Neue Wege im Sahel
Von Georges Hallermayer
Pünktlich zum ersten Jahrestag der »Fortschrittlichen Volksrevolution« (Révolution progressiste populaire) am 1. April in Burkina Faso haben sich westliche Medien auf einen Bericht der US-amerikanischen Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch gestürzt. In der Veröffentlichung unter dem Titel »Niemand kann wegrennen« über »Kriegs- und Menschheitsverbrechen in Burkina Faso« heißt es nicht nur, Militär und Al-Qaida-Kräfte hätten »seit 2023 mehr als 1.800 Menschen« in dem westafrikanischen Land getötet. Behauptet wird auch, dass im Rahmen des Konflikts Zehntausende Angehörige der Bevölkerungsgruppe der Fulbe systematisch vertrieben worden seien.
Hauptmann Ibrahim Traoré, Übergangspräsident von Burkina Faso, zeigte auf einer Pressekonferenz tags darauf Zusammenhänge auf. Er betonte zunächst, dass die Armee nicht mehr unter ausländischer Kontrolle stehe. »Wir haben diese Fesseln abgelegt. Unsere Einheiten haben auf ihrem Vormarsch zahlreiche Ortschaften, die fast zehn Jahre lang verloren waren, nach erbitterten Kämpfen zurückerobert.« 2022 habe es noch »viele rote Zonen« im Land gegeben, die unter Kontrolle von Dschihadisten standen. Doch dank eigener »Freiwilligenverbände« (Volontaires pour la défense de la patrie, VDP) seien diese Zonen »völlig grün geworden«, so Traoré. Niger, das mit Burkina Faso und Mali in der Allianz der Sahelstaaten (AES) verbunden ist, hatte am 27. März angekündigt, ebenfalls solche Freiwilligenverbände aufzubauen.
Burkina Fasos Premierminister Jean Emmanuel Ouédraogo hatte zur Jahreswende bereits eine Erfolgsziffer präsentiert. Demnach waren bis dato 74 Prozent des Staatsgebiets gesichert; drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, wobei Burkina Faso mit 275.000 Quadratkilometern etwas größer als die alte Bundesrepublik ist. Nach einer geänderten Militärstrategie wird das Land jetzt Schritt für Schritt mit Militärstützpunkten befestigt, befreite Dörfer werden von den VDP geschützt. Rückkehrer erhalten Aufbauhilfe aus einem Solidaritätsfonds. Im Rahmen der am 14. November gestarteten Kampagne »Deme Sira« wurden bis zu deren Ende am 25. März 1,726 Millionen Euro ausgezahlt, wie Oberstleutnant Pélagie Kaboré, Ministerin für Familie und Solidarität, bilanzierte. Außerdem konnten die zurückgekehrten Bewohner dank der Initiative »Faso Mebo« in Eigenleistung Krankenstationen und Schulgebäude errichten. »Es gab zwei Millionen Binnenflüchtlinge. Heute sind es weniger als eine Million, und es wird bis Ende des Jahres nur noch wenige geben«, lautet die optimistische Prognose des Präsidenten zum Jahrestag.
Seit die von Militärs geführte Übergangsregierung Traorés vor einem Jahr ihre »Fortschrittliche Volksrevolution« verkündet hat, befindet sich Burkina Faso im Umbau: Ökonomische und fiskalische Reformen wurden verabschiedet, die Industrialisierung sowie die Verbesserung der Landwirtschaft in Angriff genommen. Die Menschen legen selbst Hand an, sowohl bei der Verteidigung ihrer Dörfer als auch der Verbesserung der Infrastruktur durch »Faso Mebo«. Für den Krieg gegen die Dschihadisten wurden dem »Fonds zur patriotischen Unterstützung« etwa 350 Millionen Euro gespendet, doppelt soviel wie im Vorjahr. Hinzu kommen die »Labaal-Brigaden«, die im öffentlichen Raum vor allem für hygienische Zustände und Ruhe sorgen.
Infolge eines neuen Bergbaugesetzes konnten die inländischen finanziellen Ressourcen 2025 um ein Viertel erhöht werden. Die Goldproduktion stieg auf 94 Tonnen, was umgerechnet etwa 1,2 Milliarden Euro in die Staatskasse spülte. Die Wirtschaft wuchs um 6,5 Prozent, im subsaharischen Afrika waren es insgesamt 3,3 Prozent. Und das bei einer Inflationsrate von null, 2014 lag sie noch bei 4,2 Prozent. Im gesamten subsaharischen Afrika lag sie 2025 dagegen bei 13,1 Prozent, 2024 waren es 20,3 Prozent. Lebensmittel des täglichen Bedarfs werden zudem subventioniert, auch wurden für sie Höchstpreise festgesetzt.
Die 70 Abgeordneten der »Gesetzgebenden Volksversammlung« proklamierten am 27. März eine »Revolutionscharta« und ersetzten damit die 2022 vorgestellte »Übergangscharta«. Justizminister Edasso Rodrigue Bayala fasste im Interview mit der Zeitung Sidwaya zusammen: »Die Charta trägt den institutionellen und rechtlichen Entwicklungen Rechnung, die unser Land durch die Auflösung politischer Parteien und die Schaffung neuer Regionen durchlaufen hat. Sie befasst sich mit einer Reihe von Aufgaben wie dem Kampf gegen Imperialismus und Neokolonialismus.« In der Charta ist das Land in vier neue Regionen eingeteilt. Sie definiert Burkina Faso als laizistischen, weltlichen Staat.
In westlichen Medien wird angeprangert, dass Übergangsstaatschef Ibrahim Traoré bei künftigen Wahlen antreten darf. Zudem wird eine Abkehr von der Demokratie kritisiert. Doch die Burkinabe, was mit die »Aufrechten« zu übersetzen ist, wehren sich gegen das vom Neokolonialismus aufgepfropfte Parteiensystem. Es repräsentierte die nationale Uneinigkeit wie auch die Korruption, wie Traoré in seiner Rede betonte. Dabei verwies er auch auf ein demnächst erscheinendes »Manifest der Revolution« und rückte das »Tryptichon des neuen Burkinabe« in den Mittelpunkt, wie es in Sidwaya genannt wird. In der Nachfolge des 1987 ermordeten Staatschefs Thomas Sankara zählen demnach vor allem drei Dinge: Patriotismus, politisches Bewusstsein und Opferbereitschaft.
Hintergrund: Manifest der Revolution
Zum ersten Jahrestag der »Fortschrittlichen Volksrevolution« stellte Burkina Fasos Staatschef Ibrahim Traoré am 1. April die drei Hauptpunkte eines »Manifests der Revolution« vor. Laut der von der burkinischen Tageszeitung Sidwaya am selben Tag zitierten Rede Traorés ist ein Revolutionär erstens »derjenige, der sein Vaterland liebt und die Völker liebt, die nach Frieden und Gerechtigkeit streben. Um sein Vaterland zu lieben, müsst ihr aber alle lieben, die mit euch leben. Und vor allem solltet ihr alle Völker der Welt lieben, die nach Frieden und Gerechtigkeit streben. Und wer von Liebe in seiner Umgebung spricht, pflegt zwangsläufig Solidarität, gegenseitige Hilfe und Frieden.« Das ist also der »Patriotismus« als erster Teil des von Sidwaya so genannten Triptychons des neuen Burkinabe.
Als Zweites kommt das politische Bewusstsein hinzu. Traoré sagte am 1. April: »Der Revolutionär strebt nach Wissen, denn durch Wissen revolutionieren wir unser Leben. Der Revolutionär muss danach streben, die Geschichte, seine Wurzeln, seine Vorfahren, seine Ahnen zu kennen, zu wissen, woher sie kommen, wie die Interaktion zwischen seinen Vorfahren und dem Rest der Welt aussah. Der Revolutionär muss die Gegenwart, die Handlungen und das Verhalten aller Völker der Welt sowie der Weltführer nüchtern analysieren, die Gegenwart gründlich durchschauen und verstehen, wie er sich in der Zukunft verhalten muss. Deshalb sage ich oft, dass der Revolutionär derjenige ist, der danach strebt, die Geschichte zu kennen, der die Daten der Geschichte mit der Gegenwart verknüpft, um sich in die Zukunft projizieren zu können. Ein Revolutionär muss um jeden Preis nach Wissen streben, sei es ideologisches, politisches, philosophisches oder wissenschaftliches.«
Der dritte Punkt ist schließlich die Opferbereitschaft, zu der Traoré ausführte: »Schließlich würde ich sagen, dass zu den Eigenschaften eines Revolutionärs gehört, dass er jener Mensch ist, der über die Liebe hinaus, die er um sich herum haben muss, über das Wissen hinaus, das er suchen muss, standhaft bleibt gegenüber dem Volk oder den Herrschenden, die versuchen, ihn zu unterdrücken. Der Revolutionär widersetzt sich entschieden dem Unterdrücker. Er widersetzt sich entschieden dem, der zu herrschen sucht. Er widersetzt sich dem Imperialismus. Der Revolutionär widersetzt sich dem, der sein Vaterland nicht liebt. Der Revolutionär kann keinen Verräter lieben. Das ist eine Tatsache. Und der Revolutionär bekämpft diese Imperialisten und Verräter in erster Linie durch die Kraft der Ideen, durch die Kraft der Argumente. Und wie erlangt man die Kraft der Ideen und Argumente? Durch das Wissen, das er sucht und erwirbt, bevor er zu jeder anderen Form des Kampfes übergeht.«(hal)
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