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Aus: Ausgabe vom 21.02.2026, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Der Traum vom wirklichen Leben

»Halt nur meine Hand fest«. Anna Seghers’ frühe Liebesbriefe an László Radványi vermitteln ein bisher wenig bekanntes Bild der angehenden Schriftstellerin
Von Sabine Lueken
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»Nun ist’s mir aber, als ob etwas endlich in mir aufgesprungen, u ich im Stande sei, Dir doch einmal zu zeigen, was alles in mir ist.« Die junge Netty Reiling

Über Anna Seghers wissen wir erstaunlich wenig Privates. Abgesehen von einem Tagebuch aus den Jahren 1924/25 (»Ich brauch doch so schrecklich Freude …«) sind kaum Selbstzeugnisse überliefert. Um so interessanter sind die nun veröffentlichten 328 Briefe (das Gesamtkonvolut umfasst 478), die die damals knapp 20jährige Netty Reiling zwischen März 1921 und August 1925 an ihren Freund ­László Radványi schrieb, einen gleichaltrigen ungarisch-jüdischen Emigranten.

Freude – dieses Wort kommt in den publizierten Briefen sechsundsiebzigmal vor: »Ich habe so einen zornigen Wunsch nach Dir u nach Freude u küsse Dich traurig ins Herz hinein.« Fünf Jahre lang dauerte es, bis die beiden heiraten und eine Familie gründen konnten. In dieser Zeit schrieb Netty ihm, wenn sie sich nicht sehen konnten, nahezu täglich, manchmal mehrmals am Tag, von überall, wo sie sich aufhielt: bei den Eltern in Mainz ebenso wie auf Reisen mit ihnen auf Norderney, in Marienbad, Scheveningen, Berlin und Paris.

Gefunden wurden die Briefe vom Enkel Jean Radvanyi im Nachlass seines 2021 verstorbenen Vaters Pierre (Peter) Radványi. László Radványi hatte sie sorgfältig geordnet und samt Umschlägen in Zeitungspapier eingepackt. Die Antworten sind nicht erhalten. Aus Nettys Schreiben gewinnt man jedoch das Bild eines eher schweigsamen, schwer zugänglichen Mannes.

Verträumt und zielstrebig

Über fünf Jahre hinweg können wir miterleben, wie aus Netty Reiling Anna Seghers wird, wie sie sich aus dem beengenden, jüdisch-­neuorthodoxen Elternhaus löst und sich trotz Widerständen und innerer Skrupel allmählich durchsetzt. Zugleich versucht sie, Radványi dazu zu bringen, den Erwartungen ihrer Eltern zu entsprechen und eine Arbeit aufzunehmen. Neben großer Zuneigung wächst bei ihr die Enttäuschung über seine als unzureichend empfundenen Anstrengungen, ein eigenes Einkommen zu erzielen.

Die beiden jungen Leute hatten sich 1920 an der Universität in Heidelberg, der »fortschrittlichsten und geistig anspruchsvollsten Universität Deutschlands«, kennengelernt. Netty Reiling studierte dort seit April 1920 Kunstgeschichte, Geschichte und Sinologie. Ein halbes Jahr später begann László Radványi ein Studium der Philosophie, Soziologie und Volkswirtschaft. Er war aus Budapest, wo er geboren worden war, als Anhänger der von Béla Kun geführten ungarischen Räterepublik und als Mitglied des Sonntagskreises um Georg Lukács nach der Machtübernahme der Horthy-Faschisten geflohen. Die beiden verlieben sich; Netty ist schnell überzeugt, dass eine Ehe mit ihm sie aus ihrem Gefängnis von erstickender Elternliebe und bürgerlichen Konventionen befreien kann.

Nach einem Semester ging Radványi von Heidelberg nach Wien. Mit der Trennung beginnen die Briefe. Am 10. März 1921 schreibt Netty aus Mainz – mit einer Selbstgewissheit, die auf die Stärke der seelischen Bindung vertraut: »Du wirst jetzt in Wien viel durchleben u leiden u zweifeln u in Dich aufnehmen. Halt nur meine Hand fest. Denn meine Hand, das ist keine gewöhnliche Hand … (sie) steht mit etwas Unverrückbarem in Verbindung, mit etwas ganz Unantastbarem u Du bist daran geknüpft so lange Du diese meine Hand hast.«

In den Briefen zeigt sie sich zuweilen rührend naiv und verträumt, auch einschmeichelnd, zugleich aber äußerst zielstrebig, hartnäckig und klar. In der Verbindung zu László Radványi gibt es kein Zögern. Zwar schüchtern, hat sie während des Studiums offenbar bereits erheblich an Selbstvertrauen gewonnen. »Nun ist’s mir aber, als ob etwas endlich in mir aufgesprungen, u ich im Stande sei, Dir doch einmal zu zeigen, was alles in mir ist«, schreibt sie an Radványi und unterschreibt »Dein Kind Deine kleine Seele«. Er ist ihr »Bruder, Vater, Kind, Bub u Freund u alles« – eine ganze Welt, jene Wirklichkeit, die sie in ihrem Leben bisher so vermisst. Nur eine Woche später teilt sie ihm mit, dass sie vorhat, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden: »Man hat eine Sache von mir sehr gut gefunden.« »Ich kann ganz wunderschöne Dinge aus meinem Blute machen. Und weil ich die Dinge mache, verblute ich ganz langsam. Die Frage ist nur, soll ich im Stillen verbluten oder vor der Welt.«

Bereits die allerersten Briefe sprechen die Themen an, die ihr wichtig sind: die Zusammengehörigkeit ihrer beider »schönen Seelen«, den Schmerz, den Erwartungen der Eltern nicht zu entsprechen, Fragen jüdischer Identität und Religiosität. Früh zeigt sich auch der Kinderwunsch, die Unzufriedenheit mit dem eingeschränkten Leben in der Familie und die Sehnsucht nach einem »wirklichen Leben«, das sie braucht, um ihre Ambition, Künstlerin – sprich Schriftstellerin – zu verwirklichen. Schon früh reflektiert sie ihr künstlerisches Selbstverständnis: »Ich habe über diese Fragen nachgedacht, daß der Künstler auf die Forderung sich zu der ihm umgebenden sichtb. Wirklichk. zu bekennen, durch eine künstl. Tat antwortet, die sozusagen seine Gegenforderung ausdrückt, d. h. er stellt dem Sichtbaren ein zweites Sichtbare gegenüber«. Schreiben erscheint hier bereits als Gegenentwurf zur bloßen Wirklichkeit. Sie ist sich sicher, dass Radványi sie darin unterstützen wird: »Ich bin auch fast gewiß, daß wenn ich arbeite, Dir meine Arbeit sehr gefällt. Du mußt mir aber ein bißchen zureden, dass ich mich nicht damit verkrieche.«

Von Anfang an fühlt sie sich Rodi, wie sie ihn nach einer Weile nennt – und nicht den »großen Tschibe«, wie er vorschlug – eng verbunden. »Vieles ist mir völlig unklar, aber das ist totsicher: Du bist mein einziger Vater … In Deinem Brief habe ich jedes Wort geküßt.« Sie baut darauf, dass er ihr helfen wird, »aus diesem Leben heraus« zu finden, in dem sie sonst ihre inneren »Notwendigkeiten« nicht erfüllen könne. »Ja, wir werden uns schon die Zukunft erzwingen u dann wenn mir die Menschen auch noch so weh getan haben, Du wirst alles heilen … Du bist der einzige Mensch, den ich anerkenne«, schreibt sie – und entwirft damit eine emphatische Wir-Vorstellung, in der Liebe, Schreiben und Lebensentwurf eng verbunden sind. Sein Kosename für sie, Tschibe – ungarisch für »Küken« –, bleibt ihr ein Leben lang.

Produktive Ambivalenz

Ihr Wunsch nach einem anderen Leben steht in scharfem Kontrast zu den Erwartungen ihrer Eltern. Isidor Lutz Reiling und Hedwig, geborene Fuld, aus einer bekannten jüdischen Frankfurter Familie stammend, gestatteten ihrer einzigen, wohlbehüteten Tochter zwar das Studium – was keineswegs selbstverständlich war –, wollten sie jedoch standesgemäß verheiraten und vor allem in der Rolle der bürgerlichen Ehefrau und Hausfrau sehen. Gleichzeitig sollte sie wohl das Familiengeschäft – den Kunst- und Antiquitätenhandel – übernehmen, da es sonst keine Erben gab. Seit Mitte der 1920er Jahre verschlechterte sich zudem die finanzielle Lage der Familie, so dass ein mittelloser Bräutigam für die Eltern eigentlich indiskutabel war. Geld und Äußerlichkeiten interessierten Netty hingegen wenig; Geld vom Vater zu erhalten, war ihr eher peinlich.

Die selbstverständliche Nähe zu Kunst, Geschichte und Literatur in der Familie, ebenso wie die Erfahrung jüdischer Andersheit im deutschen Bürgertum, schaffen früh ein Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Enge. Die Eltern fördern Bildung, wollen die Tochter jedoch zugleich auf eine bürgerliche Rolle festschreiben. Diese Ambivalenz – Förderung und Begrenzung, Zugehörigkeit und Fremdheit – wird für Netty produktiv. Schreiben erscheint früh als Möglichkeit, sich aus vorgezeichneten Bahnen zu lösen und Wirklichkeit nicht nur zu erleiden, sondern zu gestalten. Dass sie Schriftstellerin wird, erklärt sich auch aus der Verbindung früher intellektueller Prägung, inneren Widerstands und des existenziellen Bedürfnisses, sich schreibend eine eigene Welt zu erarbeiten.

Die Briefe zeigen auch, wie präsent die jüdische Herkunft zu dieser Zeit für Netty war und wie sie ihre Identität bewusst im Unterschied zu den Nichtjuden wahrnahm. So schreibt sie über ihre Wirtin, sie sei »von deutsch christlicher Indiskretion u Unverstand«. Auch als Künstlerin und »vielleicht als Orientalin« empfindet sie sich anders als ihr Umfeld. Bei Begegnungen mit Fremden registriert sie deren feindselige Haltung: Im Zugabteil begegnen ihr »eklige böse antisemitische Goyims«, »fremde harte Gesichter von Goims«, »Junge Christen – Deutsche« oder eine »alte arische Familie« – die meisten hinterlassen einen negativen Eindruck. Über manche äußert sie sich sarkastisch zugespitzt: »Hitlergoyims, die erst im Laufe des Essens merkten, daß sie bei Juden waren u nun ihr ganzes Leben an der unauslöschbaren Schmach leiden«. Ihre Auseinandersetzung mit jüdischen Themen spiegelt sich auch in ihrer akademischen Arbeit: Ihre Doktorarbeit behandelt »Jude und Judentum im Werke Rembrandts«.

Literatur war für Netty überlebenswichtig. Als Kind häufig krank und viel allein, wurde sie zur leidenschaftlichen Leserin. Die Bücher, die Radványi ihr – ganz dem Zeitgeist entsprechend – zu Beginn der Beziehung schenkt – Dostojewskis »Schuld und Sühne« und Kierkegaards »Die Krankheit zum Tode« –, prägen ihre Reflexionen. Sie eröffnen einen Denkraum, in dem Schuld, Verzweiflung, Entscheidung und Selbstwerdung zentrale Kategorien sind. Die Eindrücke dieser Lektüren prägen die Briefe nachhaltig und liefern Begriffe, Bilder und Maßstäbe, um das eigene Leben, die Liebe und den Anspruch des Schreibens zu deuten.

Trotz räumlicher Distanz arbeiten die beiden zusammen an ihren Texten: Sie gibt Tipps für seine Doktorarbeit, er kritisiert ihre ersten literarischen Schreibversuche. Netty bittet ihn um Rat bei ihren Figuren: »Bitte, mein Kind, erfinde sogleich folgende Namen! Ein junger sterbender König, sein Arzt (…) ein schönes Mädchen, das gedemütigt wird. Ein Kranker, der geheilt wird.« Später konkretisiert sie Charaktere, bei denen Märchenhaftes und ihre eigene Lebenswelt ineinander übergehen: »Bitte sag mir Namen für: ›Die buckliche Braut‹ sanft u gut, ›Der Bräutigam‹ brav u unbeholfen, ›Der Vater‹ liebt seine Tochter reich u angesehen (…). Doch vielleicht nicht gerade jiddische, etwas allgemeinere Namen«. Die Zitate illustrieren zugleich ihre kreative Phantasie und die präzise Arbeit am Text, aber auch die Art, wie Schreiben für sie zum Medium der Selbstreflexion und Identitätsbildung wird.

Auffällig ist rückblickend, wie früh sich in diesen Briefen jene Haltung abzeichnet, die später das Werk von Anna Seghers prägen wird: das Beharren auf innerer Notwendigkeit gegenüber äußeren Erwartungen. Der Wunsch nach einem »wirklichen Leben«, zunächst als persönliche Sehnsucht formuliert, erscheint bereits als ästhetisches und existenzielles Programm.

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»zusammensein müssen, wie man Brod brauch« – Netty Reiling und László Radványi (Berlin 1925)

Die Briefe zeigen, dass Schreiben für Netty nicht als Tätigkeit neben dem Leben gedacht ist, sondern als dessen eigentliche Form. Emotionale Übertreibungen, Pathosformeln und Selbstinszenierungen markieren weniger Naivität als den Versuch, sprachlich eine eigene Wirklichkeit zu entwerfen. Auch sie empfiehlt Rodi Bücher zur Lektüre, unter anderem Anna Dostojewskajas Erinnerungen an ihren Mann, aus dem er lernen könne, »wie ein rechter Gatte ist«. Zudem bildet für beide die Bibel einen wichtigen Bezugspunkt. »Ich lese viel in Deiner kleinen Bibel, sehr gut, daß ich sie habe.«

Ein Tier mit bösen Augen

Von Politik ist in den Briefen relativ wenig die Rede, doch wird deutlich, welchen Einschnitt der Erste Weltkrieg für die jungen Leute bedeutete und wie sehr sich die Welt 1920 verändert hatte. Netty wohnte im französisch besetzten »Brückenkopf« Mainz und studierte ab dem Wintersemester 1921 im britisch besetzten Köln, »einer Etappenstadt voll Militär«. Radványi hielt sich – mit Unterbrechungen – in Heidelberg in der Pension Rolanda auf. Das machte das Zusammenkommen kompliziert: Quartiersuche, Geldsorgen, Streiks, Ausgangs- und Postsperren, Aufenthaltsbewilligungen, Passfragen, Geldumtausch und unterschiedliche Uhrzeiten.

Hinzu kamen Inflation, Arbeitslosigkeit und Antisemitismus – Bedingungen, unter denen es für den jungen Philosophen Radványi, der 1923 bei Karl Jaspers über den Zusammenhang sozialer Bewegungen mit dem Chiliasmus promoviert hatte, besonders schwer war, eine Stelle zu finden, die er als adäquat empfand. Netty bittet ihn, nur in Deutschland nach einer Arbeit zu suchen und sich vor allem vor der Heirat von »allem Politischen einstweilen absolut fern zu halten«. »Nur um diese kurze Spanne Zeit, bitte ich Dich um dieses Opfer.«

In ihren Briefen wird deutlich, wie ambivalent sie selbst noch der »K.Sache« gegenübersteht: »In Deinem Kopf u Deinem Herzen ist ›Partei‹ ein großes Wort, aber ich versteh nichts davon u es ist mir bloß ein großes großes Tier mit bösen Augen, wovor ich Furcht habe«. Zugleich wird eine Annäherung an den Kommunismus deutlich, die zunächst noch zögernd und moralisch fragend bleibt: »Es gibt ein kommunistisches Ethos u eine Kommunistische Partei. Ich wünschte, es wäre ein u dasselbe – was ich von der deutschen Partei weiß – nicht von allen, macht mir Kummer u Bitterkeit. Gott gebe, daß ich morgen anders denke.«

Die äußeren Bedingungen verstärken die existentielle Aufladung der Briefe. Die fragmentierte Nachkriegswelt politischer, sozialer und persönlicher Verunsicherung bildet den Hintergrund einer Beziehung, die Halt verspricht, wo die Verhältnisse instabil sind. Liebe, Schreiben und geistige Arbeit erscheinen dabei nicht als Rückzug ins Private, sondern als Gegenentwurf – als Versuch, der Unsicherheit der Zeit und der allgegenwärtigen Existenzangst etwas Verbindliches entgegenzusetzen.

Teil der Briefsammlung sind auch Zeichnungen. Eine von Radványi vom 11. Juni 1921 zeigt im Zentrum einen mit einem Säbel bewaffneten Polizisten; man könnte sie als Erklärung an Netty für seine plötzliche Abreise aus Heidelberg nach Wien lesen. Möglicherweise war Radványi in Heidelberg, wo bereits 1919 ein illegaler Parteitag der KPD stattgefunden hatte, an kommunistischen Aktionen beteiligt. Gesichert ist, dass er 1924 der KPD beitrat und sich aus konspirativen Gründen Johann Schmidt nannte. Er fand eine Stelle in der sowjetischen Handelsmission und baute ab 1925 zunächst in Berlin, später reichsweit, die Marxistische Arbeiterschule (MASCH) auf. Hier fand er seine Profession als Lehrender.

In den Briefen erscheint Radványi aber zunächst als großer Prokrastinierer, in lebenspraktischen Dingen eher ungeschickt und versponnen. Schon früh ermuntert Netty ihn, sich »sehr« abzuhärten: »Lerne, mein Bruder, arbeite (…) Sei gut zu den Menschen. Ich bitte Dich, jeden, den Du auch nur zufällig begegnest, höre aufmerksam an, versuche auch seinen Kummer zu wissen (…) Fühle Dich überall ganz frei (…) Hör auf Dein Rehmütterlein u wasch Dich kalt ab, u zwar morgens u abends, von Kopf bis zu den Füßen, wirst sehen wie gut Dir das tut«: »Essen! Gerad halten! Turnen! Eigne Arbeit! Das liegt mir sehr auf dem Herzen.« Die Briefe lassen erahnen, wie schwer sich Radványi im Alltag tat und wie bedeutsam Nettys Ansporn und Nähe für ihn waren.

Zugleich fühlt sich Netty »entsetzlich allein«, traurig, verloren ohne ihn: »Mir ist zu Mute, als wenn man mit etwas Scharfem immerfort über mein Herz streichen würde.« Oft empfindet sie sich fremd unter Leuten und leidet unter deren Oberflächlichkeit und Dummheit. In den Briefen zeigt sich ein Nebeneinander von großem Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit: Sie beschreibt sich als schutzbedürftig, tritt zugleich entschlossen und selbstbewusst für ein gemeinsames Leben ein – auch gegen den Widerstand der Eltern. Die Mutter weint oft und wirft ihr vor, »Stücke von ihrem Leben ab(zu)reißen«. Netty wiederum nimmt ihr übel, dass sie nicht versteht, dass Rodi und sie »zusammensein müssen, wie man Brod brauch«.

»Ein schweres Leben, aber mit Dir«

Der nahtlose Übergang von zärtlichen, vielfach variierten, phantasievollen Intimitäten und Koseworten zu energischen Anweisungen ist frappierend: »Tschibu, daß Du Dich grad hältst, daß Du gebürstet bist, daß Du nit so mit den Händ reibst, Huh!« »Ich schwöre Dir, wenn ich Dir damit einen Ärger sparen könnte, würde ich eine grüne Perücke aufsetzen u einen Hut auf den Popo. Bitte, Affe Duschenk, nimm Dir also alles vor u komm nicht mit einem finsteren Gesicht herein.«

Hinter diesem Tonwechsel steht vor allem der Widerstand ihres Vaters gegen die Beziehung, und so bittet sie den Freund immer dringlicher, sich dem Vater gegenüber zugewandter zu verhalten. »Du sitzt stets bärisch da. Du mußt Dich überwinden u Deinen Mund öffnen.« Es ist ihr kaum erträglich, dass der Vater wegen ihr geweint hat, und ebenso schmerzt es sie, dass andere über Rodi schlecht denken und sprechen. Gleichzeitig schreibt sie ihm ganz klipp und klar, wie sehr sie es missbilligt, dass er immer noch keine »Stellung« gefunden hat (»Ich hab Dir jetzt einiges rauh schreiben müssen.«) »Dieser Grad Deiner Dispositionsunfähigkeit tut mir, schon in der Seele weh, u noch weher tut mir, daß Du diesen ganzen Komplex noch immer nicht einzusehen u vor allem nichts daraus zu folgern scheinst.« Andererseits wünscht sie, er solle nur »nach (s)einer Einsicht handeln«, nichts tun, nur um ihr eine Freude zu machen. Sie beklagt seinen »entsetzlichen Verwirklichungsmangel«: »Mein Gefühl ist, daß es Fälle gibt, wo man die Praktischheit haben muß, denn ohne sie kann man auch keine Revolution machen.« Sie ahnt es vielleicht schon: »Ich will mit Dir ja kein weiches Leben, ich will ein hartes schweres Leben, aber mit Dir.«

Je näher die Hochzeit rückt, desto unruhiger wird Netty. Im Oktober 1924 bittet sie Radványi, vor der Heirat keine »ausgesprochene K.Stelle« anzunehmen, um die Eltern, die – »um meinem Kummer ein Ende zu machen« – eine Heirat ermöglichen wollen, nicht im letzten Moment umzustimmen. Auch die in Aussicht stehende Stelle bei der sowjetischen Handelsmission betrachtet sie mit Skepsis: »Vater wird sich bestimmt in Berlin nach dieser Sache (…) erkundigen.« Sie plant, selbst Geld zu verdienen: »Alles, was ich an Gutem geschrieben habe, muß dazu dienen.« Ihre Eltern wünschen eine traditionelle jüdische Hochzeit, während Radványis Eltern offenbar säkular eingestellt sind und sich kaum kümmern: »Es ist so häßlich von Deiner Familie.« László Radványi, der seit Januar 1925 in Berlin lebt, erscheint nicht einmal zur Verlobung, obwohl Netty ihn inständig darum bittet: »Eine entsetzliche Lage, diese Feier ohne Bräutigam.«

Gleichzeitig will sie nicht, dass er sich ihr zuliebe verbiegt: »Ich liebe Dich unsäglich, wie Du bist, bei mir zeige Deine nackte Seele.« Für Berlin entwirft sie konkrete Zukunftsbilder – eine »leere 4-Zimmerwohnung mit einem Raum, wenn möglich, für ein kommendes Kind u für Gäste«. Selbst Intimstes wird mit fast nüchterner Selbstverständlichkeit pragmatisch verhandelt: Sie weist Rodi darauf hin, dass man die Hochzeit wegen ihrer Menstruation eventuell verschieben müsse, da sonst das »eigentliche Beisammensein« nicht stattfinden könne.

Der letzte abgedruckte Brief vom 3. August 1925 endet in einer Mischung aus Zärtlichkeit, Dringlichkeit und Ironie: »Lieber guter Rodi! Zottiger Burkusch! (…) Bitte, hilf der armen Tschib durch gute kluge Gattenworte. Befolg alles. Hast Du noch eine Frage? Es küßt Dich Dein Kind küßt Dich noch mal.« Kurz darauf heiraten die beiden und fahren auf Hochzeitsreise nach Holland, an ihr geliebtes Meer. Neun Monate später wird der Sohn Peter geboren, zwei Jahre darauf – kurz nach der Geburt der Tochter Ruth – erscheint Nettys erstes Buch, die Novelle »Die Fischer von St. Barbara«, unter dem Pseudonym Seghers, für das sie – nun als Anna Seghers – den Kleistpreis erhält.

In den Briefen zeigt sich: Schreiben wird für sie zum Ort, an dem Selbstzweifel und Selbstbehauptung nebeneinander bestehen können; Wirklichkeit erscheint nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas, das sie sich erst erarbeitet – in der Liebe, im Schreiben, im Widerstand gegen äußere Erwartungen. Bis zu Radványis Tod 1978 bleiben die beiden ein Paar.

Die Briefe erlauben einen seltenen Blick auf eine Autorin, deren öffentliches Bild später stark von politischen Zuschreibungen überlagert wurde – in der Bundesrepublik als kommunistische Funktionärin, in der DDR als sozialistische Schutzheilige. Sie zeigen eine junge Frau im Zustand permanenter Selbstbefragung. Gerade diese Unmittelbarkeit macht ihren Reiz aus: Gedanken entstehen im Schreiben, Widersprüche bleiben stehen, Stimmungen wechseln abrupt. Sie sind mehr als Dokumente einer Beziehung, machen sie doch einen fortlaufenden Reflexions- und Emanzipationsprozess augenfällig. Schreiben wird hier zum existenziellen Medium, in dem Wahrnehmung, Selbstbestimmung und Lebensentwurf eng miteinander verwoben sind. So zeigen die Briefe das Entstehen eines literarischen und persönlichen Selbst.

Anna Seghers: Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921–1925, hg. v. Jean Radvanyi und Christiane Zehl Romero. Berlin: Aufbau Verlag 2025, 463 S., 28 Euro

Jean Radvanyi übergab die insgesamt 478 Briefe dem Archiv der Berliner Akademie der Künste, das den Nachlass von Anna Seghers betreut.

Sabine Lueken schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. September 2025 über Martha und Harry Naujoks: »Mehr als nur Erinnerung«

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