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Aus: Ausgabe vom 19.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Die Sprache der Soldaten

Berlinale. Verlegenes Lachen: Marie Wilkes Bundeswehr-Doku »Szenario« sorgte beim Publikum für Irritationen
Von Kai Köhler
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Wo bleibt der Feind? Bundeswehr-Soldat übt für den Ernstfall

Diese Filmkritik hat zwei Teile; der zweite widerspricht dem ersten. Gegenstand der Dokumentation ist Schnöggersburg, ein Übungsgelände der Bundeswehr in Sachsen-Anhalt. Dort finden sich gut 500 Gebäude unterschiedlichen Typs, teils bereits als Kriegsruinen errichtet. Es gibt Plätze, breite Straßen und Gassen, von denen einige fallenartig an Mauern enden. Das Ganze dient dazu, Straßen- und Häuserkampf zu trainieren. Keller, Kanalisation und ein U-Bahn-Tunnel mit drei Stationen bedeuten weitere Herausforderungen.

Regisseurin Marie Wilke möchte zeigen, aber nicht werten. Kein Kommentar aus dem Off ordnet das Gesehene ein. Gleich eingangs fließt Blut, freilich Kunstblut: Einigen Soldaten werden Wunden aufgepinselt, und wenn dann die Sanitäter Rettung üben, stöhnen die Pseudoverletzten halbwegs überzeugend. Natürlich bereitet das nur sehr unvollkommen auf die Grauen eines echten Schlachtfelds vor, doch will man kriegstüchtig werden, lässt es sich kaum besser üben. Gleiches gilt für das taktische Vorgehen einer Gruppe bei der Gebäudesicherung. Wilke zeigt ausführlich die Nachbesprechung, in der das Gelungene wie auch die noch bestehenden Mängel benannt werden.

Insgesamt machen Einsatzszenen nur einen geringen Teil des Films aus. Meist trägt jemand vor. Ein Presseoffizier führt Journalisten über das Gelände, ein anderer Offizier erzählt Kommunalpolitikern aus der Umgebung, was nach der »Zeitenwende« angeblich notwendig ist. Einer Gruppe mäßig interessierter neuer Soldaten wird erklärt, was innere Führung und eine Armee in der Demokratie bedeuten.

Sieht man also, wie es wirklich ist? Der Verfasser erinnert sich an den Ton bei der Bundeswehr 1984/85 und argwöhnt, dass die Anwesenheit eines Kamerateams nicht unwesentlich zu der durchgehend höflichen Umgangsweise der Offiziere und Unteroffiziere beigetragen hat. Vor allem aber bedeutet schon die Auswahl des Gezeigten eine Wertung. Es gibt in »Szenario« eine einzige Szene, in der ein Kritiker etwas sagt. Als die Bundeswehr in einer nahen Kleinstadt ein Werbezelt aufgestellt hat, beschwert sich ein Passant: Kriege würden immer von den Mächtigen gewollt, und immer gingen sie auf Kosten der kleinen Leute. Vertreter der lokalen Bürgerinitiative Offene Heide wie überhaupt der Friedensbewegung kommen nicht zu Wort. Die Bundeswehr kann sich für diesen Film bedanken.

Es folgt der versprochene zweite Teil des Artikels. Während der Vorführung im vollbesetzten Kino gab es immer wieder verhaltenes Lachen. Es zeugte nicht von Heiterkeit, eher wirkte es verlegen. Zumeist erklang es an Stellen, wo Militärs militärische Angelegenheiten in einer militärischen Sprache ausdrückten. Aus naheliegenden Gründen dient diese Sprache nicht dem Gefühlsausdruck, sondern einer knappen und präzisen Informationsübermittlung. Der Verfasser mag ein wenig naiv sein – er hielt es für bekannt, wie Soldaten dienstlich übers Töten und Sterben sprechen.

Dem scheint nicht so zu sein. Nach der Vorführung stellte sich das Filmteam einer Fragerunde, und dabei wurde die Sprache der Bundeswehr zum Thema. Zumindest bei einem Teil des Publikums hatte sie Erschrecken ausgelöst. Die militärische Sprache muss schon vor einem Krieg den Kampf normalisieren; je größer der unvermeidbare Schock der Soldaten beim ersten Gefecht, desto geringer die Überlebenschance. Kein Weg zur Kriegstüchtigkeit kommt ohne das aus. Hier nun aber hatte der Versuch der Normalisierung – bei denen jedenfalls, die lachten, und denen, die sich im Gespräch äußerten – die gegenteilige Wirkung. Der Umgang mit dem Töten und dem Sterben klang unangemessen, und gerade das lenkte den Blick auf die gewaltsame Realität des Krieges.

Das zeigt – gemessen an der Propaganda – eine noch ziemlich zurückgebliebene Militarisierung des Denkens. Daran schließt sich als letzte Frage an, ob dies ein Hindernis auf dem Weg zur Kriegstüchtigkeit ist. Vielleicht läuft die Kriegsvorbereitung gegenwärtig auch deshalb so glatt, weil sich kaum jemand vorstellt, wie sie konkret funktioniert. Dafür spricht, dass der Film weniger eindeutig wirkt, als es zunächst den Anschein hat.

»Szenario«, Regie: Marie Wilke, Deutschland 2026, 91 min., Forum, 19., 22.2.

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