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Aus: Ausgabe vom 20.11.2025, Seite 12 / Thema
Spanien

Francos Ungeist

Außenpolitisch opportunistisch, im Innern nicht weniger brutal als die deutschen und italienischen Faschisten. Vor 50 Jahren starb der spanische Diktator
Von Georg Pichler
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Pilgerstätte für Neofaschisten. Francisco Francos Grab auf dem Friedhof Mingorrubio bei Madrid (hier am Todestag 2020)

»Españoles, Franco ha muerto« – »Spanier, Franco ist gestorben«. Immens traurig blickte der kleine alte Mann mit den abstehenden Ohren und dem kaum wahrnehmbaren Schnurrbart an jenem Morgen des 20. November 1975 aus den Schwarzweißfernsehern. Sieben Minuten lang sprach er feierlich langsam über die Verdienste von Francisco Franco und verlas ehrfürchtig das Testament des »caudillo«, des »Führers«, das er umständlich aus seiner Brusttasche hervorgezogen und entfaltet hatte. Mehrmals schien seine Stimme brechen zu wollen, doch erst nach dem letzten »Arriba España, viva España«, dem Schlachtruf des Franco-Regimes, mit dem das Testament und auch die Ansprache endeten, entkam ihm ein inniger Schluchzer, der alles ins unfreiwillig Komische verzerrte. Danach faltete er das Testament wieder zusammen, steckte es in seine Brusttasche und erhob sich – dann blendete die Kamera langsam aus.

Heute wirkt diese Szene in ihrer kümmerlichen Inszenierung bizarr, oft wird ironisch auf sie angespielt, im Internet ist sie leicht zu finden. Doch der, der da sprach, war der Ministerpräsident Carlos Arias Navarro, der während des Spanischen Bürgerkriegs den Beinamen »Schlächter von Málaga« erhalten hatte, war er doch als Staatsanwalt für die Hinrichtung von mehr als 4.000 Menschen verantwortlich gewesen, die von den franquistischen Kriegsgerichten zum Tod verurteilt worden waren. Der harte Kern der Franquisten hatte Arias Navarro im Dezember 1973 zum Nachfolger des Ministerpräsidenten Luis Carrero Blanco bestimmt, nachdem dieser einem Attentat der ETA zum Opfer gefallen war.

Keine zwei Monate zuvor hatte das angeblich mild gewordene Regime des greisen Diktators am 27. September 1975 noch fünf Menschen hinrichten lassen, nach einer Farce von Prozess, trotz heftiger internationaler Proteste und einer Intervention des Papstes Paul VI. bei Franco höchstpersönlich. Die staatliche Repression ging weiter, auch nach Francos Tod, bis tief in die Jahre hinein, die heute als »transición«, als Übergang von der Diktatur in eine parlamentarische Monarchie, immer noch kontrovers diskutiert werden. Was ging mit Francos Tod zu Ende, was begann?

Talentiert und erbarmungslos

Zu Ende ging eine fast 40 Jahre alte Diktatur, die aus einem Militärputsch entstanden war. Dieser mündete in einen beinahe drei Jahre dauernden Bürgerkrieg, eine Folge auch der sozialen Spannungen während der Zweiten Spanischen Republik. Nach dem 14. April 1931, als ein großer Teil der Bevölkerung sich gegen die Monarchie des Königs Alfons XIII. erhoben hatte und die Republik ausgerufen worden war, versuchten die aufgeklärte Mitte und weite Teile der Linken, die enormen sozialen Unterschiede auszugleichen und das rückständige Spanien auf ein mitteleuropäisches Wohlstandsniveau zu heben. Die Rechte – Adel, Großgrundbesitzer, Militär, die katholische Kirche, großbürgerliche Kreise – tat alles, um dem entgegenzuwirken. Zunehmende Brutalität, Straßenschlachten, Attentate und Morde von beiden Seiten waren die Antwort. Der revolutionäre Bergarbeiterstreik von Asturien im Oktober 1934 wurde blutig niedergeschlagen. Nach einem ersten gescheiterten Putschversuch im Jahr 1932 nahm eine Handvoll Generäle die Ermordung des rechtskonservativen Politikers José Calvo Sotelo am 13. Juli 1936 zum Vorwand, sich vier Tage später gegen die Republik zu erheben. In weiten Landesteilen triumphierte der Aufstand ohne jede Kampfhandlung, in anderen kam es zu Gegenwehr und bewaffneten Auseinandersetzungen.

Francisco Franco Bahamonde, 1892 im galicischen Ferrol geboren, hatte sich Mitte der 1920er Jahre im Rifkrieg im Norden des spanischen Protektorats Marokko einen Namen als talentierter und erbarmungsloser Offizier gemacht. 1926 war er mit 33 Jahren zum damals jüngsten General Europas befördert worden. Hielt er sich zu Beginn des Putsches noch zurück, so brachte er in den ersten Monaten des Bürgerkriegs die Kontrolle über die Armee an sich. Am 1. Oktober 1936 ließ er sich zum »Regierungschef des Spanischen Staates« mit allen Vollmachten küren; die ursprünglich vorgesehene Einschränkung, dass dies nur für die Dauer der Auseinandersetzung gelten würde, kam in der Ernennungsurkunde nicht mehr vor. Nach dem Ende des Krieges proklamierte er sich selbst als »generalísimo« und herrschte fortan bis zu seinem Tod mit weitaus größerer Macht, als die Habsburger- und Bourbonenkönige vor ihm je gehabt hatten, wie der Historiker Julián Casanova in einer im Februar 2025 erschienenen Biographie anmerkt.

Den Franquismus als Ideologie zu definieren, ist schwer, da er ein Konglomerat aus verschiedenen rechten und extrem rechten Strömungen war und sich in den langen Jahren seiner Existenz kontinuierlich wandelte. Gemeinhin gilt er als Variante des Faschismus mit stark katholischen Einflüssen. Die eigentlich faschistische Partei, die Falange, 1933 von José Antonio Primo de Rivera gegründet, hatte zu Beginn nur wenige Anhänger und Wähler, wurde aber, vor allem nach dem Märtyrertod Primo de Riveras am 20. November 1936, zu einem festen ideologischen Bestandteil des Franquismus. Ihre revolutionäre Rhetorik wurde freilich bald zugunsten eines immer konservativer werdenden Nationalkatholizismus verwässert, wenngleich die Falange als Sammelbewegung staatstragend blieb. Es waren Falangisten, die nach dem Aufstand 1936 in den eroberten Gebieten Terror ausübten und ungestraft die angeblichen Feinde des katholischen Spanien festnehmen, foltern und ermorden konnten. Im Gegensatz zu anderen faschistischen Diktaturen jener Zeit setzte die systematische Repression und Gewalt gegen all jene, die im Verdacht standen, Sympathien für die Republik oder linke Parteien zu hegen, gleich zu Beginn ein, massiv und gezielt, von oben gesteuert und von unten mit Überzeugung ausgeführt.

»Kreuzzug« gegen die »Roten«

In den 2000er Jahren kam es in Hinblick auf die im Bürgerkrieg entstandene Gewalt im Hinterland zu einem Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung. Historiker wie Francisco Espinosa arbeiteten den prinzipiellen Unterschied zwischen der Gewalt auf republikanischer und franquistischer Seite heraus. Auf republikanischer Seite war der Terror meist spontaner Natur. Er ging von radikalen bewaffneten Gruppen aus, wurde vor allem in den ersten Monaten des Kriegs ausgeübt und nahm nach einem halben Jahr rapide ab, da die Regierung langsam die Kontrolle erlangte. Im Gegensatz dazu war die Gewalt gegen Feinde auf franquistischer Seite ein Strukturelement ihres Kampfes. Die Zitate von Offizieren, Politikern und Bischöfen, die den Putsch zum »Kreuzzug« gegen »die Roten« erhöhten und forderten, »das spanische Volk zu reinigen« und »die linken Elemente zu eliminieren«, oder von »Ausrottung und Vertreibung« sprachen, sind Legion. Gezielt wurden in den eroberten Ortschaften die Männer ermordet und in anonymen Massengräbern verscharrt, die Frauen und Kinder gedemütigt und unterdrückt. Heute noch liegen die Überreste von Zehntausenden Opfern dieser Hinrichtungen in Straßengräben, auf Friedhöfen oder in Feldern.

Die Zahlen sprechen für sich: Auf republikanischer Seite wurden im Hinterland an die 50.000 Personen ermordet, auf franquistischer Seite mehr als 130.000, wie Francisco Espinosa herausarbeitete. Der britische Historiker Paul Preston, Autor der wohl besten Biographie Francos, stützte sein Standardwerk über die Gewalt im Bürgerkrieg, »The Spanish Holocaust« (2013), unter anderem auf die Forschungen von Espinosa.

Bis zum Kriegsende flüchtete eine halbe Million Menschen aus dem republikanischen Gebiet ins Exil, danach verwandelte sich das Land in ein riesiges Straflager. An die 300 Konzentrations- und Arbeitslager wurden angelegt, Strafbataillone mit republikanischen Häftlingen mussten – bis heute wichtige – Infrastrukturbauten errichten: Straßen, Kanäle, Eisenbahntrassen, ja ganze Ortschaften. Mehr als 230.000 Personen, ein Prozent der Bevölkerung, waren 1940 in Gefängnissen oder in Lagern inhaftiert. Das Land litt unter Hunger, der gewollt herbeigeführt war, um soziale Abhängigkeiten zu schaffen und vor allem die Arbeiterklasse zu unterdrücken, wie der Historiker Miguel Ángel del Arco Blanco in einer soeben erschienenen Studie über die »spanische Hungersnot« herausgefunden hat. In den ersten vier Nachkriegsjahren starben rund 200.000 Menschen an den Folgen von Unterernährung.

Gleichschaltung

In einer gedächtnispolitischen Großleistung tilgte das Regime alle Spuren der Republik. Die Symbole der Diktatur überschwemmten das Land, das Emblem der Falange – Joch und faschistisches Pfeilbündel – war ebenso allgegenwärtig wie die franquistische Dreifaltigkeit, die in jedem Klassenzimmer zu finden war: ein Kruzifix, flankiert von je einem Bild von Franco und von José Antonio Primo de Rivera. Die meisten sozialen Fortschritte wurden rückgängig gemacht, Frauen konnten ohne Zustimmung ihres Mannes kein Bankkonto eröffnen und hatten kaum Zugang zur Arbeitswelt. Während die franquistischen Kriegsopfer ein angemessenes Begräbnis erhielten und ihre Familien sozial und wirtschaftlich entschädigt wurden, forschte man im ganzen Land die angeblichen »Verbrechen des roten Spanien« aus, oft gestützt auf Denunziationen, die jeglicher Wahrheit entbehrten.

Mit der militärischen und sozialen Gleichschaltung des Landes ging die wirtschaftliche Besitzergreifung Hand in Hand. Waren die Republik und der Bürgerkrieg zugleich auch ein Klassenkampf gewesen, so wurden die überkommenen Klassen- und Geschlechterverhältnisse nun zementiert. Die Diktatur war nicht nur ein ideologisches Unternehmen, sie war auch, wenn nicht vor allem, ein Geschäft für die Familie Franco und für viele Unternehmen und Clans, die bis heute das ökonomische Zepter des Landes in der Hand halten. Franco, der sich seines spartanischen Lebensstils brüstete, begann wie ein König zu residieren und ließ sich und den Seinen Staatsgut schenken. Bei seinem Ableben soll sein Vermögen umgerechnet 600 Millionen Euro betragen haben. Unternehmer, die die Putschisten unterstützt hatten, wurden mit dem Wiederaufbau des Landes betraut, erhielten Aufträge in Fülle und konnten kostengünstig Arbeitskräfte der Strafbataillone verwenden. Aus ihnen entstand eine Elite, deren Firmen teilweise bis heute im spanischen Börsenindex IBEX zu finden sind, wie Untersuchungen etwa von Antonio Maestre oder Mariano Sánchez Soler belegen.

Außenpolitisch schiffte Franco opportunistisch durch die Wogen der Zeit. Im Zweiten Weltkrieg hielt er sich trotz offizieller Neutralität auf seiten der Achsenmächte, als Dank dafür, dass das faschistische Deutschland und das faschistische Italien entscheidend zu seinem Triumph im Bürgerkrieg beigetragen hatten. Nach dem Sieg der Alliierten 1945 begann eine lange Phase der Autarkie, in der sich das Regime nach außen hin abschottete, um an der Macht zu bleiben – bis Ende der 1950er Jahre die USA Spanien als antikommunistischen Bündnispartner im Kalten Krieg erkoren und die Diktatur damit international salonfähig machten. So öffnete sich das Land langsam: erst dem Tourismus, der als enorme Einnahmequelle entdeckt wurde, dann auch leichten politisch-sozialen Fortschritten und Freiheiten, die jedoch nach den Studentenunruhen von 1965 und 1968 teilweise zurückgenommen wurden. Wirtschaftlich ging es mit Spanien steil bergauf. Der Tourismus und ein dadurch einsetzender leichter Wohlstand führten zu einem Bauboom, bei dem ein weiteres Wesenselement des Franquismus deutlich wurde: die Korruption auf allen Ebenen als staatstragendes Element.

Spuren der Diktatur

Franco war schon früh um das Nachleben seines Regimes besorgt und hatte 1947 Juan Carlos de Borbón zu seinem Nachfolger bestimmt; 1969 wurde dies von den Cortes Españolas, dem franquistischen (Pseudo)Parlament, bestätigt. Nach Francos Tod beeilte sich Juan Carlos und schwor bereits am 22. November vor den Cortes, die Prinzipien der »Nationalen Bewegung«, also des Franquismus, einzuhalten. Daraufhin wurde er von eben diesem Parlament zum König erklärt – eine Bürde, die bis heute auf der spanischen Monarchie lastet und die der 2014 wegen Korruption abgedankte König durch jüngste Äußerungen, in denen er Franco und sein Regime in hohen Tönen pries, zusätzlich beschwerte.

Das Verhältnis der Kräfte, die in den folgenden Jahren versuchten, die Diktatur hinter sich zu lassen und eine demokratische Basis für die Zukunft zu finden, war sehr ungleich. Wirtschaft, Politik, Polizei und Armee waren vom Franquismus durchsetzt, wie auch ein beachtlicher Teil der Bevölkerung. Mehr als die Hälfte der Politiker, die im ersten demokratischen Parlament vertreten waren, war faschistisch geprägt. Einer der Väter der demokratischen Verfassung von 1978, Manuel Fraga, war sogar ein wichtiger Minister der Diktatur gewesen. 1989 gründete er die konservative Volkspartei (Partido Popular, PP), die neben der sozialistischen Partei (PSOE) die zweite große Partei wurde. Dieser »soziologische Franquismus« war jedoch nicht nur in den Eliten und in den politischen Kadern zu finden. In den vier Jahrzehnten der Diktatur war ein bedeutender Prozentsatz der Bevölkerung zu einem gewissen Wohlstand gelangt und als Mitläufer Nutznießer des Regimes. Die Diktatur zu hinterfragen, hieße zugleich auch Selbstkritik zu üben, wozu viele nicht bereit waren, schon gar nicht die Schergen des Franquismus, die für die Unterdrückung und den Tod ungezählter »Staatsfeinde« verantwortlich waren.

Wie abgründig diese Zeit war, zeigt sich am Beispiel der zwei Amnestiegesetze von 1976 und 1977. Offiziell waren sie verabschiedet worden, um den politischen Gefangenen der Diktatur die Freiheit wiederzugeben – doch wurden wegen ihnen nur 89 Personen aus der Haft entlassen. Die Gesetze dienen jedoch bis heute dazu, die franquistischen Folterer und Mörder vor gerichtlicher Verfolgung im In- und Ausland zu schützen, wie sich in den vergangenen Jahren mehrmals gezeigt hat.

Der Übergang zur Demokratie war in sich widersprüchlich, denn er war sowohl Schlussstrich als auch fließender Übergang. Er war ein Schlussstrich, da niemand im Land wegen seiner Taten im Franquismus zur Rechenschaft gezogen wurde. Ein fließender Übergang war er, da die franquistische Gesetzgebung in die Demokratie übernommen wurde und die Regierenden 30 Jahre lang keine gedächtnispolitischen Maßnahmen umsetzten, um die Spuren der Diktatur zu beseitigen. Hatte der Franquismus von Anfang an das Land radikal nach seinen Prinzipien umgestaltet, so waren bis weit in die 1990er Jahre Münzen mit dem Konterfei des »caudillo« im Umlauf, franquistische Inschriften und Symbole waren an unzähligen Gebäuden zu finden, Straßen und ganze Ortschaften trugen lange noch die Namen von Persönlichkeiten der Diktatur; die letzte Reiterstatue Francos wurde erst 2010 entfernt.

Zwar erließen die Regierungen von José Luis Rodríguez Zapatero (2007) und Pedro Sánchez (2022) zwei Gesetze, um dem Abhilfe zu schaffen, doch sind die Spuren der Diktatur immer noch gegenwärtig. So ist die Familiengruft der Francos im Norden Madrids, in die der Diktator im Oktober 2019 aus dem monumentalen »Tal der Gefallenen« hin überstellt wurde, heute ein blumen- und fahnenübersäter Pilgerort für die »Nostalgiker des Franquismus«, wie die extrem Rechten euphemistisch oft genannt werden. Noch symbolträchtiger: Im Madrider Stadtteil Moncloa erhebt sich ein Triumphbogen, den Franco nach dem Sieg im Bürgerkrieg errichten ließ – an ihm muss der keine zwei Kilometer entfernt residierende spanische Ministerpräsident stets vorbeifahren, wenn er ins Stadtzentrum möchte.

Auch wenn im Bereich der Geschichtswissenschaften seit den 1970er Jahren vieles aufgearbeitet wurde, so setzte eine umfassende Auseinandersetzung mit der Diktatur erst ein Vierteljahrhundert nach deren Ende ein. Im Oktober 2000 gelang es dem Journalisten Emilio Silva, die Überreste seines Großvaters aufzufinden und zu exhumieren; dieser war im Herbst 1936 gemeinsam mit zwölf anderen Personen von Falangisten ermordet und am Straßenrand verscharrt worden. Es war der Beginn der sogenannten »Bewegung des historischen Gedächtnisses«, in deren Rahmen unzählige Massengräber exhumiert wurden, um die Opfer des Franquismus in Würde bestatten zu können – bis heute gelang dies bei rund 30.000 der geschätzten 114.000 Opfer, die genauen Zahlen wird man jedoch nie erfahren. Dank dieser Bewegung wurden der Franquismus, die transición und das Schweigen der vorangegangenen 25 Jahre hinterfragt, die Auseinandersetzung mit der diktatorischen Vergangenheit rückte erstmals ins Zentrum des politischen und sozialen Diskurses. Die Gegner der Bewegung konterten mit dem altbekannten Argument, Spanien habe sich bereits in der transición versöhnt, die neue Diskussion würde bloß spalten und alte, längst vernarbte Wunden aufreißen – Wunden, die jedoch tatsächlich nie verheilt sind. Parallel dazu erschienen in diesen Jahren pseudohistorische Bestseller, die die Mythen des Franquismus in neuem, zeitgenössischem Licht darzustellen versuchten – meist ohne jedes wissenschaftliche Fundament –, und die zu einer Revitalisierung der franquistischen Mythen beitrugen.

Gefährlicher Rechtsruck

Abgesehen von unbedeutenden Splittergruppen hatte es in Spanien lange keine extrem rechten Parteien gegeben. Die PP deckte ein weites ideologisches Spektrum ab – bis Ende 2013 Vox auf den Plan trat, die mit ihrem Führer Santiago Abascal eine Abspaltung des rechten Flügels der PP war. Ideell wie personell steht Vox im Gefolge des Franquismus und grenzt sich keineswegs von der Diktatur ab; etwa wenn Abascal dem Ministerpräsidenten Pedro Sánchez im Parlament vorwarf, die schlechteste Regierung seit 80 Jahren zu sein, und so Demokratie und Diktatur gleichsetzte. Die Partei ist aber auch die genuin spanische Antwort auf die internationalen extrem rechten Strömungen, da es zahlreiche Berührungspunkte zwischen dem Postfranquismus, dem Neoliberalismus und dem weltweiten Konglomerat an rechten Bewegungen gibt, deren Formen übernommen wurden.

Die Grenzen zum rechten Flügel der PP, an dem sich etwa der frühere Ministerpräsident José María Aznar oder die Präsidentin der Region Madrid, Isabel Díaz Ayuso, befinden, sind fließend. Oft wird zur Zusammenarbeit zwischen den Parteien aufgerufen. Ihren gedächtnispolitischen Ausdruck findet diese Kooperation in den »Gesetzen zur Eintracht«, die in mehreren Regionen, in denen PP und Vox eine Mehrheit haben, bereits verabschiedet wurden. In diesen Gesetzen sucht man vergeblich nach dem Ausdruck Diktatur, franquistische Symbole müssen nicht mehr entfernt werden, die – ohnehin kärglichen – Subventionen für die Suche und Exhumierungen der Opfer des Franquismus werden gestrichen. Die Zweite Republik, der Bürgerkrieg und die Diktatur werden als Zeiten voll Gewalt gleichgesetzt und der Franquismus dadurch in seinem Wesen relativiert.

Um solchen Tendenzen entgegenzuwirken, verkündete die Regierung das Programm »España en libertad. 50 años« (Spanien in Freiheit. 50 Jahre), in dessen Rahmen Ausstellungen, Lesungen, Diskussionen und Dokumentarfilme gefördert werden und an Schulen über Demokratie und Diktatur aufgeklärt wird. Ob die Initiative von Erfolg gekrönt ist, wird sich zeigen.

Vonnöten ist solch ein Programm allemal. Denn eine Umfrage des staatlichen Centro de Investigaciones Sociológicas (Zentrum für soziologische Forschungen) im vergangenen Oktober zeigte, dass der Franquismus immer noch seine Anhänger hat. Auf die Frage, wie sie die Diktatur einschätzten, antworteten 21,3 Prozent, diese Jahre seien »gut« oder »sehr gut« gewesen. Der Vergleich zwischen der gegenwärtigen Regierungsform und der Diktatur fiel zwar eindeutig zugunsten der Demokratie aus, doch gaben 17,3 Prozent an, es lebe sich »schlechter« oder »viel schlechter« als im Franquismus. Besorgniserregend ist auch eine andere Tendenz: Fast ein Fünftel (19,5 Prozent) der Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren hat ein positives Bild des Franquismus, bei Männern ist es weitaus besser als bei Frauen.

Dieselbe Umfrage zeigt auch, dass unter diesen jungen Wählern Vox bei kommenden Wahlen die zweitstärkste Partei werden könnte, 23,3 Prozent würden sie wählen. Diesen Rechtsruck deuten Soziologen einerseits als Reaktion auf die Generation der eher nach links tendierenden Eltern, andererseits als Antwort auf die politische Situation: Die PSOE regiert gemeinsam mit dem linksalternativen Bündnis Sumar und wird für soziale Übel wie Wohnungsnot, schlechte Gehälter und wirtschaftliche Unsicherheit verantwortlich gemacht. Die radikalste, sachlich meist falsche Propaganda gegen diese Missstände kommt von Vox. Dazu gesellt sich der Einfluss der internationalen Rechten über die sozialen Medien, in denen auch Vox am stärksten vertreten ist: die Nachfolger eines Franquismus, der sich nicht mehr in Schwarzweiß, sondern in bunten Farben präsentiert. Auch wenn Franco heute Geschichte ist und diese Geschichte nur mehr einen kleinen Teil der Bevölkerung interessiert, so treibt sein Ungeist in der einen oder anderen Form immer noch sein Unwesen in der spanischen Gesellschaft.

Literatur

– Julián Casanova: Franco. Barcelona 2025

– Francisco Espinosa et al.: Violencia roja y azul España, 1936–1950. Barcelona 2010

– Paul Preston: El Holocausto español. Odio y exterminio en la Guerra Civil y después. Barcelona 2011 (Englisch: The Spanish Holocaust. Inquisition and Extermination in Twentieth-Century Spain. London 2013)

– Miguel Ángel del Arco Blanco: La hambruna española. Barcelona 2025

– Antonio Maestre: Franquismo S.A. Tres Cantos 2019/2025

– Mariano Sánchez Soler: Los ricos de Franco. Grandes magnates de la dictadura, altos financieros de la democracia. Barcelona 2020

– Centro de Investigaciones Sociológicas: Barómetro de octubre 2025, siehe: https://www.cis.es/es/estudios/barometro-de-octubre-2025?cuestionario=18002&muestra=26360&pregunta=656933&variable=1091008&chartType=bar

Georg Pichler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Oktober 2017 über den Spanischen Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur: »Der Schatten des Caudillo«

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  • Leserbrief von Doris Prato (24. November 2025 um 15:05 Uhr)
    Dass der Staatsstreich der klerikalfaschistischen Reaktion auf dem Festland in den meisten Garnisonsstädten am Widerstand der Volkskräfte zusammenbrach. Seine Niederschlagung wurde nur durch die sofortige bewaffnete Intervention Hitlerdeutschlands und Mussoliniitaliens verhindert. Mit 20 Militärtransportern Ju 52 wurden als erstes 15.000 Mann Elitetruppen der Putschisten von Marokko nach Cadiz eingeflogen. Franco, der sich am 29. September zum Chef des „Nationalen Spanien“ proklamierte, wurde unmittelbar danach von Deutschland und Italien als „Chef der einzigen legitimen Regierung Spaniens“ anerkannt. Mussolini stellte ein vier Divisionen umfassendes Interventionskorps auf, das ab Januar 1937 zum Einsatz kam. Zunächst 35.000 Mann zählend, stieg es auf 60.000 an. Die Luftwaffe griff zusammen mit der Legion „Condor“ Hitlerdeutschlands die Stellungen der republikanischen Armee an und bombardierte Städte. Es sei an den Angriff der „Legion „Condor“ auf die nordspanische Stadt Guernica y Luno erinnert, die am 26. April 1937 völlig vernichtet wurde. „Die ganze Stadt mit ihren 7.000 Einwohnern und den 3.000 Flüchtlingen ist langsam und systematisch in Stücke zerschlagen worden“, schrieb der Spanienkorrespondent der Londoner Times. Dem von Franco entfesselten Mordterror fielen als erstes loyale Offiziere, vor allem der Luftwaffe, die sich widersetzten, zum Opfer. Sie wurden in den ersten Stunden des Putsches „von den Meuterern kurzerhand erschossen. Darunter die Generäle Batet, Molero, Nuñez de Prado, Romerales, Admiral Azarola“. Papst Pius XI., den Franco als ersten vom Aufstand benachrichtigte, wandte sich in Appellen und Reden zur Unterstützung der Putschisten an die Weltöffentlichkeit. Er arbeitete mit Mussolini und Hitler zusammen. Die spanische Jesuitenzeitschrift Civiltà Cattolica schrieb, in dem faschistischen Putsch habe sich „eine hundertmal gesegnete und ruhmreiche Haltung“ gezeigt. Aktiv unterstützte der 1928 in Spanien gegründete, dem Papst direkt unterstellte klerikale Orden „Opus Dei“ das Franco-Regime. So wurde die katholische Kirche zu einer seiner wichtigsten Stützen. Der sie beherrschende Klerus jubelte dem Caudillo zu und begrüße ihn mit dem „Führergruß“ Hitlers und Mussolinis. Die Francofaschisten und ihre deutschen und italienischen Helfershelfer begannen eine barbarische Menschenjagd. „Befürworter der Legalität, loyale Republikaner wurden massenweise gequält, verstümmelt, ermordet. Die Methoden der Mordkommandos sind bestialisch“, schrieb der Kämpfer der Internationalen Brigaden Fritz Teppich. Der Weg der Franco-Truppen „ist von Massenmorden gezeichnet. In Badajoz, nicht weit von der portugiesischen Grenze, ließ der Kommandeur der marokkanischen Truppen, General Yagüe, einer der Schlächter von Asturien, niedermetzeln, was seinen Söldnern vor die Gewehre kam. Alle Republikaner, derer sie dabei habhaft werden konnten, wurden in die Stierkampfarena getrieben und dort mit Maschinengewehren zusammengeschossen“ (Fritz Teppich/Tom Fecht: Spaniens Himmel. Volksfront und Internationale Brigaden gegen den Faschismus, Berlin 1996).

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