»Der Deal bedroht unsere Leben«
Von Frederic Schnatterer
Deutschland setzt bei der Energieversorgung jetzt auch auf Südamerika. Mitte letzter Woche hat das bundeseigene Unternehmen SEFE den Abschluss eines Vertrags über LNG-Lieferungen mit dem Konsortium Southern Energy bekanntgegeben. Ab Ende 2027 sollen demnach jährlich zwei Millionen Tonnen verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Argentinien kommen. Die Laufzeit des Vertrags beträgt acht Jahre. Während der CCO von SEFE, Frédéric Barnaud, feiert, man werde »nicht nur das erste deutsche Energieunternehmen sein, das Flüssigerdgas aus Argentinien bezieht, sondern zugleich der erste langfristige LNG-Kunde des Landes weltweit«, kommt aus der für das Vorhaben zentralen Region Kritik an den Plänen.
Suyhay Quilapan bringt die Ängste vieler derjenigen, die dort leben, auf den Punkt. Sie sagt: »Der Deal bedroht unsere Leben.« Quilapan ist 60 Jahre alt und bei der Sozial- und Umweltversammlung in Las Grutas aktiv. Deren Mitglieder setzen sich gegen die im Golf von San Matías geplanten LNG-Projekte ein. Las Grutas liegt an der Atlantikküste, fast tausend Kilometer südlich der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Hier soll das Erdgas verflüssigt und auf Tanker verladen werden, die es dann nach Deutschland transportieren.
In den vergangenen Jahren hat sich Las Grutas von einem verschlafenen Dörfchen zu einem der bedeutendsten Urlaubsorte Argentiniens entwickelt. Viele Bewohner leben hier von den Touristen, die im Sommer auf der Suche nach Ruhe und intakter Natur kommen. Andere betreiben Fischfang. Quilapan sagt: »Die Touristen kommen hierher, weil der Golf naturbelassen, nicht verschmutzt und die Landschaft wunderschön ist.« Das LNG-Projekt, so die Befürchtung, werde der Idylle ein Ende bereiten. »Das Projekt wird unseren Golf verschmutzen und die Lebensentwürfe derjenigen, die an seinen Ufern leben, zunichtemachen.«
Im Golf von San Matías soll ein Hub für den LNG-Export entstehen. Nur rund 32 Kilometer südlich von Las Grutas und nur wenige Kilometer von der Küste entfernt soll ab Ende des kommenden Jahres die »Hilli Episeyo« einsatzbereit vor Anker liegen. Sie ist das erste von zwei riesigen Terminalschiffen mit einer Länge von mehr als 300 Metern und einer Höhe, die der eines 40stöckigen Hochhauses entspricht. Auf ihnen wird das Erdgas verflüssigt, indem es auf mindestens minus 161 Grad Celsius heruntergekühlt wird.
Der Golf von San Matías beherbert ein einzigartiges Ökosystem, die angrenzende Halbinsel Valdés ist sogar UNESCO-Weltnaturerbe. Hier lebt eine der größten Magellanpinguinkolonien der Welt. Im Golf pflanzen sich die geschützten Südkaperwale fort und ziehen ihre Kälber auf; zudem ist er ein Zuhause für bedeutende Populationen von Orcas, Seelöwen und -elefanten sowie viele weiterer Lebewesen.
Bis vor wenigen Jahren verbot ein Gesetz der Provinz Río Negro, zu der der Golf gehört, zum Schutz der Natur fossile Projekte in der Gegend. 2022 schwächte die Provinzregierung das »Gesetz 3308« jedoch ab, um eine Ölpipeline bauen zu können. Quilapan erzählt, alles sei damals ganz schnell gegangen und die Bevölkerung nicht am Entscheidungsprozess beteiligt worden. »Die Provinzabgeordneten hatten fast keine Zeit, um sich mit dem Inhalt der Gesetzesänderung auseinanderzusetzen.« Im Hintergrund habe es wohl Absprachen gegeben. Auch die rechtlich verbindlichen öffentlichen Anhörungen zum LNG-Projekt seien keineswegs partizipativ und transparent gestaltet worden, beschwert sich die Aktivistin.
Das zu verflüssigende Erdgas wird die »Hilli Episeyo« zunächst über die Pipeline San Martín aus der südargentinischen Provinz Feuerland beziehen, wo es offshore gefördert wird. Später soll es durch Gas aus der Schieferformation Vaca Muerta ersetzt werden. Parallel zu einer Pipeline, die über fast 500 Kilometer Öl aus der Provinz Neuquén an den Golf transportieren soll und sich gerade im Bau befindet, ist eine für Gas geplant, die bis April 2028 fertiggestellt werden soll.
In Vaca Muerta, wo sich das zweitgrößte Schiefergasvorkommen der Welt befindet, wird das Gas per Frackingmethode gefördert – einer in Deutschland verbotenen Technik. Dabei werden riesige Mengen Sand, Wasser und Chemikalien in ein Bohrloch gepresst, um das Schiefergestein porös zu machen. Die Folgen für die Umwelt sind desaströs: Wassermangel- und -verschmutzung, toxische Abfälle und Erdbeben sind nur einige der Gefahren. Leidtragende sind nicht zuletzt indigene Mapuche-Gemeinden, die in der Region leben.
Für die argentinische Regierung haben die Pläne, das Land zu einem wichtigen Gasexporteur zu machen, Priorität. In der Vergangenheit bezeichnete der ultraliberale Präsident des Landes, Javier Milei, LNG als »die größte Investition der argentinischen Geschichte«. Der Liefervertrag zwischen SEFE und Southern Energy ist die erste langfristige Vereinbarung für den Export von Flüssigerdgas in der Geschichte des südamerikanischen Landes. Das vereinbarte Liefervolumen entspricht rund einem Drittel der jährlichen LNG-Produktion von Southern Energy.
In den vergangenen Jahren ist der Markt für LNG stark gewachsen. Nach Beginn des Krieges in der Ukraine reduzierte die Europäische Union den Import von Gas aus Russland, ab Ende 2027 soll die Einfuhr sogar komplett verboten sein. In Rekordzeit baute Deutschland mehrere Terminals in der Nord- und Ostsee, an denen LNG entladen werden kann. Derzeit kommen mehr als 90 Prozent der Flüssiggasimporte aus den USA. Der Vertrag zwischen SEFE und Southern Energy sei daher auch ein Beitrag, »die Energiesicherheit Europas weiter zu stärken«, heißt es in einer Pressemitteilung des bundeseigenen Unternehmens.
Vor wenigen Wochen war zudem bekanntgeworden, dass dem Bundesministerium für Wirtschaft und Entwicklung eine Voranfrage für eine Staatsgarantie zur finanziellen Absicherung im Zusammenhang mit dem Projekt vorliegt. Solche ungebundenen Finanzkreditgarantien sichern Kreditgeber von Rohstoffvorhaben im Ausland gegen Risiken politischer und wirtschaftlicher Natur ab. Im Fall eines Scheiterns müssten Steuerzahler in Deutschland für Verluste aufkommen. Es wäre die erste Garantie für ein fossiles Energieprojekt seit Jahren.
Um Investitionen im Rohstoffbereich zu fördern, beschloss Argentinien 2024 das sogenannte Anreizsystem für Großinvestitionen (RIGI). Es garantiert Unternehmen weitreichende Steuer-, Wechselkurs- und Zollvorteile. Auch gegen arbeits- und umweltrechtliche Vorgaben sind die Investoren abgesichert. Das Projekt »Argentina LNG« gehörte zu einem der ersten Großvorhaben, die in das RIGI aufgenommen wurden. Die erste von drei Phasen des Projekts wird von Southern Energy entwickelt. Das Konsortium besteht aus den Anteilseignern Pan American Energy (30 Prozent), dem mehrheitlich staatlichen YPF, Pampa Energía, Harbour Energy und Golar LNG. Später sollen weitere schwimmende Verflüssigungsanlagen im Golf von San Matías hinzukommen.
Fabricio di Giácomo ist bei der »Multisectorial Golf von San Matías« aktiv. Die Organisation bringt Bewohner der Golfküste zusammen, die sich gegen fossile Aktivitäten einsetzen. Auch er lebt in Las Grutas. Di Giácomo sagt: »Allein die Anwesenheit eines einzigen LNG-Schiffes und die der Tanker, die zum Laden von LNG ein- und auslaufen, wird das Ökosystem hier komplett verändern.« Charakteristisch für den Golf von San Matías sei, dass die Wasserströmungen zirkulär verliefen, erklärt er. »Mit dem offenen Atlantik gibt es nur wenig Austausch.« Das bedeute, dass »alles, was im Wasser landet, eine ganze Weile dort herumschwimmt«.
Der Umweltaktivist nennt das Projekt daher auch eine »Umweltbombe«: »Giftige Abfälle werden ins Wasser und giftige Gase in die Luft gelangen. Hinzu kommen der Lärm des Motors und der Maschinerie, die rund um die Uhr in Betrieb sein wird.« Um das Erdgas zu verflüssigen, benötigten die Anlagen Millionen Liter entsalztes Wasser, die »mit einer Ladung umweltschädlicher Chemikalien wieder zurückgeleitet werden. Außerdem wird sich die Wassertemperatur erhöhen«, gibt der Aktivist zu bedenken. »Bereits eine um wenige Grade höhere Wassertemperatur wäre für die Artenvielfalt katastrophal.«
Um in der Bevölkerung Unterstützung für das Projekt zu organisieren, behaupten Regierung und beteiligte Unternehmen, es würden Arbeitsplätze entstehen und zur »Entwicklung« der Region beigetragen. Di Giácomo glaubt jedoch nicht daran. Er sagt: »Die Zerstörung unseres Golfes wird zum Verlust Tausender Arbeitsplätze führen, so in der Fischerei und im Tourismus.« Für die ansässigen Gemeinden sei die Perspektive daher »verheerend«: »Von einem Naturparadies wird sich der Golf zu einem Paradies für die Konzerne entwickeln.« International tätige Unternehmen würden den Gewinn abschöpfen. »Wir in der Bevölkerung werden nichts davon sehen.«
Am Mittwoch kritisierte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Sascha Müller-Kraenner, den Liefervertrag scharf und forderte von der Bundesregierung »ein Moratorium auf alle neuen LNG-Verträge«. Der klimapolitische Sprecher der Partei Die Linke, Fabian Fahl, bezeichnete den Deal auf jW-Anfrage als »reine Klientelpolitik für die Fossillobby, fernab von der biophysikalischen Realität unseres Planeten und auch fernab von fiskalischer Verantwortung«. Die Bundesregierung stelle Menschenrechte weit hinter die Profite von Aktionären. »Es ist also nur folgerichtig, Verträge mit Protofaschisten zu machen, um Profite abzusichern.«
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