Beweise für Verbrechen der Nakba
Von Helga Baumgarten
Im Februar 2026, 78 Jahre nach der Nakba, veröffentlicht Adam Raz vom Akevot-Institut in Haifa israelische Dokumente, die bestätigen, was Palästinenser seit 1948 wissen: Die israelische Armee hat damals die schlimmsten Massaker gegen sie verübt, um mittels »ethnischer Säuberung« 750.000 Menschen zu vertreiben. Palästinensische Wissenschaftler haben seit langen Jahren darüber berichtet. Da sie in Israel bis heute nicht wahrgenommen werden, ist der neue Bericht von Adam Raz in der Zeitung Haaretz vom 27. Februar für Israel, aber auch für die deutschen »Narrative« revolutionär.
Die Dokumente bezeugen die blutigen Massaker, die die vorstaatliche Haganah-Miliz sowie die israelische Armee seit der Staatsgründung 1948 verübt haben. Sie demonstrieren unwiderlegbar, was Historiker wie Benny Morris immer abgestritten haben: Die Befehle für diese Massaker, für die Morde, für die Vertreibungen liegen schriftlich vor und wurden von ganz oben erteilt, also von Premierminister David Ben-Gurion oder zum Beispiel auch von Jitzchak Rabin (damals in der Kommandoeinheit der Haganah). Sie waren nicht einfach Teil des Kriegsgeschehens, sondern setzten eine klar formulierte Politik der »ethnischen Säuberung« und Vernichtung möglichst vieler Palästinenser um, für die es aus Sicht der Zionisten keinen Platz gab in Israel.
Die Befehle, die Adam Raz in den neu zugänglich gewordenen Dokumenten gefunden hat, sind deutlich: »Die Gegend muss von Arabern gesäubert werden.« Die Methode, die angewandt werden soll: »Jeder Araber, auf den ihr stoßt, muss vernichtet (annihilated) werden.« – »Jeder Araber (im Beduinendorf Arab Al-Saba) muss getötet werden.« Für ganz Galiläa hieß es: »Tötet jeden, der sich versteckt hat.« Ein Offizier fasst zusammen: »Es gab Operationen, in denen der potentielle Feind, also Zivilisten, vernichtet wurde. Das geschah in großem Umfang in Safsaf, Dschisch, Ilabun, Lod, Ramle und im Süden. Die Absicht dabei war, die Leute zu vertreiben. Es ist unmöglich, 114.000 Menschen, die in Galiläa lebten, ohne Terror zu vertreiben.«
Bis dato liegen gesicherte Informationen über mindestens 100 Massaker vor, die zwischen 1947 und 1949 verübt wurden. Zu den schlimmsten gehören jene in Dawaima und Deir Jassin. In Dawaima wurden alle Bewohner umgebracht, aus Deir Jassin konnten wohl nur Frauen und Kinder fliehen. In Lod (dem arabischen Lidda) feuerte die Armee Geschosse auf Moscheen, in denen Massen von Flüchtlingen Zuflucht gesucht hatten. Mindestens 200 Menschen starben. Adam Raz folgert daraus, dass »die IDF (die israelische Armee) während des Unabhängigkeitskriegs Araber systematisch und mit Gewalt vertrieben hat. Die Vertreibung wurde durch Massaker, Morde und eine Vielzahl von Aktionen durchgesetzt, die alle das Ziel hatten, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und ihre Flucht zu beschleunigen.«
Bis heute versucht Israel, die Dokumente zu den Jahren 1947 bis 1949 unter Verschluss zu halten, um alles, was 1948 geschah, zu verheimlichen. »Von den 17 Millionen Dokumenten und Akten in den Staatsarchiven und in den Archiven der Armee sind bis heute 16 Millionen nicht zugänglich.« Auch der Oberste Gerichtshof »unterstützte diese Politik, als er sich 2010 gegen die Veröffentlichung der Dokumente vom Massaker in Deir Jassin wandte. Die Begründung: Israels Außenpolitik wird Schaden zugefügt.« Adam Raz verknüpft die »Kultur des Verschweigens« über die blutigen Ereignisse von 1948 mit der Haltung der israelischen Gesellschaft zum Völkermord in Gaza: »Eine Gesellschaft, die über Generationen hin Massaker, Morde und Vertreibungen, die von ihr verübt wurden, verheimlicht und verdrängt, hat kein Problem damit, die Augen zu verschließen vor ihren Verbrechen im Gazastreifen«, so der Historiker. »100.000 Palästinenser wurden seit Oktober 2023 in Gaza getötet, kein einziger Soldat wurde bis dato wegen Mordes oder Totschlags angeklagt.« Raz’ abschließende Frage: »Die Leugnung unserer Verbrechen von 1948 hat zu jahrzehntelangen Konflikten geführt. Was bringt die Verleugnung der Verbrechen in Gaza über uns?«
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«
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