Gefahr des guten Beispiels
Von Arnold Schölzel
Donald Trump hat das von Israel in Gaza praktizierte Verbrechen, ein Volk auszuhungern, auf Kuba ausgedehnt. Die westeuropäischen Staaten helfen hier wie dort. Der Schweizer Krebsforscher und Präsident der medizinischen Hilfsorganisation Medicuba-Europa Franco Cavalli erklärte am Sonnabend in Berlin, diese Politik trage »genozidale Züge«. Er sagte das während der von jW und Melodie & Rhythmus vor der Verleihung des Rosa-Luxemburg-Preises an Aleida Guevara im Kino »Babylon« organisierten Solidaritätskonferenz zur Lage in Kuba.
Deren drei Vorträge und die von jW-Chefredakteur Nick Brauns geleitete Podiumsdiskussion standen letztlich unter dessen Frage: »Wovor haben die USA Angst?« Die Antworten waren unterschiedlich, hatten aber einen gemeinsamen Nenner: Kubas Bevölkerung lebt nicht nur in einer solidarischen Gesellschaft, das Land hat immer wieder medizinische, pädagogische und militärische Solidarität geleistet – von der Unterstützung des algerischen Befreiungskampfes unmittelbar nach der Revolution von 1959 bis zur Hilfe in der Coronapandemie für Italien zu Beginn dieses Jahrzehnts.
Ausgangspunkt für die drei Referenten der Konferenz – die kubanische Journalistin Liz Oliva Fernández, die jW-Korrespondentin Julieta Daza aus Venezuela sowie der spanische Publizist und Medienwissenschaftler Ignacio Ramonet – war die gegenwärtige Lage Kubas: Sie sei die dramatischste und gefährlichste seit der Revolution 1959. Fernández stellte das 2020 gegründete und privat finanzierte kubanische Medienkollektiv Belly of the Beast (Bauch der Bestie) vor, das dem täglichen Trommelfeuer konterrevolutionärer Sender »unerzählte Geschichten aus Kuba« visuell entgegenhält, etwa die konkreten Folgen der Sanktionen: Für den Jungen, der durch Krankheit beide Beine verlor, aber nun keine flexiblen Prothesen erhalten kann. Sie sind zwar aus deutscher Produktion, enthalten aber einen Anteil von mehr als zehn Prozent aus US-Produktion. Deutschland unterwirft sich der US-Bestimmung, das falle unters Embargo. Oder der Fahrradtaxifahrer, der in der Energieblockade, die schon seit 2020 andauert, keine Kunden mehr hat, weil sie entweder zu Hause bleiben müssen oder in ihren Arbeitsstätten übernachten. Die Ausweitung der Sanktionsdrohungen, so Fernández, gegen alle Staaten, die mit Kuba Handel treiben wollen, sei »ein Todesurteil für die internationalen Beziehungen«.
Daza stellte ihr per Video aus Caracas übertragenes Referat unter den Satz des kubanischen Revolutionärs José Martí (1853–1895): »Patría es humanidad« (Vaterland oder Heimat ist Menschheit). Sie lebe seit 18 Jahren in Venezuela und wisse, dass die sozialen Errungenschaften der Bolivarischen Revolution ohne Kuba nicht möglich gewesen seien. Kubanische Ärzte hätten die medizinischen Zentren in den ärmsten Stadtvierteln von Caracas aufgebaut und demonstriert, was es bedeutet, wenn Gesundheit ein Recht und nicht ein Geschäft ist. Venezuela habe die Coronapandemie nur mit Hilfe Kubas überstanden, der Analphabetismus sei nach dem Vorbild der kubanischen Aktion »Yo si puedo« (Ja, ich kann es!) schon 2005 überwunden worden. Nie vergessen werde sie, wie viele Haushalte Venezuelas erstmals durch die kubanische Familienbibliothek »Unser Amerika« Bücher erhielten. Für den US-Imperialismus seien solche »bösen Vorbilder« nie hinnehmbar gewesen. Seit dem 3. Januar, der US-Militäraktion und der Entführung von Präsident Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores, drohten die USA mit einer neuen Intervention und setzten eine neokoloniale Politik durch. Sie entspringe dem kapitalistischen Weltsystem, das mit seiner irrationalen Gier die Menschheit bedrohe.
Ramonet prangerte an, dass viele Staaten der Welt zu den Drohungen Trumps gegen Kuba schwiegen. Die Solidaritätsbewegung für Kuba müsse die Regierungen dazu bringen, das Land zu unterstützen. Der Redner erinnerte daran, dass die militärische Solidarität der Revolution nie abgerissen sei – von Algerien über Vietnam bis zur Befreiung Angolas, Namibias und der Beendigung des Apartheidregimes in Südafrika. Kein anderes Land sei nach Afrika gegangen, um zu befreien. Zudem habe Kuba ganze Länder alphabetisiert und mehr als einer Milliarde Menschen medizinische Hilfe geleistet. Kein anderes Land habe so vielen Freiheit, Unabhängigkeit, Wissen und Gesundheit gebracht. Er fasste zusammen: »Ein kleines Land, aber eine Weltsupermacht der Solidarität.«
Das Beispiel sei für die USA und ihre Verbündeten eine »Gefahr«, hieß es in der folgenden Podiumsdiskussion. Sie wird demnächst in jW dokumentiert.
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Leider verließ ein Teil der Konferenzteilnehmer nach der Auszeichnung Aleidas, vor Beendigung der Veranstaltung, den Saal. Ich stimme dem jungen cubanischen Sänger und Gitarristen zu, wenn er sagt, das sei respektlos! Aber so viel steht fest und wurde mit allen Beiträgen noch einmal bestätigt: Wenn Cuba fällt, ist es eine weitere große Niederlage für uns alle! Sorgen wir mit all unseren Kräften dafür, daß dies nicht passiert!