Erdölpreise noch erstaunlich stabil
Von Knut Mellenthin
In der Nacht vom Dienstag zu Mittwoch, um zwei Uhr MEZ, wenn es an der Ostküste der USA erst Dienstag abend, 20 Uhr, ist, läuft wieder einmal eines von Donald Trumps apokalyptischen Ultimaten ab. Iran soll »in die Steinzeit gebombt« oder gleich »ausgelöscht« werden. Gemessen an dieser Dramatik ist die Situation bei den Erdölpreisen momentan erstaunlich ruhig. Brent verabschiedete sich bei Börsenschluss am Donnerstag mit etwa 109,30 US-Dollar pro Barrel in die Feiertage. Am Montag mittag unserer Zeit wurde Brent mit 107,90 Dollar notiert, hatte also sogar etwas verloren. Dem für Nordamerika – USA, Kanada und in gewissem Sinn auch für Mexiko – maßgeblichen Orientierungswert WTI erging es ähnlich: Von 111,54 Dollar am Donnerstag sank er bis Montag mittag auf 110,50 Dollar.
Es wäre allerdings höchst überraschend, wenn die Händler und die Ölpreise am Dienstag nicht innerhalb weniger Stunden verrücktspielen würden. Vielleicht in Richtung 90 Dollar nach unten, wenn »optimistische« Gerüchte und Erwartungen die Oberhand gewinnen. Vielleicht aber auch mit Ausschlägen über 120 Dollar hinaus nach oben, falls die von den USA und Israel unter kollektive Morddrohung gestellte iranische Führung nicht in die Knie geht und Trump seine Ankündigungen noch mehr verschärft.
Der bisherige Höchststand während des am 28. Februar von den USA und Israel begonnenen Krieges lag für Brent bei 119 bis 120 Dollar pro Barrel am 8. und 9. März, nachdem die Iranischen Revolutionsgarden am 3. März die Meerenge von Hormus für »geschlossen« erklärt hatten. Ein weiteres kurzzeitiges Hoch gab es für Brent Ende März mit ungefähr 117 Dollar pro Barrel. Zwischendurch gab es bei allen »Deeskalationssignalen«, die zu Trumps »Art of the Deal« ebenso unverzichtbar gehören wie seine Vernichtungsankündigungen, Preisrückgänge um 20 Dollar pro Barrel. Dass an manchen Tagen mit manipulierten Stimmungen Hunderte Millionen an den Börsen gewonnen wurden, und dass es äußerst profitabel sein konnte, die nächste »Laune« des scheinbar unberechenbaren US-Präsidenten einige Minuten früher zu kennen als andere, liegt auf der Hand.
Ein spezifisches Phänomen der Ölpreisentwicklung in diesen Kriegstagen ist, neben den außergewöhnlich großen Sprüngen im Verlauf eines einzigen oder zweier Tage, das sensationell wirkende Vorbeiziehen der WTI-Preise an denen für Brent. Gewöhnlich war WTI mindestens fünf Dollar pro Barrel billiger als Brent, oft sogar um sieben Dollar, und manchmal um mehr als zehn Dollar. Dieser Abstand, der sogenannte Spread, ist in der vorigen Woche sichtbar geschrumpft. Am Mittwoch war WTI nur noch 60 Cent billiger als Brent, am Donnerstag bei Börsenschluss schließlich um rund 2,50 Dollar teurer als Brent. Das gab es in der Vergangenheit noch nie.
Spiel des Zufalls ist das nicht. Ob der Trend sich verstetigt, ist aber so kurz nach seinem Auftreten auch nicht sicher. Materialistisch betrachtet drückt sich darin jedenfalls aus, dass Nordamerika aufgehört hat, ein abgeschlossener Raum mit fast gar keinen Exportmöglichkeiten für Erdöl und Erdgas zu sein. Diese Entwicklung begann für die USA etwa 2010 bis 2015 mit dem »Fracking Boom«, zu dem allerdings noch die Aufhebung des Exportverbots treten musste, das nach der »Ölkrise« von 1973/74 angeordnet worden war.
Dessen Lockerung begann um 2015, zunächst in ganz kleinen Schritten. Dass jetzt wirklich ein Platzwechsel, mit den USA als größtem Erdölproduzenten der Welt, stattgefunden hat, und diese in der gegenwärtigen Krise als direkter Konkurrent auf dem Weltmarkt auftreten, muss wohl in erster Linie der vom Iran proklamierten »Schließung« der Straße von Hormus zugerechnet werden, die weder nach dem Anspruch der iranischen Führung noch nach deren praktischer, militärisch gestützter Durchsetzung, eine absolute Blockade ist, auch wenn sie trotz selektiver Durchfahrtserlaubnis für viele Schiffe, in der vorigen Woche erstmals auch für ein europäisches Schiff, so aussieht und so wirkt.
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