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Aus: Ausgabe vom 26.03.2026, Seite 12 / Thema
Spanischer Bürgerkrieg

Bonaccorsis Blutspur

Der Versuch der spanischen Republikaner, Mallorca zurückzuerobern, endete in einer Niederlage. Danach wütete ein italienischer Faschist auf der Insel. Heute blockieren die Konservativen Versuche der Aufarbeitung. Umkämpfte Erinnerung (Teil 2 und Schluss)
Von Werner Abel und Hartmut Botsmann
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Zu lange stehengeblieben. Die republikanischen Milizionäre – hier bei Porto Cristo – hielten sich nochin Küstennähe auf, während sich die Faschisten im Innern der Insel formierten (22.8.1936)

Der »Día de infamia«, der Tag der Schande, wird auf Beschluss der Stadt Palma jedes Jahr am 24. Februar als »Tag der Erinnerung« begangen, um an alle Opfer des Franquismus und des Bürgerkrieges zu erinnern. Zu den Opfern des Bürgerkrieges werden diejenigen gezählt, die die Republik mit der Waffe in der Hand verteidigten.

Dazu gehören auch die Mitglieder des republikanischen Expeditionskorps, mit dem im August 1936 versucht wurde, die Insel für die Republik zurückzugewinnen. Initiator dieses Unternehmens war der republikanische Fliegeroffizier Alberto Bayo. »Perdimos Mallorca, perdimos la guerra!« (Verlieren wir Mallorca, verlieren wir den Krieg!) hatte Bayo nach dem Putsch der reaktionären Generäle gewarnt. Bayo, geboren 1892 in Kuba, hatte 1919 als Flieger und dann als Infanterieoffizier seine militärischen Erfahrungen im Marokkokrieg im Kampf gegen die aufständischen Rifkabylen gewonnen. Vor allem hatte er deren Guerillakampf studiert. In diesem Krieg war zum ersten Mal die Luftwaffe gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt worden. Sicher haben diese Erfahrungen dazu beigetragen, dass Bayo 1934 in die linksgerichtete Unión Militar Republicana Antifascista (UMRA) eintrat und nach dem Putsch der Republik treu blieb.

Als erfahrener Luftwaffenoffizier wusste er um die Bedrohung, die von den Balearen ausging, denn von dort aus konnten die wichtigsten Ziele des spanischen Festlands mühelos mit Flugzeugen erreicht werden, vor allem dann, wenn die modernen Luftwaffen Deutschlands und Italiens, wie abzusehen, die Putschisten unterstützen würden. Anfangs zögerte die republikanische Regierung, Bayos Vorhaben zu unterstützen, brachte aber letztlich doch keine Einwände vor. Hilfe bekam er von dem damals noch einflussreichen Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen und der katalanischen Regionalregierung. Am 2. August 1936 übernahm er den Oberbefehl über die Invasionstruppen für die Balearen. Nach einem Stopp auf der republikanischen Insel Menorca, wo sich weitere Truppenkontingente der Expedition anschlossen, erfolgte die mühelose Eroberung der Inseln Formentera und Ibiza. Bereits Anfang August besetzten anarchistische Milizionäre ohne Abstimmung mit Bayo die kleine Insel Cabrera.

Eingeschüchterte Zivilbevölkerung

Nach intensivem Artilleriefeuer und der Unterrichtung der Bevölkerung durch Flugblätter gingen am 16. August die aus etwa 8.000 Milizionären und regulären Soldaten bestehenden Truppen Bayos an der Halbinsel Punta de n’Amer, an der Cala Nau und bei Sa Coma an Land. Auch die Kolonne aus Cabrera unter der Führung des anarchistischen Kommandanten Humbert Gil Cabrera war bei dieser Anlandung dabei. Den republikanischen Milizen standen nur etwa 1.200 reguläre Soldaten gegenüber, etwa 2.000 falangistische Freiwillige und 300 Angehörige der Guardia Civil und der Carabineros. Trotz der Übermacht gelang es den Republikanern nicht, in das Innere der Insel vorzudringen.

Das hatte verschiedene Gründe: Anstatt sofort nach Manacor und Palma vorzustoßen, verschwendeten die Republikaner viel Zeit für den Ausbau des Brückenkopfes. Die anarchistischen Milizen, die Porto Cristo eingenommen und in Puerto Rojo umbenannt hatten, feierten zu lange ihren Sieg. Als sie sich anschickten, nach Manacor zu marschieren, war die franquistische Abwehr bereits derart stark, dass Teile der Milizen schon an der Front bei Porto Cristo aufgerieben wurden. Denn in der Zwischenzeit war es den Franquisten gelungen, Verstärkung vom Festland aus auf die Insel zu schicken. Dazu kam, dass die Expedition nicht wie geplant von der Zivilbevölkerung unterstützt wurde. Die war vom Terror der neuen Machthaber bereits derart eingeschüchtert, dass es nicht einmal zu einem Versuch von Gegenwehr kam. Es sind aber Fälle von Einwohnern der Gemeinde Son Servera dokumentiert, die hinter die Linien der republikanischen Einheiten flüchteten, um gemeinsam mit diesen die Insel zu verlassen und so der Repression aus dem Weg gehen zu können.

Auch das Eingreifen der italienischen Luftwaffe hatte großen Einfluss auf den Kriegsverlauf auf Mallorca. Mussolinis Regime schickte heimlich moderne Bomber in Einzelteilen an Bord eines Frachters nach Palma. Dort wurden die Maschinen von italienischen Technikern zusammengeschraubt und umgehend eingesetzt. Die wenigen völlig veralteten Flugzeuge der Truppen Bayos wurden bereits bei einem ersten Bombardement vollständig vernichtet. In Porto Cristo kam es zu tagelangen Straßenkämpfen, die letztlich mit der Niederlage der Republikaner endeten.

Als die republikanische Zentralregierung in Madrid signalisierte, dass das Unternehmen einzustellen sei, musste Bayo den Rückzug befehlen. Nicht alle Milizionäre schafften es, auf die rettenden Schiffe zu kommen. Rund 200 Männer und Frauen blieben auf der Insel zurück und fielen vor allem in die Hände von Milizen der faschistischen Falange. Keiner dieser freiwilligen republikanischen Kämpfer überlebte, alle wurden an verschiedenen Orten im Osten Mallorcas ermordet. Viele von ihnen dürften in einem Massengrab unter dem Strand der Bucht von Sa Coma begraben sein, in dem Hunderte von gefallenen Republikanern und Repressionsopfern vermutet werden.

Der Einsatz von italienischem Kriegsgerät, Piloten und Kriegsberatern war keineswegs das Ergebnis eines Zufalls. Mussolini beunruhigte die Präsenz republikanischer Einheiten auf Menorca und hatte großes Interesse daran, den Rückeroberungsversuch der Republikaner auf Mallorca zu vereiteln. In die spanischen Truppen, die weitaus schlechter ausgebildet und ausgerüstet waren als die italienischen, hatte die italienische Führung kaum Vertrauen. Daher nahm man von Rom aus Kontakt zu alten Kameraden in den Reihen der faschistischen Falange auf und einigte sich auf die Entsendung von Militärs und Material. Am 26. August 1936 traf unter anderem der fanatische Faschist und Antikommunist Arconovaldo Bonaccorsi auf der Insel ein, der als Militärberater zum Einsatz kommen und den Ausbau der Falange-Milizen unterstützen sollte.

Todesdrachen

Bonaccorsi ließ sich »General Conde Rossi« nennen, obwohl er weder General noch Graf – Conde – war. Die mallorquinischen Militärs betrachteten den Exzentriker eher mit Argwohn, da er es von Anfang an darauf anlegte, das Oberkommando über die franquistischen Streitkräfte zu übernehmen. Aber sie ließen ihn walten, wenn er über die Dörfer zog und in langen Reden vor johlenden Menschenmengen die Hinrichtung aller Linken forderte, und wenn er von Palma aus Mordkommandos auf republikanische Persönlichkeiten ansetzte. Im von der Falange zum Hauptquartier umfunktionierten ehemaligen Gewerkschaftshaus in Palma stellte er aus den fanatischsten Falangisten eine eigene Miliz zusammen, die er »Dragones de la muerte« – »Todesdrachen« – nannte. Dieses bewaffnete Korps zog unter der Führung Bonaccorsis mordend über die Insel und brachte gnadenlos jeden um, der als Linker galt oder in irgendeiner anderen Form als verdächtig erschien.

Auf Bonaccorsis Konto geht auch der Mord an fünf als Krankenschwestern eingesetzten Milizionärinnen, die von den republikanischen Truppen auf Mallorca zurückgelassen wurden. Sie hatten sich in einer Scheune hinter dem Hauptquartier Bayos versteckt und wurden dort von den »Todesdrachen« aufgespürt. Zusammen mit zahlreichen anderen Gefangenen wurden sie nach Manacor gebracht und dort kurz in einer zum Gefängnis umfunktionierten Grundschule festgehalten. Auf der Ladefläche eines Lastwagens wurden die Gefangenen dann durch die Straßen von Manacor gefahren und der Öffentlichkeit als Kriegsbeute präsentiert. Auf der Plaça de sa Bassa im Zentrum der Stadt wurden sie abgeladen. Während die Männer hinter einem Tisch mit angeblich gestohlenen Wertgegenständen als Räuber dargestellt wurden, beschimpften die Passanten die fünf Frauen als »Rote« und »Huren«. Die faschistische Propaganda denunzierte Milizionärinnen und linke Politikerinnen häufig als Prostituierte, denn als selbstbestimmte Subjekte handelnde Frauen passten nicht in das national-katholische Weltbild. Am Abend wurden die fünf Frauen in den Keller des örtlichen Falange-Hauptquartiers gebracht, wo sie misshandelt, gefoltert und vergewaltigt wurden. Bereits am nächsten Morgen wurden sie auf Anweisung Bonaccorsis auf den Friedhof von Manacor gebracht, hingerichtet und in einem Massengrab verscharrt.

Im Jahr 2022 konnten im Rahmen eines Exhumierungsprogramms ihre sterblichen Überreste geborgen und ihre Identität weitgehend bestimmt werden. Diese fünf Milizionärinnen bilden in historiographischer Hinsicht einen Sonderfall, denn es handelt sich um die einzigen identifizierten Opfer aus den Reihen der freiwilligen Milizen unter Bayo. Ihre Geschichte konnte dank eines Tagebuchs rekonstruiert werden, das eine der fünf Frauen minutiös geführt hatte.

Das Thema hat die örtlichen Historiker lange und intensiv beschäftigt. Nachkommen wurden in Katalonien und Mexiko ausfindig gemacht, auf Mallorca geschriebene Briefe wurden bei Angehörigen gefunden und DNA-Abgleiche wurden vorgenommen. Dem mallorquinischen Dramaturgen Jaume Miró diente das Schicksal dieser Frauen als Inspiration für das Theaterstück »Diari d’una miliciana« (Tagebuch einer Milizionärin). Im Jahr 2019 stellte Miró gemeinsam mit der katalanischen Regisseurin Tània Balló den Dokumentarfilm »Milicianes« vor.

Der Mörder Bonaccorsi verübte seine Schreckenstaten keineswegs als Einzeltäter im Verborgenen. Als erklärter Katholik zierte ein übergroßes Kreuz sein schwarzes Hemd der italienischen Todesschwadron. Auch das faschistische Rutenbündel fehlte nicht, wenn er Aufmärsche in Palma auf einem – möglichst weißen – Pferd begleitete oder an festlichen Veranstaltungen des Bürgertums in Palma teilnahm. Auf diese Veranstaltungen begleiteten ihn nicht nur franquistische Offiziere und der Falange-Führer Alfonso de Zayas, sondern auch hochrangige Mitglieder des Klerus, allen voran der Erzbischof der Balearen, Josep Miralles i Sbert.

Auch ein prominenter Ausländer, der französische Schriftsteller Georges Bernanos, gehörte eine kurze Zeit zu dieser schaurigen, auf Mord und Terror basierenden Gesellschaft. Bernanos war eng mit der Familie de Zayas befreundet und einer seiner Söhne, Yves Bernanos, war das einzige ausländische Mitglied der »Todesdrachen« unter Bonaccorsi. Bernanos erlebte die heftigste Repressionswelle der Faschisten auf Mallorca aus nächster Nähe mit. 1937 wandte er sich angesichts der Ereignisse und der Kollaboration der katholischen Kirche von den neuen Machthabern ab und verließ Mallorca. Bernanos’ Buch »Die großen Friedhöfe unter dem Mond« (1938) zwang auch den Vatikan, Kritik am mallorquinischen Klerus zu üben.

Bonaccorsi wurde im Dezember 1936 von Mussolini abberufen und verließ Mallorca in allen Ehren. Auch Nazideutschland soll ihm das Eiserne Kreuz verliehen haben. Er kam später erneut in Spanien zum Einsatz, als Mitglied der an der Seite Francos kämpfenden italienischen Streitkräfte. Bonaccorsi war von Beruf Anwalt. Bezeichnenderweise verteidigte er nach dem Zweiten Weltkrieg einen deutschen General, der in Italien Kriegsverbrechen begangen hatte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1962 war er Mitglied der ultrarechten Organisation Movimento Sociale Italiano (MSI).

Alberto Bayo, der Kommandant der republikanischen Milizen, war nie wieder als Frontoffizier im Einsatz, sondern zunächst Adjutant des Verteidigungsministers Abel Prieto. Unter anderem war er damit beauftragt, in England Waffen für die Republik einzukaufen. Ein schwieriges Unterfangen, denn Großbritannien hatte gemeinsam mit Frankreich ein Nichteinmischungsabkommen unterzeichnet. Während die franquistischen Truppen von Deutschland und Italien stark unterstützt wurden, mangelte es der republikanischen Volksarmee an Ausrüstung, Waffen und Munition.

Als im Januar 1939 Barcelona fiel, war auch die Insel Menorca nicht mehr zu halten und musste kapitulieren. Ende März 1939 marschierten die Truppen Francos in Madrid ein. Damit war der Spanische Bürgerkrieg de facto beendet, die faschistischen Rebellen hatten trotz allen Widerstands von Republikanern und ausländischen Freiwilligen ihr Ziel erreicht. Etwa eine halbe Million Menschen flüchteten mühselig über die Pyrenäen nach Frankreich, wo die meisten von ihnen in menschenunwürdigen Auffanglagern festgehalten wurden. Von Menorca konnten viele Republikaner an Bord eines britischen Schiffes in Sicherheit gebracht werden. Einigen gelang es, nach Lateinamerika zu emigrieren.

Auch Bayo ging nach der Niederlage der Republik nach Mexiko, wo sich mittlerweile die spanische Exilregierung befand. Es gelang ihm, eine Militärakademie zu gründen. Eines Tages standen zwei junge Herren vor seiner Tür: ein kubanischer Rechtsanwalt in Begleitung eines argentinischen Arztes. Es waren Fidel Castro und Che Guevara. Bayo bekam von ihnen den Auftrag, die Guerilleros für die Kubanische Revolution auszubilden. Zu dieser historischen Gelegenheit hatte Bayo nicht nur das richtige Gespür, sondern seine Strategie führte zu einem durchschlagenden Erfolg. Anfang 1959 wurde der kubanische Diktator Fulgencio Batista gestürzt und die revolutionären Truppen Castros marschierten in Havanna ein. Nach dem Sieg der Revolution siedelte Bayo nach Kuba über, wo er den Aufbau der Volksarmee unterstützte. Als Held der Revolution geehrt, starb er im August 1967, zwei Monate, bevor Che Guevara in Bolivien ermordet wurde.

Blockierte Gesetze

Nachdem die Erinnerungskultur sowohl in ganz Spanien als auch auf den Inseln über Jahrzehnte allein von zivilrechtlichen Organisationen bestritten wurde, haben sich vor allem während der vergangenen zwei Jahrzehnte auch staatliche Stellen dieses Themas angenommen. In Anbetracht des Charakters der spanischen Parteienlandschaft überrascht es nicht, dass erinnerungspolitische Initiativen immer dann vorangetrieben werden, wenn Zentral- oder Landesregierungen von der sozialdemokratischen PSOE und deren Koalitionspartnern gestellt werden, denn nicht nur die neofaschistische Partei Vox, sondern auch die konservative Partido Popular (PP) haben es nie für nötig befunden, sich von der Franco-Diktatur zu distanzieren.

Von den sozialdemokratischen Regierungen ­Zapatero (2004 bis 2011) und Sánchez (seit 2018) wurden dazu diverse Gesetze verabschiedet. Im Dezember 2007 begann es mit dem »Ley de Memoria Histórica«. Bei diesem Gesetz, das erstmals die Rechte der Opfer von Gewalt oder Verfolgung während des Bürgerkrieges und der Diktatur anerkannte und entsprechende Maßnahmen der Umsetzung festlegte, handelte es sich um einen ersten wesentlichen Schritt zu einer institutionell geförderten Erinnerungspolitik. Zum ersten Mal – über 30 Jahre nach dem Tod des Diktators – wurde das Franco-Regime durch die spanische Zentralregierung explizit verurteilt und Opfern sowie Angehörigen die Chance einer längst überfälligen Aufarbeitung gegeben. Das »Gesetz des historischen Gedächtnisses« beinhaltete auch die Pflicht des spanischen Staates, Exhumierungen und Identifizierungen von sterblichen Überresten zu fördern, franquistische Symbole von öffentlichen Gebäuden und die zahlreichen Monumente des Regimes zu entfernen und Straßen umzubenennen. Das Gesetz hatte jedoch auch Schwächen, denn immer noch mussten die Opfer aufwendige individuelle Revisionsantragsverfahren in die Wege leiten, um eine Aufhebung unrechtmäßiger Verurteilungen durch die faschistischen Kriegsgerichte zu erreichen.

Unter der Regierung Sánchez wurde das Konzept der historischen Erinnerung erweitert. Im Jahr 2022 kam es nach langwierigen Debatten zur Verabschiedung des »Ley de Memoria Democrática« (Gesetz der demokratischen Erinnerung). Zwar blieb das Amnestiegesetz von 1977 davon immer noch unberührt, aber die Menschenrechtsverbrechen des Franquismus wurden – insbesondere auf Druck der linksrepublikanischen ERC – für unverjährbar und nicht amnestierbar erklärt.

Damit nimmt das Gesetz der »Memoria Democrática« den Hinweis des Richters Baltasar Garzón auf, dass Bürgerkriegsverbrechen in Übereinstimmung mit dem humanitären Völkerrecht zu behandeln seien. Diesem internationalen Recht zufolge verjähren weder Verbrechen gegen die Menschheit noch Kriegsverbrechen oder Völkermord. Endlich kam es nun auch zu einer Beschleunigung der Annullierung von Unrechtsurteilen der franquistischen Kriegsräte, und es wurde die Einrichtung einer Gendatenbank für die Identifizierung der Opfer angekündigt. Bereits vor der Verabschiedung dieser zweiten erinnerungspolitischen Gesetzesauflage wurden auf dem spanischen Festland Opfer in mehreren hundert Gräbern mit Hilfe staatlicher Beteiligung exhumiert. Im Oktober 2025 waren bereits 9.000 der insgesamt 20.000 bekannten Massengräber in Spanien geöffnet worden.

Eines der Hauptprobleme dieser Gesetze ist die Tatsache, dass sämtliche Verfügungen von den jeweiligen Landesregierungen in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden müssen. Da viele Landesregierungen von der konservativen PP gestellt werden, wird dort oft der Hebel angesetzt, um erinnerungspolitische Entwicklungen zu boykottieren oder zu beenden. Auf den Balearen regiert nach acht Jahren sozialdemokratischer Koalition seit 2023 die PP in Form einer Minderheitsregierung, die auf die Stimmen der neofaschistischen Vox angewiesen ist. Der Preis für den Erhalt einer solchen Regierung ist die Umsetzung eines großen Teils des Forderungskatalogs der Ultrarechten. Es geht dabei nicht nur um die Rücknahme erinnerungspolitischer Maßnahmen, sondern auch um Massenabschiebungen von Ausländern, die immer häufiger die mallorquinische Küste erreichen, die Leugnung spezifischer Gewalt gegen Frauen sowie des Klimawandels.

Auf den Balearen kommt die Forderung nach der Verdrängung der katalanischen Sprache aus dem öffentlichen Leben und insbesondere aus dem Schulsystem hinzu. Formal gesehen handelt es sich beim Katalanischen um eine der zwei Amtssprachen, aber es ist vor allem die einzige eigene Sprache und damit sowohl die Muttersprache der Inselbewohner als auch der soziohistorische Ausdruck der inseleigenen Kultur. Die katalanische Sprache war insbesondere während der Franco-Diktatur verboten. Ein Wahlsieg der Parteienkonstellation PP-Vox auf nationaler Ebene würde mit Sicherheit umgehend zur völligen Einstellung sämtlicher erinnerungspolitischer Programme führen und auf den Balearen außerdem zu erheblichen Problemen im Bildungssystem und im Kulturbetrieb schlechthin.

Tickende Zeitbombe

Die jetzige PP-Landesregierung der Balearen hat ihre Nähe zur neofaschistischen Partei Vox unter Beweis gestellt. In erinnerungspolitischer Hinsicht hat sie bereits einigen Schaden angerichtet, indem sie nach Abschluss der in der vorangehenden Legislaturperiode begonnenen Projekte keine weiteren Exhumierungsprogramme mehr in Angriff nehmen wird. Beschilderungen im Südosten der Insel, die darauf hinwiesen, dass viele der Landstraßen von republikanischen Zwangsarbeitern gebaut worden sind, wurden klammheimlich entfernt. Und das Gesetz der Memoria Democrática soll nun mit fadenscheinigen Erklärungen aufgehoben werden. Konservativen und Neofaschisten schwebt ein »Gesetz der Eintracht« vor – ein Gesetz, das die Opfer des Militärputsches und der Diktatur auf eine Stufe mit Repressoren und Folterern stellen würde.

Gegen den Versuch der konservativen PP-Landesregierung im Jahr 2013, die offizielle Sprache des balearischen Bildungssystems, das Katalanische, durch Spanisch zu ersetzen, gingen im September desselben Jahres über 100.000 Menschen in Palma auf die Straße und brachten in der Folge die Landesregierung zu Fall. Es handelte sich um die mit Abstand größte Demonstration in der Geschichte Mallorcas, aber auch um einen deutlichen Beleg dafür, dass die katalanische Kultur und Sprache sowohl Inselalltag als auch fester Bestandteil der antifaschistischen Haltung der Inselbewohner in der Gegenwart ist. Und dazu gehört zweifellos auch der Aktivismus der Erinnerungskultur.

Bürgerinitiativen, zivilrechtliche Erinnerungsorganisationen, Historiker, Forscher, Journalisten, aber auch kulturelle Stiftungen und Vereine, denen plötzlich keine finanzielle Unterstützung mehr gewährt wird, stehen in den Startlöchern. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Schlagzeilen weniger von überfüllten Stränden, Raubbau, Gentrifizierung, Spekulation, Wasserknappheit und sonstigen destruktive Auswirkungen des Kapitalismus handeln. Auf Mallorca tickt eine Zeitbombe, denn was die vom Übertourismus und der Wohnungsknappheit geplagte Bevölkerung nicht auch noch braucht, ist die Entwürdigung ihrer Opfer und ihrer Kultur und damit die Neuauflage eines menschenverachtenden Systems, das auf Mallorca längst als überwunden galt. Denn auch wenn die Erinnerungskultur erst spät in Gang kam, gehört doch zu ihren Verdiensten, dass vielen Menschen heute bewusst ist, dass die Repression der spanischen Faschisten nicht einzig auf vereinzelter Willkür basierte, sondern dass systematisch jene Personen aus dem Weg geräumt wurden, die sich während der Republik für ein freies und fortschrittliches Spanien verdient gemacht hatten.

Werner Abel ist Historiker. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. November 2024 über die Arbeiter-Illustrierte Zeitung: »Bild als Waffe«

Hartmut Botsmann ist Lehrer, lebt in Manacor und in der malorquinischen Erinnerungskultur aktiv

Teil 1: »Insel des Terrors« erschien in der Ausgabe vom 25. März 2026

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  • Leserbrief von Doris Prato (27. März 2026 um 10:38 Uhr)
    Die Francofaschisten und ihre deutschen und italienischen Helfershelfer begannen eine erbarmungslose Menschenjagd. Loyale Republikaner wurden massenweise gequält, verstümmelt, ermordet. »Die Methoden der Mordkommandos sind bestialisch«, schrieb der Kämpfer der Internationalen Brigaden Fritz Teppich in »Spaniens Himmel. Volksfront und Internationale Brigaden gegen den Faschismus« (Berlin 1996). Der Weg der Franco-Truppen »ist von Massenmorden gezeichnet. In Badajoz, nicht weit von der portugiesischen Grenze, ließ der Kommandeur der marokkanischen Truppen, General Yagüe, einer der Schlächter von Asturien, niedermetzeln, was seinen Söldnern vor die Gewehre kam. Alle Republikaner, derer sie dabei habhaft werden konnten, wurden in die Stierkampfarena getrieben und dort mit Maschinengewehren zusammengeschossen.« Georges Bernanos, französischer Schriftsteller und gläubiger Katholik, berichtete: In der kleinen Stadt Manacor auf Mallorca waren zweihundert Einwohner, »die den Italienern verdächtig waren, mitten in der Nacht aus ihren Betten gezerrt und schubweise auf den Friedhof gebracht worden, wo man sie mit Kopfschüssen niederstreckte und ein Stück weiter auf einem Haufen verbrannte.« Der Erzbischof hatte dazu einen »Geistlichen gesandt, der, mit den Schuhen im Blute watend, jeweils zwischen zwei Salven Absolution erteilte«. Andere werden mit Lastwagen zu einem einsamen Feldweg gefahren. »Sie steigen ab, stellen sich in Linie auf, küssen eine Medaille oder auch nur den Nagel des Daumens. Peng! Peng! Peng! – Die Leichen werden an den Rand der Böschung geschleift, wo sie der Totengräber am nächsten Morgen findet, mit zerschmettertem Schädel, im Nacken ein hässlicher Klumpen schwarzen geronnenen Blutes.« (In: Die großen Friedhöfe unter dem Mond. Mallorca und der spanische Bürgerkrieg, o. J. 1938).

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