Warum hat das »Raubritter-tum« keine Zukunft?
Interview: Gisela Sonnenburg, Hamburg
Hamburg hat seit dem Zweiten Weltkrieg kein Naturkundemuseum mehr, obwohl es – nach Berlin – über die zweitgrößte deutsche Sammlung verfügt. Nun hat die Stadt Ihrem Projekt »Evolutioneum« die Realisierung als Naturkundemuseum im »Elbtower« zugesagt. Der ist aber eine Bauruine.
Selbstverständlich wäre mir ein freistehender Museumsbau lieber. Aber um unsere Biodiversitätsforschung adäquat unterzubringen, ist der »Elbtower« an prominenter Stelle in der Hafencity gut geeignet. Der wird dann zum »Evotower«.
Fehlt nur noch das Geld.
Hätte ein Mäzen eine Vorliebe für Schmetterlinge und Süßwasserschnecken, würde es vielleicht schon ein Naturkundemuseum in Hamburg geben.
Sie sagen: »Unser Verständnis von Wirtschaft ist das eines Räubers.«
Das ist der Blick eines Evolutionsbiologen auf die Menschheit. Wir sind als Art erfolgreich, weil wir uns gebietsfremd und invasiv ausgebreitet haben. Unsere meiste Zeit haben wir als Nomaden – als Jäger und Sammler – zugebracht. Bis wir vor etwa 12.000 Jahren sesshaft wurden. Jetzt müssen wir uns wieder umstellen und anpassen, weil die Ressourcen knapp werden. Nicht um zu überleben, sondern um das, was wir an Zivilisation haben, zu halten und uns weiterzuentwickeln.
Was also ist zu tun?
Wir müssen erkennen, dass es außer dem Produktionskapital auch das Naturkapital gibt. Wir haben bisher nicht wirklich nachhaltig zu wirtschaften gelernt. Sogar in der Forstwirtschaft geht es nur um die ökonomische Ausbeute. Wir sollten der Natur aber nur so viel entnehmen, wie nachwächst. Dann gibt es noch die Pyramide der Profite, die Verteilung der Güter: Wir haben wenige Menschen, denen sehr viel gehört, und viele Menschen, denen wenig oder fast nichts gehört. Das plündernde Raubrittertum einiger Reicher sollten wir nicht länger tolerieren. Denn es ist kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell für die Menschheit. Auch wenn es noch etwas dauern wird, bis wir Figuren wie Elon Musk nicht mehr verehren werden: Das wird kommen.
Was passiert inzwischen mit der Natur? Von 300.000 Pflanzenarten, die es gibt, werden 100.000 in botanischen Gärten kultiviert. Und der Rest?
Wir haben uns vor etwa 12.000 Jahren nicht nur auf Sesshaftigkeit umgestellt, sondern auch unsere Ernährung radikal eingegrenzt. Wir züchten wenige Arten im großen Stil. Andere Organismen nützen uns indirekt: als Glieder eines Ökosystems. Als dominierende Art auf der Erde tragen wir die ethische Verantwortung.
Wenn eine Art wegstirbt, hat das breite Auswirkungen. Biodiversität ist ein sensibles System.
Ich übersetze das gern in Bilder, etwa in das von der Hängebrücke. Die hängt an Stahltrossen, die aus Stahltauen und Drähten bestehen. Kein Ingenieur käme auf die Idee, zu sagen, wie viele Drähte kaputtgehen müssten, bis die Brücke bricht. So ist es mit dem Ökosystem, von dem wir abhängig sind. Es geht nicht um das Überleben von einzelnen Tieren wie Eisbären und Tigern, sondern um die Vielzahl an Populationen. Unsere Nahrung besteht aus dem, was die Äcker uns liefern, nicht aus im Labor hergestellter Astronautennahrung.
Insekten stehen am Anfang der Nahrungskette und sind, wie Vögel, stark bedroht.
Schon 1962 warnte die Biologin Rachel Carson vor dem »stummen Frühling«, und zwar im Zusammenhang mit DDT, also mit Gift in der Landwirtschaft. Wir sind gegen dieses eine Gift vorgegangen, aber neue kamen hinzu. Was wir heute sehen, ist nicht nur das Aussterben einzelner Arten, sondern es ist der Massenverlust, ein Verlust an Biomasse: in der Luft, in den Gewässern, im Boden. Wenn wir Regenwälder abholzen, zerstören wir mehr, als wir sehen. Für kleine ökonomische Vorteile richten wir große ökologische Schäden an.
Wie lässt sich das ändern?
Wir haben Jahrhunderte gebraucht, um von der modernen Sklaverei wegzukommen. Wir brauchen jetzt Jahrzehnte, um die globale Wirtschaft, um unsere heute gültigen Geschäftsmodelle, umzustellen. Das Kunming-Montreal-Abkommen von 2022 bildet da ein Rahmenwerk zur Orientierung: 196 Staaten haben sich auf 23 Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität und der Nachhaltigkeit geeinigt.
Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe und leitet das Projekt »Evolutioneum« am Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels der Universität Hamburg
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