitet ein Buch, das weniger die Fragen der Front behandelt als die Fragen des Inhalts der Politik der demokratischen Republik, wie das spanische Volk sich ein neues Leben schafft usw.« Kisch wollte also für die Exilpresse aktuelle Artikel über seine Erfahrungen in Spanien schreiben, aber auch ein zusammenhängendes Buch mit Reportagen, wie er es bereits zuvor bei Reisen nach China, in die Sowjetrepubliken oder nach Australien getan hatte. Artikel schrieb er mehrere, sogar einige recht lange, doch wurde kein eigenes Buch daraus.

Der Zeitpunkt der Abreise verschob sich, so dass Kisch die legendären Schlachten am Jarama oder bei Guadalajara versäumte. Wichtiger war ihm seine Familie, denn er setzte sich über das Reiseverbot der Partei hinweg und fuhr nach Prag, um seine kranke Mutter bis zu deren Tod am 9. Mai zu betreuen; ein Tod, der seinen ohnehin angeschlagenen Gemütszustand zusätzlich belastete.

Zurück in Versailles, seinem damaligen Wohnsitz, entschied sich Kisch bald, nach Spanien zu reisen. Anlass war der II. Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur; und er war wohl auch ein Vorwand, denn Kisch machte sich mehr als einen Monat vor dessen Beginn auf den Weg. Mit dem Flugzeug flog er von Frankreich nach Valencia und wurde während des Flugs Zeuge eines Luftangriffs auf Barcelona, wie er der deutschen Reporterin Ilse Wolff berichtete. Kaum angekommen, hatte Kisch alle Hände voll zu tun: Die deutschsprachigen Mitglieder der Internationalen Brigaden luden ihn zu ihren Einheiten ein, er schrieb ein paar kurze Texte über seine Eindrücke, sprach im Radio und gab Interviews, ein Zeichen seiner Bekanntheit und der Erwartungen, die sein Kommen ausgelöst hatte.

Umjubelt aufgenommen

In den ersten Tagen streifte Kisch durch Valencia, das er bei einem Besuch im Jahr 1933 kennengelernt hatte. Er nahm die vielen Veränderungen wahr, aber auch die Folgen der unausgesetzten Bombardierungen durch die feindliche Allianz – spanischer Franquismus, deutscher Hitlerfaschismus und italienischer Faschismus –, die die Stadt aus der Luft und vom Meer her beschoss.

Über Madrid fuhr Kisch in Begleitung des ehemaligen sozialdemokratischen Abgeordneten Erich Kuttner an die Südfront im Norden Andalusiens, wo sie die 13. Internationale Brigade besuchten. Alfred Kantorowicz, Informationsoffizier der Brigade, erzählt in seinem »Spanischen Kriegstagebuch« (1948/1982) ausführlich von Kischs Besuch bei seiner Einheit, deren meist proletarische Mitglieder aus 21 Nationen stammten: »Wie die Deutschen und Österreicher reklamieren ihn auch die Tschechen als Landsmann. (…) Wohin wir kamen, brachen Freudenkundgebungen aus. Die Schützen streckten ihm Notizblätter, Fotografien – oftmals die ihrer Frauen oder Bräute – entgegen, damit er seinen Namen darauf schreibe. Das machte ihn verlegen, er improvisierte aber einige muntere Schüttelreime, die jeder Feierlichkeit die Spitze abbrachen. Der junge Kamerad, der mir neulich nachgerufen hatte, ich möge doch mal an Kisch schreiben, er solle herkommen, war besonders begeistert: ›Grad hab’ ich’s gesagt, der Kisch, der müsst’ mal herkommen, und schon is’ er da‹, rief er immer wieder, als hätte sein Wunsch allein Kisch hergezaubert.«

Kisch war ebenso begeistert, entsprach doch das, was er im tiefen Andalusien erlebte, seinem Ideal einer internationalen Volksfront: »Und in welcher Kameradschaft, in welcher Einheit der Gesinnung stehen sie dort beisammen, Spanier und Polen, Deutsche und Franzosen, Engländer und Tschechen. Mit welchem kulturellen Interesse sie diskutieren. Welche Schicksale sie für ihre politische Überzeugung schon erlitten haben, welche Hindernisse sie überwinden müssen, um an die Front zu kommen.« »Don Kischote«, wie er sich selbst titulierte, wusste die Truppe mit Geschichten und Späßen zu unterhalten und schrieb für die Bataillonszeitung einen kurzen Text. Sein freundschaftlicher Umgang mit Kuttner zeigt auch, dass Kisch keineswegs der Parteikommunist war, als den ihn manche später hinstellen wollten.

Bei den Schriftstellern

Am 30. Juni war Kisch zurück in Valencia, um an dem literarischen Ereignis des Bürgerkriegs teilzunehmen: dem II. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, der vom 3. bis 11. Juli in Valencia, Madrid und Barcelona tagte und am 18. Juli in Paris seinen Abschluss fand. 230 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus 38 Ländern nahmen an ihm teil – Stephen Spender, Michail Kolzow, Ilja Ehrenburg, Martin Andersen Nexø, André Malraux, Nicolas Guillén, María Teresa León, Antonio Machado, um nur einige zu nennen –, mehr als hundert Ansprachen wurden gehalten. Das deutschsprachige Exil repräsentierten unter anderem Anna Seghers, Maria Osten, Ludwig Renn, Erich Weinert, Willi Bredel und Gustav Regler. Die ersten Reden wurden am 4. Juli in Valencia gehalten, am 5. Juli fuhren die Delegierten in einer aus 18 Wagen bestehenden Kolonne nach Madrid, wo tags darauf die Sitzungen weitergingen. Kisch saß an diesem Vormittag mit neun internationalen Autoren am Podium, vor dem die Reden gehalten wurden, am Nachmittag hatte er als einziger deutschsprachiger Autor die Ehre, eine Sitzung zu leiten.

Am selben Tag begann die Schlacht von Brunete, keine 40 Kilometer westlich von Madrid. Nachts wurden die Vororte der Hauptstadt von der franquistischen Artillerie und Luftwaffe bombardiert, der Kongress tagte also mitten im Kriegsgeschehen. Ob Kisch an den Ausflügen an die Fronten am Fluss Manzanares oder nach Guadalajara teilnahm, ist nicht bekannt, bei einer Besichtigung der Stellungen an der Madrider Casa de Campo ein paar Tage später wurde auf ihn geschossen, wie er fast stolz berichtete.

Kisch fuhr wohl nicht nach Valencia zurück, sondern blieb in Madrid. Unterkunft fand er in einem enteigneten Palais als Gast der Schriftstellervereinigung Alianza Internacional de Intelectuales Antifascistas. Hierher kam auch seine spätere Frau Gisela Lyner, Gisl, die seine Texte in die Maschine tippte und mitunter auch korrigierte; ihr Beitrag zu Kischs Werk wird bis heute nicht entsprechend gewürdigt. In Gesellschaft von Gustav Regler und dessen Frau Marie-Luise Vogeler, Theodor Balk, Jeanne und Kurt Stern, Hans Marchwitza und anderen deutschsprachigen Autoren wohnte das Paar in Madrid. Kisch schrieb über das Leben in der belagerten Stadt. Er berichtete ausführlich und mit sozialhistorischem Hintergrund über die von Bomben zerstörten »Häuser und Paläste von Madrid«, erzählte vom leerstehenden Prado, aus dem wegen der kontinuierlichen Luftangriffe alle Bilder evakuiert werden mussten, und plante, über Angst und Schrecken der Tiere im Madrider Zoo zu schreiben, da dies eine unpolitische Leserschaft eher anrühren würde als menschliche Schicksale; doch blieb dies ein Plan.

Mehrmals begab er sich an die Front, nach Brunete etwa, wo die deutsche Fotografin Gerda Taro Ende Juli 1937 von einem republikanischen Panzer überrollt wurde und starb, was Kisch zutiefst bedauerte. Im September fuhr er an die Front bei Belchite im Süden von Zaragoza, um die 11. Internationale Brigade zu besuchen, und verfasste den einzigen Text, in dem Kampfhandlungen geschildert werden. Alle anderen Spanien-Texte sind im Hinterland angesiedelt, beschreiben die Folgen der Bombardierungen und der Kämpfe, nicht aber den Krieg an sich. Sein Freund, der Schriftsteller Theodor Balk, meinte, dass Kisch »diese Menschen und Menschenwerk vernichtende Tätigkeit so verabscheute, daß ihm selbst das Erzählen darüber zuwider war«. Zwar gibt es mehrere Fotos von Kisch in einer dunklen Uniform, etwa beim Schriftstellerkongress in Valencia oder mit dem Sänger Ernst Busch, doch war dies Pose, Propaganda zugunsten der Republik. Das Militärische, der Krieg als solcher, interessierte Kisch nicht, sein Augenmerk galt den Menschen und deren Alltagsleben im Krieg.

Die drei Kühe

Ende Juli besuchte Kisch das österreichische 12.-Februar-Bataillon der 11. Internationalen Brigade, die nach der Schlacht von Brunete in Ruhestellung lag. Im Anschluss an eine Lesung fragte er seine Zuhörer, warum und wie sie nach Spanien gekommen waren. So lernte er den jungen Tiroler Bauern Max Bair kennen, eine Begegnung, aus der Kischs bekanntester Spanien-Text entstehen sollte: »Die drei Kühe«, erstmals 1938 im Amalien-Verlag der Internationalen Brigaden in Madrid erschienen. Obwohl, wie Kisch schrieb, viele »sich begierig zeigten, mir ihren Weg nach Spanien zu erzählen«, hatte es ihm ein sich stumm im Hintergrund haltender Brigadist angetan, den er schließlich ansprach. Und Bair erzählte, »rot vor Verlegenheit«, seine Geschichte, wie er, der Erbe eines kleinen Bauernhofs, seinen einzigen veräußerbaren Besitz, eben seine drei Kühe, verkauft habe, um gemeinsam mit drei Freunden im Bürgerkrieg gegen den Faschismus zu kämpfen. Kisch notierte sich einiges, und als die beiden im Herbst im Lazarett von Benicasim erneut zusammentrafen, schrieb er die Lebensgeschichte des Tiroler Interbrigadisten nieder und machte aus ihr ein Lehrstück in Sachen Biographie. Knapp, fast in mündlicher Sprache, gibt er Bairs Bericht wieder, erzählt von den konkreten Sorgen eines Bauern aus dem Wipptal kurz vor dem Brennerpass, von seiner Politisierung durch einen kommunistischen Arbeiter und von den Mühen des Wegs nach Spanien, nahe an der Person und doch immer das Ganze des Sozialen im Auge behaltend. Dem Text entwuchs eine Freundschaft, die das Exil überdauerte.

Waren die ersten drei Monate in Spanien frenetisch gewesen, so wurde es im Herbst etwas ruhiger. Dennoch war Kisch offenbar immer wieder unterwegs, um deutschsprachige und tschechische Einheiten in ihren Stellungen zu besuchen. Im Dezember 1937 wollte er unbedingt bei der Einnahme der Provinzhauptstadt Teruel dabei sein – aufgrund der Schneestürme und Temperaturen bis zu minus 18 Grad gilt die Schlacht als das spanische Stalingrad. Wieder ging es ihm in Teruel nicht darum, den Kriegsberichterstatter zu spielen, sondern er wollte in der Tschechoslowakei persönlich bezeugen können, dass die Stadt von den republikanischen Truppen eingenommen worden war, als Zeichen der Hoffnung im Kampf gegen den Faschismus.

Trotz dieser Fahrten wurde Kisch ruhiger und schrieb vor allem weniger Texte als zu Beginn. Er schien sich auf einen längeren Aufenthalt in Spanien einzurichten, denn er begann die Sprache zu lernen. Und er ließ sich, in Begleitung von Gisl, in Benicasim am Mittelmeer nieder, wo sein Bruder Friedrich ab Dezember als Oberarzt das Spital der Internationalen Brigaden leitete. Ob der Schriftsteller seinem Bruder nahe sein wollte, Themen für Reportagen suchte oder einfach etwas Ruhe angesichts der vergangenen, umtriebigen Jahre und der dramatisch sich zuspitzenden Weltlage, ist schwer zu sagen. Es war wohl eine Mischung aus alledem. Sicher ist, dass Kisch sich ganz auf das Leben im Sanatorium einließ.

In Benicasim

Vor dem Krieg war Benicasim – auf valencianisch Benicàssim – ein Küstenort mit zahlreichen noblen Villen und Sommerresidenzen gewesen, die nun den Verwundeten als Unterkünfte dienten. In dem großen Komplex aus Spitälern und Sanatorien gab es bis zu 1.200 Betten, allein im Jahr 1937 wurden unter schwierigsten Bedingungen 7.575 Mitglieder der Internationalen Brigaden betreut. Hier verfasste Kisch seinen längsten Spanien-Text, »Die Sanität der Internationalen«, in dem er ausführlich, historisch und sozial untermauert über die Geschichte des Ortes ebenso berichtet wie über die Schicksale von zahlreichen Patienten und Mitgliedern des Sanitätspersonals. Schon kurz nach seiner Ankunft in Spanien hatte Kisch Interbrigadisten in ihrer Zeitschrift aufgefordert, ihre Erlebnisse selbst niederzuschreiben, statt anderen diese Aufgabe anzuvertrauen, und er tat es auch hier. Zugleich ließ er sich die Lebensgeschichten der Menschen in Benicasim erzählen und formte sie zu einem Text, der in seiner eigenen Mischung aus literarischer Gestaltung, historischer Information und politischer Propaganda sowohl Zeitdokument als auch Artefakt ist. Benicasim war für Kisch eine Fundgrube an Geschichten für seine Arbeit, zugleich stand der Autor selbst im Mittelpunkt: »Am Abend bildeten sich um Kisch immer Gruppen und Grüppchen von Verwundeten und Ärzten, um seinen Schnurren aus aller Welt zu lauschen«, so der österreichische Interbrigadist Hans Landauer. Kisch war auch mündlich ein begnadeter Erzähler und probierte seine Anekdoten vor Zuhörern aus, variierte sie, um die beste narrative Form zu finden, bevor er sie dann schriftlich festhielt.

In der Zweiten Spanischen Republik und im Bürgerkrieg kam der Kultur als Mittel zur persönlichen Bildung sowie zur sozialen und politischen Bewusstwerdung eine besondere Rolle zu. So auch in Benicasim. Es gab eine Unzahl von kulturellen Veranstaltungen der vielsprachigen Insassen, jede Sprachgruppe hatte ihre eigene Kulturkommission. Auf Besuch kamen international bekannte Persönlichkeiten wie die »Pasionaria« Dolores Ibárruri, der schwarze US-amerikanische Sänger Paul Robeson oder der deutsche Barde Ernst Busch. Kisch war auch hierbei einer »unserer wichtigsten und beliebtesten Mitarbeiter«, und die »schönsten Abende sind die, an denen er zu unseren Kameraden spricht«, erzählte die tschechische Krankenschwester Alice Glasner.

Dieses scheinbar geruhsame Leben mitten im Krieg im idyllischen Badeort ging schlagartig zu Ende, als die franquistischen Truppen immer weiter in Richtung Mittelmeer vorstießen und absehbar wurde, dass die Landverbindung mit Barcelona bald unterbrochen sein würde. Am 6. April 1938 wurde Benicasim evakuiert. Kisch folgte seinem Bruder nach Barcelona, obwohl die katalanische Hauptstadt damals kein Ort war, an dem man länger hätte bleiben mögen, wurde sie doch beinahe täglich bombardiert. Über Kischs Aufenthalt in Barcelona ist nichts in Erfahrung zu bringen, Ende April dürften er und Gisl die Stadt verlassen haben und nach Paris zurückgereist sein.

Dort trat Kisch am 2. Mai auf, berichtete über seine Erlebnisse in Spanien und las aus den soeben erschienenen »Drei Kühen«. Der Kampf gegen den Faschismus in Spanien fand noch einige Zeit Erwähnung in seinen Briefen und war präsent in Emigrantenkreisen, bei deren Solidaritätsveranstaltungen Kisch mehrmals mitwirkte.

Zweifel

Auch wenn sich die Biographen von Egon Erwin Kisch einig waren, dass es aufgrund der wenigen Dokumente nicht einfach sei, seinen Weg durch das republikanische Spanien nachzuzeichnen, erhält man anhand von Kischs Texten und Briefen sowie dank der Zeugnisse seiner Freunde und Zeitgenossen ein umfassendes Bild seiner Erlebnisse. Andere Facetten, wie etwa sein tatsächlicher Gemütszustand und seine politischen Überlegungen, lassen sich kaum erschließen.

So stellt sich etwa die Frage, warum Kisch, entgegen seiner Absicht, kein eigenes Buch über Spanien herausgebracht hat. In den knapp elf Monaten seines Aufenthalts, zwischen Anfang Juni 1937 und Ende April 1938, hätte er sicherlich mehr Texte schreiben können, wie bei früheren Reisen und später in Mexiko. Möglich, dass Kisch vor Ort seine Aufgabe eher darin sah, die Menschen zu unterstützen, als ein literarisches Werk zu verfassen. Vielleicht lag es an den ereignisreichen Umständen, von denen er gleich zu Beginn Jarmila Haasová berichtete und die angesichts der nur schwer zu erfassenden Geschehnisse bei Kisch eine Schreibhemmung auslösten, wurde doch der anfangs rasche Entstehungsrhythmus seiner Texte bald langsamer. Es kann auch sein, dass die politischen Prozesse nach seiner Rückkehr nach Frankreich ihn davon abhielten, sich weiterhin mit Spanien zu beschäftigen, wie es etwa Gustav Regler, Alfred Kantorowicz, Ludwig Renn und andere deutsche Schriftsteller taten, die, kaum hatten sie Spanien verlassen, ihre Erfahrungen in Romanen oder Erinnerungswerken festhielten. Wie dem auch sei, es blieb bei einigen eher propagandistischen Texten, sechs mehr oder weniger langen Reportagen und seiner Rede auf dem Schriftstellerkongress, die gesammelt erstmals von seiner Witwe Gisela Kisch mit dem Titel »Unter Spaniens Himmel« 1961 herausgegeben wurden.

Was Kisch nicht wusste und vielleicht auch nie erfuhr, war, dass er, wie die meisten deutschsprachigen Freiwilligen, in Spanien observiert wurde, wie der Kenner des Spanischen Kriegs Werner Abel herausfand. Die im republikanischen Spanien aktive KPD-Abwehr und die Kommission für ausländische Kader beim Zentralkomitee der KP Spaniens nahmen ihn ins Visier. Angeblich hatte er Kontakte zu ›feindlichen‹ Personen, was bei Kischs umfangreichem Bekanntenkreis und dem Argwohn, den kommunistische Funktionäre gegen alles Nichtparteikonforme hegten, kein Wunder war. Andererseits war Kisch zumindest seit seiner Mitarbeit bei der Exilzeitschrift Das Wort mit Maria Osten befreundet. Osten war mit dem sowjetischen Journalisten Michail Kolzow liiert, der im Zuge der Stalinschen »Säuberungen« ermordet wurde – wie auch Osten zweieinhalb Jahre später. Sie befand sich für die KPD-Abwehr schon damals im Mittelpunkt eines Netzes von ehemaligen Mitarbeitern von Willi Münzenberg, mit dem auch Kisch zusammengearbeitet hatte. Daher taucht sein Name in einer »Querverbindung der Trotzkisten über Münzenberg-Kreise zur Partei« betitelten Skizze auf, in der viele der deutschen kommunistischen Autoren verzeichnet sind, die in Spanien tätig waren. Die Spanien-Akte Kischs wurde im Oktober 1937 angelegt, doch dürfte sie in Moskau als nicht allzu wichtig angesehen worden sein, denn sie wurde im November 1940 geschlossen.

Ob Kisch Zweifel am Kommunismus Stalinscher Prägung hegte und in Spanien versuchte, mit sich und der Partei ins Reine zu kommen, wie einige seiner Zeitgenossen nahelegten, lässt sich nicht beweisen. Kisch wurde in diesen elf Monaten von den meisten als wohlgelaunter, oft genialischer Spaßmacher und Geschichtenerzähler beschrieben; andere stellten ihn eher zweifelnd, nachdenklich oder mürrisch dar. Keiner ging so weit wie Alfred Kantorowicz, der 1964 im Rückblick, lange nach seiner Abkehr vom Kommunismus, folgende Szene schilderte: »Bitterkeit drückte (ihm) das Herz ab. Wir beide gingen am Strande von Benicasim spazieren, er schwerfällig auf den Stock gestützt (…). Ächzend ließ er sich auf einen Stein nieder, zeichnete, vor sich hinbrütend, mit seinem Stock Schnörkel in den Sand, sah dann auf, sah mir in die Augen und sagte: ›Weh uns, wenn wir gesiegt haben!‹«

Dass Kisch die Schauprozesse in Moskau bedrückten, ebenso wie später der Hitler-Stalin-Pakt, ist belegt. Dennoch war sein Aufenthalt in Spanien keine Flucht vor diesen Ereignissen, wie manche meinen, eher wohl eine Zuflucht, denn er sah hier, ebenso begeistert wie Anna Seghers, wie ein Teil der Bevölkerung sich lebhaft gegen den Faschismus wehrte, und er sah Freiwillige aus vielen Ländern, die diesen Menschen zu Hilfe gekommen waren. Und diesen Menschen, dieser Solidarität wollte er ein Denkmal setzen.

Lektürehinweis: Egon Erwin Kisch. Der rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg. Hg. v. Georg Pichler und Joachim Gatterer. Wien: Edition Atelier 2026

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  • Leserbrief von Peter Nowak aus Berlin (20. April 2026 um 15:20 Uhr)
    Die Beschreibung des Aufenthalts von Egon Erwisch Kisch während der spanischen Revolution ist sehr interessant. Gut auch die Erwähnung von Kischs »Zweifel am Kommunismus stalinistischer Prägung«, gerade nach den Erfahrungen in Spanien. Allerdings verstieß er mit seinem freundschaftlichen Umgang mit dem SPD-Politiker Erich Kuttner 1937 keineswegs gegen die Richtlinien der KPD. Schließlich war Kuttner einer der wenigen prominenten Sozialdemokraten, die sich im Zuge der Volksfront-Politik für eine Kooperation mit der KPD einsetzen. Das war bei seiner Biographie besonders erstaunlich. Kuttner war Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg und im Januar 1919 als Leiter des Regiments Reichstag aktiv an der Zerschlagung des Aufstands der Rätebewegung in Berlin beteiligt. Erst nach 1933 schien ihm klar zu werden, dass er damit den Weg für den Faschismus bereitet hat. Kuttner wurde 1942 im Exilland Holland von der Gestapo nach Deutschland verschleppt und im Dezember 1942 im KZ Mauthausen ermordet. Peter Nowak
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christel H. aus Aschersleben (20. April 2026 um 11:09 Uhr)
    Dem Autor sehr herzlichen Dank für den ausführlichen und interessanten Artikel über Egon Erwin Kisch im Spanischen Krieg.

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