Deutschland baut ab
Von Ralf Wurzbacher
Die Pleitewelle in Deutschland reißt nicht ab. Im Januar meldeten 1.391 Personen- und Kapitalgesellschaften offiziell ihre Zahlungsunfähigkeit an. Das waren zwar weniger als im Dezember, aber vier Prozent mehr als vor einem Jahr. Und: In den vier Jahren vor Corona schlitterten im Monatsmittel »nur« 900 Unternehmen in die Pleite. Entsprechend rapportierte jüngst Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung beim Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle: »Keine Trendwende«, frühestens ab April sei »Entspannung möglich«. Für Hunderttausende kommt die zu spät. Allein 2025 wurden in der Industrie rund 124.000 Stellen abgebaut. Das entspricht einem Rückgang um 2,3 Prozent gegenüber 2024, wie die deutsche Sektion der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) am Dienstag mitteilte.
Hinter den Zahlen stehen haufenweise Menschen und Schicksale. Zum Beispiel bangen gerade 500 Beschäftigte beim Autozulieferer Ultinon Motion Germany um ihre Jobs. Das Unternehmen hatte erst im November eine LED-Lampe mit bis zu 450 Prozent höherer Leuchtkraft vorgestellt. Nun könnte im Aachener Werk für immer das Licht ausgehen. Seit 9. November versucht ein Insolvenzverwalter, die drohende Abwicklung abzuwenden. Vor zehn Monaten hatte der US-Konzern First Brands die Geschäfte übernommen, ging aber selbst wenig später in Konkurs. Die Bosse müssen sich inzwischen vor Gericht verantworten, wegen des Vorwurfs milliardenschwerer Betrügereien. In Schieflage befinden sich deshalb auch andere deutsche Tochterfirmen, darunter die Diepersdorf Plastic Manufacturing, die CoFo-Gruppe mit Presswerken in Krefeld und Dietenheim sowie der Dichtungshersteller Meteor aus Bockenem.
Im »Normalfall« erfolgt der Rauswurf, weil die Chefs schlecht wirtschaften oder wegen der globalpolitischen Endloskrise, die vor allem die Energiepreise auf Rekordniveau einfriert. Am härtesten traf es 2025 nach der EY-Analyse die Autobranche, wo allein rund 50.000 Jobs verloren gingen, wogegen die Chemie- und Pharmaindustrie mit einem Minus von rund 2.000 Stellen noch glimpflich davonkam. Bei VW, BMW und Daimler müssen die Geschassten speziell dafür büßen, dass das Management den Umstieg zur Elektromobilität verschlafen hat. Insgesamt fiel der Stellenabbau in der Industrie fast doppelt so hoch aus wie 2024, so die Studie, die auf Daten des Statistischen Bundesamts basiert und Firmen mit mindestens 50 Mitarbeitern erfasst. Was bedeutet: Der Schwund ist in Wahrheit noch größer.
Der Umsatz gab über alle Sektoren hinweg um 1,1 Prozent nach, das vierte Quartal 2025 war demnach schon das zehnte in Folge mit Rückgängen. Gegen den Trend konnte lediglich die Metallindustrie und Elektrotechnik zuletzt wieder bessere Zahlen schreiben. Im Großen ist für den EY-Managing-Partner Jan Brorhilker eine Trendwende hingegen »nicht in Sicht«. Seit 2023 seien die Erlöse um fast fünf Prozent geschrumpft, weshalb ein Beschäftigungsrückgang um 3,5 Prozent im gleichen Zeitraum »noch als moderat zu bezeichnen« sei. Inzwischen hätten viele die Hoffnung auf eine baldige Erholung aufgegeben, angesichts der schwachen Auftragslage und des enormen Wettbewerbsdrucks werde eine »Vielzahl von Unternehmen nicht an weiteren Stellenstreichungen in diesem Jahr vorbeikommen«.
Kaum rosiger fällt die Prognose der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) aus. Es gehe allenfalls in Trippelschritten nach oben, die Breite der Unternehmen kämpfe weiterhin mit hohen Standortkosten, einer schwachen Inlandsnachfrage und geopolitischen Unsicherheiten wie der US-Zollpolitik, erklärte gestern Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov bei der Vorstellung der DIHK-Konjunkturumfrage. Nur ein Viertel der befragten 26.000 Firmen bewertet demnach die Geschäftslage zu Jahresbeginn als gut, ein weiteres Viertel als schlecht. Immerhin gäben die wachsende Weltwirtschaft und erhöhte Staatsausgaben, etwa für Sicherheit und Verteidigung, einzelnen Bereichen »leichten Auftrieb«. Alles in allem erwartet der Verband für 2026 ein »schwaches Wachstum von einem Prozent, das zu einem großen Teil auf Statistik- und Kalendereffekten beruht«, bemerkte Melnikov. Ihr Mantra: »Bürokratie runter, Arbeits- und Energiekosten runter, Regeln verlässlich.« Die Bundesregierung hat bestimmt verstanden.
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