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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 2 / Inland
Demokratiesimulation

Wie funktionierte dieser »Bürgerrat«?

Michael Kram ist enttäuscht, dass keine einzige Empfehlung des Rates für gute Ernährung der Bevölkerung umgesetzt wurde
Interview: Carmela Negrete
Studie Kindergesundheit.jpg
Schlechte Ernährung lernt man oft schon in der Schule … (Dresden, 25.9.2025)

Sie wurden per Losverfahren für den »Bürgerrat Ernährung« des Bundestags ausgewählt. Wie genau lief das ab?

Insgesamt wurden etwa 20.000 Menschen ausgelost, aus denen später 160 Teilnehmende ausgelost wurden. Zunächst musste man zusagen, ob man grundsätzlich Interesse hat mitzumachen. Meine Lebensgefährtin meinte, ich solle mir das doch genauer anschauen. Schließlich habe ich mir gesagt: Mach einfach mit und schau, wie es ist. Mehr als das große Thema »Ernährung« wusste man ja am Anfang nicht. Dann wurde ich tatsächlich ausgelost und Ende September 2023 ging es in Berlin los. Überreichung der Ergebnisse war am 20. Februar 2024.

In welcher Form fanden die Beratungen statt?

Am Ende sollten neun Empfehlungen entstehen – das wussten wir von Anfang an. Aber welche Schwerpunkte wir setzen würden, mussten wir selbst erarbeiten. Am ersten Tag gab es zunächst Vorträge: darüber, wie sich Menschen ernähren, über die Psychologie des Einkaufens, gesundheitliche Aspekte und vieles mehr. Danach haben wir diskutiert: Was ist uns wichtig? Für manche stand das Tierwohl im Vordergrund, andere sprachen über eine Zuckersteuer. Es war zunächst ein großes Brainstorming, um herauszufinden, worum es konkret gehen sollte.

Eine Ihrer zentralen Forderungen war ein kostenloses Mittagessen für Kinder. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Für uns ging es darum, die gesunde Ernährung von Kindern zu fördern und Mangelernährung entgegenzuwirken. Wir haben erfahren, dass es tatsächlich Familien gibt, die ihren Kindern nicht einmal ein Pausenbrot mitgeben können. Gute Ernährung ist aber entscheidend – für die körperliche und geistige Entwicklung und letztlich für den weiteren Lebensweg. Deshalb erschien uns ein kostenloses Mittagessen als wichtige Maßnahme für mehr Chancengleichheit. Es sollte verhindern, dass Kinder aus einkommensschwächeren Familien benachteiligt oder sogar stigmatisiert werden.

Außerdem haben wir es als Investition in die Zukunft gesehen. Eine gesunde Ernährung kann langfristig Krankheiten wie Adipositas oder Diabetes vorbeugen – das entlastet auch das Gesundheitssystem. Das Essen an Schulen ist zudem ein Beitrag zur Bildung. So kann man gute Ernährung positiv vermitteln. Durch das gemeinsame Essen wird auch die soziale Entwicklung gefördert.

Nach zwei Jahren wurde jedoch noch keine der Empfehlungen umgesetzt. Wie finden Sie das?

Das ist sehr enttäuschend. Beim kostenlosen Essen hieß es, das koste viel Geld. Das stimmt – aber wir haben es als Investition betrachtet. Dass nun insgesamt kaum etwas von unseren Empfehlungen aufgegriffen wurde, ist wirklich frustrierend. Ich dachte: Wenn der Bundestag schon einen »Bürgerrat« einsetzt, dann werden zumindest ein oder zwei Empfehlungen übernommen. Dass letztlich nichts passiert ist, hätte ich nicht erwartet.

Welche Maßnahmen halten Sie persönlich für besonders dringend?

Eigentlich fast alle. Mir war die Tierwohlabgabe besonders wichtig, damit Landwirte verbindliche finanzielle Unterstützung erhalten, um ihre Ställe tiergerechter umzubauen. Ein weiteres Thema war für mich die Altersgrenze für Energydrinks. Das wäre aus meiner Sicht relativ einfach umzusetzen und würde kaum Kosten verursachen. Gerade bei solchen Punkten hätte ich erwartet, dass etwas schneller passiert.

Der »Bürgerrat« sollte Menschen stärker in politische Prozesse einbinden. Wie hat das bei Ihnen funktioniert?

Vor dem »Bürgerrat« war ich politisch nicht besonders engagiert. Die Zeit im »Bürgerrat« hat mich regelrecht begeistert. Die Diskussionen, die Abstimmungen, dieses sehr demokratische Miteinander – das war gelebte Demokratie. Anfangs wurden einige unserer Themen im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft tatsächlich diskutiert. Das hat mein politisches Interesse geweckt. Doch inzwischen ist es anders. Weil kaum etwas umgesetzt wurde, bin ich in eine gewisse Politikverdrossenheit geraten. Ich höre kaum noch Nachrichten, weil mich vieles nur noch frustriert. Das ist schade – denn eigentlich sollte ein solcher Rat genau das Gegenteil bewirken. Ich finde tatsächlich, dass das Instrument »Bürgerrat« eine Chance für die Demokratie sein kann.

Michael Kram kommt aus Hessen, arbeitet im Energiesektor und war Mitglied des Bürgerrats »Ernährung im Wandel: Zwischen Privatangelegenheit und staatlichen Aufgaben«

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