Russlands Kriegskapitalismus
Von Reinhard Lauterbach
Verlässliche Zahlen über die russische Wirtschaft sind in Kriegszeiten schwierig zu ermitteln. Vieles ist geheim, vieles, was veröffentlicht wird, dürfte geschönt sein. Angaben werden bewusst so gemacht, dass Vergleiche erschwert werden: Der Wechsel von absoluten und relativen Zahlenangaben ist eines der gängigsten Verfahren. Das sollte man im Hinterkopf haben, auch wenn man die folgenden Zeilen liest.
Ende Februar erschien auf der Webseite des linkspatriotischen russischen Portals Swobodnaja Pressa ein Text über die auf den ersten Blick paradoxe Lage des größten Herstellers von Flugzeugmotoren in Russland, der Motorenbauvereinigung Ufa (ODK-UMPO). Das Unternehmen mit insgesamt etwa 25.000 Beschäftigten stellt die Triebwerke für alle russischen Kampfflugzeuge der »Suchoj«-Familie sowie Ersatzteile dafür her. Das Werk arbeitet voll ausgelastet im Dreischichtbetrieb und schrieb doch Ende 2025 einen Verlust von 14 Milliarden Rubel. Das sind zum aktuellen Umrechnungskurs von etwa 90 zu eins rund150 Millionen Euro. 2024 hatte das Unternehmen noch mit einem Gewinn von 8,4 Milliarden Rubel (90 Millionen Euro) abgeschlossen. Was da so Verhängnisvolles passiert sei, fragte der Autor des Beitrags rhetorisch.
Nach Aussage von Managern des Betriebs – die aus naheliegenden Gründen anonym bleiben wollten, was aber den Charakter der Veröffentlichung als eine Art offenen Brief an die Führung verdeutlicht – steckt das Unternehmen in einer klassischen Kostenfalle: Die Preise für die Produkte sind langfristig vom Staat vorgegeben und auf einem Niveau von Anfang 2024 eingefroren. Der Spielraum für Verhandlungen, wenn es darum geht, »der Front zu helfen«, dürfte bei den Herstellern wohl nicht sehr groß sein. Preiserhöhungen seien nicht durchsetzbar gewesen, klagt der Informant des Beitrags. Gleichzeitig klagt die Rüstungsbranche unter der Hand über eine laxe Zahlungsmoral des die Aufträge vergebenden Verteidigungsministeriums.
Auf der anderen Seite aber seien die auf dem Markt zu zahlenden Inputkosten stark gestiegen. Das gilt insbesondere für die Löhne. Der Ukraine-Krieg hat die industrielle Reservearmee Russlands mehr oder minder aufgesogen, und die Facharbeiter, die man für eine Hightechproduktion wie die in Ufa braucht, können gute Löhne verlangen. Andere »Zulieferungen« seien ebenfalls deutlich teurer geworden. Dahinter verbirgt sich ein Aspekt, der in einer für ein innerrussisches Publikum bestimmten Veröffentlichung naheliegenderweise nicht sehr opportun zu erwähnen ist: die gesteigerten Kosten, die die westlichen Sanktionen der russischen Rüstungsbranche und generell der Industrie auferlegen.
In einer Studie, die Anfang dieses Jahres im Journal des Instituts für Geopolitik der französischen Wirtschaftshochschule ESCP erschienen ist, werden genüsslich die wichtigsten Probleme aufgezählt: Zwar sei es nicht gelungen, Russland von allen Technologieimporten abzuschneiden. Indirekte Importe über nicht sanktionierte Drittländer fänden nach wie vor statt, aber: je mehr Vermittler, desto höher die Kosten, um diese a) zu bezahlen und sie b) bei der Stange zu halten. In der Grauzone, in der solche Importe stattfänden, komme es auch regelmäßig zu Qualitätsproblemen, schreibt die Autorin der Studie.
Allerdings ist Russland offenkundig dabei, seine Abhängigkeit von elektronischen Bauteilen aus dem Ausland zu senken. Während in den ersten Jahren des Krieges die Ausschlachtung abgeschossener russischer Kampffahrzeuge und Flugzeuge noch einen hohen Anteil westlicher Technologie nachgewiesen habe, wachse inzwischen der Anteil russischer und belarussischer Bauteile. Das ist offenbar auch gelungen, weil seit dem Amtsantritt des ökonomisch vorgebildeten Verteidigungsministers Andrej Beloussow ein sogenannter Volksrüstungssektor entstanden ist. Er besteht aus Startup-Unternehmen, die Forschungs- und Entwicklungsaufgaben etwa für die Drohnenproduktion oder die elektronische Kriegführung übernehmen. Ein Modell, das sich Russland bei der Ukraine abgeschaut hat.
Der russischen Führung ist klar, welchen auch ökonomischen Belastungen sie ihre Rüstungsindustrie aussetzt: einerseits eine Auftragsvergabe, die sich an Gebrauchswertkriterien wie der Menge des Ausstoßes orientiert, andererseits sollen die Betriebe ja kapitalistisch wirtschaften. Auch die 14 Milliarden Rubel Verlust des Flugzeugmotorenwerks Ufa werden zumindest kurzfristig wohl nicht zur Schließung des Betriebs führen. Denn bereits 2019 ist die staatliche Promswjasbank zur zentralen Clearingstelle für faule Kredite von Rüstungsbetrieben geworden. Bevor sie zur Belastung für die Bilanzen der unmittelbar kreditgebenden Geschäftsbanken werden können, übernimmt sie die Promswjasbank. Die Frage, wie lange dieses Hin- und Herschieben fauler Schulden funktionieren kann, stellt sich die russische Regierung offenbar nicht, oder sie verschiebt die Lösung ebenso wie die uneinbringlichen Forderungen der Banken. Auch die Forderung der Kommunistischen Partei (KPRF), den Rüstungssektor wieder wie in sowjetischen Zeiten planwirtschaftlich zu steuern, wird an diesem Dilemma objektiv nichts ändern können.
Abzug bleibt Abzug
Überfordert Russland die eigene Volkswirtschaft durch den Ukraine-Krieg?
Nach aktuellen westlichen Angaben liegen die russischen Militärausgaben bei acht bis zehn Prozent des Sozialprodukts des Landes. Gleichzeitig machten diese Ausgaben knapp 40 Prozent des Staatshaushaltes aus. Der BND veröffentlichte Anfang Februar eine Statistik mit unter anderem diesen Zahlen, brachte dazu aber ein Schaubild, das einen gegenteiligen Eindruck erwecken konnte. Denn daraus ging hervor, dass der russische Militärhaushalt schon 2025 gegenüber seinem Höchststand 2024 um etwa 20 Prozent zurückgegangen ist. Ob dies aus Mangel an Mitteln geschehen ist oder aufgrund einer politischen Entscheidung, wurde nicht nach außen kommuniziert. Auch andere Publikationen westlicher »Russland-Experten« sind eher auf billige Effekte hin berechnet. So schrieb eine Beratungsfirma namens Xpert Digital im Januar eine Krise der russischen Rüstungswirtschaft auf Grundlage von Meldungen herbei, dass der größte Panzerhersteller des Landes, Uralwagonsawod in Nischni Tagil, mehrere tausend Beschäftigte entlassen wolle, weil das Geld nicht reiche. Da dürfte auch viel Wunsch der Vater des Gedankens sein. Denn wozu soll eine Panzerfabrik auf Teufel komm raus produzieren, wenn die Bedeutung des Panzers im Gefecht sich am Beispiel des Ukraine-Feldzugs als weit geringer erwiesen hat, als vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen zuvor angenommen worden war?
Ein Anteil von 40 Prozent am Staatshaushalt war in den Zeiten der Perestroika ein Indiz für die hoffnungslose Überrüstung der Sowjetunion. Denn man machte es sich damals einfach: Weil alle (offiziellen, aber das sei an dieser Stelle vernachlässigt) Geldflüsse in der Sowjetunion über den Staatshaushalt vermittelt waren, ließ sich das Pi mal Daumen als 40 Prozent des Sozialprodukts darstellen. Ein ähnlicher Anteil am Budget stellt sich aber nach denselben westlichen Angaben heute als knapp zehn Prozent des Sozialprodukts dar. Keine Frage, das ist viel, aber es ist eben doch deutlich weniger als zu den Zeiten, als es dem Westen gelang, die Sowjetunion totzurüsten.
Dieselbe BND-Publikation vom Februar gibt für Russland im Jahr 2025 »offene und verdeckte« Militärausgaben von etwa 165 Milliarden Euro an, dabei sind noch weitere Posten »nach NATO-Berechnungskriterien« schon mit eingerechnet. 165 Milliarden Euro sind etwa 30 Prozent dessen, was allein die europäischen NATO-Staaten 2025 in ihre Rüstung steckten (550 Milliarden). Auch wenn man die US-Militärausgaben (845 Milliarden US-Dollar) außer acht lässt, weil sich diese nicht klar als gegen China und gegen Russland gerichtete Maßnahmen aufschlüsseln lassen, ergibt sich ein gravierendes Übergewicht der westlichen Rüstung.
Es bleibt natürlich die Frage, ob Russland sich seine objektiv geringeren Militärausgaben langfristig leisten kann. Zweifel weckt ein Interview, das der russische Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew vor kurzem dem Portal Argumenty i Fakty gegeben hat. Er hatte darin zusätzliche hohe Ausgaben für die Aufrüstung der russischen Flotte gefordert. Diese müsse westlicher »Seeräuberei« auf allen Weltmeeren entgegentreten können. Marinerüstung ist besonders teuer, der Ausbau der sowjetischen Hochseeflotte in den 1960er und 1970er Jahren gilt als einer der Faktoren, die damals zur »Totrüstung« der UdSSR beigetragen haben. Wladimir Putin hat in früheren Jahren regelmäßig betont, Russland werde nicht nochmals in diese Falle tappen. In den letzten Jahren fehlten solche Erklärungen. Warum? Soll das Publikum nicht an dieses Beispiel erinnert werden? (rl)
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