Amsel
Von Jürgen Roth
Als mein Vater noch einigermaßen zu Fuß war, ging er morgens vor die Tür und pfiff eine Melodie. Augenblicklich flogen die Amseln aus sämtlichen Nachbarschaften herbei, gruppierten sich aufgeregt um ihn herum, plapperten in freudiger Erwartung wirres Zeug und gewärtigten die Speisung mit gerösteten Haferflocken.
Mein Vater, ein gläubiger Mann, von dem ich lernen durfte, was Liberalität, Pluralität, Verlässlichkeit und lustiges Rabaukentum sind, war ein Fühlender, der den Bedürftigen seine Hochachtung zeigte, indem er ihnen Nahrung darzubieten signalisierte.
Vor ein paar Tagen wurde ich um halb sechs wach. Die Amseln intonierten ihre unendlichen romantischen Melodien, die Messiaen und Jeff Beck zu tränentreibenden Kompositionen inspiriert hatten – ein Konzert voller überquellender Polyphonie, in dem jedem Sänger sein Eigensinn gestattet ward.
Ich schrak auf. Eine der Amseln flocht in jede zweite ihrer Strophen ein Motiv ein, das ich kannte. Ich saß aufrecht im Bett.
Mein Vater ist vor knapp zwei Jahren verstorben. Diese Amsel, die offenbar nächst zu meinem Fenster auf ihrer Singwarte hockte, vermutlich auf dem Giebel unseres Hauses, fügte unermüdlich vier Töne aneinander.
Ich griff zur Akustikgitarre und spielte sie nach: a-e-e-c.
Dieser kleine Blackbird, den ich nicht sah, sprach durch oder über meinen Vater, er überlieferte etwas von ihm. Es erschien mir, dem zum Gottesglauben Unbefähigten, wie ein Gruß aus der Ewigkeit.
Amseln, gleich allen Tieren, entwickeln Kulturen. Sie sind keine Apparate. Sie hören, sie greifen auf, sie adaptieren. Sie bilden artikulierte Systeme aus, räumlich begrenzte, mit Syntax. Die ollen Brüder Johann Friedrich Naumann und Alfred Brehm wussten das, und heute werden die beiden jahrzehntelang als Quarkköpfe Verfemten in Fachmagazinen wieder ein wenig mehr geschätzt, Stichwort »Anthropomorphisierung«.
Amseln vermögen älter denn zehn Jahre zu werden. Vielleicht war es eine Amsel, die meinen Vater noch gekannt hatte. Vielleicht war es ein Amselkind, das dieses Motiv von seinem Vater gelernt hatte.
Es ist alles wahr. Später schaltete ich den Fernseher an. Im »Frühstücksfernsehen« von Sat. 1 erzählte, wie aus dem Nichts herbeigerufen, der sympathische »Voologe« (gemeinhin: Ornithologe) Paul Wernicke: »Amseln haben auch Traumata. Du kannst das raushören – wie sie leiden.«
Ich schaute in meinen Textdateien nach. In den »Minima Ornithologica« findet man die diesbezügliche Passage. Mein Vater hatte immer a-d-d-b gepfiffen. Zupfst du die Singlenotes, klingen sie eher nach Moll. Die Tonfolge a-e-e-c ist in Dur gekleidet.
Ich legte die DVD »A Serious Man« ein, die herzzermalmende Hommage der Coen-Brüder an ihren alten Herrn. Abends hörte ich den synkopisch gebrochenen Metal-Stampfer »Wrong Man« von Deep Purple.
Mein Vater, dieser endlos Neugierige, dem Bach alles gewesen war, hatte den Song saucool gefunden.
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