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Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Zeitlebens ein Aufklärer

Hochgeschätzt, einflussreich, fast vergessen: Am 29. März 1826 verstarb der Dichter und Übersetzer Johann Heinrich Voß
Von Arnd Beise
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»Er hatte einen ausgezeichneten Namen unter den Dichtern der alten Schule; aber die neuen romantischen Poeten zupften beständig an seinem Lorbeer und spöttelten viel über den altmodischen, ehrlichen Voß«

Die deutsche Demokratie und die deutsche Aristokratie, die sich vor den Revolutionszeiten, als jene noch nichts hoffte und diese noch nichts befürchtete, so unbefangen jugendlich verbrüdert hatten, diese standen sich jetzt als Greise gegenüber und kämpften den Todeskampf.»

So kommentierte Heinrich Heine 15 Jahre nach Erscheinen des Aufsatzes «Wie ward Friz Stolberg ein Unfreier?» (1819) das Zerwürfnis von Johann Heinrich Voß und Friedrich Leopold Graf von Stolberg, die sich als Studenten in Göttingen 1772 kennen und lieben gelernt hatten. Der in dürftigen Verhältnissen aufgewachsene Enkel eines freigelassenen Leibeigenen mit demütigenden Erfahrungen als Hauslehrer bei kleingeistigen Aristokraten bewunderte den Freiheitsenthusiasmus des anscheinend so progressiven Grafen, der seine Leibeigenen in die Freiheit entließ und gegen die Tyrannen wetterte. Als «Freiheitssänger» feierte Voß 1772 den Freund, der ihn gut ein Vierteljahrhundert später bitter enttäuschte, als er zum Katholizismus konvertierte und seitdem gegen «die evangelische Denkfreiheit» agitierte.

Voß war so getroffen, dass er fast zwei Jahrzehnte brauchte, um seinem Freund Friz diesen Verrat an den Idealen der Aufklärung auf 110 Seiten vor- und mit ihm abzurechnen.

Voß blieb zeitlebens ein Aufklärer. Im Alter stellte er bedauernd fest: «Das römische Pfaffenthum verbindet sich mit dem Ritterthum, beide mit feilen Schriftstellern, um die Rohheit des Mittelalters zu erneun.» Das war um 1820 gegen die Romantiker gerichtet. Diese verspotteten ihn im Gegenzug als Pedanten und Philister. Seitdem galt er vielen Germanisten, die dem spätromantischen Ursprung ihrer Wissenschaft treu blieben, als am Ende vergreister Querulant.

Voß blieb aber den Idealen seiner Jugend treu, kämpfte literarisch für Freiheit und Menschenrechte. Seine geistige Heimat war die Antike, die die Demokratie und den Republikanismus hervorgebracht hatte.

Als Student hatte Voß bald schon die Theologie zugunsten der Philologie aufgegeben. Einige Zeitgenossen fanden den Ernst, mit dem Voß «in den Geist der griechischen Literatur» einzudringen versuchte, überspannt: «Seine griechische Rechtschreibung beleidigt Auge und Ohr.» Doch seine zwischen 1777 und 1779 entstandene, 1781 publizierte Übersetzung von Homers «Odyssee» war ein Geniestreich. «Luther hat die Bibel, Sie (haben) Homer deutsch reden gemacht», huldigte 1805 der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel dem Philologen. «Lieblich rauschte die Harfe, dann hub der schöne Gesang an.»

«Der nie genug zu schätzende Voß» (Goethe) hatte seine Übersetzung mit einer bis dahin unbekannten Originaltreue verfasst und dadurch zugleich das deutsche Idiom bereichert wie kein Zweiter. Mit gleicher Leidenschaft übersetzte er Pindar und Horaz, Hesiod und Vergil, Theokrit und Ovid.

Angeregt durch die antiken Klassiker führte Voß auch ein bis dato kaum gepflegtes Genre, die Idylle, zu einem neuen Höhepunkt. In «Luise» (1783/84) wird das ruhige Leben in einem ländlichen Pfarrhause breit ausgemalt; aber auch hier wendet sich der Blick aus dem «Dunkel» Europas zum «tagenden Lichte der Menschlichkeit» in Amerika und wird (in der Ausgabe von 1807) der antike «Sinn für gleiches Gesez» und «Gemeinwohl» gepriesen.

1793 adaptierte Voß die «Marseillase», das Lied der Französischen Revolution, der er auch nach der Hinrichtung Louis Capets die Treue hielt, als «Hymnus der Freiheit» für die Deutschen mit dem bezeichnend abgewandelten Refrain: «Mit Waffen in den Kampf! / Für Freiheit und Recht!»

Man höre «sein Deutsch – als Sprache und Gesinnung – so gern», schwärmte Jean Paul noch, nachdem die romantische Jugend längst den alten Übersetzer und Dichter als unzeitgemäß abgetan hatte.

«Ein Mann wie Voß wird übrigens so bald nicht wiederkommen», würdigte ihn Goethe 1827: «Es haben wenig andere auf die höhere deutsche Kultur einen solchen Einfluss gehabt als er.»

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