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Aus: Ausgabe vom 16.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Geistesgeschichte

Die Linke verabschiedet Habermas. Eine Lektüreempfehlung

Eine Lektüreempfehlung
Von Peter Merg
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Jürgen Habermas: »Vor uns liegt keine Periode des Umsturzes, weder des festen noch des verschleierten«

Stellt man die alte Frage »Cui bono?«, ist sonnenklar: Wolfram Weimer hat Habermas auf dem Gewissen. Jetzt sind die Zeitungen nicht mehr voll von den fortwährenden Fehlleistungen des Kulturstaatsministers. Für Ablenkung ist gesorgt. Der König des Geisteslebens der alten Bundesrepublik paddelt schließlich nicht alle Tage übern Styx.

Ob in Leipzig oder andernorts, die Buchhandlungen werden nun alles aus den Kellern kramen, was sie von Habermas auf Halde haben. Und da er nicht nur ein deutscher Dickdenker war, gibt es manches zu heben. Wenn nicht Schätze, dann zumindest Anregungen. Obwohl, das sei warnend vorausgeschickt, manche angelsächsische Gelehrte nicht ohne Grund den Eindruck hatten, Habermas zu lesen sei, wie Glas zu kauen.

Nun, wir Deutschen hatten Kant und Hegel, das schreckt uns nicht. Gehässige Gemüter mögen sich an dem Gedanken freuen, dass der Erbe des rettungslosen Idealismus (Ach, Kommunikation. Ach, Demokratie. Ach, Europa!) auf seine alten Tage noch das Scheitern all seiner politischen Ideen erleben musste. Womit man freilich Gefahr läuft, das »unvollendete Projekt der Aufklärung« über Bord zu werfen, dem sich Habermas verpflichtet sah, was Marxisten schlecht anstünde. Trotzdem: Vergessen wir die verstreuten Aufsätze und »kleinen politischen Schriften«, in denen man sich an seinen vielen Irrtümern ergötzen kann, und lassen auch die große »Theorie des kommunikativen Handelns« links liegen. Blicken wir statt dessen einmal in den frühen Habermas. Nicht den ganz frühen, der mit Heidegger rang, sondern den, der Marx durchgeackert hatte und von Abendroth lernte. Wer, klagend oder empathisch, vom bürgerlichen politischen Diskurs und seinen Korridoren spricht, sollte dessen Vorgeschichte kennen, die Habermas im »Strukturwandel der Öffentlichkeit« (1962) beschreibt. Wer das prekäre Neben- und Durcheinander von permanenter Krise und (autoritärer) Festigung der bürgerlichen Gesellschaft verstehen will, sollte sich mit »Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus« (1973) befassen. Und wer der Überzeugung ist, dass Erkenntnistheorie nicht unabhängig von Gesellschaftstheorie zu denken ist, darf in »Erkenntnis und Interesse« (1968) mehr als nur hineinschnuppern.

Auch die heftigen Händel, die Habermas mit manch anderen Großintellektuellen seiner Zeit ausfocht, zeigen, wie verkürzt etwa das Lästern eines Hans Heinz Holz war, Habermas habe immer bloß »das Ohr am Boden« gehabt, also reinen Opportunismus betrieben. Es mag stimmen, dass sich Habermas zur besten Zeit der deutschen Sozialdemokratie eng an diese hielt. Doch er tat es auch in deren schlechten, was nicht zuletzt in seinen letzten Jahren durchaus progressive Aspekte haben konnte. Die Sammelbände zum »Positivismusstreit« (1969) mit Karl Popper und Co., zur Auseinandersetzung mit Niklas Luhmanns Systemtheorie (1971), zum »Historikerstreit« (1987) mit Ernst Nolte und nicht zuletzt die fulminanten Vorlesungen wider Lyotard, Derrida und Foucault (bzw. Heidegger und Nietzsche) »Der philosophische Diskurs der Moderne« (1985) zeigen: Es war ihm ernst mit der Aufklärung, deren Sachwalter er in gediegener Sozialdemokratie erkannte. Überraschenderweise gelang ihm diesbezüglich selbst im Alter noch mit »Auch eine Geschichte der Philosophie« (2019) eine instruktive geistesgeschichtliche Selbstvergewisserung.

Habermas war sicherlich kein Freund der revolutionären Linken. Was nicht heißt, dass sie nichts von ihm lernen kann.

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