junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Sa. / So., 04. / 5. April 2026, Nr. 79
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 12 / Thema
Deutsche Geschichte

»So lernt denn zu wollen!«

Er baute die revolutionäre SPD auf und machte sich grundlegende Gedanken über den Staat der Zukunft. Vor 200 Jahren wurde Wilhelm Liebknecht geboren
Von Ingar Solty
12-13 Kopie.jpg
Von dem Bildhauer Gerhard Burk gefertigte Bronzebüste Wilhelm Liebknechts in seiner Geburtstadt Gießen

Ihr kennt es alle, das rundbäuchige Insekt mit behaartem, klebrigen Körper, das an finsteren Plätzen, möglichst fern vom Lichte des Tages, sein mörderisches Netz ausspannt, in welchem die arme unvorsichtige oder leichtsinnige Fliege sich fängt und den Tod findet.« So beginnt der am 29. März 1826 geborene Wilhelm Liebknecht, neben August Bebel der wichtigste Führer der deutschen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, seine 1883 im Sozialdemokrat publizierte Fabel. In der Allegorie fängt die Spinne die hungrige Fliege und saugt ihr, wie »ein Vampyr«, ihren Lebenssaft aus, unerbittlich und ohne Überlebenschance für das gefangene Tier. »Diese Fliege«, schreibt Liebknecht, die man »aussaugt und tödtet, diese Fliege, die man vertilgt und von deren Blut man lebt, das seid Ihr, Proletarier in Stadt und Land! Ihr, geknechtete Völker, Ihr geistigen Arbeiter, Ihr Industriearbeiter, Ihr zitternde junge Mädchen und schwache unterdrückte Frauen, die Ihr Eure Rechte nicht zu fordern wagt, Ihr unglückliche Opfer des Militärs, mit einem Wort, Ihr arme Ausgebeutete insgesammt, die man weit von sich schleudert, wenn man aus Euern Adern nichts mehr zu ziehen vermag, Ihr, die Ihr die gesammte Produktion, das Herz, der Verstand, die lebendige Kraft des Landes seid, und denen man nichts bewilligt als das Recht, hübsch artig und in aller Stille in einem Winkel elendiglich zu verenden, während Euer Blut, Euer Schweiß, Euer Mühen, Euer Sinnen, Euer Leben es gewesen ist, mit dem Ihr sie kräftig gemacht und gemästet habt, sie, Eure Herren und Unterdrücker: die widerlichen Spinnen.«¹ Der dies schrieb, war zu dem Zeitpunkt 57 Jahre alt und hatte bereits ein Leben voller Verhaftungen, Gefängnisaufenthalten und Ausweisungen hinter sich, denn er galt als Karl Marx’ Agent in Deutschland.

»Ein erstklassiger Mensch«

Doch hätte es ganz anders kommen können. An seinem Lebensabend, im Jahr 1898, resümierte Liebknecht den eingeschlagenen Lebensweg. Gerade erst war der 72jährige wieder aus der Haft entlassen worden; zuvor hatte man ihn wegen seiner Rede auf dem Breslauer Parteitag von 1895 wegen »Majestätsbeleidigung« verurteilt. 1845 sei er, schrieb Liebknecht, »mit mir selbst uneinig und zerfahren (…), nach Berlin auf die Universität gegangen«. Da er »als Sechzehnjähriger das Maturitätsexamen gemacht« hat, sei er 1846 »bereits in den höheren Semestern« gewesen, habe »trotz aller Frühreife jedoch ratlos« vor der Frage gestanden: »Que faire? Was tun? Was werden? Einer Familie entsprungen, aus der, mit Ausnahme eines einzigen ›Hochverräters‹ und ›Demagogen‹, nur Gelehrte, Beamte und Offiziere hervorgegangen waren, hatte ich mich dem sogenannten ›Staatsdienst‹ widmen sollen, allein der Gedanke der Dienstbarkeit war mir von Jugend auf verhaßt. Und was war ›der Staat‹, dem ich dienen sollte?« Für diesen antidemokratischen Staat, der »schmachvoll und verbrecherisch Demagogenhetze« betrieb, wollte er nicht einstehen.

Liebknecht wurde in Berlin erst Junghegelianer, dann Anhänger des französischen utopischen Sozialismus von Saint-Simon. Trotz der Maßregelungen linker Demokraten wie Bruno Bauer durch den preußischen Staat hätte immer noch die Möglichkeit einer Wissenschaftskarriere bestanden, aber eine erste Ausweisung aufgrund von Liebknechts Sympathiebekundungen für die Aufständischen gegen die dreifache polnische Teilung brachte ihn auf den Weg zur Politik. 1847 wollte er nach Amerika auswandern, weil er in Deutschland keine Perspektive mehr sah, Karriere und demokratische Gesinnung zu vereinbaren, und »Europamüdigkeit« verspürte.

Das Ziel der »Flucht aus den unerträglich gewordenen Verhältnissen« war Wisconsin. Dort wollte er mithelfen beim Aufbau einer »Art Ackerbaugenossenschaft (…), die, ohne das Privateigentum prinzipiell aufzuheben, alle Vorteile der Gemeinwirtschaft uns sichern sollte. Indes waren wir klug genug, uns nicht von vornherein fest zu binden. Das Fiasko der kommunistischen Kolonie Robert Owens war mir bekannt, und außerdem hielt ich darauf, mir jederzeit den Austritt und die Rückkehr in die Heimat offenzuhalten.« Zur Vorbereitung der Auswanderung ging Liebknecht »bei einem Zimmermann in die Lehre«.²

Aber es kam anders: Er wurde vom Vormärz und der 1848er Revolution wie aufgesogen. Mit Georg Herwegh war er in der Pariser Legion in der Schweiz, wo er in Genf mit dem sechs Jahre älteren Friedrich Engels Bekanntschaft machte.³ Es folgten die Revolution in Baden, Gefängnis und das Exil in England, wo er zwölf Jahre lang engen Kontakt zu Engels pflegte und »fast täglich in Marx Haus verkehrt«. Erst 1887 führte ihn eine Reise auch durch Wisconsin. In seinem Buch »Ein Blick in die Neue Welt« (1887) fragte er sich, ob er die richtige Wahl traf: »Wie oft habe ich mir gewünscht, ein Farmer zu sein! Und wenn ich Farmer geworden wäre, wie oft hätte ich gewünscht, nicht Farmer zu sein?« Doch statt um Acker- ging es längst um Parteiaufbau.

Im Sommer 1862 kehrte Liebknecht aus dem Londoner Exil zurück. Er habe, erinnerte sich Bebel, in prekärer Lage mit journalistischen Texten gegen Bismarck seine damalige schwerkranke erste Frau Ernestine (die 1867 der Tuberkulose erlag) und die zwei Töchter Alice und Gertrud zu ernähren versucht. »Er stand«, so Bebel, »damals im vierzigsten Lebensjahr, besaß aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjährigen (…), ein erstklassiger Mensch, (…), eine Kampfnatur« mit »einem unerschütterlichen Optimismus«, ein »sorgender Ehemann und Familienvater, der mit großer Liebe an den Seinen hing«, ein »Mann von Eisen mit einem Kindergemüt« und dazu »ein großer Naturfreund«.⁴

Die Partei aufbauen

Bebel, der »Arbeiterkaiser«, und Liebknecht, der »Soldat der Revolution«, wurden für die nächsten 35 Jahre ein ideales Gespann: In Leipzig bauten sie den Arbeiterbildungsverein auf und gingen in die sächsischen Industriedörfer auf »Agitationstour«. Damit belebten sie die dort fast verschüttete Tradition des Bundes der Kommunisten wieder. Zusammen vertraten sie als Mitglieder der 1864 unter maßgeblicher Mitwirkung von Karl Marx gegründeten Internationale die marxistisch-revolutionäre und internationalistische Position gegen die Ideen von Ferdinand Lassalle. Dieser hatte 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) aus der Taufe gehoben, aber zeigte auch Bereitschaft, mit Bismarck ein Bündnis gegen den Grundbesitz einzugehen – doch starb Lassalle schon im August 1864 an den Folgen eines Duells.⁵

Der Kapitalismus selbst begünstigte die Loslösung der Arbeitervereine aus dem Einfluss sowohl des linken Bürgertums als auch Bismarcks. Liebknecht reflektierte 1898 über diese Jahre: »Die Bourgeoisie hat nichts mehr in sich von bürgerlichem Liberalismus und Idealismus. Sie hasst die bürgerliche Freiheit. Sie verleugnet die Jugendeseleien der grossen französischen Revolution, der Julirevolution, der Februar- und Märzrevolution. Die ökonomische Revolution, welche sie selbst herbeigeführt hat und der sie ihre Obmacht über Staat und Gesellschaft verdankt, hat ihre politische Stellung völlig verschoben, und das kapitalistisch gewordene Bürgerthum auf seiten der Reaktion gedrängt, das heisst der Elemente, welche die Staatsmacht zur Bekämpfung der für ihre politische und soziale Emanzipation kämpfenden neuen Volksschichten zu missbrauchen bemüht sind – auf seiten derselben Reaktion, die das Bürgerthum (…) vor 50 Jahren als den Gottseibeiuns hasste und fürchtete. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr einfach. Damals war das Bürgerthum selber die neue Volksschicht, die nach Emanzipation und politischer Macht strebte, heute hat das kapitalistisch gewordene Bürgerthum nicht blos die Macht im Staate, sondern thatsächlich auch die Herrschaft; und eine neue Bevölkerungsschicht, deren Interessen und Ziele denen des kapitalistischen Bürgerthums schnurstracks zuwiderlaufen, ringt um ihre politische und soziale Emanzipation – das Proletariat, dessen Gleichberechtigung das Ende des Kapitalismus ist.«⁶

Jeden Groschen verweigern

Es ist dieses Proletariat, das Liebknecht zusammen mit Bebel zur stärksten Arbeiterbewegung der Welt formte. 1866 gründete Liebknecht die Sächsische Volkspartei mit und wurde schon 1867 – neben Bebel, dem Lassalleaner Johann Baptist von Schweitzer und drei anderen Arbeitervertretern – in den Norddeutschen Reichstag gewählt. 1869 überführten Liebknecht, der auch Chefredakteur der Parteizeitung Der Volksstaat wurde, und Bebel in Eisenach die Sächsische Volkspartei in die überregionale Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Damit wurde das Proletariat als selbständige politische Kraft etabliert und zugleich auf die Marxsche revolutionär-internationalistische Linie eingeschworen. Liebknecht vertrat die neue Partei in der Internationale.

Als Abgeordnete enthielten sich Liebknecht und Bebel bei den Abstimmungen zu den Kriegskrediten für den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zuerst, stimmten dann dagegen und plädierten für einen Frieden ohne Annexionen. Im Parlament wurden sie dafür tätlich angegriffen, später des Landesverrats angeklagt, schließlich im Leipziger Hochverratsprozess zu jeweils zwei Jahren Haft verurteilt. Außerdem solidarisierten sie sich 1871, im Jahr der Gründung des Deutschen Kaiserreichs, mit der Pariser Kommune, die für Adel und Bürgertum zum Inbegriff demokratischer Pöbelherrschaft und für Liebknecht Vorbild des angestrebten Volksstaats wurde. Während Liebknechts Gefängniszeit hofften die preußischen Sozialkonservativen, die Eisenacher in der Arbeiterbewegung isolieren und die verbliebenen Lassalleaner für ein Bündnis mit Bismarck und der Monarchie gegen das Bürgertum gewinnen zu können – vergeblich. Der Gothaer Vereinigungsparteitag von ADAV und SDAP vom Mai 1875 war Ausdruck der Stärkung der marxistischen Linie, die auch während der Verbotszeit von 1878 bis 1890 weiter gefestigt wurde.⁷

Das revolutionär-internationalistische Erbe verteidigte Liebknecht bis zum Lebensende, zuletzt in seiner Broschüre »Kein Kompromiß – kein Wahlbündnis!« von 1899, die nach Engels Tod und in der Zeit des Streits um Bernsteins Revisionismus abgefasst wurde und in der er sich gegen Bündnisse mit bürgerlichen Parteien sowie die »Selbsttäuschung« einer Wahlbeteiligung im preußischen Dreiklassenwahlrecht stellte.⁸ Bernstein lobte später in seinen Memoiren die historische Rolle von Liebknecht in den höchsten Tönen, obwohl dieser in der Broschüre kein gutes Haar an ihm gelassen hatte. Bernsteins »Bußschrift« sei ein »Wiederbekenntnis zum alleinseligmachenden Glauben der bürgerlichen Weltanschauung«. Die inhaltliche Bedeutung von Bernsteins »unbedeutender« Schrift liege »einzig darin«, dass »sie ohne einen neuen selbständigen Gedanken als richtig zugesteht, was Feinde der Sozialdemokratie gegen die Sozialdemokratie seit Jahrzehnten hundertmal gesagt haben«.

Liebknecht sah in der Verbürgerlichung eine drohende Gefahr: »Das Schwinden der Furcht und Abneigung vor uns in bürgerlichen Kreisen führt selbstverständlich bürgerliche Elemente in unsere Reihen.« Angesichts eines seinerseits staatsuntertänigen Bürgertums laufe das, wie Liebknecht richtig erkannte, auf einen Kotau vor Imperialismus und Militarismus hinaus. Er kritisierte daher um so nachdrücklicher, dass Bernstein versuchte, dem Proletariat den Kolonialismus schmackhaft zu machen. Den Linksliberalen von der »Fortschrittspartei« wies er schon 1885 bei der Abstimmung über die Aufrüstung der Kriegsmarine »Konsequenz in der Inkonsequenz« nach, denn sie sprachen sich gegen Kolonialpolitik in Kamerun aus, stimmten aber für die Kriegsmarineaufrüstung. Liebknecht sah in der Sozialdemokratie die einzige konsequente Gegnerin von Kolonialismus und Aufrüstung.

Zur Reichstagswahl 1887 schrieb Liebknecht zusammen mit Paul Singer und anderen in einem Wahlkampfflugblatt: »Im Interesse des arbeitenden Volkes mußten wir der Regierung, welche eine Verstärkung des Militärs forderte, jeden Mann und jeden Groschen verweigern. Mit dem Militarismus (…) gibt es für die Sozialdemokratie ebensowenig eine Aussöhnung wie mit diesem System selbst. Der Militarismus ist unverträglich mit der Freiheit und dem Wohlstand der Völker.« Für Liebknecht war klar, dass Grenzstreitigkeiten für das Proletariat unwichtig sind, es interessiert nicht, zu welchem Klassenstaat der Bourgeoisie welches Territorium gehört. Er begrüßte die bürgerliche Friedensbewegung, die zur Aussöhnung zwischen den »Erbfeinden« Deutschland und Frankreich aufrief, aber mahnte in einer Rede zugleich: »Was die Frage der Friedensdemonstration angeht, so versteht es sich von selbst, daß ein sozialistischer Arbeiterkongreß hierzu eine ganz andere Stellung einnehmen« müsse »als eine Versammlung von philanthropischen Bourgeois«. Die »soziale Stellung all dieser Friedensfreunde« hindere sie daran, »die Ursache des Militarismus zu erkennen. Die Frage des Militarismus ist eine soziale Frage; ohne Klassenkampf, ohne Klassengegensatz ist der heutige Kriegszustand einfach unmöglich. Wie sollte auch eine emanzipierte Arbeiterschaft Grund zu nationalen Hetzereien, zu gegenseitigen Kriegen haben!« Die Kriegsvorbereitung, so warnte Liebknecht hellsichtig, werde in einen neuen Krieg münden, in dem »Millionen unter der Fahne stehen, Europa wird in Waffen starren, ganze Völker werden gegeneinander geworfen, ein Krieg, wie ihn die Weltgeschichte niemals gesehen, im Vergleich zu welchem der letzte Französisch-Deutsche Krieg ein Kinderspiel war und der unsere Zivilisation auf ein Jahrhundert zurückwerfen muß. Das Proletariat, das die Fahne der Kultur voranträgt«, habe »dafür zu sorgen, daß dies verhindert, daß dem entgegengewirkt wird, ehe die gemeinsame Kultur in einer großen Katastrophe begraben wird. (...) Ist die Bestie im Menschen erweckt, dann schweigt die Vernunft, und die Humanität verhüllt ihr Haupt.«⁹

Die Seele hinterlassen

Bis zum Lebensende blieb Liebknecht Aktivist. Noch im hohen Alter redete er in den 1890er Jahren sonntäglich auf Kundgebungen mit zehn-, ja zwanzigtausend Zuhörern. Als Lenin in »Was tun?« (1902) ein Loblied auf den sozialdemokratischen Volkstribun sang – in Abgrenzung zu bloßen Parteibürokraten –, nannte er Liebknecht als Paradebeispiel eines solchen Tribuns. Natürlich hatte auch Liebknecht Schwächen. Immer wieder kam es auch mit Engels und Marx zum Konflikt, insbesondere im Hinblick auf die Redaktionsarbeit in der Vorwärts, die als Tageszeitung nach 1890 sehr viel reformistischer und schwankender daherkam als während der Verbotszeit der Neue Sozialdemokrat unter Bernsteins Leitung. Dennoch blieb er den beiden Vordenkern des Marxismus immer verbunden. 1895 hielt Liebknecht an Engels’ Grab die Begräbnisrede und betonte: »In Friedrich Engels ist Marx zum zweiten Mal gestorben.«¹⁰

Am Tag seines eigenen Todes, dem 7. August 1900, arbeitete Liebknecht noch in der Vorwärts-Redaktion. Seinen letzten Weg auf den Friedhof in Friedrichsfelde säumten 150.000 Menschen. »Wenigstens in Deutschland«, erinnert sich Bebel, sei so »noch nie ein Mensch, weder Fürst noch Staatsmann noch Bürger« auf diese Weise »zur letzten Ruhe geleitet« worden. Der größte sozialistische Führer in der US-Geschichte, Eugene V. Debs, pries den Verstorbenen: Liebknecht habe »für die gesamte Menschheit gekämpft und gehörte ihr«. Liebknechts Name werde, wenn die der Wilhelms, Bismarcks und all der anderen »adeligen Tyrannen« längst in Vergessenheit geraten sein oder nur noch aufgrund »ihrer Verbrechen erinnert« würden, ein »Glanz am Firmament der Zeitalter« sein. Er sei, paraphrasiert Debs Victor Hugos Ode an Voltaire, »verschwunden, aber er hat uns seine Seele hinterlassen, die Revolution«.

Zwei Jahre vor seinem Tod schrieb Liebknecht noch über die offene Zukunft. Erst wenn die antagonistischen Interessen in der sozialistischen Harmonie der Zukunft überwunden seien, würden Verbrechen abgeschafft. In der sozialistischen Gesellschaft würden alle Frauen und Männer ohne Ausnahme vom Brunnen des Wissens und der Bildung kosten und an allen Reichtümern der Kultur teilhaben können. Es werden nicht mehr – wie in der anarchischen kapitalistischen Ökonomie – Abermillionen zu den Qualen der Armut verdammt sein. Niemand werde Not leiden, niemand werde etwas, das er wertschätzt, verlieren, und »die große Masse der Menschen wird aus dem Elend aufsteigen und das Höchste gewinnen, was der Mensch erreichen kann – ein menschenwürdiges Leben«.¹¹

Wo keine Muße, da keine Musen

Der Wunsch nach einem besseren, kulturvollen, lebenswerten Leben zeigte sich für Liebknecht im Heute vor allem im Kampf um den »Normalarbeitstag«. In der Vervollkommnung der Automatisierung stecke das Freiheitsversprechen des »vollen Menschentums«. Wo solle denn, fragt Liebknecht, bei zu »intensiver« Arbeit die »Zeit und Muße für Poesie und Musik herkommen? Muße und Muse« seien »zwar dem Ursprunge nach zwei ganz verschiedene Worte, aber es ist doch einige Verwandtschaft vorhanden, ja, es sind Schwestern; und das steht fest, wo keine Muße ist, da fehlen auch die Musen.«¹² Der »freie Volksstaat«, den die Sozialisten »auf den Trümmern der jetzigen Klassenherrschaft errichten« würden, trachte »in Erfüllung des Aristotelischen Ideals ›nach dem höchsten Gut (…)‹, dem echten Kulturstaat«, in dem an die Stelle der »unmoralischen, geist- und körpertötenden Lohnarbeit die brüderliche, genossenschaftliche Arbeit« trete. Erst in diesem »freien Staat und der freien Gesellschaft löst die heutige Disharmonie sich in Harmonie auf. Erst im freien Staat mit der freien Gesellschaft können wir die allseitige Harmonie erlangen, die der höchste Kulturzweck« sei.¹³

Ein Land also, wo Milch und Honig fließen? Aber wo liegt es, »wo liegt Nirgendwo?«, fragte Liebknecht in seiner 1892 verfassten Einleitung zu William Morris sozialistischem Zukunftsroman »Kunde von Nirgendwo«, dessen zweiten Teil seine zweite Ehefrau Natalie (1835–1909), Mutter von Karl Liebknecht (1871–1919), übersetzt hat. Jeder habe ein Nirgendwo, und das »einzige, was wir über die Lage von Nirgendwo wissen, ist, daß es nicht da liegt, wo wir sind. Nirgendwo, das ist die Welt der Wünsche, der Träume, der Ideale (…). Alles Schöne und Gute, das die Gegenwart mit rauher Hand zurückweist, flieht in die schrankenlose, unbegrenzte, allem und allen Raum bietende, schimmernde Zukunft.«¹⁴

Nirgendwo liegt in der Zukunft, befand Liebknecht. Es ist der Zukunftsstaat, und einen »Vorteil« habe »jeder Zukunftsstaat (…) – es ist unser Staat, er ist so, wie wir ihn wollen und wünschen; und jeder kann von seinem Zukunftsstaat mit unendlich mehr Recht als der größenwahnsinnige Despot von seinem Gegenwartsstaat, sagen: l’Etat c’est moi – der Staat bin ich« – so wie Morris Nirgendwo, wo »der schönste ›Individualismus‹« herrsche und »jeder nach seiner Façon selig werden« könne.

Also doch ein Zurück des wissenschaftlichen zum utopischen Sozialismus? Keineswegs: Denn der Zukunftsstaat liegt nicht nur im unbekannten Morgen, sondern auch in den Kämpfen der Gegenwart und im bekannten Gestern, der Pariser Kommune. Ihre Schilderung durch den Kommunarden Prosper-Olivier Lissagaray strafe nicht nur »das traurige Wort Lügen (…): ›Die Besiegten haben keine Geschichte‹«, sondern zeige, dass die »Wirklichkeit schöner und anziehender als die Dichtung« sei. »Wer die Menschen nur aus Romanen« kenne, wende »sich mit einem gewissen Ekel ab von den Menschen, die ihm im Leben begegnen.« Denn es fehle ihnen »der ›poetische Hauch‹, sie sind ›gemein‹«. Bei »näherer Betrachtung jedoch« finde, »wer Augen hat zu sehen«, dass »das Leben der unerschöpfliche Born der Poesie ist, und der kein wahrer Dichter, der aus diesem Borne nicht schöpft«.¹⁵ Die Pariser Kommune habe keine Führer gekannt, aber an Führern habe es nicht gemangelt: »Es waren die Hunderttausende von Männern, Frauen, Kindern, in denen der Gedanke der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sich verkörpert« habe, »die trotzig lächelnd dem Gebote der Pflicht folgten, trotzig lächelnd in den Tod gingen. Je kleiner die ›Führer‹, desto größer das Volk.« Die Kommune soll »der Welt ein leuchtendes Vorbild sein«.

Die Kommune hielt nur siebzig Tage. Aber die Sozialdemokratie wuchs und war (noch) revolutionär. Dass die Spinnen immer in der Minderheit sein würden, daraus schöpfte Liebknecht seine Hoffnung: »Was für schreckliche Trauerspiele« hätten sich »nicht im Laufe der Jahrhunderte in diesem Kampfe der schwachen und schüchternen Fliegen und der blutgierigen grausamen Spinnen abgespielt!« Aber warum diese »blutige Leidensgeschichte (…) aufs Neue erzählen? Die Vergangenheit ist erloschen, sprechen wir von der Gegenwart, von der Zukunft. – Laßt uns den Kampf näher betrachten, den heute die Fliegen und die Spinnen führen – laßt uns seine Bedingungen erkennen (…), klären wir uns auf, wir die Fliegen, über die Konstruktion der Netze, welche unsere Feinde wider uns stellen, (…) und vor Allem, vereinigen wir uns, wir, die wir einzeln zu schwach sind, um die Netze, die uns umstricken, zu zerreißen, (…) verbreiten wir überallhin (…) helles Licht der Aufklärung, damit das schmutzige Ungethier nicht fürderhin im Dunkel sein mörderisches Handwerk treibe!«

Und Liebknecht schärfte ein: »Ach, (...) Fliegen, wenn Ihr nur wolltet, Ihr wäret unüberwindlich! Die Spinnen sind zwar heute noch stark, aber ihrer sind nur wenige. Ihr aber, Ihr Fliegen, (...) Eure Zahl ist unermeßlich, Ihr seid das Leben, Ihr seid die Welt – wenn Ihr nur wolltet. Wenn Ihr Euch vereinigen wolltet, so würdet Ihr mit einem Schlage Eurer Flügel alle Fäden zerreißen, alle Netze zerstören, in denen Ihr heute gefesselt seid, in denen Ihr zappelt und vor Hunger umkommt. Vorbei wäre alle Noth und Knechtschaft, wenn Ihr nur wolltet. So lernt denn zu wollen!«

Anmerkungen

1 Wilhelm Liebknecht: »Die Fliegen und die Spinnen«. In: Der Sozialdemokrat, 7. Juni 1883 und 14. Juni 1883

2 Wilhelm Liebknecht: »In der Lehre. Etwas aus meinem Leben« (1898). In: ders.: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution, Berlin 1976, S. 32–58

3 Horst Bartel u.a.: Friedrich Engels. Eine Biographie. Berlin 1970, S. 236

4 August Bebel: Aus meinem Leben. Ungekürzte Neuausgabe, Bonn 1997, S. 97–99

5 Vgl. Ingar Solty: »Säulenheiliger des Reformismus«, junge Welt vom 11.4.2025

6 Wilhelm Liebknecht: »Die Revolution ist todt. Es lebe die Revolution!«, in: Sozialistische Monatshefte, Nr. 3, März 1898, S. 99–103

7 Vgl. Ingar Solty: »Gespaltene Einheit«, junge Welt vom 22.5.2025

8 Wilhelm Liebknecht: »Kein Kompromiß – Kein Wahlbündnis« (1899). In: ders.: Kleine politische Schriften, Leipzig 1976, S. 260–311

9 Wilhelm Liebknecht: »Die Stellung des Proletariats zum Militarismus« (1891). In: Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Arbeiter-Kongresses zu Brüssel (16.–22. August 1891)», Berlin 1981, S. 24–26

10 Wilhelm Liebknecht: «Zum Tod von Friedrich Engels». In: Vorwärts, Nr. 189, 15. August 1895

11 Wilhelm Liebknecht: «The Future State». In: Cosmopolis – An International Literary Review, January 1898, 9. Jg

12 Wilhelm Liebknecht: Ein Blick in die Neue Welt. Stuttgart 1887, S. 24

13 Wilhelm Liebknecht: «Wissen ist Macht – Macht ist Wissen» (1872). In: ders.: Kleine politische Schriften. Leipzig 1976, S. 172f.

14 Wilhelm Liebknecht: «Vorwort» (1892). In: William Morris: Kunde von Nirgendwo. Eine Utopie der vollendeten kommunistischen Gesellschaft. 2. Aufl., Reutlingen 1981, S. 31

15 Wilhelm Liebknecht: «Eine Geschichte der Kommune» (1877). In: ders.: Kleine politische Schriften. Leipzig, 1976, S. 175f.

Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 18. März 2026 über die Herausbildung eines militärisch-industriellen Komplexes in Deutschland: »Bedrohliche Pfadabhängigkeit«

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Wolfgang Schlenzig aus Berlin (31. März 2026 um 10:03 Uhr)
    Dieser Artikel hat mich gefesselt. Ingar Solty schrieb begeistert und eben auch begeisternd. Der Wilhelm Liebknecht! Er stand in Politschulungen immer hinter Marx, Engels, Lenin, Bebel, seinem Sohn Karl und Frau Luxemburg. Aber große Klasse, dieser aufrüttelnde, scharfsinnige, marxistische Praktiker. Erschütternd ist nur, dass wir heute keinen Schritt weiter sind auf dem Weg »ins Nirgendwo«, in dem von ihm geträumten Zukunftsstaat. Die Kritik von Marx und Engels an seiner Redaktionstätigkeit im Vorwärts zeigt,
    dass nach der Euphorie nach Ende des Sozialistengesetzes, nach dem »Sieg« darüber,
    angesichts des rasanten Anstiegs der Mitgliederzahlen in den sozialdemokratischen Parteien, der Gedanke aufkam: Das wird schon! Im Gegenteil. Wie sagte doch der ältere Herr bei Tucholsky Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts: Man tut was für'n Sozialismus und weiß genau, mit dieser Partei kommt er ganz bestimmt nicht. Nein, wurde nicht, bis heute. Und der real existierende Sozialismus war nicht Wilhelm Liebknechts Zukunftsstaat. Liebknecht warnte schon damals vor der Verbürgerlichung der Ausgebeuteten, dass sich eine nicht geringe Anzahl von denen nicht mehr als ausgebeutet betrachtet, unsolidarisch wird, von den »Spinnen« vereinnahmt wird lässt,
    also körperlich aussaugen (unternehmerisch denken!) und gehirnseitig infiltrieren
    (WIR müssen doch zusammenhalten!) lässt. Ich hoffe, Protagonisten der aktuellen Linken in Deutschland lesen diesen Text und machen sich (die richtigen!) Gedanken dazu.

Ähnliche: