junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Sa. / So., 04. / 5. April 2026, Nr. 79
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 5 / Inland
Energieversorgung

Der Sinn dezentraler Stromerzeugung

Wirtschaftsministerium will die Förderung privater Solaranlagen einstellen. Das ist im Interesse der großen Energiekonzerne
Von Klaus Kohrs
Photovoltaik-Anlage auf den Dächern einer Wohnsiedlung Kopie.jp

Deutschland ist abhängig von Öl- und Gasimporten. Das zeigt nicht erst der Krieg am Persischen Golf. Kaum wurden einige große Förderländer bzw. Transportwege ausgeschaltet, gehen die Energiepreise durch die Decke. Auch wenn ein Mangel noch nicht eingetreten ist. Der Umstieg auf hierzulande erzeugte erneuerbare Energien wäre ein Ausweg. Das SPD-geführte Bundesumweltministerium will den Anteil dieser Energiequellen erklärtermaßen erhöhen, zumindest den der Windkraft. Zugleich sieht der Entwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) aus dem Bundeswirtschaftsministerium, der sich derzeit in der Abstimmung mit Kanzleramt und Finanzministerium befindet, das Gegenteil vor. So soll die Förderung von privaten Solaranlagen wegfallen, etwa die garantierte Einspeisevergütung.

Der Einwand aus dem Wirtschaftsministerium: Es habe wenig Sinn, große Erzeugungskapazitäten für grünen Strom zu errichten, wenn die Stromproduktion danach abgeregelt werden müsse, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen könnten. Außerdem sei die Energiewende zu teuer. Während ersterem mit dem Netzausbau und dessen Ertüchtigung begegnet werden könnte, scheint sich das Kostenargument derzeit selbst zu entkräften. Denn alle fossilen Lösungen werden schon mittelfristig viel teurer.

Tatsächlich sind große Freiflächenanlagen für Photovoltaik (PV) wegen der Skaleneffekte, der einfacheren Aufstellung und des billigeren Anschlusses ans Netz erst einmal billiger. Aber die Netze müssen ausgebaut werden, unabhängig, ob der Strom in großen oder kleinen Anlagen erzeugt wird. Denn wer mit Wärmepumpen heizen und E-Autos fahren will, braucht vor Ort ein Netz, das diese Strommengen verkraften kann.

Photovoltaik-Dachanlagen haben den Vorteil, dass sie den Strom direkt ins örtliche Niederspannungsnetz einspeisen. Die Niederspannungsnetze wurden in der Vergangenheit überlastet, wenn alle PV-Anlagen gleichzeitig volle Leistung lieferten. Inzwischen werden aber Hybridwechselrichter mit Speicher verbaut, die sich so programmieren und steuern lassen, dass in Situationen mit dem überschüssigen Strom der angeschlossene Speicher geladen und gleichzeitig das Netz entlastet wird. Dieser Strom kann dann später verbraucht oder ins Netz eingespeist werden.

Hinzu kommt, dezentrale Speicher vor Ort können auch die vorhandenen Leitungen und Trafos besser auslasten, da sie auf Spitzenlast ausgelegt sind, den größten Teil des Tages aber nur im mittleren und unteren Teillastbereich betrieben werden. Wenn durch Zwischenspeicherung des Stroms vor Ort der Stromtransport in diese Teillastzeiten verschoben wird, kann mehr Strom durch die vorhandenen Leitungen transportiert und dadurch in vielen Fällen der Bau neuer Leitungen, Trafos und Umspannwerke eingespart werden.

Auch der Stromausfall in Berlin im Januar hat gezeigt, wie schnell die Stromversorgung durch Sabotageanschläge ausgeschaltet ist. Mit PV-Dachanlagen könnte der Schaden zumindest beherrschbar bleiben. Denn eine Anlage mit Hybridwechselrichter und Speicher kann für einen Inselbetrieb des Hausnetzes ausgelegt werden, wenn das Netz ausfällt. Langfristig könnte sich die Aufrüstung der Häuser mit PV-Dachanlagen, Speicher und einer intelligenten Netzsteuerung lohnen.

Bezahlt werden muss das alles trotzdem. Die Regierung hat sich auf Druck der SPD in den Eckpunkten zum geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) auf eine Beibehaltung der Wärmepumpenförderung von mindestens 50 Prozent geeinigt. Fraglich ist aber, wer sich in der jetzigen Situation für eine Heizung mit fossilen Brennstoffen entscheidet.

Eine 10-Kilowattpeak-Dachanlage (Kwp ist eine Bezeichnung für die abgegebene Spitzenleistung einer Solaranlage) mit Hybridwechselrichter und Speicher kostet derzeit mindestens 12.000 Euro. Bisher konnte die Anschaffung über zinsgünstige Kredite der KfW-Bank gefördert werden. Mit den Einnahmen für den eingespeisten Strom bzw. vermiedenen Stromkosten konnte der Kredit getilgt werden. Dafür müsste die Vorrangeinspeisung und Einspeisevergütung für grünen Strom aber erhalten bleiben. Die örtlichen Netzbetreiber sollten steuern dürfen, wann die Speicher geladen werden, um so eine Überlastung der Netze zu vermeiden. Wenn der Strom für 10 ct/kWh eingespeist wird, sollte sich ein Strompreis von 20 bis 25 ct/kWh für alle Stromkunden dauerhaft garantieren lassen.

Dass solche privaten und dezentralen Energieanlagen nicht im Interesse der großen Energieversorgungsunternehmen sind, ist naheliegend. Denn sie verdienen an den selbst erzeugten Kilowattstunden nicht. Dazu passt, dass Katherina Reiche Anfang März angekündigt hat, die Gasförderung in Deutschland ankurbeln zu wollen. Der große Fehler der Grünen war, bei der Energiewende immer nur den Klimaschutz zu betonen und nicht auf die Versorgungssicherheit durch Selbstversorgung hinzuweisen.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Artur Borst aus Tübingen (31. März 2026 um 09:57 Uhr)
    Klaus Kohrs schrieb einen ausgezeichneten Artikel über die Bedeutung dezentraler Stromerzeugung, die das Spezifikum erneuerbarer Energien ist. Diese war das Ziel der Hauptinitiatoren Hermann Scheer (Eurosolar) und Hans-Josef Fell (Energy Watch Group) des 100.000-Dächer-Programms im Jahr 2000. Doch 2012 bremsten der damalige Wirtschaftsminister Philpp Rösler und die heutige Wirtschaftsministerin Katherina Reiche als damalige Staatssekretärin im Bundesumweltministerium den Ausbau der Photovoltaik durch Kürzung der Solarförderung so stark, dass der jährliche Ausbau
    von 8 GW auf etwa 2,5 GW fiel. Jetzt will Reiche wieder die dezentralste Form der Stromerzeugung, PV auf Gebäuden, einschränken. Die Energiewende zeigt deutlich, dass Politik nicht das fördert, was sachlich richtig wäre, sondern den Interessen des Kapitals dient.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang S. aus Berlin-Mariendorf (28. März 2026 um 12:21 Uhr)
    Ja, da müssen wir hin. Immer wieder sehe ich, dass Windräder stillstehen, viele an einem Fleck. Vor Jahren schon war von virtuellen Kraftwerken die Rede, wo regional verschiedene Energieerzeugungsarten und Speicher dazu zusammengeschlossen wurden zu einem regionalen Netz mit freilich Verbindung zu weiteren in der Umgebung. Was z.Z. gemacht wird, ist volkswirtschaftlicher Unsinn, ist »Energievergeudung« und sind unverantwortliche Kosten, abgeladen auf die privaten und kommerziellen Nutzer. D.h. es geht nicht nur um die sog. Energieautobahnen im über 100 KV-Bereich, sondern bezogen auf die Nachhaltigkeit ebenso, wenn nicht noch mehr, um die Mittel- und Niederspannungsnetze. Das kostet erst mal. Ist aber die wahre nachhaltige Energiewende.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (27. März 2026 um 20:43 Uhr)
    Der Inselbetrieb eines Hauses ist alles andere als einfach und kostet etlichen technischen Aufwand und eine Menge Geld. In einer Nachbarschaft oder etwas größerer Umgebung schaut das schon besser aus, braucht aber allerhand Engagement und auch nicht wenig Geld. Regulatorisch werden solche Ansätze systematisch behindert, denn sie nehmen den Stromoligopolen Profite weg. Lokale oder lokalnahe Stromerzeugung entlastet die Verteilnetze, die Energie muss dann ja nicht über etliche Spannungsebenen große Entfernungen übertragen werden. Einer der regulatorischen Hirnrisse ist z.B., dass Netzentgelt für Energie vom Netz zum Speicher und dann nochmals aus dem Speicher ins Netz anfällt.