Risikoprojekt Staudamm
Von Thomas Berger
Seit anderthalb Jahrzehnten steht die Arbeit am umstrittenen Großprojekt still, doch nun mehren sich die Anzeichen, dass der Myitsone-Staudamm in Myanmar entgegen früheren Versprechungen doch noch realisiert werden könnte – ein Schritt, der politische Spannungen, ökologische Risiken und alte Konflikte erneut aufbrechen lässt und die Region in eine Phase neuer Unsicherheit führt. Die Militärjunta hatte zuletzt immer deutlicher erkennen lassen, dass sie den Damm im Norden des Landes bauen will. Dabei hatte die Übergangsregierung unter dem semizivilen Präsidenten Thein Sein 2011 nach langen Protesten Abstand von den Plänen genommen. Das Vorhaben wurde jedoch nur »suspendiert«, nicht gestrichen. Die Möglichkeit der Wiederaufnahme droht der lokalen Bevölkerung also seit Jahren. Jetzt könnte es tatsächlich soweit sein – und das in einer Zeit, in der Myanmar ohnehin von Bürgerkrieg, wirtschaftlicher Krise und internationaler Isolation geprägt ist.
Gebaut werden soll der Damm rund 25 Kilometer nördlich von Myitkyina, der Hauptstadt des Kachin-Staates – dort, wo zwei größere Zuflüsse den Irrawaddy bilden. Er durchquert den westlichen Landesteil und gilt als Myanmars blaue Lebensader. Die Region ist nicht nur geologisch sensibel, sondern auch politisch hochgradig umkämpft, da dort seit Jahrzehnten bewaffnete Gruppen der Kachin-Minderheit gegen die Zentralregierung kämpfen. Ein Projekt dieser Größenordnung hätte daher zwangsläufig sicherheitspolitische Folgen.
Ursprünglich sollten etwa 90 Prozent des erzeugten Stroms nach China exportiert werden; nur ein Zehntel wäre im Land geblieben. Auch das trug neben Umweltbedenken zu den damaligen Protesten bei. Mehrere einheimische Medien erinnern daran, dass China auf solche Energieimporte inzwischen kaum noch angewiesen ist. Das Land produziert mittlerweile deutlich mehr Strom, als es verbraucht. Während 3.000 bis 3.900 Gigawatt installiert sind, liegt der Bedarf nur bei 1.400 bis 1.600 Gigawatt, wie das Nachrichtenportal The Irrawaddy vorrechnete. Zudem hat China in den vergangenen Jahren in erneuerbare Energien investiert, was den Druck, Strom aus Myanmar zu beziehen, reduziert.
Befürworter des Projekts verweisen darauf, dass sich einige Rahmenbedingungen geändert hätten. Vor allem das Argument, dass der Strom nun im Land bleiben und die Energieengpässe mindern würde, nutzt die Militärregierung in Naypyidaw, um Widerstände in der Region um Myitkyina zu brechen. General Soe Win, die Nummer zwei des Regimes, besuchte die Stadt im Dezember und äußerte sich dort zu Sicherheitsbedenken. Das Bauwerk sei robust, hieß es. Dennoch wolle man die Höhe der Staumauer gegenüber den ursprünglichen Plänen senken. Die Junta präsentiert das als Entgegenkommen, doch Kritiker sehen darin kosmetische Anpassungen, die die Risiken nicht beseitigen.
Der Myitsone-Damm ist das größte Einzelprojekt innerhalb eines Verbunds von sieben Staudämmen, die zusammen 20.000 Megawatt liefern sollten. Mit der geplanten Höhenreduzierung würde der Hauptdamm statt 6.000 nur noch 5.600 Megawatt beitragen. Die Risiken blieben jedoch bestehen. Der Bau würde rund 10.000 Menschen vertreiben und ein Gebiet von der Größe Singapurs überfluten. Sollte die Staumauer bei einem schweren Erdbeben brechen, könnte Myitkyina vollständig überflutet werden. Die Gefahr ist real: Die Sagaing-Verwerfung liegt nur 25 Kilometer entfernt. Erst am 28. März 2025 erschütterte dort ein Beben der Stärke 7,7 bis 7,9 die Region und verursachte in Mandalay Tote und schwere Schäden, erinnerte Burma News International (BNI). Geologen warnen seit Jahren, dass die tektonische Aktivität in Nordmyanmar zunimmt und Großbauten wie Staudämme dadurch besonders gefährdet sind.
Hinzu kommt, dass der Irrawaddy bereits heute deutlich weniger Wasser führt. Ein zusätzlicher Staudamm am Oberlauf würde die Lage weiter verschärfen. »Das wird einen negativen Einfluss auf das Ökosystem und Millionen Menschen stromabwärts haben«, zitierte The Irrawaddy den Umweltschützer Zung Ting.
Die Regierung hielt am 20. Februar eine dritte »Konsultationsrunde« mit Bewohnern der Region ab. Laut der regimetreuen Global New Light of Myanmar nahmen 1.480 Menschen teil. Ein Experte habe dort ausführlich zum Thema Erdbeben gesprochen.
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