Ein Kriegsenttüchtiger
Von Arnold Schölzel
Was erlebt einer, der 1935 geboren wurde und 2026 gestorben ist, der nach 1945 in Westdeutschland, der BRD und schließlich im wiedererstandenen Großdeutschland als Publizist und Chronist arbeitete? Jede Menge Alt- und Neonazis, Wiederbewaffnung der Wehrmacht und nach 1990 nicht nur neue deutsche Angriffskriege, sondern auch den Anspruch auf Führung in »Europa«. Das sollte für Resignation reichen.
Nicht bei Otto Köhler. Er hat all das glänzend, bissig und lästernd beschrieben – sein Werk enthält eine Gegengeschichte der Bundesrepublik. Köhler wurde gern mal persönlich, wenn das, was sich anbahnte, in grotesken Figuren auftrat. Beispiel Rosa-Luxemburg-Konferenz 2015, auf der er seinen 80. Geburtstag beging: Der unentwegt für den Krieg predigende Joachim Gauck war Bundespräsident, und Köhler schlug vor, eine undurchdringliche Dornenhecke ums Schloss Bellevue zu pflanzen, hinter der sich »der alles bedrohende« Gauck auf Lebenszeit als Bundespräsident einrichten könne – »ohne Post, ohne Internet, ausgeliefert nur der ARD«. Sein Nachsatz, leider habe »niemand die Absicht, eine Dornenhecke hochzuziehen«, ging im Applaus fast unter.
SED und CIA
Köhler lernte die Kanonenfutterbereitsteller früh kennen. Seine journalistische Laufbahn begann, als er 1955 aus Würzburg, wo der in Schweinfurt Geborene seit 1953 Philosophie, Geschichte und Volkswirtschaft studierte, für die sozialistische Andere Zeitung von einem Fallschirmjägertreffen berichtete. Die »Veteranen« waren zwischen 30 und 40 Jahre alt und feierten den 1951 in Frankreich als Kriegsverbrecher verurteilten und wegen langer Untersuchungshaft sofort entlassenen General Hermann-Bernhard Ramcke. 2015 erinnerte sich Köhler in jW: »Was mir vor allem im Gedächtnis blieb, ist, wie sie am Ende aufstanden und ›Deutschland, Deutschland über alles‹ sangen … Auch, wie aus einer Ecke das ›Horst-Wessel-Lied‹ kam, die für mich selbstverständliche vierte Strophe des Deutschlandliedes. Das ist es bis heute für mich geblieben.«
Köhler engagierte sich beim SDS und wurde flugs ausgeschlossen, weil er 1955 am Wartburgtreffen der FDJ teilgenommen hatte. In Westberlin, wo er ab 1958 an der Freien Universität (FU) studierte, schloss er sich der Zeitschrift Konkret an, die mit der Bewegung »Kampf dem Atomtod« verbunden war. 2015 erinnerte er sich: »Ich wurde gleichzeitig von der SED und der CIA bezahlt: Ich habe einerseits in Konkret veröffentlicht, den Vertrieb der Zeitschrift an der FU übernommen und immer die Pakete am Flughafen abgeholt. Chefredakteur Klaus Rainer Röhl, heimliches Mitglied der KPD, wies meine kritischen Nachfragen immer zurück. Jedenfalls ließ ich mich gern überzeugen, dass da kein SED-Geld drinsteckte. Gelegentlich veröffentlichte ich auch im Monat, da war Fritz René Allemann Chefredakteur. Ich weiß noch, einmal saß ich gerade vor ihm, da bekam er einen Anruf aus Paris. Erst viel später überlegte ich – das war wohl die CIA, und er telefonierte über das nächste Heft. Ich war sehr beeindruckt, wie kosmopolitisch das da zuging.«
Die politische Landschaft
Ab 1966 war Köhler Medienkolumnist des Spiegel, aus dem ihn 1972 Rudolf Augstein warf. Der Herausgeber wollte gerade das Nachrichtenmagazin zum Anzeigenblatt mit redaktionellem Umfeld umgestalten. Köhler arbeitete nun erneut für Konkret, schrieb für Die Zeit, den WDR, den Deutschlandfunk und den Stern und machte sich Anfang der 80er Jahre u. a. einen Namen mit der Konkret-Serie »Der/Die hässliche Deutsche«. 1989 erschien sein Buch »Wir Schreibmaschinentäter. Journalisten unter Hitler – und danach«.
Nach dem Anschluss der DDR blieb er bei dem Thema, nicht zuletzt mit seiner Biographie »Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland« (2002). 1994 (und noch einmal 2011) erschien aber »Die große Enteignung. Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte«. Den Umgang der westdeutschen Eroberer mit Ostdeutschland, die Zerstörung einer Gesellschaft und vor allem die Abrechnung mit den DDR-Bürgern nahm er als Zeichen für Zukünftiges.
Es war fast zwangsläufig, dass Köhler zu jW stieß. Sie wurde die Zeitung, für die er am längsten gearbeitet hat. Sein erster jW-Artikel erschien am 9. Dezember 2000 unter dem Titel »Deutscher Treibstoff und die Pflege der politischen Landschaft«. Anlass war die Gründung der IG Farben 75 Jahre zuvor. Ein Auszug mag zeigen, wie sich Geschichte und Aktualität verschränken können. Köhler schildert, wie es 1932 zur Annäherung zwischen den Industriellen und Adolf Hitler kam: »Die Herstellung von Benzin aus Kohle, auf die man bei der IG hohe Gewinnerwartungen setzte, (war) in eine Krise geraten, durch die die ganze IG in den Abgrund gezogen werden konnte. Statt zu versiegen, wie man erwartet hatte, flossen auf der ganzen Welt die Ölquellen immer reichlicher: Der Gestehungspreis für das künstliche Benzin der IG war etwa viermal so hoch wie der Weltmarktpreis fürs Benzin. Duisberg wollte sofort die Produktion einstellen, Bosch und sein engster Mitarbeiter Carl Krauch setzten auf Durchhalten. Am 25. Juni 1932 schickte Bosch seine Abgesandten Heinrich Bütefisch und Heinrich Gattineau zu dem ihm persönlich unsympathischen Adolf Hitler nach München. Man war sich schnell einig. Hitler begriff, dass er ohne das synthetische Benzin aus Leuna, koste es nun, was es wolle, keinen Krieg würde führen können.« Danach floss Geld an die Hitlerpartei.
Vergangen war das für Otto Köhler nie. Zu seinem 90. Geburtstag berichtete Ulla Jelpke im vergangenen Jahr in jW über ein Gespräch mit ihm und seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Köhler: »›Ein großer Krieg ist wohl kaum mehr zu verhindern, aber die Auflösung der NATO muss unser Ziel bleiben‹, so Otto. ›Was kann und muss die Friedensbewegung tun?‹ fragte ich ihn. ›Den Schlamassel im Nahen Osten haben wir auch den Deutschen zu verdanken. Sie haben den Faschismus in seiner Tragweite nie aufgearbeitet. Das bleibt unsere Aufgabe.‹ Dem Ruf nach Kriegstüchtigkeit müsse mit einer Kampagne zur ›Kriegsenttüchtigung‹ begegnet werden.«
Danke, Otto Köhler.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph D. aus Gotha (12. März 2026 um 19:55 Uhr)Auch als Mitherausgeber und Autor des »Ossietzky« war Otto Köhler sehr aktiv. Er wird fehlen. Ralph Dobrawa, Gotha
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