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Aus: Ausgabe vom 09.03.2026, Seite 1 / Ansichten

Mord mit Aussicht

Europas Mittelmächte und der Iran-Krieg
Von Jörg Kronauer
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Kampfjets, Militärhubschrauber, Flugzeugträger, Fregatten, Zerstörer, Flugabwehrsysteme: Die Liste der Waffen, die die großen europäischen NATO-Staaten zur Zeit in Richtung Nah- und Mittelost schicken, ist lang. Und auch wenn die Mehrheit davon nicht direkt an den Persischen Golf, sondern nur ins östliche Mittelmeer und nach Zypern entsandt wird: Auf die eine oder andere Weise ist Westeuropa schon längst in den Angriffskrieg der USA und Israels gegen Iran involviert. Großbritannien und Frankreich fangen fleißig iranische Drohnen und Raketen ab und halten den Angreifern damit den Rücken frei. Alle – bis auf Spanien – stellen den USA die Nutzung von Luftwaffenstützpunkten oder ihres Luftraums zur Durchführung von Verlege- und Angriffsoperationen frei, auch Deutschland. Wozu? Gelingt es, Iran zu besiegen, dann lockt die westliche Dominanz über ganz Mittelost.

Dass inzwischen aber auch erste kritische Stimmen laut werden – Bundeskanzler Friedrich Merz hat vor einer langen Fortsetzung des Krieges gewarnt –, belegt: Europas Bourgeoisien sind sich der Risiken, die sie mit ihrer Kriegsunterstützung eingehen, bewusst. Da ist nicht nur die Tatsache, dass erneut eine große Zahl an Flüchtlingen nach Europa drängte, käme es in Iran zu einem Bürgerkrieg oder würde das Land in den nächsten Tagen endgültig in die Steinzeit gebombt. Es kommt hinzu: Waffen, die in Nahost benötigt werden, fehlen in der Ukraine. Rasant in die Höhe schnellende Öl- und Gaspreise bedrohen Deutschlands wankende Industrie. Ein andauernder Krieg gegen Iran hätte gravierende Kollateralschäden, auch in Europa.

Und doch: Es bieten sich machtpolitisch Chancen. In den arabischen Golfstaaten wächst der Ärger darüber, vom militärischen Hauptverbündeten USA gegen ihren Willen in einen Krieg gezogen worden zu sein, der ihre Wirtschaft Milliarden kostet und ihre Zukunftsaussichten schwer schädigt. Ihr Problem: Bislang haben sie keine Alternative zur Militärkooperation mit den USA. Die Staaten Westeuropas liefern ihnen nun im ersten Schritt Flugabwehrsysteme – und wittern die Chance auf mehr. Ob etwas daraus wird? Nun, man darf skeptisch sein. Das Morden in Iran geht derweil weiter.

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