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Aus: Ausgabe vom 25.03.2026, Seite 12 / Thema
Spanischer Bürgerkrieg

Insel des Terrors

Auch auf Mallorca gingen die Franquisten mit äußerster Gewalt gegen ihre Gegner vor. Umkämpfte Erinnerung (Teil 1 von 2)
Von Werner Abel und Hartmut Botsmann
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Die Stahlskulptur »El racó de la memòria« in Porreres auf Mallorca erinnert an die von den spanischen Faschisten Ermordeten

Jährlich fliegen an die vier Millionen deutsche Touristinnen und Touristen nach Mallorca. Die Insel bietet zumindest aus Sicht der Urlauber alle Voraussetzungen für einen idealen Aufenthalt: herrliche Strände und verschwiegene Buchten, das Bergmassiv der Tramuntana mit den intakten Wäldern, freundliche Menschen und ein angenehmes Klima. Aus Perspektive der Inselbewohner hat sich in dieser Frage einiges radikal verändert. Der Massentourismus ist längst nicht mehr das Hauptproblem, auch wenn die Übervölkerung nach wie vor für Wasserknappheit und Raubbau an den Ressourcen der Insel verantwortlich ist. Mittlerweile haben wissenschaftliche Studien der Universität der Balearen (UIB) nachgewiesen, dass der Tourismus – und in den letzten Jahren vor allem der Luxustourismus – zu einer Gentrifizierung führt und aus einer mehr oder weniger ausgeglichenen sozialen Struktur eine stark polarisierte Gesellschaft gemacht hat. Für junge, selbst gutverdienende Mallorquiner ist es heute unmöglich, die hohen Kosten für einen eigenen Wohnsitz aufzubringen. Mittlerweile fehlt es auch an Handwerkern, Angestellten, Lehrern, Sanitätspersonal und Polizeikräften. Niemand will sich auf die Balearen versetzen lassen, wo nach Entrichtung der Miete kaum noch etwas für den Lebensunterhalt übrig bleibt. In der Folge lebt die Gesellschaft eines der reichsten spanischen Bundesländer unter Verhältnissen, die eher einer strukturschwachen Region entsprechen.

Blinde Touristen

Indes wird kaum ein Besucher während seines Aufenthaltes auf diese Umstände aufmerksam. Und wo schon die aktuelle Situation für die Touristen kaum von Interesse ist, bleibt auch die Geschichte der Balearen unter der Franco-Diktatur ausgeblendet. Den Wahrzeichen und Symbolen des antifaschistischen Mallorcas stehen die Touristen blind gegenüber. Damit setzt sich ein Schweigen fort, das schon das Franco-Regime mehr als 40 Jahre lang erfolgreich praktiziert hat und das auch nach dem Tod des Diktators nicht abriss. Der mallorquinische Historiker Antoni Tugores resümiert die Folgen der Diktatur: Der wahre Sieg des Franco-Regimes besteht im Schweigen, einem von den herrschenden Klassen auferlegten, auf Angst und Ignoranz beruhenden Schweigen. Die Plünderung der Archive, die Lüge und die faschistische Farce haben uns die Wahrheit bis zum heutigen Tag vorenthalten.

Andererseits ist es keineswegs so, dass seitens der Inselbevölkerung nichts für die historische Aufarbeitung getan würde. Bereits lange vor institutionellen erinnerungspolitischen Initiativen nahmen sich zivilrechtliche Organisationen der Aufarbeitung des faschistischen Terrors an. Im Jahr 2006 wurde die »Associació Memòria de Mallorca« gegründet. Sie ist heute die allgemein anerkannte Instanz der Erinnerungskultur auf der Insel.

Die aus Inca stammende Präsidentin dieser Organisation, Maria Antònia Oliver, ist Enkelin des Arbeiterführers Andreu París, der 1936 im improvisierten Männergefängnis Can Mir in Palma inhaftiert wurde und im März 1937 verschwand. Am Beispiel Olivers wird deutlich, was es bedeutete, Angehörige eines Repressionsopfers zu sein. Ihre Mutter hat ihren Ehemann zu Lebzeiten nicht gefunden. Schließlich kam die Demokratie, aber nicht die erwartete Gerechtigkeit. Gemeinsam mit anderen betroffenen Familien und Historikern arbeitet Oliver daran, die Geschichte der Opfer des Franco-Regimes zu rekonstruieren. Dabei geht es nicht nur um Dokumentation und Recherchen, sondern auch um die Öffnung von Massengräbern und die Exhumierung und Identifizierung von Repressionsopfern. Immerhin geht man auf Mallorca von mehr als 2.000 Todesopfern aus.

Am Passeig d’es Molinar im ehemaligen Arbeiterviertel Es Molinar der mallorquinischen Hauptstadt Palma, heute ein beliebtes Ausflugsziel, steht auf einem hohen Steinsockel die Bronzebüste einer jungen Frau. Am 5. Januar 2022 wurde dort von dem balearischen Flügel der spanischen sozialistischen Partei (PSOE-PSIB) ein Bukett roter Rosen niedergelegt. Das Denkmal und die Würdigung sollen an die Ermordung der jungen Kommunistin Aurora Picornell erinnern, die mit ihren Genossinnen Catalina Flaquer Pascual und deren Töchtern Antonia und Maria und Belarmina Gonzáles Rodríguez an diesem Januartag im Jahre 1937 erschossen wurde.

Die am 1. Oktober 1912 geborene Aurora ­Picornell, auch die »mallorquinische Pasionaria« genannt, eine gelernte Näherin, hatte sich schon früh für die Rechte der Frauen eingesetzt, gründete 1928 eine Gewerkschaft und trat 1930 in die noch kleine Kommunistische Partei (PCE) ein. Zu den entscheidenden Einflüssen Auroras gehörte der antiklerikale Aktivist und Freund der Familie Mateu Martí. Ähnlich wie Auroras Vater kam er über eine republikanische Partei zur sozialistischen PSOE und von dort schließlich in die PCE. Martí gründete auf Mallorca eine Filiale der antiklerikalen »Liga Nacional Laica«, für die er Aurora Picornell als tragendes Mitglied gewann. Schon bald stand sie gemeinsam mit Schriftstellern, Politikern und Gewerkschaftsführern an der Spitze der Organisation. Picornell war nicht nur das einzige weibliche Vorstandsmitglied der Liga, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch deren einziges weibliches Mitglied überhaupt. Martí gab im Oktober 1930 öffentlich seine Abwendung vom katholischen Glauben bekannt und strich das »M« aus seinem Vornamen, so dass aus »Mateu« nun »Ateu« wurde – katalanisch für Atheist. Martí sollte neben ihren Eltern zu Auroras wichtigster politischer Leitfigur werden.

Auch dass 1934 erstmals der Frauentag auf Mallorca begangen wurde, geht auf Picornell zurück. Mit 16 Jahren begann sie, für die kommunistische Zeitung Nuestra palabra zu schreiben. Ein Glücksumstand, denn so blieb ihr literarisches Vermächtnis erhalten. 1931 heiratete sie ­Heriberto Quiñones, einen vermutlich in der Bukowina geborenen Abgesandten der Komintern, dem es gelungen war, einen echten spanischen Pass zu bekommen und der zu einem wichtigen Funktionär des PCE wurde. 1934 wurde die Tochter geboren, die aus Verehrung für die Russische Revolution von 1917 Octubrina Roja genannt wurde. Als im Februar 1936 die Volksfront siegte, steigerte Aurora ihre Aktivitäten. So war sie im Mai in Madrid bei Dolores Ibárruri, die sie für die politische Arbeit auf dem Festland gewinnen wollte. Aber Aurora kehrte nach Mallorca zurück.

Entlassen und ermordet

Am 18. Juli, als die Generäle putschten, sprach sie beim republikanischen Zivilgouverneur von Mallorca, Manuel Espina, vor, damit dieser Waffen für den Kampf gegen die Faschisten freigäbe. Aber dieser winkte mit den Worten ab, General Manuel Goded Llopis, der Militärbefehlshaber der Balearen, der zum Kreis der Putschgeneräle um Sanjurjo, Franco, Mola und Queipo de Llano gehörte, habe ihm gesagt, er sei für ein Abenteuer zu alt. Am nächsten Tag erklärte Goded den Kriegszustand, die faschistische Falange übernahm die Macht und begann mit der Verfolgung der Republikaner.

Aurora Picornell wurde in Palma im Volkshaus, dem Sitz des PCE, verhaftet und ins Frauengefängnis gebracht. Die Mordkommandos der Falange wüteten mit einer besonders üblen Methode: Nach einer formalen Freilassung wurden inhaftierte Republikaner entführt und irgendwo an einer Friedhofsmauer oder einfach am Straßenrand ermordet. Picornell wurde wie einige andere Frauen auch als sogenannte Regierungsgefangene inhaftiert, was so viel bedeutete, dass weder eine konkrete Anschuldigung vorlag noch ein Gerichtsverfahren vorgesehen war. Gefangene mit konkreten Anschuldigungen hatten im Normalfall größere Überlebenschancen, denn sie wurden formal verurteilt, auch wenn das Verfahren vor einem Kriegsgericht ohne die geringsten juristischen Garantien stattfand. Bei den Regierungsgefangenen handelte es sich um politische Gefangene, die auf direkten Befehl des Zivilgouverneurs der Balearen und ohne konkrete Anklage inhaftiert wurden. Ein Großteil dieser Gefangenen wurde während der ersten Monate nach der Machtübernahme der Faschisten ermordet. In den Männergefängnissen der Burg Bellver und Can Mir wurde die Prozedur der Selektion bald als psychologische Foltermethode eingesetzt, indem das Aufrufen der Betroffenen gezielt hinausgezögert wurde. Diese offiziellen Entlassungen mit dem Ziel der Ermordung wurden »tretes« genannt. Sie wurde insbesondere gegen Männer angewandt.

Die einzige dokumentierte »treta« des Frauengefängnisses Can Sales fand in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar 1937 statt. Fünf Frauen wurden von einer Miliz der faschistischen Falange aus dem Gefängnis abgeholt und noch in derselben Nacht ermordet und verscharrt. Es handelte sich um die vier kommunistischen Aktivistinnen Aurora Picornell, Catalina Flaquer und ihre beiden Töchter Maria und Antònia Pasqual, die sich bereits in den 1930er Jahren als die »Roges des Molinar« – die Roten des Stadtteils Molinar – einen Namen gemacht hatten. Die Gruppe bestand nicht aus fünf, sondern aus vier Frauen. Bei der fünften Frau, Belarmina González, ist bis heute ungeklärt, weshalb sie gemeinsam mit ihnen ermordet wurde. Historiker führen dies auf einen Irrtum zurück.

Es wurde lange vermutet, Aurora und die Roten von El Molinar wären am Friedhof von Porreres ermordet worden. Dann aber wurden ihre sterblichen Überreste im Jahr 2022 auf dem Friedhof Son Coletes bei Manacor exhumiert.

Vor ihrem Tod soll sie den Falangisten zugerufen haben: »Ihr könnt Männer, Frauen und Kinder töten, aber Ideen? Mit welchen Kugeln wollt Ihr die Ideen töten?« Manel Suárez, Vizepräsident der Associació per a la Recuperació de la Memòria Històrica, schrieb: »Nach der Ermordung versuchte einer der falangistischen Mörder in einer Taverne, mit dem blutigen BH Auroras zu prahlen. Sein Auftritt wurde mit Schweigen quittiert. Mit dem Tod von Aurora, einem Symbol für die befreite und freie Frau, war Spanien dem Mittelalter wieder etwas näher.« Auch Auroras Vater, zwei ihrer Brüder und die meisten ihrer Mitstreiter wie Ateu Martí wurden ermordet. Heute tragen nicht nur eine Schule und eine Straße in Palma den Namen Picornells, sondern auch ein Kollektiv, das sich dem antifaschistischen Kampf widmet.

Heriberto Quiñones hatte zunächst Glück. Er war zum Generalsekretär des Provinzkomitees des PCE der Balearen gewählt worden und befand sich auf Menorca, das bis 1939 republikanisch blieb. 1937 siedelte er nach Valencia über, um am bewaffneten Kampf gegen die Franquisten teilzunehmen. 1939 gehörte er zu denen, die den Kampf des PCE – nunmehr in der Illegalität – fortführten. Mehrmals verhaftet, gelang es ihm immer wieder, zu fliehen. Als er forderte, den Kampf der Partei den nationalen Gegebenheiten anzupassen, geriet er in Konflikt mit der Auslandsleitung des PCE und wurde aus der Partei ausgeschlossen. Quiñones aber setzte mit anderen Genossen den Kampf fort und wurde im Dezember, vermutlich durch Verrat, erneut verhaftet. Man folterte ihn derart, dass er weder laufen noch stehen konnte. Zum Tode verurteilt, musste er für die Erschießung, die am 2. Oktober 1942 mit zwei weiteren Genossen am Stadtrand von Madrid vollstreckt wurde, auf einem Stuhl festgebunden werden. Das überlieferte Protokoll hielt fest, dass er in den Verhören nicht einmal seine eigene Adresse preisgegeben hatte. Seine letzten Worte lauteten: »Lang lebe die Kommunistische Internationale!« Unbekannt ist, wo ihn die Franquisten verscharrt haben.

Hunger und Zwangsarbeit

An den Hinrichtungsorten in Porreres und ­Manacor, wo viele Republikaner ermordet wurden, befindet sich heute neben Gedenktafeln auch eine aufrecht stehende Stahlplatte, in die die Konturen eines offensichtlich stürzenden Menschen mit schmerzverzerrtem Gesicht geschnitten sind, dem ein Messer in die Brust gestoßen wurde. Diese Skulptur, die den Opfern des Franquismus gewidmet ist, findet sich auch an anderen Orten, an denen Menschen ermordet oder gefangen gehalten worden waren, zum Beispiel in Banys de Sant Joan de sa Font Santa in der Nähe von Campos, einem der Konzentrationslager, in dem die Gefangenen Zwangsarbeit verrichten mussten.

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Aurora Picornell mit ihrer Tochter Octubrina Roja (ca. 1935)

Die Häftlinge dieser Lager setzten sich zusammen aus Kriegsgefangenen vom spanischen Festland und politischen Gefangenen aus den völlig überfüllten Männergefängnissen in Palma, dem ehemaligen Holzlager Can Mir im Zentrum der Stadt und dem imposanten, von fast überall in Palma zu sehenden Castell de Bellver. Auf der Burg hat die Stadtverwaltung Schilder anbringen lassen, die auf den Missbrauch des Bauwerks aus dem 14. Jahrhundert durch die Falangisten hinweisen. Das Lager Can Mir, in dem zwischen 1936 und 1941 bis zu 2.000 Häftlinge zusammengepfercht waren, wurde Mitte der 1940er Jahre abgerissen. Dort steht heute das Kino Sala Augusta.

2019 berichtete der inzwischen hundertjährige Gabriel Riera i Sorell, der sowohl im Can Mir als auch in Banys de Sant Joan inhaftiert war, dass die Gefangenen Straßen und Bunker bauen mussten, aber kaum mit Essen versorgt wurden. Ihre Kleidung bestand aus dem, was sie zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung mitten im Hochsommer 1936 am Leib getragen hatten. Waschmöglichkeiten waren keine vorhanden. Wie viele andere habe er sich von rohen Schnecken und Beeren ernährt. In einigen Lagern konnten die Häftlinge in geringem Umfang heimlich von der Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt werden, obwohl dies streng verboten war. Diese Möglichkeit hing vor allem von der Entfernung der Lager von den Orten der Insel ab. In Lagern wie dem von den Insassen als »Mallorquinisches Sibirien« bezeichneten Albercutx, auf der Landzunge Formentor bei Pollença, oder Son Morey, mitten im heutigen Parc de ­Llevant bei Artà, herrschte permanente Hungersnot.

Insgesamt befanden sich rund 15.000 Häftlinge in mehr als 20 solcher Lager. Sie wurden als Zwangsarbeiter vor allem im Straßenbau eingesetzt. Zwischen 1936 und 1942 bauten sie auf Mallorca etwa 200 Kilometer neuer Straßen. Viele befinden sich an der Ostküste der Insel und werden bis heute genutzt. Andere erfüllten eher militärische Funktionen und deuten darauf hin, dass die Faschisten trotz ihres Sieges über die Truppen Alberto Bayos bis zum Ende des Bürgerkrieges erneute republikanische Anlandungen befürchteten. Darauf deuten auch die zahlreichen Flakbasen und Bunker an der flachen Ostküste Mallorcas hin.

Weiblichen Häftlingen blieb diese Version des Terrors und der Repression erspart. Auch keines der auf den Balearen gegen Frauen verhängten Todesurteile wurde tatsächlich vollstreckt. Aber damit blieben die Frauen keineswegs von der Repression verschont. Eilig wurde ein heruntergekommenes ehemaliges Hospiz in der Nähe des Hafens zum Frauengefängnis namens Can Sales umfunktioniert. Hunderte Frauen wurden in dieser finsteren Haftanstalt unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten, in der Strohmatten auf dem Boden, unzureichende Ernährung, Wanzenplagen und Überfüllung zum Alltag gehörten. Can Sales entwickelte sich zu einem der wichtigsten Frauengefängnisse Spaniens. Viele Frauen wurden aus den großen Gefängnissen Las Ventas in Madrid oder Santurrarán im Baskenland nach Palma verlegt. Das franquistische Strafvollzugssystem forderte den Häftlingen eine enorme und belastende Mobilität ab, die von den Militärkommandanturen oft auf zynische Weise als »Gefängnis-Tourismus« bezeichnet wurde. Man wollte vermeiden, dass sich Familienangehörige in der Nähe der Gefängnisse niederließen und so das Ausmaß der Repression sichtbar machten.

Die Behandlung der weiblichen Gefangenen wurde in erster Linie als soziale Korrektur verstanden, das heißt, die Frauen wurden Umerziehungsprogrammen unterzogen. Das besondere Interesse der neuen Machthaber an der Kontrolle über die Frauen erklärte sich anhand der Tatsache, dass sie eine Schlüsselgruppe im Projekt der Rekatholisierung Spaniens darstellten. Denn sie hatten in den zurückliegenden Jahrzehnten – sowohl vor als auch während der Republik – eine Art Bastion gegen die Säkularisierung dargestellt. Folglich überrascht es nicht, dass das franquistische Spanien Strafvollzugsformen wiederbelebte, die denen der Besserungsanstalten des 19. Jahrhunderts ähnelten.

Die Verwaltung in Can Sales wurde wie in anderen spanischen Gefängnissen auch einem religiösen Schwesternorden übertragen. Die Nonnen kümmerten sich gemeinsam mit externen Katechetinnen der fundamentalistischen »Acción ­Católica« um die Bekehrung der weiblichen Häftlinge. Das Umerziehungsprogramm bestand aus einer Mischung aus Erpressung und Indoktrinierung, der die meisten der Frauen hilflos ausgeliefert waren.

In Palma hatten es Klerus, Ordensschwestern und Gefängnisleitung insbesondere auf die kommunistische Intellektuelle Matilde Landa abgesehen, die großen Einfluss auf die anderen Insassinnen hatte und deshalb bereits verlegt worden war. Der Druck auf Landa ging so weit, dass ihr angedroht wurde, den im Gefängnis anwesenden Kindern die Milch zu entziehen, sollte sie sich nicht taufen lassen. Am geplanten Tag ihrer Taufe stürzte sie sich vom Obergeschoss des Gefängnisses in den Hof. Die Umstände ihres Todes symbolisieren zweifellos eine der dunkelsten Episoden der Kooperation der katholischen Kirche mit dem Repressionsapparat des Franco-Regimes.

Die Mauer der Erinnerung

Ein anderes Zeichen des Gedenkens an den faschistischen Terror sind die »Arbres de la memòria«, die Bäume der Erinnerung. Ebenfalls aus Corten­stahl gefertigt, zeigen sie einen konstruktivistisch gestalteten Baum mit vier unterschiedlich großen Ästen. Diese Äste und der Stamm symbolisieren die fünf Inseln der Balearen: Mallorca, Menorca, ­Ibiza, ­Formentera und Cabrera. Die Äste tragen kein Laub, das lebendige Element ist ihnen genommen. Das ist sicher als Hinweis auf den Terror gedacht, denn die Bäume, die an immer mehr Orten auf Mallorca anzutreffen sind, wurden dort aufgestellt, wo gemordet wurde.

Zum Beispiel in einem Park in Manacor, wo sich früher der alte Friedhof befand, an dem tagelang vor aller Augen Menschen erschossen und die Leichen mit Benzin übergossen und verbrannt wurden. Ein weiterer »Baum der Erinnerung« steht auf dem Friedhof von Palma, wohl einem der prägnantesten Orte der mallorquinischen Erinnerungskultur. Er befindet sich direkt an der »Mur de la memòria«, der Mauer der Erinnerung. Hier, an dieser Mauer, wurden zu Beginn der Franco-Diktatur Hunderte Republikaner in der Regel ohne Gerichtsverfahren erschossen. 2011 erklärten die Regierung der Balearen, die Stadtverwaltung von Palma und der Verein »Demokratisches Gedächtnis« die Mauer zur Gedenkstätte für die Opfer des franquistischen Terrors.

»Das Denkmal«, schrieb der Philologe und Schriftsteller Pere Antoni Pons, »ist Teil des dreifachen Ziels der Erinnerungspolitik: Gerechtigkeit zu schaffen, die Wahrheit über das Geschehene zu erklären und die Opfer zu entschädigen. In diesem Fall ist die Gerechtigkeit nur symbolisch: Die wirkliche Gerechtigkeit wäre die Aufhebung aller von franquistischen Gerichten verhängten Urteile, eine der nachdrücklichsten Forderungen der spanischen Erinnerungsbewegung. Die ›Mur‹ dient auf jeden Fall dazu, die beiden anderen Funktionen der Gedenkstättenpolitik abzudecken. Einerseits ermöglicht sie die Wiederherstellung der Wahrheit, indem sie uns das Grauen vor Augen führt, das Menschen deshalb erlitten, weil sie ihre republikanischen Ideen verteidigten. Andererseits trägt sie auch zur Wiedergutmachung für die Opfer bei – es sei daran erinnert, dass auch die Familien der Opfer rechtlich als Opfer anerkannt wurden –, weil sie ihnen hilft, zu trauern, ihre Angehörigen dem Vergessen zu entreißen und deutlich zu machen, wer sie waren und dass sie aufgrund einer grausamen Ungerechtigkeit ermordet wurden.«

Das Recht auf Trauer ist kein unerhebliches Thema, denn während der Repression war den Angehörigen der Opfer jeglicher Ausdruck von Trauer verboten. Vor der Mauer des Friedhofs in Palma befindet sich zu ebener Erde eine lange Reihe von Stahlplatten mit den eingravierten Namen des Großteils der Ermordeten. Hunderte Male stößt man auf anonyme Opfer: »Mann, 5. September 1936«. Die Platten liegen so, dass der oder die Lesende genau so mit dem Rücken zur Wand stehen muss wie diejenigen, die damals vor ihr erschossen wurden.

Am Ende der »Mur« liegt auf einer weißen, in die Erde eingelassenen Marmorplatte eine Bronzeplastik mit dem Titel »Sa roba« (Die Kleidung). Was zunächst an einen Haufen Abfall erinnert, zeigt sich bei genauerer Betrachtung als ein Gewirr aus Hosen, Jacken und anderen Kleidungsstücken, alle offensichtlich blutverschmiert. Diese Plastik soll daran erinnern, dass man den Opfern nach der Hinrichtung die Kleidung auszog und die Angehörigen dann anhand dieser feststellen konnten, was mit ihren Nächsten geschehen war. Dabei waren Emotionen, Weinen und Bekundungen des Schmerzes streng verboten. Erst im Hause durften die Angehörigen sagen: »Er ist tot.«

Die »Mur« erinnert auch an eines der schändlichsten Verbrechen, das die Franquisten in Palma begingen: Am 24. Februar 1937 wurden Emili Darder i Cànaves, Bürgermeister von Palma, Antoni Mateu Ferrer, Bürgermeister von Inca, der sozialistische Abgeordnete Andreu Jaume i Rosselló, der »erste sozialistische Intellektuelle Mallorcas«, wie er achtungsvoll genannt wurde, und der Geschäftsmann und Funktionär der Esquerra Republicana (ER), Antoni Maria Ques, aus Alcúdia erschossen. Darder, Mediziner und ebenfalls Mitglied der ER, war seit 1933 Bürgermeister von Palma und hatte viel für die hygienische Versorgung der Stadt, für die Reform des Gesundheitswesens und vor allem für die Gesundheit der Kinder getan. Als er am 20. Juli 1936 verhaftet und im Castell de Bellver inhaftiert wurde, war er schwer erkrankt. Sein Haus, seine Bibliothek und sein Besitz wurden konfisziert. Ein Gericht verurteilte ihn zu 40 Jahren Haft, mit der abstrusen Begründung, er habe die »sowjetische Invasion« der Insel begünstigt. Die Haftstrafe genügte der örtlichen Falange aber nicht, sie forderte seinen Tod. Seine Hinrichtung und die der anderen Angeklagten wurde als öffentliches Spektakel aufgezogen, an dem Hunderte aufgehetzter Bürger teilnahmen und bei dem die Falange-Jugend in ihren blauen Hemden ihre Hymne »Cara al sol« sang. Darder konnte wegen seiner Erkrankung nicht stehen und wurde auf einen Stuhl gesetzt. Augenzeugen berichteten, dass sich einige Falangisten drängten, dem von hinten Erschossenen noch den Gnadenschuss zu versetzen und danach auf die Leiche zu urinieren. Am nächsten Morgen durften die Angehörigen die Leichen zu ihren Gräbern karren.

Werner Abel ist Historiker. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. November 2024 über die Arbeiter-Illustrierte Zeitung: »Bild als Waffe«

Hartmut Botsmann ist Lehrer, lebt in Manacor und ist in der malorquinischen Erinnerungskultur aktiv.

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