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Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Stand der Dinge

Hegemon sucht Schlägerei

Geraune
Von Stefan Heidenreich
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Mächtige Flitzpiepen: US-Präsident Donald Trump und US-Außenminister Marco Rubio

Strategy of Denial« heißt das Buch, das mittlerweile als Schlüssel zum Verständnis der erratischen US-Außenpolitik gilt – »Strategie des Verwehrens«. Geschrieben hat es Elbridge Colby, derzeit Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik im Kriegsministerium. Die Grundzüge des Buches sind einfach erklärt. Geradezu blödsinnig einfach, aber genau deshalb dem militärischen Aktionismus vollkommen angemessen.

Die Argumentation geht ungefähr so: Wir, die Vereinigten Staaten, sind die Größten. Wir wollen die Größten bleiben. Deswegen müssen wir allen anderen, die uns einholen, einen überbratzen. Weltherrschaft oder Empire mag passé sein, aber um die Hegemonie geht es nach wie vor und zwar in zweierlei Hinsicht. »Hegemonie heißt, dass ein Staat über andere Staaten Autorität ausübt und seine Vorteile daraus zieht, ohne aber die Verantwortung oder Risiken einer direkten Kontrolle zu tragen.« Ein Schelm, wer dabei an den Westen im weiteren Sinn, also zum Beispiel an Europa, denkt. Daraus lässt sich keine Zustimmung für eine multipolare Welt ableiten. Denn bei Colby gibt es nur einen Hegemon, und jede etwaige Bestrebung anderer, regionalen Einfluss zu erlangen, muss frühzeitig unterbunden werden. »Sicherzustellen, dass China keine Hegemonie über Asien erlangt, muss das vorrangige strategische Ziel der Vereinigten Staaten sein.«

Colby gilt als sogenannter Realist. Diese politische Denkschule erklärt die Weltlage aus zwei einfachen Grundprinzipien. Jeder Staat wird als Einheit mit eigenen Interessen angenommen. Machtkämpfe innerhalb eines Landes gelten stets als Auseinandersetzungen innerhalb derselben Interessenlage. Die ökonomische Perspektive bleibt in dem Modell vollkommen ausgeblendet. Überragendes Motiv jeglichen Handelns ist ein imaginäres »Staatsinteresse«. Das führt dann folgerichtig zu einer Theorie, die die ganze Welt wie einen Pausenhof nach Schulschluss betrachtet, auf dem noch ein paar Schläger herumlungern. Die dummen Sprüche haben die Kerle sich schon zugebrüllt, weshalb sie jetzt – ganz im Sinn eines Vulgär-Clausewitz – drauf und dran sind, den anderen einen auf die Mütze zu geben.

Da die USA zum Leidwesen Colbys ihren Superman-Status verloren haben, können sie nicht länger allein alle anderen zugleich vermöbeln. Deshalb müssen sie entweder, wie es sein Kumpel Wess Mitchell vorgeschlagen hat, einen nach dem anderen rausgreifen oder besser ein paar Handlanger zusammentrommeln und entsprechend aufstacheln. Das hat den großen Vorteil, dass man nicht selbst in die Verlegenheit kommt, sich beim Prügeln eine blutige Nase zu holen.

Eine derartige Beschreibung der Weltlage mag zwar ausgesprochen dümmlich daherkommen, aber gerade das macht sie so zutreffend.

In den vergangenen Jahren ist die Handlangerrolle im Weltgeschehen den europäischen Ländern zugefallen. Unter anfeuerndem Gejohle haben sie zugesehen, wie einer ihrer Kumpels vermöbelt wurde. Aber damit nicht genug, denn der Ukraine-Krieg findet ja nur auf einem Nebenschauplatz statt. Die Musik spielt in Asien, wo sich bald die Hälfte der Weltproduktion konzentriert.

Für den Umgang mit der aufsteigenden Macht China empfiehlt Colby ein ähnliches Vorgehen wie im Westen. Er macht sich gar nicht erst die Mühe, irgendwelche Eigenheiten des Landes in Erwägung zu ziehen. Das Reich der Mitte behandelt er wie eine Kopie der Vereinigten Staaten. Auf Weltordnungskonzepte wie Tian Xia oder die Vorstellung einer ausgleichenden, für alle Beteiligten vorteilhaften Harmonie verschwendet er keinen Gedanken.

Nun soll, quasi im Vorbeigehen, erst einmal ein Freund und wichtiger Öllieferant Chinas niedergestreckt werden. Auf dem Weg zum Kriegsschauplatz hat der US-Außenminister Marco Rubio in München eine erbauliche Rede für seine europäischen Freunde geschwungen. Voll des Lobes über die weiße Herrenrasse hat er die gemeinsame Geschichte der heroischen Kolonialzeit beschworen und verkündet, dass damit noch lange nicht Schluss sei. Unter großem Beifall.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (21. Februar 2026 um 14:20 Uhr)
    »Einen nach dem anderen rausgreifen oder besser ein paar Handlanger zusammentrommeln und entsprechend aufstacheln« ist die politische Doktrin der USA seit dem Vietnamkrieg. Handlanger, die gerade zur Hand sind, werden benutzt, gleich ob Koalition der Willigen, billige Jihadisten oder eigene Schurken, es sind ja »unsere«. Auf diese Weise werden Staaten und Regionen destabilisiert, fortschrittliche/emanzipatorische Entwicklungen verhindert. Insofern sehe ich die derzeitige amerikanische Außenpolitik nicht als erratisch an, sondern als konsequente Fortsetzung der Strategie (spätestens) seit Ende des Vietnamkrieges, halt mit weniger Schminke auf der Fresse. Man muss schon gewaltige linke Illusionen haben, von einem Colby oder so ein Verständnis von Tian Xia oder überhaupt irgendwelchen inneren Verhältnissen/Bedingungen irgendeines den USA gegenüber unbotmäßigen Landes zu erwarten. Randbemerkung: In der deutschen und europäischen Politik schaut es nicht (viel) besser aus: Merz zu Belém oder Borrell, der größte Teil des Rests der Welt ist ein Dschungel.

Regio:

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