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Aus: Ausgabe vom 13.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Rock

Ein verschworener Haufen

Kein Entrinnen: Soft Machines neues Album »Thirteen«
Von Andreas Schäfler
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Raum zum Verschwinden: Soft Machine

Der gute alte Soft-Machine-Schriftzug auf dem Cover des neuen Albums »Thirteen« beamt einen locker ein halbes Jahrhundert zurück – in jene graue Vorzeit, als der ältere Bruder eines Mitschülers alles daransetzte, für das ausrangierte elterliche Harmonium aus Teilen eines kaputten Staubsaugermotors einen Leslie-Lautsprecher zu basteln. Damit sollte es dann so ähnlich klingen wie die Orgel von Mike Ratledge, dem Keyboarder von Soft Machine. Die Latte lag hoch, denn der Knabe spielte in einer Band, die dank des fortschrittlichen Gemeindepfarrers eine sogenannte Jazzmesse gestalten durfte.

Auch die Erinnerung des Schriftstellers Franz Dobler reicht weit in die Vergangenheit. Seine Short Story »Stimmen Maschinen Gewehre« kreist um die Erfahrung, die er kurz vor seinem 17. Geburtstag mit Soft Machines damals schon fünf Jahre alter und nachmalig legendärer Doppel-LP »Third« machte: »der junge erkennt dass musik ein raum ist in dem er verschwinden kann.« Da war der singende Schlagzeuger Robert Wyatt nach einem Sturz aus dem dritten Stock schon querschnittgelähmt, was ihn aber nicht von einer exquisiten Solokarriere abhielt. Auch E-Bassist Hugh Hopper und Saxofonist Elton Dean blieben nicht mehr lange an Bord, doch Soft Machine sollte immer wieder neu erstehen – über kurz oder lang hat hier wohl die halbe Garde des erlauchten Canterbury-Stils mal mitgewirkt.

Die Urbesetzung war bereits 1966 zusammengekommen, und Gitarrist Daevid Allen hatte in Paris bei William Burroughs höchstpersönlich die Erlaubnis eingeholt, die Band nach dessen erstem Roman zu benennen. Sie eroberte fast im Gleichschritt mit Pink Floyd zunächst London (im UFO Club trat sie allein zwischen Februar und September 1967 neunmal auf) und bald danach, etwa als Vorband der Jimi Hendrix Experience, die halbe Welt. Soft Machines Klangtumult der frühen Jahre war, um nochmals Franz Dobler zu zitieren, »ersatz und anbahnung für sex« und »verstärker für alkohol und andere drogen« und machte die Band vor allem live zu einem Zentralgestirn der progressiven Rockszene.

Das stilistisch enorm breit gefächerte Album »Thirteen« ist der Nachfolger des 2023 erschienen »Other Doors« und geht gleich in die vollen: John Etheridges frenetische E-Gitarre (man hatte fast vergessen, wie souverän der Mann sein Instrument beherrscht), Theo Travis’ Saxofon-Hymnen tragen den »Lemon Poem Song«, und in »Open Road« rast man mit Vollgas durch einen rumpligen Siebenminüter. »Pens to the Foal Mode« ist eine flippig freie Gruppenimprovisation, »Disappear« entwickelt sich mit Flötenloops und getragenem Klavier zu einer wunderschönen Ballade, während »Turmoil« mit wildem Fuzz-Bass von Fred T. Baker und ziemlich gewalttätigen Solis aller Beteiligten knapp am Bombast vorbeischrammt. Der »Waltz for Robert« ist vermutlich Wyatt gewidmet, und »Daevid’s Special Cuppa« wurde um einen konservierten Gitarrenpart des 2015 verstorbenen Daevid Allen herum als psychedelisches Finale inszeniert.

Am meisten Soft Machine-Vergangenheit hat John Etheridge, der seit 1975 dabei ist, auf dem Buckel. Nostalgie will aber nicht groß aufkommen, dafür knüppelt schon der neue Schlagzeuger Asaf Sirkis viel zu entschlossen drauflos. Er tut das mit dem Segen von Robert Wyatt, der neidlos anerkennt: »Es gibt nichts, was Asaf am Schlagzeug nicht kann, aber was mich wirklich beeindruckt, sind seine ätherischen, eindringlichen Kompositionen.« Singen tut bei Soft Machine schon lange niemand mehr, aber dafür jault die Gitarre, jubilieren Flöte und Saxofon und murmelt die Orgel Beschwörungsformeln im Retroregister.

Auch die aktuelle Besetzung ist ein verschworener Haufen, der sich nicht im geringsten um aktuelle Trends schert, sondern einen ganz eigenen musikalischen Raum erschließt, in dem man auch heute noch gut verschwinden kann: eine veritable Jazzrockgeisterbahn, aus der es 13 abenteuerliche Stücke lang kein Entrinnen gibt. Das 13. Soft Machine-Album erscheint am 13. März, und dass der noch dazu auf einen Freitag fällt, macht die Punktlandung perfekt.

Soft Machine: »Thirteen« (Dyad Records)

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