Feminismus auf großer Leinwand
Von Gitta Düperthal
Das frauenpolitische Happening wird Debatten auslösen. Vom 22. bis 26. April zeigt das Internationale Frauenfilmfest in 43. Auflage in Köln feministische Filme. Das queere Programm »Begehrt« verspricht, ein besonderer Anziehungspunkt für lesbische Kinogängerinnen zu werden. Im Fokus »Common Land« laufen spannende Werke der internationalen feministischen Filmgeschichte zum Thema »Allmende«, also der solidarischen Verteilung von Ressourcen in einer Gemeinschaft. Im Programmheft wird die Frage gestellt: »Kann aus uns im Kinosaal eine handelnde Gemeinschaft werden und was wäre unsere Allmende?«
Im internationalen Spielfilmwettbewerb läuft die teils surrealistische Tragikkomödie »If I had legs, I’d kick you« (Wenn ich Beine hätte, würde ich Dich treten). Darin räumt die US-amerikanische Regisseurin Mary Bronstein mit gängigen Klischees von Mutterschaft und vermeintlich daran gekoppelter glückseliger Frauenrolle auf: Die sich einen Hamster wünschende Tochter, die eine schwere Behinderung hat, meldet sich aus dem Off von der Rückbank des Mamataxis. Der durch Abwesenheit glänzende Vater verkündet per Handy seine Wichtigkeit, als wäre er einziger Familienernährer. Auf der Couch der Mutter Linda (Rose Byrne, ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären der Berlinale 2025 für die beste schauspielerische Leistung in dieser Hauptrolle), von Beruf Psychoanalytikerin, fordern derweil Patienten Aufmerksamkeit. Im »trauten Heim« wartet ein Wasserschaden mitsamt Deckendurchbruch. Die Ärztin der Tochter fühlt sich berufen, auf bessere Betreuung für sie zu drängen. Im Film tauchen real weder Kind noch Mann auf. Dafür aber Lindas Therapeut, der wiederum auf ein pünktliches Ende der Sitzung drängt. Der Film unterlässt es, um Verständnis für das komplexe Umfeld zu werben, wobei jeder Einzelne es sicher auch nicht leicht hat. Thema ist die als modern angesehene Mutterschaft in ihrer Antiquiertheit.
Das Festival zeigt Männer aus Frauen-perspektive, zu sehen zum Beispiel in der US-britischen Coming-of-Age-Story »The Son and the Sea« (»Der Sohn und das Meer«) von Stroma Cairns. In der Anfangsszene hängt ein antriebsarmer männlicher Teenager in London in seinem Messiezimmer auf dem Bett herum und starrt auf sein Handy. Cineastisch wenig berauschend. Um die überraschende Wendung nicht zu verpassen, lohnt aber Durchhalten: Die Hauptfiguren des Films, Jonah und dessen Freund Lee, reisen ins Dorf Fraserburgh in Aberdeenshire an der Nordostküste Schottlands. Konfrontiert mit dem klugen und charmanten Charlie, der etwa im gleichen Alter und gehörlos ist, und dessen an Demenz erkrankten Tante, entwickelt Jonah Empathie. Die Geschichte ist ohne die Anwesenheit von Frauen erzählt. Und das ist, zumindest im Film, wohl das Geheimnis zur Emanzipation von jungen Männern, die nicht wissen, wohin mit sich: Ohne weibliche Carearbeit lässt es sich besser zu sozialverträglicher Teilhabe an der Gesellschaft finden.
Im »Panorama« des Festivals läuft Bani Khoshnoudis Dokumentarfilm »The Vanishing Point« (»Der Fluchtpunkt«) von 2025. Die Koproduktion aus Iran, den USA und Frankreich zeigt die staatliche Repression im Iran gegen Frauen, die auf den Straßen Teherans dagegen aufbegehren und ihre Freiheit verteidigen: Von der Historie der ersten Bildungsministerin und Verfechterin von Frauenrechten, Farrokhroo Parsa, die am 8. Mai 1980 hingerichtet wurde, bis zu im Evin-Gefängnis verschwundenen Frauenrechtlerinnen der vom kurdischen Frauenkampf ausgehenden Protestbewegung »Frau, Leben, Freiheit« (Jin, Jiyan, Azadî), die 2022 nach dem Tod der 22jährigen Jina Mahsa Amini ihren Ausgang nahm. Nach der Festnahme durch die iranische Sittenpolizei wegen ihres angeblich nicht korrekt getragenen Kopftuchs war sie an den Folgen schwerer Misshandlungen gestorben. Karge Bilder verbleibender Habseligkeiten im Film: eine Brille, ein Etui, eine Haarspange, verblasste Fotos, ein Briefumschlag. Zu sehen sind verwackelte Handyaufnahmen, die in Autos des Geheimdienstes gezerrte Regimegegnerinnen zeigen. Oder Mütter, die ihre Wut über ihre verschwundenen Kinder laut herausschreien. Zu hören sind Slogans wie »Tod dem Diktator«, entsprechende auf Mauern gesprühte Parolen sind zu erkennen. Es sind Zeugnisse des mutigen Aufstands gegen die Unterdrücker.
Zum Abschluss bietet das Festival stets einen Ausblick auf die Perspektive auf Frauen im Film. 2024 etwa war es Colin Higgins’ Screwball-Komödie »9 to 5« (USA, 1980) nach dem Drehbuch von Patricia Resnick und einer Idee von Jane Fonda. Mit der wunderbaren Dolly Parton in der Hauptrolle zeigt der Film, wie patente Sekretärinnen ihren ausbeuterischen Chef austricksen. Diesmal darf man sich darauf freuen, wie in »The Strike« (Frankreich, 2025) mit Heterosex, der sich nicht an den Bedingungen weiblicher Selbstbestimmtheit orientiert, abgerechnet wird – durchaus antikapitalistisch motiviert. »Eines Morgens wurde mir klar, dass ich seit drei Monaten keinen Sex mehr gehabt hatte«, heißt es zu Beginn des Buches (La chair est triste hélas, 2023) der früheren Pornodarstellerin Ovidie, das den Ausgangspunkt für Gabrielle Stemmers Experimentalfilm bildet. Ob ein Sexstreik eine emanzipatorische Antwort auf Unzufriedenheit und potentielle Gewalt ist, dürfen die Zuschauerinnen selbst entscheiden.
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